Unterhaltungsblatt des Wstwärts Nr. 212. Sonnabend den 30 Oktober. 1909 (Nachtrui! verboten.) 22]Soldaten fein febön 1" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Bon Karl Fischer. Tos Herz tat Volter weh. wenn er bei der Visite die ratlosen Gesichter der Aerzte und seinen Freund, kaum wieder- zuerkennen, im Bett liegen sah. Wollen wir doch einmal den Chefarzt zu Rate ziehenl" flüsterte Stabsarzt Renner seinem Assistenten zu.Er wird doch jetzt da sein?" Gewiß, Herr Stabsarzt. Soll ich nach ihm schicken?" Sergeant Jacoby, gehen Sie sofort zum Chefarzt ins Bureau und sagen Sie ihm, ich ließe Herrn Oberstabsarz? bitten, sich auf einen Augenblick herzubemühen." Zu Befehl, Herr Stabsarzt!" antwortete Sergeant Jacoby mit gedämpfter Stimme und begab sich eiligst hinaus. Na, nun sagen Sie uns doch einmal recht ausführlich, Weiner, wie es mit Ihnen steht. Wie Sie sich fühlen. Wo haben Sie Schmerzen?" Gequält, mit müder Stimme, der man die Resignation anhörte, antwortete er:Ich fühle nichts wie Mattigkeit und Schwäche. Jede Bewegung wird mir schwer." Na, es wird schon besser werden. Nur nicht gleich den Mut verloren!" Weiner verzog seine Lippen zu einem bitteren Lächeln. Er dachte in diesem Augenblick an die erste Untersuchung. Lange unterhielt sich flüsternd der Stabsarzt mit dem erschienenen Chefarzt, den er beiseite genommen hatte. Be- deutungsvoll warf ab und zu Oberstabsarzt Frenzel einen prüfenden Blick auf Weiner. Interessiert trat er näher. Na, mein Freund, lvas machen wir denn da für Dumm- heften? Wills denn nicht besser werden? Zeigen Sie doch mal Ihre Zunge. So und wie ist der Stuhlgang?" Sehr schwer." Wollen wir doch einmal" fing er laut den Satz an, und flüsterte ihn fortsetzend dem Stabsarzt zu. Zu Befehl, Herr Oberstabsarzt!" Weiter ist dann nichts zu machen. Ja. Ich Habs eilig! Will nun weiter sehen." An der Tür machte ihm der Stabsarzt eine tiefe mili- tärische Verbeugung. Ja also hier wird Krankenwache eingerichtet! Sergeant Jacoby, ordnen Sie das Weitere an. Dann wird der Kranke täglich dreimal gemessen. Der Stuhl wird auf- bewahrt ebenso der Auswurf." Haben Sie sonst noch auf etwas Appetit, Weiner? Wollen Sie gern Sekt trinken? Ja? Schreiben Sie auf, Sergeant, täglich eine halbe Flasche Sekt. So nun wollen wir weiter gehen." . Du, Volterl Wo willst Du denn hin?" rief ihn Borne- mann auf der Lazarettreppe nach. Auf Station," antwortete Volter. Zum Weiner?" Ja!" Komm mal Herl Sag mal, Du warst doch schon be? Polowsky auf Wache?" Bei dem Geisteskranken?" Ja. Was hältst Du von dem? Glaubst Du, daß er wirklich verrückt ist?" Ich weiß nicht. Jedenfalls muß er doch krank sein, sonst wäre er doch nicht hier!" Mensch ich glaube der ist so gesund wie wir." Woraus schließt Du das?" Ich merke das aus seinem Benehmen. Zu mir scheint er gutes Vertrauen zu haben. Ich habe mich ganz gut mit ihm unterhalten können. Wie denn der Arzt Visite machte, war er wie umgewandelt und markierte den Verrückten. Dann hat er auch Priem von mir genommen." Laß Dich nur nicht dabei erwischen, wenn Du ihm Kautabak gibst." I wo! Weißt Du, wenn der auch nicht krank ist, tut er mir doch leid. Der muß schon viel durchgemacht haben." Das