Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 24,
24]
Donnerstag, den 3 Februar.
Nachdrud verboten.)
Im Namen des Gesetzes.
Von Hans Syan.
15.
Es war eben Feierabend. Jeder brachte seinen Arbeitsplaz in Ordnung und ein paar von den Lehrmädchen fegten den Asphaltboden sauber. Einige von den Arbeitern und Arbeiterinnen hatten schon die über ihren Maschinen hängenden Schirmlampen ausgedreht. So standen die noch beschäftigten im Halbdunkel des weiten Raumes, während die meisten hinten bei der Garderobe waren und sich umkleideten. Georg Hellwig war der erste, der gehen wollte. Er hatte schon die eiserne Flurtür in der Hand, als ihn ein Kollege, namens Beckmann am Aermel festhielt:
41
Du kommst doch auch rüber zu Sangen?"
,, Was ist denn da los?"
„ Na,' s doch Vasammlung!"
Basammlung?"
1910
schäftigten Frauen, scherzten und unterhielten sich, daß es nur so eine Art hatte.
Georg famen gleich drei auf einmal entgegen, die sich untergefaßt hatten.
Sie kommen doch so spät, Herr Hellwig!" sagte die Kleine mit den braunroten Haaren.
In der Mitte ging die Brünette, die sab den großen Menschen schmachtend an und meinte leise:
Bu mir fönnte Herr Hellwig kommen, so spät wie er
wollte!"
Nun juchten sie alle drei und Georg, der auch lachte, meinte:
Wo wohnen Sie denn, Fräulein Minna?"
Auf'n Wedding!" rief die dritte, eine schwarzhaarige junge Frau mit starken Augenbrauen und einem Flaum auf der Oberlippe, die es, wie manche behaupteten, mit dem Werkmeister hielt, obwohl sie ganz jung mit einem Arbeiter derselben Fabrik verheiratet war.
„ Na, denn komm Se' man schon lieba zu mir, Sie Kleener!.. Ich wohne ja man drei Häuser von Ihnen ab!" So", sagte Hellwig, gar nicht angenehm überrascht,., seit ' N ersten sind wa jezogen! Früher in Hain , jek' uff de Brücke!..
,, Na, ja, wejen die Anna Linke, die da Alte an' Arm wann denn?" jefaßt un iestoßen hat... neulich!..."
Georg bedachte sich:
.
„ Ach so ja... ja wiẞt' a, ich habe aba heite jrade ja feene Beit!"
,, Na heer mal, det is doch aber Ehrensache! Da darf feena bon uns fehlen! Det wäre ja noch scheenal..." Georg murrte:
Um det olle dreckije Frauenzimmer! Keen Mensch hat se leiden kenn', so lange wie se hier wa, un der Olle, weeßte, im Grunde jenomm' hat der Olle doch janz recht jehatt!... Sta, nich wah?... Sage ma felba, Otto!" feßte Georg hinzu, wie er des Kollegen mißbilligendes Kopfschütteln sah, det mußte doch zujeben, so'n Mann kann sich doch keene Frechheiten in sein eijenet Kontor sagen lassen, wat?"
Der andere zuckte die Achseln:
" Det is janz ejal! Dadrum hat a' se noch lange nich an Aermel zu fassen! Wir sind doch keene Dienstboten nich, wo der Herr det Bichtijungsrecht drieba hat! Det wer' ja noch barridta!... Also Du kommst doch, wat?"
Georg war noch immer unschlüssig, er wollte heute zu seinem Mädchen und da ärgerte ihn jede Minute, die er einbüßen mußte.
d weeß nich!" sagte er,, id weeß wirklich nich!" „ Na," sagte der andere, wie Du denkst... aber richtig is et nich, wenn sich eener ausschließt, der wie Du erft eben de Nase rinjeſtedt hat in de Fabrik! Det macht' n sehr schlechten Eindruck!"
Also meinsmejen!" sagte Georg, wenn der Knaatsch man nich wieda so furchtbar lange dauert!"
Böhme spricht," erzählte der andere, da kannste mal wat von'n Redner heeren!"
#
So scherzten sie, bis vorn auf dem Rednerpult der Vereinsvorsitzende die Glocke schwang. Dann seßten sie sich miteinander an den Tisch, wo auch Bäckmann schon saß mit Hellwigs Arbeitsnachbar Sternsdorf und der Zurichter Rohde.
