Unlerhaltmigsbsatt des Horwärls �r. 177._ Sonnabend, den 11. September. 1909 IXaiiicud verboten.) i2] Ita fjainc. Novelle von S. Juschkewitsch. Autorifierte Uebersetzung aus dem Russischen von A. L a m p e r t. Ita hatte Augenblicke, wo sie am liebsten geschrien, sich bor jemandem auf die Knie geworfen hätte, ja gestorben wäre. „Was ist denn das!" rief sie flehend,„wir find doch Menschen, auch Menschen. Womit haben wir es verdient, was für Verbrechen haben wir begangen, Gttel?" Wir, wir haben vielleicht gesündigt, aber die Kinder? Wozu so viel Leiden? Töten soll man mich, wenn ich noch einmal Mutter werde! Wenn man doch uns alles zeigen würde, was hier vorgeht, wenn man uns dumme unglückliche Mädchen doch im Voraus hierher brächte und sagte:„Seht, was eure Kinder er- wartet!" „Werden sich schon daran gewöhnen," anwortete ihr Eitel kaltblütig.„Als ich mein zweites fortgeben mußte, habe ich auch so ereifert und geschrien, vielleicht noch mehr als Sie; aber ich Hab mich auch darein gefunden. Wenn man dort in der Stadt, weit von diesem Grab, lebt, so vergißt man alles, man will leben, lieben, Kinder haben. So ists. Sie Werdens auch vergessen, wenn Sie einmal von hier fort sind. Sie lassen das Kind hier, werden Wohl die erste Nacht durchweinen, aber nachher werden neue Sorgen Sie zerstreuen. Sie kriegen doch Ihren Sohn nicht umsonst. Ich will Ihnen noch mehr sagen: das fremde Kind, das Sie stillen, werden Sie lieb gewinnen, und gegen Ihr eigenes gleichgültiger werden. Das ist ebenso sicher, als das es jetzt schneit." „Ach, ich schwöre, ich schwöre Ihnen, Eitel, daß ich es nie tue. Nie, nie. Eitel! Ich reiße mir das Herz aus der Brust, wenn es einem Kind die Treue bricht! Ich schwöre, Eitel!" Sie gingen rascher und besuchten noch mehr Häuser. Das Bild war überall ziemlich das gleiche. Ueberall offenbarte sich der strafende und rächende Gott in derselben Gestalt. Halbverfaulte Gesichter, verkrüppelte Körper, Abgezehrtheit, geringes Gewicht, Zwerghaftigkeit der Säuglinge, Weinen und Jammern der kindlichen Lippen, Hunger, Kälte Schmutz und volle Gleichgültigkeit der Umgebung— überall blieben sie sich gleich. Ita suchte und suchte, im Glauben, in der Hoff- nung auf ein Etwas, in der Empörung gegen dieses Schicksal ihres Kindes..... Gegen Abend begann Ita zu erschlaffen. Eine Rückkehr zur Vergangenhett war unmöglich. Nicht die Mißhandlungen, die sie daheim von Michel erwarteten, nicht einmal ihr und ihres Kindes Tod von seiner Hand oder vor Hunger waren es, die sie ängstigten. Nein. Aber, wenn sie nach Hause ging, mußte sie bereit sein, auf der Straße ihren Leib zu verkaufen, und zu diesem Opfer fehlte ihr noch der Mut. Alles in ihr — ihre feste, trotzige Seele, ihr schamhafter und auch trotziger Körper bäumten sich dagegen auf. Im Herzen glühte noch ein Funken Hoffnung, mit guter Bezahlung, mit freundlichen Worten, mit flehentlichen Bitten dem Kinde jenen kleinsten Tropfen der Sicherheit zu erkaufen, mit dem Ita sich endlich zufrieden geben wollte. Das Opfer war schließlich gebracht. Für acht Rubel ließ sie ihr Kind bei einer Frau und sprach lange, lange auf sie ein, erklärte ihr. bat und flehte und küßte -ihr beinahe die Hände, sie möge ihren Jungen gut behandeln. Dann kam der noch längere Abschied vom Kind. Sie weinte Äber ihm, als wenn es schon tot wäre. In Gedanken bat sie es inbrünstig um Verzeihung und schwor, sich ganz Wahn- sinnig gebärdend, es nicht zu verlassen, und küßte es und schluchzte, ganz außer sich, als endlich die Zeit zum Aufbruch kam. Zwanzigmal ging sie fort, kam wieder, weinte, schwor -und küßte es. Dabei sah sie entsetzlich elend und Mitleid- erregend aus mit ihrem roten und tränengeschwollenen Ge- sicht und der gebeugten Gestalt. Es war schon sehr spät, als sie endlich das Kind verließ, eine unglückliche, zehnfach heiße Liebe und grenzenlose Verzweiflung im Herzen. Als sie bei ihrer Herrschaft erschien, wurde sie wegen der späten Rückkehr getadelt. Dann bekam sie ein warmes Bad und trat ihr Amt an. Was Eitel vorausgesagt, trat pünktlich ein: die ersten! Sorgen, um sich gut und bequem dem neuen Leben anzu, passen, das von dem unerfahrenen Neuling eine völlige Hin« gäbe erforderte, nahmen Ita ganz für sich in Anspruch. Sie wußte nicht, wie sie sich in ihrer neuen Rolle zu verhalten hatte, und so verschwendete sie eine Menge Kraft und Energie* ja nicht in den Verdacht der Nachlässigkeit oder der Lieblosig« keit gegen das von ihr gestillte Kind zu kommen. Sie wap bemüht, überall mit Hand anzulegen, um nicht als Faulenzer!