Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 234. Donnerstag den 2 Dezember. 1909 s] "Cobclvolk (Nachdruck Verbote».) Eine Dorfgeschichte von Paul JIg. „iDäach' doch keine Sachen I Du wirst doch— auf einen Sprung wirst Du doch ins Rotkreuz mitkommen, oder was hast dagegen?" „Apart nichts! Ein andermal gern, Jörg-- nur gerad heut... Das viele Volk, der Lärm," machte Heinrich allerlei Ausflüchte. Der Gedanke, sich unter die ausgelassensten Tänzer, Kegelschieber, Säufer und Schreihälse zu setzen, mit ihnen um die Wette zu trinken, stieß ihn heftig ab. Er durste nicht den Umgang mit den respektablen Leuten der scherzen. „Vorwärts, avanti! Dein Schatz wird Dir derweilen nicht fortlaufen.„Annababele, lüpf' den Fuß, weil ich mit dir tanzen muß!" Hei, ich will denn auch einmal mit einem Studierten anstoßen! Weißt noch. Du, wie wir einmal beim Küfer Meier einen ganzen Kübel Sauser ergattert und aus- getrunken haben?" Da war Heinrich auch schon entschlossen. „Viel Vergnügen!" rief er noch im Abgehen, er sah nicht mehr, wie Jörg, vor den Kopf geschlagen, mit blöde suchen- den Blicken auf einem Fleck verharrte, geradezu nieder- gedonnert. „So ist das also gemeint!" dachte der große Bursch mit dem kleinen, schiefsitzenden Hütchen, den furchterweckenden Kanonenstiesel und einem vorsorglichen Ochsenziemer, der bei solchen Gelegenheiten„für alle Fälle" mitgenommen wurde. Schließlich übermannte ihn der Zorn, so daß er Staats pscke auf den wüsten Suff ausging wie der Stier aufs rote Tuch. Erst als es zu spät war, merkte Heinrich den bösen Fehler, den er da gemacht hatte. In der weichen, vielleicht fruchtbaren Stimmung, die er an Jörg wahrgenommen, durfte er diesen nicht so allein ziehen lassen, wenn er ihn die trennende Kluft zwischen beiden Existenzen nicht bitter fühlen lassen wollte. O wie verschroben, bedrückend war das alles! Konnte er denn überhaupt helfen? Hatte er nicht übergenug mit sich selbst zu tun? „Fort, nur fort! Wieder hinaus in die verdammte Welt. Es wär das beste für uns alle!" sagte sich die verzweifelte Seele. Worauf wartete er noch? Ja nun, es gab da in der Tat noch etwas, das stärker war als diese Einsicht. Schon die freundliche Aufnahme, die er hier überall gefunden, hatte ihm gar wohl getan. Er war in dem Betreff nicht verwöhnt, die Anerkennung noch eine süße Labsal für sein Herz— und wo anders sollte er sie an- treffen, wenn nicht bei seinen Mitbürgern, die alle den Weg ermessen konnten, den er zurückgelegt hatte! Dem Doktor, der ihn in seinen Kreis einlud, war der Notar gefolgt, und beide hatten ihn ihrer besonderen Gunst versichert, eines Zuttunks für würdig befunden. Doch dies allein war es nicht, was ihn bannte: auch in der Fremde konnte er von nun an gute Gesellschaft finden. Heinrich Anderegg wußte unten an der Schisflände, wo- hin er jetzt seine Schritte lenkte, eine Schwelle, über der, nur für ihn sichtbar, geschrieben stand:„Gesegnet sei dein Ein- und Ausgang!" Von dieser Schwelle sich auch nur eine Meile zu entfernen, wäre ihm unerträglicher geworden als alle Unbill, deren er sich unter seinen Leuten im Tobel zu ver- sehen hatte. Er ging so schnell, daß sein langhaariger Wetterniantel im Winde flatterte, und wer ihn sah, mußte denken, er fürchte, das Schiff zu verfehlen. In Wirklichkeit bangte ihn nur vor einer neuen Säumnis, namentlich vor einem Zu- sammentrefsen mit der schwarzen Marei, die um diese Zeit mit dem Treustädter Zug eintreffen mußte. Nur das nicht! Ihrer hätte er sich nicht so leicht entledigen können: sie zählte schon lange darauf, mit ihrem flotten, angesehenen Vetter unter die Leute gehen zu dürfen. Zum Glück entging er dieser Gefahr, unbehelligt kam er vor dem Steinbock an. Die Gaststube war nicht überfüllt: Herr Stadler, der Wirt, ließ das laute Ehilbcwesen nicht aufkommen. Es wurde da weder getanzt, noch konnte man sich auf derbe Art verlustieren. Die nachsömmerlichen Stammgäste— wohlhabende Haldensteiner, junge Trcustädter, die zu Rad und Roß herüberkamen— erfreuten sich zwar der Sauserzeit auch, doch lieber ohne Brimborium, mit einer