Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 23.
23]
Mittwoch den 2 Februar.
( Nachdruck verboten.)
Im Namen des Gefetzes.
Mieze Blankenstein wollte sich aber nicht zufrieden geben und der Vorsißende mußte ihr erst eine Haftstrafe androhen und der Anwalt ihr ganz energisch, wenn auch leise feine Ansicht fagen, ehe sie sich beruhigte. Trotzdem richtete sie ihre starren, dunklen Augen herausfordernd auf die ehemalige Freundin, und Ella Hellwig empfand den frechen Zwang dieser Blice wie etwas förperlich Vorwärtsziehendes, dem sich ihre verängstigte Psyche nicht entziehen konnte.
Also, Fräulein Hellwig," fagte der Borsigende, und sein Organ verlor bei dieser Anrede wieder alle Härte und hatte nur noch den Klang freundlicher Ermahnung:
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Nun sagen Sie uns einmal, was Sie von der Geschichte mit der Uhr des Zeugen Meyer wissen.... Es ist das ja schon eine geraume Zeit her und man kann, wenn erst Monate über einen an sich ja so gleichgültigen Vorgang - ich meine von Ihnen aus gesehen! wenn erst Monate darüber hingegangen sind, da kann man manches vergessen haben.... Sie haben natürlich Ihren Eid abgelegt, daß Sie nichts verschweigen und nichts hinzusehen wollen, und danach müssen Sie auch handeln... also, mein Fräulein, was fällt Ihnen da noch ein?... Was haben Sie uns darüber mitzuteilen?..."
Ella Hellwig sah gequält die Richter an und erst auf des Vorfizenden wiederholtes, freundliches Zunicen erwiderte fie mit einer Stimme, die kaum den Richtertisch erreichte:
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Ja, ich... ich tam gerade zu, wo der Herr Meyer wegging, aber ich habe nichts gehört davon, daß... daß. daß die Angeschuldigte ihm das Mitnehmen der Uhr Freistellte, davon haben Sie nichts gehört Pardon, Herr Landgerichtsdirektor," unterbrach Bander, ,, vir haben auch nichts gehört, von dem nämlich, was die Zeugin soeben ausgesagt hat..
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Recht unwillig über diese Unterbrechung, doch nicht imstande, ihre Berechtigung ganz zu verneinen, sagte der Landgerichtsdirektor zu der Zeugin:
" Es wird gewünscht, daß Sie Ihre Aussagen etwas lauter machen, Fräulein, haben Sie verstanden?"
Ella nickte, aber sie war schon wieder am Ende mit der Beherrschung ihrer tollen Furcht. Raum noch fähig, ihre Tränen zurückzuhalten, meinte fie, deshalb doch nicht lauter: Ich weiß gar nicht mehr, wie das damals war... ich war so sehr unglücklicht..."
Und sie sah unwillkürlich zu dem Rechtsanwalt hin, wie wenn sie ihn hier im offenen Gerichtssaal als den wahren Urheber ihres ganzen Elends anklagen wollte.
Der wandte das Gesicht zum Staatsanwalt, der sich, seinem Gesichtsausdruck nach, ein wenig wunderte, über die liebenswürdige Behandlung der Zeugin Hellwig. Landgerichtsdirektor Baier hatte den Ruf eines sehr strengen Borfizenden und nach der Ueberzeugung des Staatsanwalts, der noch jung war und Ella Hellwig allerdings selbst sehr schön fand, hatte man es in ihr auch mit feiner besonders hochachtbaren Person zu tun.
Bander hatte inzwischen mit seinem raschen Verstande herausgefunden, daß der Weg von diesem wehen Mädchenblid bis zur offenen Anklage gegen ihn über Ellas Schamhaftigkeit gehe. Und er war Psycholog genug, darin das Beste Bollwert für seine eigenen Interessen zu finden. Und mit dieser Ueberzeugung gewann seine rücksichtslose unnoble Natur auch den Mut zum schärfsten Angriff:
Pardon, Herr Präsident! Darf ich jetzt einige Fragen an die Beugin richten?"
Der Borsigende nickte verdrießlich, er sah ein, daß all' feine beste Absicht die arme Ella jetzt nicht mehr schüßen
tönne.
Mit scheinbarem Entgegenkommen in Haltung und Stimme fragte Bander:
..Wie lange haben Sie sich wohl bei Ihrer Freundin aufgehalten, Fräulein Hellwig?"
