Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 182.

17]

Ita Haine.

Sonnabend, den 18. September.

( Nachbruck verboten.)

Novelle von S. Juschkewitsch.

1909

behalten habe? Und gerade in diesem Augenblick muß ich auf einmal daran denken, daß mich zu Hause mein Verlobter erwartet und in die Ferne sieht und horcht, ob ich doch nicht tomme. Dann möchte ich am liebsten weinen, und wieder

Sebt schwieg sta, und Manja erzählte. Aber je weiter suche ich nach seiner Träne, dränge mich zu ihm, verwende ihre Erzählung vorschritt, desto finsterer wurde ihr Gesicht, fein Auge von seinem Gesicht. Vielleicht daß er's versteht? desto weinerlicher ihr Ausdruck. Sie wurde plötzlich unschöner und deutlich war jetzt das Unnatürliche ihres Aeußeren und das Elend eines aus seinem Lebensgleise geworfenen Men­schen zu sehen. Mit tiefem Mitleid lauschte Ita ihrer Rede und verglich in Gedanken ihr Unglück mit dem eigenen.

Wie schrecklich sich das Leben doch gestaltet," dachte sie, das Schicksal kennt kein Ende der Pein."

Aber nichts versteht er, und wieder gehe ich, wie ein Vogel an der Kette, bis an die nächste Ecke und wieder zurück, und er steht hinter der Ecke und paßt auf mich auf. So gehen meine Tage hin; manchmal hab' ich Gewissensbisse, manchmat auch nicht, und das Kind in meinem Leib wächst und wächst. Ach, Ita, ein gemeiner Hund bin id, töten müßte man mich!"

Schweigend gingen sie jezt nebeneinander, eine ganze " Wissen Sie noch, wie ich war," sagte Manja. Mir Weile sprachen sie nicht mehr. Ein verdächtiger leiser Wind schien, als ob feine Macht der Welt mich brechen fönnte, so strich durch die Straße, wie vor einem Regen. Eine große fräftig fam ich mir vor. Aber, Ita, ich war unerfahren wie blaue Wolfe, an den Rändern hell und durchsichtig beleuchtet, ein Kind und ahnte nicht einmal, daß es auf der Welt solche 30g ihnen rasch entgegen und vereinigte sich mit anderen, schon Menschen gibt wie Jaschka. Ach, die erste Woche meines ganz dunklen Wolfen. Die Sonne verschwand. Die Luft Glückes! Wissen Sie, als ich von Ihnen fort war? Wie ward grau. Schatten und Erde verschmolzen zu einem füß wat sie! Als ob das Schicksal in jenen Tagen alle unterschiedslosen Ganzen.

Freuden, die mir im Leben beschieden sind, aufgehäuft und ,,, wie ich Sie bedauere," rang es sich endlich aus Ita mich damit überschüttet hätten, um meine Kräfte für die los," Sie haben sich durch Ihre Leiden das Recht aufs Bukunft zu verzehnfachen. Hat Sie Ihr Michel auch so be- Himmelreich erkauft. Eine schlimmere Hölle kann man sich hert? Sicher, denn ich erinnere mich, wie demütig Sie sich ia gar nicht denken." Ihrem Joch beugten. Haben Sie sich von ihm freigemacht? Und bringen es auch nie fertig, Sie Gute. Ich glaube jetzt allem, was Sie mir damals erzählten."

Ich weiß es, Manja," schaltete Ita ein, ich sehe mein Schicksal deutlich vor mir. Manchmal, Manja, habe ich gar teine Hoffnung mehr. Ich habe mich fast ganz ergeben."

Der Tag verfinsterte sich immer mehr. Die Wasser­tümpel waren schon erloschen, ganze Schleier breiteten sich darüber aus, und nur schwach spiegelten sie noch die blaß­rofigen Strahlen wieder. Wieder strich der Wind durch die Straße. Schon fielen die ersten großen Tropfen. Die Passan­ten beschleunigten ihre Schritte.

"

"

" Ich auch, Ita, ich auch. Und alle die ich kenne, haben ,, Es will regnen," sagte Ita unruhig. Vielleicht komme sich ergeben. Es ist unmöglich, sich freizumachen. Ita, als ich zu Ihnen. Aber ich bitte Sie, Manja, ich flehe Sie an, ich schwanger war hat er mich ia auf die Straße geschickt. nehmen Sie alle Ihre Kraft zusammen und kämpfen Sie. Auf den Knien bin ich vor ihm herumgerutscht. Seine Hände, Ich habe nicht gefämpft und sehen Sie, was aus mir ge­die mich schlugen, habe ich gefüßt; aber es hat nichts geholfen, worden ist. Ach, ich sehe es Ihnen schon an, ich bitte ver Sta, nichts geholfen weil gegenüber diesen Leuten nichts gebens. Leben Sie wohl, das Kind kann sich erfälten. Wir helfen kann. Denken Sie nicht daß er mich nicht lieb hatte, werden uns noch sehen." und ich selbst wäre für ihn gern in den Tod gegangen. Aber ich bin doch hingegangen. Du lieber Gott, was hätte ich denn anderes tun follen?"