stillinniger Hingabe an den zu feiernden Gegenstand und die dazu gehörigen, von einer treff- lichen Köchin bereiteten Leckerbissen. Heinrich war diesen Leuten bereits kein Fremder mehr. Wo es ihn gelüstete, Platz zu nehmen, durfte er getrost den Stuhl hinrücken. Er hatte das etwas hochgemute, aber dennoch Sympathie erweckende Austreten eines Menschen, dem ein erster Wurf gelang: es fehlte nicht an geziemender Bescheidenheit, aber das Selbstgefühl lief immer voraus. Bei all dem absonderlichen Wohlwollen, das ihm diese Leute ent- gegenbrachten, dachte er stets:„Wie bald werde ich auf Euch, liebe Gönner, herabsehen können!" Nach einen verstohlenen grüßenden Blick hinter den Ausschank trat er an den Tisch der Honoratioren und setzte stch nebei den Wirt, der wieder einmal gegen seinen grimmigsten Widersacher, den radikalen Posthalter, in Harnisch geraten war. „Das ist also abgemacht, es kommt dazu, daran werden Sie uns nicht hindern, Herr Posthalter!" sagte der Kantons- rat, der im Eifer des Gefechts Heinrichs Erscheinen gar nicht zu bemerken schien. An der zappligen Art, die Karten zu mischen, konnte jeder sehen, wie sehr ihm trotz dem Lächeln der Oberfläche der Streit innerlich zusetzte. Heinrich waren die versteckten Sticheleien bald langweilig: er überlegte schon, wie er. ohne aufzufallen, seinen Posten am Büfett einnehmen könne. Aber da meinte der Notar mit einem bedeutsamen Zwinkern und Händereiben(er hatte die üble Gewohnheit, nach jedem dritten oder vierten W»rt einen schneuzende» Nasenlaut loszulassen):„Wie wär's denn, pf, wenn wir ein- mal eine, Pf, frische Stimme darüber vernähmen?" Ter Angekommene sah plötzlich aller Augen auf sich ge- richtet. Nur der Kantonsrat zuckte die Achseln, als traue er dieser Stimme wenig Urteilskraft zu. Heinrich verstand diesen Gestus und biß auf die Zähne. Hingegen fing der Posthaltcr sogleich an, auf ihn einzusprechen. Der Notar winkte mit der Hand.„Silentium, Ihr Herren! Da muß, pf, ordnungsgemäß Verfahren werden. Also die Sache verhält sich so: der Herr Kantonsrat, pf, hat die Absicht, die Haldenstein einen Verkehrs-, quasi Verschöne- rungsverein ins Leben zu rufen. Es sollen a) unten im Ried Anlagen, b) eine bessere Badeanstalt,<:) auf der Höhe allerlei Spaziergänge und Ausflugspunkte geschaffen werden. Zuerst soll natürlich einmal, Pf, die Gemeinde den Beutel ziehen. Dann käme auch eine Subskription in Betracht. Also mit einem Wort: Haldenstein soll Kurort werden!" Länger konnten sich aber die zwei Gegner nicht gedulden. „Das heißt, die Steuerzahler sollen den Herren Wirten das Gewerbe schön pflastern. Nicht übel!" rief der kleine, boshafte Posthalter, über die Maßen belustigt. „Ja, meine Herren, was fragen wir denn danach, ob es den Freniden bei uns gefällt oder nicht? Die gehen doch uns Bürger von Haldenstein keinen Pfifferling an. Wir brauchen keine Anlagen, bewahre! Und das alte Badehaus ist uns auch noch gut genug!" „Pf," sagte der Notar. Wenn es erst so weit war, be- gann er seine Brille zu putzen. Alles Demagogische ging ihm wider den Strich. Das Spiel stockte. Bereits waren andere Tische aufmerksam geworden. Sogar die zwei Generäle Dufour und Herzog, die über den Parteien an der Wand hingen, schienen dem Disput mit Spannung zu folgen. Der Wirt seinerseits ließ die lächelnde Maske plötzlich fallen: „Ich behaupte, das ist ein kurzsichtiger Standpunkt. Und das ist es!" sagte er steif und fest.„Wenn alle so dächten, wär' kein Fortschritt möglich in der Welt. Ein kluger Kops" (er betonte„klug" in beleidigender Weise)„muß doch ein- sehen, daß solche Augenblicksopfer sich mit der Zeit in Gold- gruben verwandeln können. Die Fremden bringen Geld ins Land—" „Und was sonst noch, he? Ja, davon wollen die Herreu nichts hören!" fiel ihm der andere in die Rede. „Das unverschämte Gebaren, das Schimpfen und Nasen- rümpfen über alles, was sie hören und sehen! Wie wenn wir uns seit Jahrhunderten nur auf ihren Empfang hätten vor-.
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26 (2.12.1909) 234
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