� getadelt zu werden und zitterte in der ersten Zeit vor ihrer Herrschaft genau so wie ehedem vor ihrem Michel, wenn er seinen bösen Tag hatte. Von früh bis spät war sie auf dem Plan, half während der freien Zeit dem Zimmermädchen und der Köchin, wusch die Kinderwindeln oder nähte mit der Mutter Kleidchen fürs Kind. Sie gönnte sich keinen freien Augenblick, denn sie dachte, es müsse so fein. Aber in der ersten Zeit, wenn sie so hin und her lies und arbeitete, war stets ein scharfer, ein quälender Gedanke in ihr, der sich an ihr Hirn festgesogen hatte und sie keinen Augenblick verließ* obwohl sie weder Zeit noch Lust hatte, ihn richtig durchzu» denken. Etwas peinigte und schmerzte sie— aber Ita gab nicht nach und verschob die Rechenschaftslegung vor sich selbst von einem Tage zum anderen. Zufällig erfuhr sie, daß Etel auch in demselben Haus diente, in der ersten Etage, bei einem Rechtskonsulenten. Aber in das neue Leben versunken, ging sie nicht einmal hin und sagte sich: später einmal, wenn alles in Ordnung kommt. Die eigentliche Arbeit, ermüdend und aufregend, begann aber des Nachts, wenn sie mit dem Kind allein blieb. Obwohl Ita durch die Pflege des eigenen Kindes gewöhnt war zu wachen, sich die besten Stunden des Schlafes zu entziehen, zu singen, auf und ab zu gehen und das Kind zu wiegen, während die müden Muskeln diesen Anforderungen durchaus nicht gehorchen wollten, so mengte sich doch jenes Scharfe, Quälende, das sie nie verließ, überall hinein und gönnte ihr keine Minute der Vergessenheit auch in der Arbeit. Jeden Schritt tat sie wie auf scharfgeschliffenen Messern; denn sie fühlte: er war für das fremde Kind bestimmt; jeden Ton ihrer Lippen, jedes Lächeln, jeder aufrichtige Kuß, jede leise Liebkosung schienen ihr Verrat am eigenen Kinde zu sein, das in diesem Augenblick sicher irgendwo litt. Das eigentlich Peinigende war aber nicht ein klares Bewußtsein, daß sie all ihre Kraft, all ihre Zärtlichkeit und Liebe einem Fremden hin- gebe, sondern in dem unbestimmten, verhaßten Etwas, das im Tiefsten der Seele so dumpf und ziehend schmerzte wie ein kranker Zahn— nicht stark, aber unablässig und hartnäckig. Und hieraus entsprang auch ihr neues Verhalten gegen Michel, das schon am ersten Tage ihres Dienstes seinen An- fang genommen hatte. Schon zweimal war er zu ihr ge- kommen, aber sie konnte es nicht übers Herz bringen, ihn zu sehen, obwohl sie nur zu gut wußte, daß sie dadurch seinen Zorn errege und ihn bis Aeußersten reizen könne. Aber sie konnte nicht anders, trotzdem sie ihn kannte und fürchtete. Das Gefühl des starken, aber unbestimmten Hasses loderte leidenschaftlich auf und richtete sich entrüstet gegen ihn, wenn er kam und sie durch Vermittelung eines Ladenburschen von seinem Erscheinen benachrichttgte. Die rührenden Worte, die im Munde des Boten ihren eigentlichen Sinn offenbarten, vermochten sie nicht zu be- trügen und enthüllten ihr nur die Habsucht Michels. Sie wußte, daß es nicht die Liebe zu ihr, nicht die Liebe zu dem Kind war, die ihn herführte, sondern die Gier nach ihren sauer erarbeiteten Groschen, die in seinen Augen nur dazu bestimmt waren, in die Spelunken der Stadt zu wandern und für jene niedrigen Belustigungen ausgegeben zu werden, die den ganzen Inhalt seines Lebens bildeten. Auch als Michel zum zweiten Male kam, wollte sie ihn nicht sehen, ob- wohl Michel sagen ließ, er würde ohne alle Umstände ins Haus dringen und sie grün und blau schlagen.... Die zweite Woche ihres Dienstes neigte sich bereits dem Ende zu. Der seelische Schmerz, der ihr das Bewußtsein ver- ursachte, daß sie Kraft, Gesundheit und Liebe an ein fremdes Kind verschwende, verstummte nach und nach unter dem Ein- fluß des Werktages, der unablässige Aufmerksamkeit erheischte* Jene sonderbaren und erhebenden Gefühle, als sie, von: der höchsten Liebe und dem höchsten Erbarmen besiegt, zum
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26 (11.9.1909) 177
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