Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 249. Donnerstag den 23 Dezember. 1909 lNaSdru« vervote») 18] Cobclvolk. Eine Dorfgeschichte von Paul Jlg. Und nun waren die gekommen, nun saßen die zwei an ihrem Bett— um Abschied zu nehmen. Sie hatten beide der Mutter ein ruhig Antlitz zeigen wollen, als sei noch nicht entfernt ans Ende zu denken. Allein sie wußten eben doch, daß bereits jenes krampfstillende Gift in deren Adern wirkte, das verabreicht wird, einen leichten, schmerzlosen Tod herbei- zuführen. Und als die Mutter mit matter, kindergleicher Stimme selbst vom Abschied zu sprechen begann, war's so- gleich aus mit der vorsätzlichen Gelassenheit. Elsbeth legte bitterlich schluchzend den Kopf vornüber auf die Decke und Gustav machte ein paar hilflose Ausflüchte, sie solle doch nicht so verzagt sein und schon ans Sterben denken. Das Fenster stand weit auf, weil draußen eine himm- lische Wärme war und die Buchfinken im Garten ohn' Unter- laß tirilierten, als müsse der Frühling durchaus in dieser Stunde eingeläutet werden. Auf dem Tisch stand eine Base mit frischen Veilchen: nach Tausenden zählten sie und ihr Duft ließ keinen anderen Geruch aufkommen. Ein herzbe- zwingender Dreiklang war's, dieser Jubel im Freien, der Frühlingshauch in der Kammer und die ans Grab ge- mahnende Stimme der Mutter. „Ach Ihr, meine Lieben!" sagte sie lächelnd,„nun kann ich ja getrost und gemuten Herzens von Euch gehen. Alle beide habt Ihr eine schwere, schwere Prüfung überstanden. jDhne inneren Schaden! Ja, laß es mich noch einmal sagen, Gustav: wie ich dem Himmel danke, daß sie Dich freige- sprachen haben. Allmächtiger Gott, wenn es anders gekommen wäre! Der Schreck Hütt' mich auf der Stelle getötet. Und darum— und auch damit Dirs nicht wie ein Schatten durchs ganze Leben nachjage, so hat mir der Vater— in die Hand hat er mir versprechen müssen, den armen Leuten— der unschuldigen Kindlein wegen— aus freiem Antrieb durchzu- helfen. Ein paar tausend Fränklcin auf oder ab— er merkt es nicht, aber die dort oben— die Werdens schon merken! Und wieviel böse Mäuler sind damit zu geschweigen! Ein Unglück bleibt» nun einmal doch, ach ja, ja! Und eine ernste Lehre für Dich. Gustav.— wohin Ueberheblichkeit führen kann. Gelt, versprich mirs, und nimm sie Dir zu Herzen! Das ist, weiß Gott , mein letzter Wunsch." Der junge Stadler stützte die Ellbogen aufs Knie und die Hände an die Stirn, so daß die Mutter sein Gesicht nicht sehen konnte. Aber vielleicht sah sie doch— was er verhüten wollte— die hellen Tropfen zu Boden fallen. Sie konnte für lange nur die Haare der Tochter streicheln, die jetzt am stärksten erschiittert war von der Ahnung dessen, was die Mutter, ohne die Kraft mehr finden zu können, ihrem Herzen sagen wollte. „Elfi— gutes Kind, ja. Du auch— hast gelernt wie man sich mit seinem Besten so— und bist nun auch, gelt! gewitzigt. Aber fehlen— o nein— das kanns Dir deswegen nicht. Gott behüte, Dir nicht. Der Rechte— der wird auch noch"-- Frau Stadler sank wieder mit Stöhnen kraftlos in sich zu» fammen. Gustav ging leise hinaus, den Arzt und den Vater zu holen. Nur wenige vereinzelte Minuten erwachte das Licht noch hinter der feuchten, erkaltenden Stirn, in den brechenden grauslich verdrehten Augen. Am Nachmittag zog der Mesner ganz besonders lang am Strang der kleinen Bimmelglocke, so daß die Haldenstciner schon hieraus merken konnten, wem dies„mortuns plango" und eherne„Staub sollst du werden!" zugedacht war. Auch die im Tobel vernahmen die Botschaft. „Hörst Du's Bastian!" schnellte die Hugentoblcrin wie närrisch vom Stuhl auf und sah starr zu ihrem Mann hin- über, der daraufhin Kurbel und Storchschnabel fallen ließ und die Maschine zum Stehen brachte.