glaube ich auch. Wie er im Festungsgefängnis war, habe ich ihn einmal gesehen, als ich dort auf Posten stand." Sags aber niemand weiter. Volter, was ich Dir an- vertraute. Du weißt doch, wie die andern alles gleich weiterquatschen." Da kannst Du ganz ohne Sorge sein. Mir tut der arme Kerl auch leid. Morgen komme ich wieder zu ihm auf Wache, da werde ich mal versuchen, mehr von ihm zu erfahren." Aber Mensch, weshalb setzt Du Dich denn den ganzen Sonntag ins Lazarett? Geh doch ein bißchen mit in die Stadt. Mußt Du denn immer bei Weiner sitzen? Dich sieht ruan kaum lachen! Das Hilst ihm auch nicht." Laß mir das, Bornemann. Mir ist das Pflicht. Du weißt, er ist mein Freund." Er wirds nicht mehr lange bleiben. Weißt Du, was ihm fehlt?" Ja. Ich habe nachgesehen, was die Nummer bedeutet, die der Arzt als Diagnose hat an die Tafel schreiben lassen. Miliartuberkulose soll es sein." Na, und da ist er verloren. Das ist Unterleibsschwind- sucht, da gibt es kein Mittel dagegen." Wer weiß, ob ihm das auch wirklich fehlt! Ich hoffe noch immer, er wird wieder gesund. Es wäre doch zu schrecklich! Denk doch, Bornemann, der arme Mensch hat nichts wie Pech gehabt in seinem Leben kam zum Militär und soll nun hier sterben! Wie hatte er sich schon auf seine Freiheit gefreut." Ja, was hilft das alles? Tage ,en Hsit--" Ich weiß, Bcrnemann. Ich will wenigstens versuchen, ihm die Stunden, die er noch zu leben hat, ein wenig leicht zu machen. Du wunderst Dich darüber? Laß Dir sagen, daß rnir kein Mensch so wert war, außer meiner Braut, als Weiner. Er steht mir sehr nahe nun kann ich ihn nicht allein, hilflos liegen lassen." Ist das Deine Braut, die immer Sonntags ins Lazarett kommt?" Ja. Aber rede nicht davon. Es ist nicht nötig, daß alle davon wissen." Keine Silbe! Aber ich dachte ich wäre gern ein- mal init Dir ausgegangen." Später vielleicht! Aber jetzt laß mich gehen. Amüsiere Dich nur gut." Auf Wiedersehen!" "«" Leicht schlummernd lag Meiner auf seinem Lager, als Volter das Zimmer betrat. Sonapp tvar auf Krankenwache kommandiert Sonapp," flüsterte Volter,ich vertrete Dich hier. Du kannst ausgehen." Ja, geht denn das?" Wenn revidiert wird, werde ich so tun, als ob ich dazu kommandiert wäre. Heute abend vor neun Uhr löst Du mich dann wieder ab." Macht Dir denn das Wachen so viel Vergnügen?" fragte Sonapp belustigt. Frag nicht erst lange und geh!" Mensch, ich bin ja froh, wenn ich diese ekelhafte Wache nicht zu kloppen brauche. Keinen größeren Gefallen konntest Du mir tun! Also, es ist gut. ich bin pünktlich vor neun Uhr wieder da." Herzlich zufrieden, unerwartet noch einen freien Sonntag zu haben, machte sich Sonapp aus dein Staube. In den acht Wochen, die Weiner nun schon krank im Lazarett zugebracht hatte, war er fast bis zum Skelett ab» gemagert. Schweigend betrachtete Volter das hohle, blasse Gesicht seines Freundes. Ein eisiges Frösteln schüttelte ihn, wenn er der Zeit gedachte, wo Weiner gesund, mit froher Zu- verficht von der Zukunft sprach. Wie hatte er sich darauf gefreut! Und nun lag er todgeweiht im Lazarett. Wie verwüstet waren seine Züge! Die Lippen halb geöffnet, trocken, schorfig. Die Augen lagen tief in den Höhlen. Ganz