Unterhaltungsblatt des Honvärts
Nr. 204.
Mittwoch, den 2fr Oktober.
1909
tAachdruck baSoten.)
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„Soldaten fein fcbönl" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Bon Karl Fischer.
Volter ging langsamen Schrittes, das Gewehr auf der Schulter, an der Mauer und dem Hause entlang, denselben Weg, den alle Posten benutzten, wie er an dem Wegstreifen bemerkte, der durch das regelmäßige Begehen von dem anderen Teile des Platzes etwas heller abstach. Mit seinen monotonen Patrauipeschritten war er gerade vor der Fenster- nische ohne Gitter, die rechts vom Haustor angebracht war, angelangt, als er' aus dem geöffneten Fenster Männer- stimmen vernahm. Wie er flüchtig durchs Fenster blickte, sah er an einigen Tischen, auf denen Bierflaschen und Gläser standen, mehrere Unteroffiziere sitzen, die ihm lachend lange Nasen machten. Schnell wandte er sich ab. Gleich darauf kam er an ein niedriges Häuschen, das an das Gefängnis- gebäude angebaut war, mit einigen kleinen runden Löchern über Manneshöhe. Was mag das wohl sein? fragte er sich. Sinnend ging er weiter. Wie er wieder am Schildwachhäuschen vorbei kam. streifte er mit seinen Blicken die schräg über dem Hof befindlichen bohen vergitterten Fenster. Zum ersten Male sah er einen Gefangenen, der hinter dem Gitter finster auf ihn herab- blickte. Die armen Kerle, dachte Volter. Plötzlich hörte er am Haustore Schlüsselgerassel. In den Hof trat ein Sergeant, das Seitengewehr umgeschnallt, der von außen das eiserne Tor wieder verschloß. Er winkte Volter zu, der gleich eilig zu ihm hinkam. Mit seinem großen Schlüsselbund schritt der Sergeant, ohne ein Wort zu sagen, auf das niedrige Haus zu. Mit einem riesigen Schlüssel öffnete er die kleine Tür. Schweigend folgte ihm Volter, nahm sein Gewehr von der Schulter und trat hinter dem Sergeanten in den niedrigen, dunklen Flur. Dort schloß dieser wieder eine Tür auf. In einer finsteren Zelle sah Volter undeutlich einen Gefangenen, der beim An- blick des Sergeanten militärisch stramme Haltung annahm. Eine Hüne von Gestalt, der um zwei Köpfe den Sergeanten Überragte. „Brot genug?" herrschte ihn der Unteroffizier an. „Jawohl, Herr Sergeant!" „Raus!" „Schnell nahm der Gefangene seinen Unratkübel und ging an den beiden vorbei auf den Hof hinaus, wohin sie ihm folgten. Hier stellte er sich wieder stramm, den Kübel in der «rechten Hand. „Marsch!" kommandierte der Sergeant. Im Paradeschritt ging der Gefangene quer über den Hof zur Latrine. Volter sah, ihnen folgend, mit mitleidigen Blicken dem Gefangenen nach. Der arme Kerl hat im Gefängnis noch besonderen Arrest. Was muß der ausgefressen haben, dachte Volter. „Zurück, marsch-nmrsch!" schrie der Sergeant dem Ge- fangenen nach. Sofort kehrte dieser um und rannte mit dem kleinen Kübel in der Hand zu der Stelle, wo er angetreten war. Der Kübel mußte ganz gefüllt sein, da der Inhalt unter deM Holzdeckel durch die Erschütterung beim Exerzieren sich über den Rand auf seine Hand ergoß. Volters Herz krampfte sich bei diesem Anblick zusammen. Und was für einen Blick ihm der Arme im Vorübergehen zuwarf. Sein ganzes Leid glaubte Volter in seinen Augen zu lesen. S)as unreine, ausgeprägt knochige Gesicht zuckte mit keiner Muskel, als er sich an dem kleinen Arresthaus um- drehte und auf den Befehl des Sergeanten wartete.