Sie rief die letzten Worte ganz laut, schrie beinahe und bergaß, daß fie auf der Straße sei. Die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden wurde wieder auf sie gelenft.

Manja gab ihr rasch ihre Adresse, und Ita stieg in die Elektrische. Dort gab sie dem Kinde die Brust. Doch Manja stand ihr immer noch vor den Augen. Der Frühlingsregen peitschte die Scheiben der Elektrischen, fiel in großen, schweren Tropfen, hörte aber manchmal auf, als ob er sich die Frage stellte: wozu denn eigentlich? Breite, blendende Blize durch­zuckten den Horizont. Leute stiegen eilig aus und ein. Das trübe Regenwasser strömte wild in den Rinnen der Straße, als ob es aufgepeitscht würde, möglichst rasch in den Kanälen zu verschwinden.

Ita blickte sie mitleidsvoll an. Die mächtige Sonne, der alles Lebende sein Leben verdankt, sendete ihr Licht herab, die ganze Stadt wimmelte von geschäftigen Menschen die liebevoll und brüderlich miteinander leben sollten, und doch waren die Leidensschwestern unglücklich, und Sonne und Als Ita zu Hause angelangt war, regnete es fast nicht Menschen blickten gleichgültig auf sie herab. mehr. Im Torweg wurde sie von Etel aufgehalten.

Ich war schon einigemal da, um Sie zu treffen," sagte Gitel war bei mir und hat mir eine traurige Neuigkeit erzählt. Ihr Kind ist heute gestorben."

"

Gitels Kind ist tot? Schon? Unmöglich!" Kalter Schweiß trat auf ihre Stirn. Das ist das Früh jahr, dachte sie. Eine unruhige Angst bemächtigte sich ihrer, eine schwere Borahnung trat in ihre Seele. Mit einem wahren Haß atmete sie die laue, von dem Duft frischen Grüns getränkte Luft ein und lehnte sich vor Erregung an die Wand.

Die Schatten verkürzten sich, wechselten sich ab. Freudige Stimmen priesen hoch in den Lüften die Rückkehr des Lenges. fie. Die Nächte," erzählte Manja weiter, habe ich ihm anfangs noch abgerungen, aber später nahm er sie mir auch fort und da kam ein Leben, sage ich Ihnen, daß ich gar nicht mehr fähig war zu denken. Sie glauben's vielleicht nicht, aber ich habe getrunken, wie die lezte Dirne, habe trinken müssen. Aber nicht daß ich fiel, quälte mich, sondern daß ich ihn nicht zufriedenstellen konnte. Durch's Nadelöhr bin ich ja fast gekrochen, meine Gute, um nur von ihm gelobt zu werden, und das Lob, Ita, ist die Schwester des Mitleids, aber diese Bald kommt die Reihe an meines, zudte es in ihr auf. Menschen lassen sich durch nichts rühren. Brauchte ich denn Ja," antwortete Etel ,,, heute früh ist es gestorben. In seine Liebe? Nur ein bißchen Mitleid, ein bißchen Mitgefühl fo was wie drei Stunden war es weg. Was mit ihm war, wollte ich haben, um nicht ganz umzufallen. Sieh, Jaschka, weiß ich nicht. Gitel sagt, es sei der Krupp. Heute will ich ich arbeite, wie eine Sflavin, wie ein Zugochse, aber hab' doch mal zu meinem Kind. Ich glaub' nicht, daß es sich noch ein bißchen Mitleid mit mir, belohne mich mit einem guten lange hält." Wort, einer Liebfosung, mit einer Träne, die Du meinetwegen vergossen."

Solche Worte waren es, die ta noch gefehlt hatten. Manja hatte ihr ihre eigene Seele, das, was in ihr vorging, was ihr tagelang feine Ruhe ließ, klargemacht. Auch ihre Seele suchte nach Mitleid, sehnte sich nach einer Träne, nach einem menschlichen Gefühl.

,, Können Sie es sich vorstellen, Ita, daß ich, wenn der Besuch" gegangen ist, vor Jaschka alle meine Taschen heraus­fehre, damit er sich überzeugen soll, daß ich nichts für mich

Sie wischte sich die Augen und, ebenfalls geängstigt, setzte fie finster hinzu:

" Ich kann meinem Mann nicht eintrichtern, daß ich keine Rinder mehr haben will. Noch einen kleinen Märtyrer hat Gott haben wollen. Aber es ist das lezte Mal, Ita. Zum Krüppel, frank werde ich mich machen, um nicht an meinen eigenen Kindern zur Mörderin zu werden. Ich tue es, auch wenn ich mich von ihm scheiden laffen müßte.

"

Sta ging schweigend in den Hof. Doch plötzlich drehte sie sich um, blickte Etel ins Gesicht und fragte sie ernst;