NnterHattungsblatt des Vorwärts

Nr. 220.

Donnerstag den 11 November.

1909

(Nachdruck vrrvoles.)

SOZ

Soldaten fem fchön!" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Bon Karl Fischer.

Bornemann hat mir, wie ich schon sagte, viel von Dir erzählt. Bon Deinem Freund, Deiner Braut, von Deiner ganzen Art und Weise. In den langen Jahren auf Festung habe ich mir etwas wie Menschenkenntnis angeeignet. Wie ich Dich nun sah und von Dir hörte. merkte ich gleich das Gemeinsame, das wir beide haben. Du urteilst sicher über das Militärwesen und dies ganze Dasein genau so wie ich. Denk ja nicht, ich sei ein gänzlich verkommenes Subjekt. Ich habe urteilen gelernt. Was für verschiedene Existenzen habe ich während meines Jammerdaseins kennen gelernt. Ich habe dabei die Augen offen gehabt. Und Du glaubst gar nicht, wie so eine Haft die Sinne schärft. Meine Mitgefangenen waren auch nicht alle dumme Bauern. Im Gegenteil, viele Schlaue und In telligente waren dabei, aber auch viele Schlechte. Da Hab ich manches gelernt. Man hatte ja geistig weiter nichts zu tun, als sich gegenseitig zu studieren." Dabei siehst Du nicht ein, daß das eine große Dummheit ist, was Du begehen willst?" Das ist etwas anderes! Ich begreife, daß Rache eines vernünftigen Menschen unwürdig ist. Aber ich kann doch nicht anders. Diese schadenfroh lachenden Gesichter will ich einmal sehen, entsetzt, angstvoll, zitternd vor mir, den sie gequält, geschunden, ärger wie ein Tier einmal muß ich sie so sehen, oder es nagt und wurmt in mir unaufhörlich früher finde ich keine Ruhe!" Ich sehe, es ist vergebens. Dich von diesen Gedanken abzubringen. Mach das mit Dir selbst ab." Werde ich auch!" 'Es ist bloß unsäglich traurig, daß man Menschen so weit treiben kann. Wo man hinblickt beim Militär, nichts als Lüge. Verstellung, verhaßter, verfluchter Zwang! Ach! Alles Böse wird hier förmlich gezüchtet gemeinster Miß­brauch der Autorität! Man muß ganz sittlich fest sein, um ohne Schaden durchkommen zu können." Ja, ja, Du hast recht. Schon der Anfang. Zwang, er- zeugt Widerwillen. Man muß lügen, sich verstellen: so kommt man hübsch langsam ganz herunter!" Schweigend saßen sich beide eine Weile gegenüber, bis Volter aufschreckte und nach seiner Uhr sah. Jetzt wird gleich die Ablösung kommen," rief er, Was? Schon so spät?" Zehn Minuten vor Neun. Was ich für Dich tun kann, wird geschehen!" versicherte Volter, während er sich zur Ab- lösung vorbereitete. Ich danke Dir," rief Polowsky und reichte Volter die Hand, die dieser ergriff. Sei nur vorsichtig und laß die anderen nichts merken!" Da habe keine Sorge. Außer mit Dir und Bornemann rede ich mit keinem!" Am ersten Feiertag war Volter auf Krankenwache bei Polowsky, und am zweiten durfte er mit den Schülern der äußeren Station das Lazarett nicht Verlasien. Eine große Operation war in Aussicht. Am Vormittag war nach dem Spezialisten telegraphiert worden, weil der Zustand des blinddarmkranken Gefangenen sich von Stunde zu Stunde verschlimmert hatte. Um vier Uhr nachmittags sollte der Operateur kommen, den Kranken zu untersuchen und. wenn nötig, gleich zu operieren. Die ganze Station war in Aufregung. Bis zur Ankunft des Arztes wurde alles zur eventuellen großen Operation vorbereitet, Verbandsmittel hergerichtet. Instrumente abge- kocht, steril gemacht. Sergeant Bogdahn kommandierte die Sanitätsschüler im Operationssaal herum. Mit einemmal wollte alles nicht klappen, und der Hauptschuldige war Borne- mann. Dieser bewahrte bei den verschiedenen liebenswürdigen Titulaturen seine gewohnte humorvolle Ruhe, die den Ter- geanten nur noch wilder machte.