„Marsch!" Mit höher gehobenen Beinen beim Marsch wie vorhin, exerzierte er der Latrine zu. Dort angekommen, stand er wieder still. „Wegtreten!" kommandierte barsch der Sergeant. Schnell verschwand er in dem hölzernen Häuschen, kam noch einigen Augenblicken mit leerem Geschirr wieder und» stellte sich stramm, auf den Befehl des Sergeanten wartend« In derselben Weise ging es zurück zum Arresthäuschen, Bald patrouillierte Volter wieder einsam im Hofe herum, Welch merkwürdige Situationen doch das Dasein be- reitet! Alle Gefangenen haben in der Front als Gemeine gestanden. Ich. den das Schicksal leicht einst auf längere Zeit in dieses Gefängnis verschlagen kann, muß hier mit scharfen Patronen stehen. Unwillkürlich wurde Volter sein Gewehr auf der Schulter lästig. Am liebsten hätte er es mitsamt den Patronen aus den Boden geworfen. Doppelt eng und drückend kam ihm jetzt die ganze Soldatenkleidung vor. Der rote Kragen schnürte ihm fast die Kehle zu. Dicke Schweißtropfen standen ihm plötzlich auf der Stirn, die einzeln bei jedem Schritt übers Gesicht auf die Patronentaschen tropften. Mit vorn- über geneigtem Kopfe tappte er Schritt vor Schritt in Ge- danken weiter. Ein unbestimmtes Angstgefühl, das ihm die Brust zusammenpreßte, ließ ihn nicht ausblicken. Schrill tönte das Läuten der Gefängnisglocke über das Festungsgemäuer, daß Volter erschreckt zusammenfuhr. Die dumpfe, schwüle Mittagsstille wurde durch Schlüsselgerassel, Geräusch der Tritte sämtlicher Gefangenen auf den Korri- doren, das wie ein entferntes Rollen und Donnern klang, jäh unterbrochen. Durch das Haustor kamen die Gefangenen in den Hof. In blauen, verwaschenen Leinenanzügen mit einfarbigen dunkeln Mützen, teils mit, teils ohne Kokarden, stellten sie sich in Reih und Glied quer über den Hof auf, um zum Arbeitsdienst eingeteilt zu werden. Voltcr war nicht wenig überrascht vor der Disziplin, mit der die Befehle des vor der Front stehenden Gefängnis- feldwebels ausgeführt wurden. Das plötzliche Leben auf dem Hof nahm feine volle Aufmerksamkeit in Anspruch, Einen Gefangenen nach dem andern blickte er neugierig am Warum ist der oder dieser wohl hier?, dachte er dabei. Etwa der ohne Kokarde, dem man den dummen Bauernburschen von weitem ansieht? Und dort, am linken Flügel, was waren das für alte Kerle mit Vollbärten und ausgewetterteu Ge- sichtern! Mindestens in den vierziger Jahren mußten sie stehen. Kalt lief es Volter über den Rücken, wie er sich aus- malte, daß man eventuell als älterer Familienvater noch nicht sicher fei vor dergleichen Zwangsaufenthaltsorten, Wieder kam ein bedrückendes Angstgefühl aus seinem Innersten herauf, das ihn erbeben ließ. Wie schön muß es doch sein, vom ganzen Militärleben überhaupt nichts zn wissen! Im Geiste sah er sich fern davon bei feiner Braut. Wie wohltuend wirkte auf ihn das Bewußtsein, seine Liebste bald sehen zu können! Wie schön sollten die Stunden werden, wenn er müde und abgehetzt vom Dienste sich in ihrem einfachen Zimmerchen erholen würde. Was für Augen sie wohl machen wird, wenn sie ihn in Soldatenkleidung sieht! Sie wird ihn kaum wiedererkennen. Wie wunderbar, auf Viertelstunden fern von der Kaserne von aufgezwungener „kameradschaftlicher" Gesellschaft—, allein mit dem einzigen Wesen, das ihm als das Teuerste aus Erden gilt! Bis ins kleinste malte sich Volter das Leben aus. das er führen würde. Wenn sie nur erst da wäre! Dann wird auch Weiner oft unser stilles Glück teilen. Der arme Kerl wird sich freuen. bei lins aufatmen zu können. Wie schnell wird dann die Dienstzeit vergehen! Dann soll ein Leben der Arbeit und Dankbarkeit beginnen. Alle aufopfernde Güte und Liebe soll ihr hundert- und tausendfach vergolten werden, Herrgott! Wäre doch die Zeit schon da! Noch hundertvicrzig Tage und ein volles Jahr! Was werde ich in dieser Zeit noch alles erleben müssen! Völlig mit seinen Gedanken beschäftigt hatte Volter gar nicht bemerkt, wie die Gefangenen»nb die Unteroffiziere im