Herbsttage, dem Kalender nach, kam sein Testament. Zwei Blicker hat Liliencron als sein Vermächinis hinterlasten, daran nun sein ganzes Volk erben soll. Das V o l k I Ach wessen Dichters wonnigster Traum war eS nicht: ihm ganz zu gebären? Das hatte Liliencron wohl immer geträumt. Aber die Erfüllung? Sie haben ihn, als er die Sechzig erklon, men, zu hätscheln an- fiefangen, wie man ein artiges Kind hätschelt und Hosianna I ge- ungen. Hosianna, Liliencron ! Um durch dies Lärn, getose das Schamgefühl ihrer Indolenz zu ersticken und nun den Glauben zu erwecken, als wären sie es gewesen, die den Dichter zuerst erkannt hätten. Ganz richtig: Die Bourgeoisie bat den Lyriker als den ihrigen proklamiert, wie sie gewahr wurde, dost sie ihn von seiner schwächsten Seite für ihren byzantinischen Hurrapatriotismus gebrauchen könne. Das war es auch, was Liliencron am tiefsten schmerzte und schmerzen muhte. Freilich so rücksichtslos er den verknöcherten Anschauungen seiner feudalen Kaste ins Gesicht schlug er bleibt, wenn nicht Geist von ihrem Geiste, so doch durch daS Gefühl einesgehobenen' Standes mit ihr verbunden, mochte er auch dagegen ankämpken, wieviel er wollte. Gleichwohl ist er in seiner Art doch ein ehrlicher Streiter gewesen; denn er gab sich, wie er war. mit allen Tugenden und Mängeln inner- halb der seinem Talent gesteckten Grenzen. Forscher und ungenierter ist kein anderer auf de», deunche» Parnah umgesprungen wie Liliencron ; und wenn er dabei dem Philistertum gehörig die Zipfelmütze ausklopfte, so tat er das immer unter soldatischen Vor- stellungen. Hierin liegt seine Einseitigkeit. MitAdjiitaiiienritten" hatte er begonnen; als Soldat hat er sich von seinen Verehren, ver- abschiedet. Die militärische Note klingt denn auch in:Gute Nacht", dem Buche seiner hinterlassen'en Gedichte an(Scbnster u. Loeffler, Berlin ). Sein letzter Wunsch ist: auf dem Schlachtfelde zu fallen, nachdem Deutschland gesiegt hat undeinig" ist. Politischen Scharf- blick bar Liliencron ja nie besessen. Ihm genügt, wie allen optimistischen Schwärmern, die augenscheinliche Talsache. Dag sich hinter ihr vielblauer Dunst" verbirgt, wie Heinrich Reder zu sagen pflegte, kümmerte ihn nicht. Wenn sich»un alle.OrdmingSparteien" zu einer Tellersammlung für des Dichters Witwe entschlossen haben, so scheint übersehen zu werden, das; ihnen Liliencron gerade in seinem hier letztwillig veröffentlichten BiSmarck-CanluS gründlich den Text gelesen hat. Auch mancves der anderen patriotischen Gedichte steht auf schwachen Fühcn. Ucberdies wenn von einer Reibe aus LiliencronS prächtigerBalladenchronik" bereits bekannter lyrisch-epischer Stücke abgesehen wird verbleibt herzlich wenig neues, das dem Dichterbildnis frischere Farben hinzuzufügen hätte. Jndeffcn tritt uns doch wieder diese hcrbfröhlichderbe Nanir, der nichtsMenschlicheS-Allzumenschliches" fremd geblieben, sehr nahe. In den Sizilianen wie in den Sonetten und mauch anderem steckt so viel Schönes und Rührendes zugleich, daß wir dem Dichter freudig bewegt beide Hände schütteln möchten, wenn er noch am Leben wäre am Leben, das er trotz aller Kümmernisse und Schmerzen, die es ihm gebracht, so unsagbar geliebt hat. Sein »Abschied" klingt wie ein Vermächtnis: Ins halb schon tote Herz, ins alte, grüßen Noch einmal Vogelsang und Soinmerranken. Wie blau der Himmels welch ein lustig Schwanken Der grünen Blätter, die sich neckend küsien. Und nun das herbe Abschiednehnwnmüssen. Vorbei, wie zögen, d, gleiten in Gedanken Die wenigen