Auf dem Korridor schrie dieser ihm zu:Holen Sie mir sofort meine Mütze aus dem Burschenzimmer, die ich dort liegen gelassen habe." Zu Befehl, Herr Sergeant." Bornemann wußte genau, daß die Mütze in dem Burschenzimmer des linken Flügels des Lazaretts sich befand. Um aber den Sergeanten zu ärgern, drehte er sich langsam um, nach dem rechten Flügel zu, ins verkehrte Burschenzimmer zu gehen. Wo wollen Sie denn hin?" rief ihn der Sergeant zurück. Ins Burschenzimmer, die Mütze holen." Sie haben doch vorhin gesehen, daß ich von dieser Seite kam. Da können Sie sich doch denken, daß ich dort die Mütze vergessen habe." Das habe ich nicht gesehen!" Nun gehen Siel Aber ein bißchen dalli!" Bornemann I Kommen Sie mal her!" rief ihn Ser- geant Bogdahn wieder zurück.Sie bewegen sich gerade wie in einem Zigarrenladen. Hier gibts keine Zigarren zu sor- tieren! Machen Sie. marsch marsch! Sonst werde ich das mit Ihnen mal im Hofe unten üben, Sie Schwein Sie!" Jawohl, Herr Sergeant," antwortete Bornemann, in einem Ton, als wenn ihm diese Aussicht ein ganz besonderes Vergnügen bereitet hätte. Sergeant Bogdahn mußte ihn nun schon gehen lassen, wie er ging. Sonst hätte es ihm doch zu lange gedauert, bis er seine Mütze endlich bekam. Voltcr machte den sterilen Mann bei der Operation, der die Instrumente dem Arzt reichen und wieder abnehmen mußte, um sie dann in Karbollösung vom Blut zu säubern. Dabei stand er mit seinem kleinen Jnstrumententisch dem Operateur am nächsten und konnte so auch der Operation am besten folgen und alles deutlich sehen. Der Spezialist, ein Stabsarzt eines größeren Lazaretts, war ein noch ziemlich junger Mann mit festen, gleichmäßigen Gesichtszügen und militärisch kurzgeschnittenem Haupthaar. Fast alle Aerzte des Lazaretts waren bei dieser Operation anwesend, aber nur die der äußeren Station waren aktiv dabei beteiligt. Umständlich und behutsam waren die Vorbereitungen beim Kranken. Der vorsichtig auf'den Operationstisch ge- bettete kranke Militärgefangene kannte die Gefährlichkeit der Operation. Mit zusammengezogenen Brauen und besorgt blickenden Augen sah er den Anstalten zu. Stabsarzt Brauer wusch die Stelle auf des Kranken Leib, wo der Einschnitt getan werden sollte. Mit größter Sorgfalt wurden dann mit dem Rasiermesser dort die Haare entfernt und zum Schluß wurde die Stelle mit Sublimat- lösung desinfiziert. Assistenzarzt Klinge übernahm die Narkose Die kurze Zeit bis zum völligen Schlaf des Kranken be- nutzte der Spezialist, seine Unterarme und Hände nochmals gründlich zu reinigen und zu desinfizieren. Lautlose Stille herrschte im Saale, als die Jnzision be- gann. Aller Augen waren auf des Spezialisten rechte Hand gerichtet, die in ruhiger Sicherheit mit dem kleinen Messcrchen die Oberbaut an der Blinddarmgegend mit einem sieben Zenti- meter langen Schnitt durchtrennte. Eine Hautschicht nach der anderen wurde mit kleinen Ritzen langsam durchschnitten. Weit klaffte der Schnitt auf, als die letzte Hautschicht bloß- gelegt war. Fortwährend mußte die Wunde mit Mulltupfer ausgetrocknet werden. Waren kleine Blutgefäße durchtreant, wurden sie sofort mit Artcnenklemmern zusammengepreßt. Dabei wurde kein Wort gesprochen. Eine kurze, vorübergehende Zufriedenheit konnte man von des Operateurs Gesicht ablesen, als er endlich bis zu den Eingeweiden vorgedrungen war, wovon er einen kleinen Teil jetzt durch die künstliche Oeffnung betrachte, konnte. Gespannt suchten die zusehenden Aerzte der Wunde mit ihren Augen näherzukommen Mit seinem rechten Zeigefinger fuhr nun der Operateur in die Wunde hinein und fühlte eine geraume Zeit vergeblich nach dem wurmförmigen Fortsatz des Blinddarms herum. Nach einem kurzen Moment der Ueberlegung erweiterte er