Die Blonde war wie irre... Das Papier entfiel ihren geängstigten Fingern, sie bückte sich, griff nebenbei, sank auf Knie und Hände niedei und lag so eine Zeit auf dem Teppich. bis sie im Nebenzimmk r ein Geräusch hörte, wie gehetzt onf- sprang und den Zettel angstvoll cr. ihre Kleidertasche stc�ite. Kurt kam wieder herein, mit einem schmerzlichen Lächeln, denn er hatte ihre letzten Bewegungen gesehen. Hast Du Aerger, mein armes Lieb?" sagte er leise. Sie nickte nur. Und er fragte auch nicht weiter. Sich in die Geheimnisse eines anderen drängen, das war ihm fürchterlich. Und er hoffte sicher, wenn sie nur über den ersten Schreck dieser wahrscheinlich gar nicht so aufregenden Sache Weg wäre, würde sie von selber kommen und ihm alles mit- teilen. Er dachte auch an ihren Bruder, auf den würde sich höchstwahrscheinlich diese gerichtliche Vorladung beziehen... wer weiß, was der Mensch wieder angestellt hatte... Ella schämte sich natürlich deswegen vor ihm,� der doch wahrlich mehr, wie viele andere, Verständnis für solche Dinge hatte! Der Referendar ging fort, nachdem er die noch immer ganz verstört aussehende Ella in seiner ruhigzärtlichen Weise getröstet und sie gebeten hatte, froh und munter zu sein, was sie mit nasien Augen und hingebenden Küssen versprach. Aber kaum hatte er die Korridortür hinter sich geschloffen. so riß sie die Vorladung aus der Tasche und bohrte ihre armen. gequälten Augen hinein in diese erbarmungslosen und doch so leicht begreiflichen Zeilen, mit welchen sie ausgefordert wurde, am 27. November als Zeugin zur Hauptverhandlung in der Strafsache Blankenstein vor Gericht zu erscheinen... Was war denn da?... Blankenstein, damit war doch Mieze gemeint!... Den Bruder kannte ja Ella so gut wie gar nicht. Was hatte denn Mieze gemackst?... und was wollten sie da von ihr?... Allerlei schreckliche Befiirchtungen drängten sich der Blonden auf... Würde bei der Gelegen- hcit nicht auch von Miezes Lebenswandel gesprochen werden? .. Und sie, sie selber hatte doch bei Mieze gewohnt und war auch mit ihr gegangen.... Um Gotteswillen, wenn das alles zur Sprache käme!... Wenn Kurt das erführe!... Am Ende war sie unter Kontrolle gekommen, die Mieze... oder man wollte sie jetzt'runterbringen?... Und dazu sollte sie aussagen?... Aber dann mußte sie sich ja selber auch beschuldigen... Nein! nein!... Davor hatte die Mieze ja immer solche Angst gehabt... vor derSitte"... und sie... sie... vielleicht wollte man sie auch... sie auch... Ella fing plötzlich laut an zu schreien und zu schluchzen. Tränenströme liefen über ihr rotfleckiges, von Entsetzen ver- zerrtes Gesicht und dazwischen horchte sie nach draußen und trocknete rasch ihre Augen und bezwang ihren Jammer, wenn sie Schritte hörte auf der Treppe, um von neuem loszuweinen und leise, in abgebrochenen Worten zu klagen, sobald sie sich wieder allein und einsam glaubte.' (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck tKCSoten.) Scbicfcral. Von M. Andersen-Nexö. (Schlutz.) Als die Uhr mit einem kurzen Räuspern zum Zwölferschlag ausholte, fuhr Gjarta im Bette empor. Einen Augenblick wußte sie nichts von sich; dann aber Hub sie an, ihren Mann zu rütteln. Lle, Ole, steh dock auf! Die Gäule machen einen erschreck- lichcn Spektakel, sie müssen sich losgerissen haben." Ole wandte sich brummend um und schlief weiter; er war totmüde. So hör doch, Ole, was ich Dir sage, das geht ja nicht an; sie können leicht Schaden nehmen." Ole setzte sich auf. Was gibts mit Dir?" fragte er brummig, denn er fror. Die Gäule sind los, sag ich Dir. Sie rumoren schauerlich." Ich höre nichts," sagte Ole,Du wirst geträumt haben." Na, schon recht, Dich gehtS ja an." Gjarta legte siK wieder nieder. Ole faß eine Weile und schmatzte im Finstern vor sich hin. Er fühlte einen sauren ranzigen Geschmack im Hals«, und in seinem Hinterkopf schnurrte es von dem plötzlichen Gewecktwcrden. Dann stieg er über sie hinweg, warf ein paar Kleidungsstücke über und zündete die Laterne an. Das Unwetter hatte sich gelegt. Zwischen dem Wohngebäude und dem Wirtschaftshof lag der Schnee in großen Wehen , so daß er Mühe hatte, hindurchzu'ommen. Er ließ den Lichtschein über die Pferde fallen, es war alles in Ordnung, das eine lag, das andere, das zu alt war, un. sich zu legen, stand und schlief. Unsinn!" murmelte er und wollte, wieder gehen, als Peter aus dem Futtergang heraustrat mit einem Hammer in der Hand.» Ole begriff sofort und wurde grau im Gesicht. WaS, Peter, was?" stammelte er und stand stille, und trat unsicher von einem Fuß auf den anderen. Ja, jetzt hat Deine Stunde geschlagen, Ole," sagte Peter ruhig und hob den Hammer. Ole aber hatte sich in einem Nu