Stunden, die ins Herz mir sanken, Mit reinen Seligkeiten und Genüssen. Gönnt mir den letzten Trunk aus diesen Schalen, Eh' ich hinab muß in die grauen Gründe; O gönnt ihn mir als letzte meiner Qualen! Lebt wohl I Klagt eurem Gott all meine Sünde I Ihr kennt die Schmerzen nicht, die in mein Leben Sich gruben, sonst ihr würdet mir vergeben. Auch der novellistische Band:Letzte Ernte'(im selben Verlag) wird umrankt von je einem Soldatenstück, und damit hat der Leser sofort daSErleben" und Erlebnis vor Augen, auf das dieS Buch gleichfalls gestimmt ist. Liliencron war zu sehr Dichter, um imobjektiven Verfahren" irgend einProblem" aufzustellen und ihm menschliche Figuren unterzuordnen, die nun nach Willen und Laune ihres Gestalters die Rollen von Siegern oder Beftegien spielen müffen. Sondern Menschen, die er gekannt, Schicksale. die ihnen begegneten und ihm im Gedächtnis haften geblieben, werden da plötzlich lebendig: vermöge einer dichterischen Bildkraft, die jeden Sonnenblitz und Regentropfenfall, jedes Vogel- gezwitscher und Hundegebell, jedes Rädergeknarre und jeden schlurfenden Menschentritt sichtbar und hörbar hervorzaubert. Die frische Ur- sprünglichkeit. mit der das alles gegeben wird, deutet in jedem Federzug auf LiliencronS impressionistisches Schaffen hin. Er bleibt auch darin Poet, wenn er neben die bitterste Tragik von Tod und Sterben den Lockruf des lachenden lustigen Lebens stellt. Mit blutendem Herzen, eine salzige Träne im Auge, reißt er sich los von allem, was schmerzlich war und uns mit. Ueber Knick und Dorngestrüpp geht'S hinweg; man bat Mühe, den im Sonnenglanz flirrenden Faden der Handlung festzuhalten. Aber wenn die Geschichte am Ende ist, weiß man, daß man mit einem echten Dichter Arm in Arm gegangen. So siiid's denn wieder prächtige Stücke, voran die unheimliche Marichengeschichte:Der Blanke Hans", daS Harpagon-Motiv i Ehepaar Ouint", die hier es sind alles zusammengenommen nur sieben dargeboten werden. Denn in jeder Novelle steckt ein Stück Erleben. e,n Selbstbekenntnis LiliencronS: und dieewigen Qualen, die Demütigungen" jeneS armen, von Gläubigern gehetzten Pumpleutnants in derSchuldengeschichte":Der gelbe Kasten" offenbart sie uns nicht das Erdenweh, an dem auch Liliencron zeit- lebenS bis nah ans Grab getragen? E. K. Hygienisches. .DaS keimfreie Schwimmbad. Die Erneuerung des WasierS in Schivimmbädern kann sehr häufig nicht so reichlich er- folgen, daß ein den Forderungen der Hygiene entsprechender Znstand gewährleistet wird. Schon nach vierundzwanzig Stunden erscheint das Wasier oft dunkel gefärbt und namentlich in den tieferen Schichten stark verunreinigt. Am Boden setzt sich ein schleimiger Say ab, und der Aufenthalt im Wasser wird den Badenden bald gründlich verleidet. Ein gutes Mittel zur Bekämpfung dieser Miß- stände ist, wie ein imLancet" mitgeteilter Bericht des Mitgliedes einer Sanitätsbehörde ansführt, die sogenannteelekirolynsche Flüssigkeil", d. h. eine Lösung von unterchlorsaurer Magnesia, die aus Chlorniagnesiun, durch eine eigenartige elektrolytische Behandlung gewonnen wird. Ein Liter davon genügt, um in t0(X) Litern eines durch LS Stunden nicht gereinigten BadewafferS alle organischen Stoffe zu zerstören. Bei der Vewendung der drei- fachen Menge waren diese bei den angestellten Versuchen schon nach zwei Stunden vollständig verschwunden, wobei ein sehr er- heblicher Ueberschuß von Hypochlorit zurückblieb. Für die Badenden bringt der Zuiatz des Desinfektionsmittels nicht die geringsten