Born neben dem Vorsitzenden thronte Anna Zinfe, eine sehr tüchtige Arbeiterin, aber eine Person, die so zänkisch war, daß niemand mit ihr ausfam. Schon ihre Stimme hatte einen so schreiend bösen Ton, daß man Furcht vor ihr bekam.
Nach einigen einleitenden und begrüßenden Worten ließ der Vorsitzende sie ihre Geschichte erzählen.
Und während sie mit ihrem peinigenden Organ das Rencontre mit dem Chef zum besten gab, unterhielt sich Georg Hellwig mit seinen drei Gefährtinnen in lauter fleinen Anzüglichkeiten.
Das leise geführte Gespräch fam nur dadurch einen Augenblick ins Stocken, daß der Vorsitzende, nachdem er Anna Linke vom Bult hinabgeführt hatte, jezt den eigentlichen Redner des Abends, den früheren Knopforücker Böhme anfündigte.
Sobald dieser Mann zu sprechen anfing, interessierte fich Georg nicht mehr für die Frauen, die sich vergeblich bemühten, ihn zurückzuerobern, und die schließlich, da sie da, wo es ihnen paßte, keine Gegenliebe fanden, auch still blieben und lauschten.
Es war ein kleiner Mensch, der da oben stand, mit einem großen, verwegenen Geficht und viel dunklem Haupt- und Barthaar. Der geborene Volksredner! Er dachte nicht daran, zu theoretisieren! Das erstbeste griff er heraus aus dem Leben dieser Kleinen, die die ewige Arbeit und die nie aufhörende Sorge vor der Zeit alt machen.
Georg schloß sich den Kollegen an, sie gingen über die Straße in das Bereinslokal von Sange, wo schon eine ganze Anzahl von Gesinnungsgenossen aus anderen Fabriken,.Da seht doch den Herrn, wie er ist! Nicht wie ihn uns männlichen wie weiblichen Geschlechts, versammelt waren. unsere Gegner in ihren Lügenblättern zeichnen, von SanftHellwig war viel zu sehr Individualist, um mit feinen mut, von Großherzigkeit und von selbstloser Güte triefend Arbeitsbrüdern Solidarität zu empfinden. Seine eigene fondern wie er wirklich ist: egoistisch, rücksichtslos, brutal Sache hatte er im Auge, wenn er Gerechtigkeit forderte. Aber bis zur Gewalttätigkeit!.. Da fommt eine arme Frau, das Los der anderen hatte er nicht als sein eigenes zu emp- die jeden Morgen um sechs Uhr ihr kleines Kind verlassen finden gelernt. Seine herrischen Instinkte ließen fein muß und erst am späten Abend, wenn es schon schläft, wiederKlassenempfinden in ihm aufkommen. Aber seine Gefängnis fieht!... Die ihrem Mann sein Heim nicht behaglich machen Strafe hatte ihn in die Menge derer hinabgedrückt, die etwas kann, ihm sein Essen nicht kochen, seine Sachen nicht in zu verbergen haben. Da wars vorbei mit den öffentlichen Ordnung bringen darf, weil sie der Moloch Kapital, die Anthipathien! Nur noch Sympathien sind denen erlaubt, Not in die Fabrik treibt! Tag für Tag! Jahraus, jahrein! die ewig vor der Aufhellung ihrer Vergangenheit sich änsti- Immer und Immer! Und wofür? Wofür, frag' ich? gen: Bloß nicht auffallen!" Das ist der Warnruf derer, Damit sie einmal ihren Sarg selbst bezahlen fann und fich welche vor den Schatten fliehen müssen, die aus der Tiefe der nicht von der Armenverwaltung einscharren lassen braucht, Erinnerungen aufsteigen; der Erinnerungen, welche für sie wie ein toter Sund!... Aber noch lebt fie! Noch will sie nur den Wert, von mit ewiger Angst behüteten Geheimnissen essen, sie mit ihrem Kinde und mit ihrem Mann, der seit haben.. Wochen frank liegt! Da reicht der Lohn nicht, dieser armDer Ton in dem großen Hinterzimmer, das der Gast- felige Pfennig, der dem Chef, der doch Tausende verdient, wirt seinen bevorzugten Gästen einräumte, war laut und noch immer zuviel däucht! Und sie bittet, ihr eine Kleinig Iuftig. Die jungen Mädchen, aber auch die in der Fabrik be- teit mehr zu geben! Sie bittet! Nur ein paar Pfennige