zusammengenommen und hing rasch die Laterne auf. Wirf den Hammer fort!" schrie er gebietend,oder ich bring Dich ins Zuchthaus. Du Hund!" Er sah Peter fest in die Augen. Drüben im Winkel hatte er eine Mistgabel entdeckt und bewegte sich seitwärts auf sie zu, während er die Augen des Knechtes festzuhalten suchte.Wirf den Hammer fort!" schrie er wieder. Aber Peter schüttelte sanft den Kopf und trat einen Schritt vorwärts. Er schlug Ole leicht an und traf ihn seitlich am Kopfe; und Ole setzte sich mit einem verwunderten Ausdruck hinter den Pferden platt auf den Boden. Da saß er und schlug mit den flachen Händen in den Dünger, wiegte den Oberkörper, führte sich wunderlich auf wie einer, der etwas zu beruhigen hat, und fiel dann seitwärts um. Peter warf den Hammer fort und beugte sich über ihn.Olel" rief er und schüttelte ihn,Ole , bist Du krank? Antworte mir doch, Ole!" Es klang wie«ine Klage. Dann schob er ihn achtsam zur Wand hinüber, und legte ihm etwas unter den Kopf.Ich Hab ja gar nicht zugeschlagen," sagte er, während er sich mit ihm zu schaffen machte.Herrgott, was war das denn ich Hab ja doch gar nicht zugeschlagen." Er ließ den Lichtschein einmal über die Leiche gleiten und ging dann hinein. Gjarta saß im Bette auf. Jsts ihm leicht geworden?" fragte sie. Peter nickte und setzte die Laterne fort. Er entkleidete sich und legte sein Zeug auf den Strohsessel beim Kachelofen, wo Ole das seinige hinzulegen pflegte. Dann schlug Gjarta die Decke bei- seile, und er kroch zu ihr hinein. Sie war kein verheiratetes Weib mehr und hatte also ihr freies Recht, in Liebessachen zu tun, wie sie wollte. Gjarta kam sieben Jahre ins Gefängnis, der Knecht fünfzehn. Während Gjarta fort war, übernahm es einer ihrer Ver- wandten, das Anwesen zu führen. Aber sobald sie zurückkam, schickte sie ihn fort und nahm einen älteren Häusler in ihren Dienst. Er verrichtete Knechtarbeit, während sie selbst die Leitung hatte. Vieles hatte sich im Dorfe verändert, während sie fort war. Draußen auf Due Odde hatten sie aus Feldsteinen einen großen Leuchtturm gebaut, der auch in der schwärzesten Nacht viele Meilen weit sicktbar war. Da stand er wie ein Finger Gottes und warnte die Schiffe, und nun gabs am Strand auch nicht ein Stück Schiffs- holz mehr. Biel Ueblcs war auch geschehen: dort hatte ein Bauer sich zu Tod getrunken und jener war vom Hof gezogen; einige waren gestorben und neue waren dazu gekommen, und der Be- sitzer des Nachbarhofes war Witwer geworden und hatte sich wieder beweibt. Alle, die da wohnten, waren soviel älter geworden. Die Erde selbst hatte nicht einmal ihr Aussehen von früher bewahrt Gjarta konnte sich nicht klar machen, worin die Veränderung be- stand, aber die Landschaft machte einen fremden Eindruck auf sie. Die ist eben auch älter geworden," dachte sie bei sich selbst. Auch im Dorfe war vieles anders geworden. Ihr eigenes Anwesen hatte in der verstrichenen Zeit recht merkbar gelitten, man sah, daß Ole fehlte. Und wenn Gzarta jetzt mit dem alten Knecht nicht einig werden konnte, wie etwas am besten zu machen sei, schnitt sie die Frage ab mit einem:So und so solls sein, so hats Ole immer gemacht." Sie dachte oft an Ole, aber sie tat es ohne Groll und Reue, sowie man an einen getreuen Toten denkt. Und sie sprach oft von ihm, ruhig wie jemand, der zwischen sich und seinen Verlust Jahre gelegt hat. Die Leute der Umgebung hatten sie neugierig im Auge eS mußte doch irgendetwas an ihr zu merken sein. Einige hatten sich vorgestellt, sie würde mit einem in die Stirn eingebrannten Merl- mal aus dem Gefängnis heimkehren, andere dachten sich die Ver- änderung unklarer etwa daß sie eine grobe Sprache bekommen hätte oder Kautabak brauchte, vielleicht gar Hiebe austeilte und stahl. Der ein« wurde nicht mehr enttäuscht als der andere, denn sie war ganz dieselbe geblieben. Man guckte sie einige Zeit an, dann begannen die armen Weiber des Sprengeis nach wie vor um«in Töpfchen Milch in ihren Hof zu kommen. Sie hielten es wohl halbwegs für eine Ehre, die sie ihr erwiesen, und rechneten auf etwas reichlichere Gabe. Aber Gjarta gab ihnen, wie sie ehedem gegeben nicht ein Gramm mehr und behandelte sie als das, was sie waren. Des Sonnabends kam eine von ihnen und bettelte um den Kaffeesud der Woche ganz wie zuvor. Gjarta war dieselbe! Mit den Leuten im Dorfe hatte sie niemals näheren Verkehr gehabt; sie machte auch jetzt keinen dieSbetreffenden Versuch, so daß diese Frage sick von selbst löste. Aber sie ging jeden zweiten Sonntag zum Abcndgottesdienst in die Kirche und machte während der Predigt ihr Schläfchen im selben Stuhl und zu demselben Text wie in alten Tagen. Sie war in jeder Hinsicht dieselbe!