Der Vorsitzende zuckte die Achseln:
1910
Ich weiß nicht, wozu diese Frage dienen soll, Herr Rechtsanwalt!"
Gleich, Herr Präsident! Es wird das sofort deutlich werden!... Wie lange wohl, Fräulein Hellwig?" um sie zu vernichten, dachte nach. Aber ihr zermarterElla, die noch nicht einmal begriff, daß das der Anfang Hirn gab das Zeitmaß nicht her. Sie schüttelte nur
war, tes
den Kopf:
Ich weiß nicht..."
wissen!..." Der Anwalt sah bei diesen Worten den StaatsDas ist doch aber sehr merkwürdig, daß Sie das nicht anwalt und dann die Beisiger an und merkte gut, daß Ellas Antwort einen schlechten Eindruck hervorgerufen hatte: geklagten, nicht wahr?... und haben als deren Gast in ihrer " Jedenfalls waren Sie doch Wochen lang bei der AnWohnung gelebt?"
dazwischen und mußte erst wieder vom Vorsitzenden in ihre Na, jewiß hat se dis, felbstverständlich!" fuhr Mieze Schranken gewiesen werden.
Ella nickte. Etwas wie Gleichgültigkeit gegen alles, was nun auf sie hereinbrechen würde, kam über sie.
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,, Und da haben Sie doch wohl Zeit genug gehabt, über den Vorfall mit der Uhr zu reden?!"
,, Nein", sagte Ella überzeugend, davon. ist gar nicht gesprochen worden..."
,, Na, das ist doch aber sehr sonderbar! Sie kommen in eine fremde Wohnung, zu einer Bekannten, die Sie Gott weiß wie lange nicht gesehen haben und das erste, was Ihnen da begegnet ist nach Darstellung der Anklage!- die Beraubung eines jungen Mannes durch Ihre Freundin! Und davon wollen Sie weder etwas gehört, noch gesehen haben?!" Der Anwalt wandte sich jetzt wieder an den Gerichtshof:
sch meine, meine Herren, wenn das nicht zu unseren Gunsten spricht, dann weiß ich nicht mehr, was man unter einem Entlastungsbeweis zu verstehen hat!"
Bander vermutete, ja er wußte, daß sich der Vorgang in der Art abgespielt hatte, wie ihn der Zeuge Meyer darstellte. Es lag ihm auch keineswegs daran, seine Klientin weißzuwaschen. Jezt, nach diesem entscheidenden Schlag von feiner Seite, kalkulierte er sehr richtig, mußte der Präsident der Hellwig mit schärfster Frage zu Leibe rücken. Und das wollte er. Ella follte wahrheitsgemäß aussagen, was sie gesehen hatte und dadurch ihre einstige Freundin in Rage bringen. Deren Charakter hatte der Rechtsanwalt hinreichend kennen gelernt; die, das ließ sich mit Sicherheit annehmen, würde dann losgehen wie eine Wütende, und der armen Blonden nichts, aber auch gar nichts ersparen
Und es kam alles genau so, wie es die Tücke dieses Menschen vorausberechnet hatte.
Biel ernster, als vordem fragte der Vorsitzende: ,, Haben Sie das also gesehen oder nicht, Fräulein?" Und Ella, deren Hoffnung im Sterben lag, und deren Sinne allmählich stumpf geworden waren, sagte jezt ganz deutlich: Ja, ich habe es gesehen
"
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Der Präsident faßte beide Lehnen seines Armstubles und beugte seinen trockenen, weißhaarigen Kopf weiter vor. Sie haben es gesehen?... Sie waren dabei, wie die Angeklagte dem Zeugen die Uhr aus der Tasche nahm?... ia?... Ella niďte.
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Ja, Herr... Herr Präsident!..."
Dis is nich wahr!" heulte Mieze Blankenstein dazwischen,„ dis is nich wahr!... die lügt!... Das jemeine Mensch!
"
Und ohne auf die drohenden Worte des Vorsitzenden zu achten, der aufgesprungen war, schrie das schwarzlockige Weib wie eine Furie in den Saal hinein:
Bu freffen hab' ich ihr jejeben un auf' n Strich sind wa jejang' zusamm... un jet will se mich hier rinpacken, aber id wer se schon!... ich reiß ihr...!"
Weiter fam sie nicht. Auf den Wink des Vorsitzenden von zwei Schutleuten gepadt, wurde sie abgeführt, um vor.