Nnterhaltungsvlatt des Horwärts Nr. 180. Donnerstag, den 16. September. 1909 Ita k)aine. 'lNachdrucr herbsten.) ist Novelle von S. I u s ch k e w i t s ch. Autorisierte Uebcrsetzung aus dem Russischen von A. Lampert. „Ich weiß nicht, warum es zerstochen ist," antwortete Esther und zuckte die Achseln.„In meinem Zimmer ist es sauber, wie in einem fürstlichen Schloß. Das ist stadtbekannt. Ich weiß selber nicht, woher die Flecken kommen. War Ihr Mann nie krank?" „Nein, nie. Legen Sie bitte das Kind auf den Tisch und strecken Sie es aus, ich will sehen, welches größer ist. Sie sind doch beide in einem Alter." Esther zuckte wieder die Achseln, es war so ihre Gewohn- heit. Trotz aller Warnungen der. Köchin verglich Ita die beiden Kinder, und als es sich herausstellte, daß ihr Junge doch größer war, war sie mit ihm versöhnt: alle Einzelheiten, Magerkeit, Flecken, Unreinlichkeit waren wie durch Zauber verschwunden, es blieb nur die teure Aehnlichkeit, nach Kr sie sich so gesehnt hatte. Sie lebte von neuem auf, reichte ihren Pflegling der Köchin und sagte zu Esther gewendet: „Ob er es wohl noch nimmt?" Sie setzte sich und, vor Erregung zitternd, machte sie das Kleid auf. Esther reichte ihr das Kind. Ita zuckte freudig zusammen, selig schloß sie die Augen, reichte ihm die Brust und drückte es fest an sich, damit es den Kopf nicht abwende. „Sehen Sie," flüsterte sie leise, dumm lächelnd vor lauter Wonne,„er hat mich erkannt, mein Liebling, er kennt noch seine Mutter, Trink, mein Täubchen, trink bei Deiner Mama." Die beiden anderen unterhielten sich gemessen und teilten einander alles mit, was die eine an der anderen interessieren konnte; Ita aber mischte sich nicht in ihr Gespräch, sie achtete nicht auf ihre Umgebung und gab sich ihrem kurzen Glück hin. Sie sah auf das Kind hinab, weidete sich an jeder der ihr gut bekannten Bewegungen und zog absichtlich die Brust ein klein wenig zurück, damit es schmatze und es den Anschein habe, als ob es sie küsse— so stark war ihr innerster Wunsch, einen Ausdruck seiner Gefühle zu sehen, einen Ausdruck da- für. daß es sich gerade bei ihr. bei seiner Mutter wohl fühle und nicht bei jenem gleichgültigen Weib, das ihm fremd war und kein Mitleid mit ihm hatte. Das Kind sog gierig, seinen Blick auf Ita gerichtet und den Bewegungen ihres Kopfes folgend, den sie bald rechts, bald links neigte, um das Kind besser betrachten zu können. Die Zeit verrann langsam. Ita, deren Augen vor Anstrengung zu tränen begannen, war es, als ob von ihrer Milch das Kind wieder dicke Bäckchen be- käme, wieder so warm, glatt und sauber werde wie zu jener Zeit, als es noch bei allen Bewunderung hervorrief. Sie legte es an die andere Brust: sie vergaß alle Sorgen und Kümmernisse und verfolgte mit freudigem Gefühl und an- gehaltenem Atem, wie sich allmählich ein grauer Schleier über feine Augen breitete, wie sich nach und nach seine Lider schlössen und sich mechanisch noch einmal auftaten, um ihr einen Abschiedsblick zu senden. Als es ganz eingeschlafen war, -packte sie es sorgfältig wieder ein und nahm das herrschaftliche Kind. Die beiden anderen unterhielten sich immer noch und konnten sich vom Vergnügen, einander immer mehr Zteuig- leiten mitzuteilen, gar nicht trennen. Ita begab sich in ihr Zimmer und holte das bereitliegende Paket hervor. Bemüht, -ihrem Gesicht einen gleichgültigen Ausdruck zu geben, kehrte sie an der„Gnädigen" vorbei in die Küche zurück. Als Ita mit dem Paket in der Hand eintrat, stand Esther sofort auf, machte ein besorgtes Gesicht und schickte sich zum Gehen an. Ita versuchte sie zurückzuhalten, aber sie sagte, zu Hause er- warteten sie Mann und Kinder, denen sie das Mittagessen kochen müßte. � Während sie dies vorbrachte, zog sie das Kind an, indem sie es fest in ein Tuch wickelte und sah Ita aus- -drucksvoll an. Als diese ihr ein beruhigendes Zeichen machte, beendete sie in einer besonders munteren und gewandten Weise ihre Vorbereitungen und war nun ganz zum Gehen bereit. Ita küßte nochmal fest das Kind, ehe es unter Esthers Tuch verschwand, gab ihren Pflegling der Köchin und bat sie. sie zu rufen, im Fall die„Gnädige" käme. Dann begleitete sie Escher hinaus. Unten im Torweg gab sie ihr das Paket, das allerlei enthielt, auch ein Kleidchen für das Kind und bat sie lange und zärtlich, sie möge ihr Kind gut pflegen. „Esther, ich habe," sagte sie bebend,„nur eine Freude im Leben. Und wenn sie für Euch auch klein ist, für mich ist sie groß. Und diese meine Freude ist in Euren Händen. Ihr seid jetzt mein Alles, meine Freundin und Retterin...