unangenebinen Begleiterscheinungen mit sich, da es sich weder für den Geruch noch für den Ge- ichmack irgendwie bemerklich macht. Die dunkle Farbe des Wassers verschwindet vollständig. Die chemische Analyse ergab vollständige Abwesenheit aller organischen Stoffe, und nach viertägiger Einwirkung zeigte sich das Wasser bei der bakterio- logi'chen Untersuchung vollkommen keimfrei. Die Kosten für das chemische Mittel sind sehr gering und kommen gegenüber den Auf- Wendungen, die für eine oftmalige Erneuerung des Bade­wassers erforderlich sind, kaum in Betracht. An kleineren und weniger wohlhabenden Orten, wo sich die Gefahr der Verunreinigung öffentlicher Badeanstalten noch dadurch steigert, daß es meist an häuslichen Badeeinrichtungen gebricht, muß das neue DesinfeklionSverfahren auf das nachdrücklichste empfohlen werden. Es bierer auch einen girren Schutz gegen die Uebertragung ansteckender Krankheiten, deren Erreger in unbewußter oder leicht- fertiger Weise von Badenden dem Waffer öffentlicher Schwimm- anstallen mitgeteilt werden. Allerdings wäre vielleicht hier und da nötig, davor zu warnen, daß im Vertrauen auf die reinigende Kraft des Magnesiumsalzes die Erneuerung des Waffers etlva in ungebühr- sicher Weise versäumt werden dürfte. Eine künstliche Reinigung ist selbstverständlich stets nur ein Notbehelf, wenn auch unter Umständen ein sehr wertvoller. Pßyfikalisches. DaS eisenlose Schiff auf der Seereise. DaS eigentümliche Fahrzeug, das auf Kasten deS Earnegie-Jnflituts für die Zwecke der magnetischen Durchforschung der Moeresräume er» baut und nach Carnegie selbst benannt worden ist, hat jetzt seine erste Ozeanfahrt hinter sich. Am 2. Oktober verließ es den Hafen von St. John in Neufundland und traf am 14. Oktober in Fal» mouth an der Südküstc von Cornwall in England ein. Während dieser Fahrt sind an jedem Tag mit einer Ausnahme magnetische Beobachtungen ausgeführt worden. In Falmouth wird derCar- negie" bis Ende des Monats bleiben, um magnetische Beobachtungen im Hafen und an der umgebenden Küste auszuführen. Tann wird er nach Madeira hinuntergehen und weiterhin über die Bermuda - Inseln nach New Dork zurückkehren, wo sein Eintreffen uni den 1. März 1310 erwartet wird. Das Schiff steht unter dem Befehl von Kapitän PcterS, der schon den Vorläufer desCarnegie", daS Forschungsschiff Galilee", kommandierte und mit ihm rund 63 000 Seemeilen zwecks magnetischer Forschungen im Stillen Ozean auf Kreuzfahrten zurückgelegt hat. Auch dieser Kreuzer war bereits mit äußerster Sorgfalt aller magnetischen Eigenschaften entkleidet worden. Beim Bau desCarnegie" aber wurden noch mehr Auf- Wendungen zur Erreichung dieses Zweckes gemacht. Die größte Schwierigkeit bereitete die Beschaffung einer nicht magnetischen LRaschine, die das Schiff haben mutzte, um nicht gar zu sehr vom Winde abhängig zu sein und bei Windstille nicht viel Zeit zu ver- lieren. Am billigsten würde eine Gasolinmaschine getvescn sein; man entschied sich aber für einen Gasmotor, da er sich im Betrieb erheblich billiger zu stellen versprach. Diese Maschine, die in der Monatsschrift für Erdmagnetismus und atmosphärische Elektri» zität" eine besondere Beschreibung erfahren hat, ist hauptsächlich aus Manganbronze hergestellt und mit vier Zylindern ausgestattet. Einige der Ventile sind die einzigen Teile, die aus Stahl oder Nickel verfertigt worden find. Kerantw. Redakteur: Emil Unger, Grunewald . Druck u. Verlag: Vorwärt« Buch» ruckerei u.Veri«g«anst<rtt Paul Singer SrEo..Berlru 8 W.