„Das wird der Alten im Steinbock gelten? Und wenn— es nähm mich doch wunder, ob die einen ringen Tod gestorben ist. Einmal, ich wünschte mir einen bessern, einen mit ruhigem Gewissen! Vielleicht gibts halt doch noch ein Gericht, wo nicht auf Geld und Namen gesehen wird, wo nicht Freund und Gevatter Recht sprechen. Dann muß sich ja weisen, ob unser Jörg so ein elender Lump gewesen ist, dem man, mir nichts, dir nichts, den Garaus machen darf." Sie fuchtelte mit den Händen und sah wie eine geifernde Furie drein. Der Mann setzte sich zu ihr an den Fädeltisch, auf dem hunderte winziger Nadeln eingefädelt und kompagnieweise in roten und blauen Kissen staken. Er bangte jetzt oft für den Verstand seiner Frau, denn das unselige Ende des Großen hatte ihre Widerhaken zer- brachen und das Bächlein der Lebensfreude völlig zum Versiegen gebracht. Seit sie ihn begraben hatten, waren ihre Haare weiß, die Hände zittrig geworden. Sie konnte die Arbeit nicht mehr allein bewältigen: Jörgs Witwe, ein scheues, geducktes Weiblein, mußte mithelfen.— „Fünf Kindeskinder bald und kein Vater dazu!" war ein stündlich wiederkehrender Seufzer der Alten, und nicht selten wurde ein stundenlanges Weinen daraus. Dann schloß sie sich in ihre Kammer ein und wies jeden Trost und Zu- spruch ab. Es verfing nicht mehr, wenn der Mann ihr vor» rechnete, wieviel sie zusammen noch errackern und wie lang sies noch zu treiben vermöchten, um auch diese überzählige dritte Generation auf die Beine zu bringen. „Du liebe Seel!" sagte sie dann kopfschüttelnd.„Du ver» gißt nur eins. Dazu gehört noch ein andrer Segen! Und grab an dem hat es uns immer gefehlt. Was hilft alles Werken und Sparen! Uns wird noch das hinterste Bißchen verhageln! Arm wie die Kirchenmäuse müssen wir am Ende zum Sprengel hinauswandern." Nur in einem Punkt hatte die Hugentoblerin noch Be- harrlichkeit. Der betraf ihren Schwestersohn. Sie war von der Stunde an, da Jörg sterbend heimgebracht wurde, gegen Heinrich eine andere geworden. Ohne ihn mit Worten anzu- klagen, ließ sie ihn fühlen, wie schwer nach ihrem Bediinken das Elend und wie armselig die Freude war, die er, entgegen dem einstigen Willkomm, in diesem Haus verbreitet hatte. Sie befand sich seinetwegen in einer unausgesetzt heftigen Spannung. Der letzte Sinn und Zweck ihres Lebens lag für lie darin, ihm das zur Pflicht zu machen, was er sich hinter ihrem Rücken zum Vergnügen erkoren hatte. Heinrich mußte von der Base weder Bitte noch Mahnung vernehmen. Trotzdem war ihm ihr Wunsch und Wille in nicht zu verkennender Weise bekannt geworden. An einem Abend spät— etwa vier Wochen nach Jörgs Bestattung— kam er von einem Spaziergang zurück und suchte, weil ihm Alleinsein innigstes Bedürfnis war, gleich seine vier Wände auf. Doch wie mußte er staunen, als neben seinem Bett ein zweites stand und Marei sich mit ihrer Arbeit von seinem Tisch erhob. „Was ist denn hier vorgegangen!" fragte er in einem Ton, der nichts weniger als Freude verriet. „Die Mutter hats befohlen!" erwiderte Marei lakonisch und schluckte vor Angst. Das hatte er nicht erwartet, wollte er schier nicht fassen und sah deshalb die Sprecherin durchdringend an. Allein sie setzte vollkommen glaubwürdig hinzu:„Geh, frag sie nur selber. Sie hat mich ganz einfach zur Stube hinausgewiesen und gesagt, da oben sei fllrderhin mein Platz. Wir sollen von jetzt an ehrlich für uns selber wirtschaften und auch da oben essen, bis etwas Besseres in Sicht sei. Küche und Geschirr könnte ich so lang mitbenutzen." „Und—?" machte er sodann, durch und durch vergiftet. „Was wird damit bezweckt?" „Das möchtest Du Vater und Mutter fragen, falls Du nicht von selber darauf kommst! Sie sind beide noch auf," entgegnete sie, einem Spieler nicht unähnlich, der die Pistole an die Schläfe setzt und den höchsten Gewinn im Auge hat. „Ach soo-- zum Heiraten soll ich gezwungen werden! Sags nur grad heraus! Jetzt fehlt bloß noch die Nummer an der Tür und eine Zwangsjacke! Glaubst Du. ich sei so hrrn- verbrannt und merke das Manöver nickt? Aber holla! so weit Hab ich den Hals noch nicht in der Schlinge. Es könnte sein. daß der Vogel noch' einmal auf und davon fliegt!" Wenn jetzt Vetter und Base hinaufgekommen wären, um die Ursache des Lärms zu erkunden, hätte Heinrich sicher den
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26 (23.12.1909) 249
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