- Ich flehe Sie an, forgen Sie gut für mein Kind. Seien Sie seine Mutter, wenn ich dessen nicht würdig bin. Denken Sie, daß es Ihnen gehört, ich werde Ihnen nach Kräften helfen, es zu lieben." „Sie sind ein Kind," beruhigte sie Esther�„das ist ja mein Verdienst. Es liegt ja in meinem Interesse, daß es dem Kind gut geht." „Es ist wohl so, liebe Esther, aber bei mir," sagte siö schüchtern,„war es so dick, so sauber. Ich verstehe," setzte sie rasch hinzu,„daß es Ihnen schwerer fällt, es so zu pflegen, aber ich bitte Sie doch, ich bitte nur, Esther.... Sie haben doch auch Kinder und haben ein Mutterherz. Warten Sie, ich habe noch fünf Kopeken, nehmen Sie sie. Es ist natürlich extra, Esther." „Natürlich," gab Esther bereitwillig zu,„es ist schwer, daß es dem Jungen bei mir so geht wie bei Ihnen. Ein Blick der Mutter ich mehr wert als meine ganze Arbeit. Aber ich versichere Ihnen, daß ich alles tue, was ich kann." „Ja, ja, mehr'verlange ich auch nicht. Wann kommen Sie wieder?" „In vierzehn Tagen, wenn das Wetter gut ist, Sicher wird es gut sein." Wieder begann Ita das Kind zu küssen: aber das War- nungszeichen ertönte und sie mußte sich beeilen. Sie unter- brach ihre Küsse und lief davon mit dem Ruf: „Nicht wahr, Esther, nicht wahr, ich bitte Siel.-.* Als sie in die Küche zurückgekehrt war, nahm sie ihren Pflegling und ging mit ihm in ihr Zimmer zurück. Jetzt war ihr das Herz noch viel schwerer als früher, da sie ihr Kind noch nicht gesehen hatte. In den ersten Stunden nach seinem Gehen sehnte sie sich heiß danach, mit ihrem Jungen, der ein Stück ihres Herzens mitgenommen hatte, in ihrer alten Woh- nung zu sein. Sogar Michel erschien ihr nicht mehr so grau- sam und selbst seine Forderung, auf die Straße zu gehen, schreckte sie nicht mehr so stark— so groß war die Sehnsucht. Lange schmerzte und sengte es in ihrer Seele, immer düsterer wurden die Gedanken und immer unerträglicher kam ihr an diesem Tage ihre Rolle vor, Mutter eines fremden Kindes zu sein, das gebieterisch nach feinem Rechte verlangte: nach Nahrung, Pflege und Liebe. An Michel dachte sie nicht mehr und tat nichts, um sein Verlangen zu erfüllen. Der Kopf stand ihr nicht danach. Und erst sein Erscheinen, der furcht- bare Krach, den er niachte und die Schläge, die sie bekam, zogen sie aus der Tiefe der Muttergefühle wieder empor und stürzten sie in den Strudel der Sorgen, der schweren Angst und gewohnten Pein. Wieder sauste die Peitsche auf ihren Rücken nieder und trieb sie voran auf diesem langen ziel- und zwecklosen Wege, den man das Leben nennt. » Alles kam bei Ita ins gewöhnliche Gleis des Ammen- lebens. Neue Interessen, denen man nicht entgehen konnte, nahmen sie ganz in Beschlag. Wenn man sah, wie aufmerk- sam sie das Kind badete, damit es nicht Wasser schluckte, wie eilig sie es hatte, seinen Hunger zu stillen, wie sie es zärtlich an sich drückte, wenn es ihr, in der es seine Mutter sah, die Aermchen entgegenstreckte, schien es kaum glaubhaft, daß es dieselbe Ita war. die vor kaum acht Wochen ihrem Kinde Treue geschworen hatte. Sie wußte selber nicht, wie es ge- schehen war. Immer mit ihrem Pflegling bei Tag und bei Nacht, immer unter der aufmerksamen Bewachung seiner Mutter, die von ihr stetige Liebesäußerungen verlangte, immer unter dem Zauber seiner ungekünstelten und rühren- den Anhänglichkeit lernte sie unwillkürlich die Angst und die Liebe einer wirklichen Mutter. Jetzt dachte sie seltener an ihren Jungen, ohne darüber Gewissensbisse zu empfinden, und es gab Tage, wo sie ihn ganz vergaß. Wenn Esther ihn brachte, ein kränkelndes, schmutziges, mit Ausschlag bedecktes Wesen, verglich sie ihn unwillkürlich mit dem Kind an ihrer
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26 (16.9.1909) 180
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