Georg atmete Kef, seine Augen hafteten noch immer, an !>er Gestalt der Hausfrau vorbeigleitend, im gegenüber- liegenden Türrahmen— war's ein Geist gewesen, der da plötzlich erschienen? Aber nein, er hatte das Gesicht zu gut erkannt'. Und hätte sie unter einer Menge von Tausenden gestanden, er hätte sich nicht irren können! Die sich da für eine Sekunde nur gezeigt hatte, und bei seinem Anblick selbst Zurückgewichen war. wie vor etwas Entsetzlichem— war seine Schwester. 22. Frau Amanda Poppe wäre nicht die routinierte Der- Mieterin gewesen, wenn sie den Grund der plötzlichen Der- önderung des jungen Möbelträgers nicht gesucht, und— rasch den blonden, hochtoupierten Kops zurückwendend— auch gefunden hätte. Äe sah noch eben ihre beste Mieterin mit einer Bewegung des Schreckens sich zurückziehen, und kombinierte auf der Stelle einen innigen Zusammenhang zwischen den beiden. Die Aehnlichkeit zwischen Ella und Georg war zu gering, als daß sie ein Geschwisterpaar in ihnen hätte vermuten sollen, sie glaubte vielmehr an einen Liebhaber, der von ihrer Mieterin verraten und verlassen, hier möglicherweise eine Szene provozieren konnte, die sie, die überhaupt jedem Aufsehen gern aus dem Wege ging, heute am Ziehtage am allermeisten vermieden sehen wollte. Sie gab das Quartier hier in der Langenstraße ja nur auf, weil der fast schon ausgesprochene Brodellbetrieb, obwohl sie ihn klugerweise auf die Tagesstunden beschränkte. Auf- sehen zu erregen begann. Und sie verzog nach dem Süden der Stadt, wieder in eine abgelegene Gegend, weil sie wußte. daß ihre gute und reiche Kundschaft sie überall aufsuchen würde. Gewohnt, jede Schwierigkeit im Geschäft mit Geld aus- zugleichen, wandte sie sich freundlich lächelnd an Georg und bot ihm ein Zweimarkstück mit den Worten: „Sie sind gewiß durstig? Da, gehen Sie und holen Sie ein paar Weißen für sich und ihre Kameraden!". Der junge Mann stand unschlüssig. Die ruhige Sicher- heit der Frau, die Gegenwart seiner Arbeitskollegen, die ihn schmunzelnd nickten, er solle gehen und das Getränk besorgen und das drückende Gefühl der eigenen Schande, eme solche Schwester sein zu nennen, das verschloß ihm vorläufig die Lippen. Mit finsterer Miene ging er hinunter. Als er aber über die Straße ging, nach der Budike, da kochte der Zorn in ihm.... Also diese verdammte Komment- mutier hatte die Ella in der Mache? Natürlich um sie in Grund und Boden zu verderben, um sie auszupressen, wie ein Zitrone, und, wenn sie krank wurde, oder sonst nicht mehr genug verdiente, fortzuwerfen.... Na, das war ja ein Glück, daß er gerade hierher kam.... Er würde ihr schon den Standpunkt klar machen, der alten Kupplerin, uftd wenn es mit Gewalt wäre! Seine Schwester wollte er raus haben aus dem Hurennest, das die Polizei..., ach was, Polizei! Die standen ja mit solchen Weibern direkt in Der- bindung und ließen sich bezahlen dafür, daß sie nicht hin- sahen! Nee, er war selber Manns genug, er brauchte keine Hilfe!... In dem Lokal ließ er sich Schnaps geben und Weißbier und trank am Tisch stehend, aus der Flasche, ohne daß ihm der Fusel jetzt noch Unbehagen verursachte. Nur seine zornige Energie steigerte sich dadurch. (Fortsetzung folgt.) Oer englifcbe Maklreformkampf von i8zo bis 1832. n. Der Schneckengang der UnterhauZvcrhandlnngen über die Rc- formbill hatte draußen schon beträchtliches Mißvergnügen erregt. Petitionen waren aus dem Lande eingegangen, die nichts weniger als untertänig waren, und so hatte auch die reformfreundliche Presse gegenüber den konservativen Verzvgerungsinanövern eine drohende Sprache angenommen, für die ein Artikel dcS„Morning Chronicle" charakteristisch ist, der kür den Fall, daß die Rechte die Freiheiten und die Wohlfahrt des Volkes einer niederträchtigen, übermütigen, tyrannischen und habsüchtigen Aristokratie aufzuopfern versuchen sollte, an- kündigte, daß Hunderttausende in den Ruf ausbrechen würden: Nieder mit der Aristokratie;.jetzt ist die Alternative: Reform oder Revolution"! Das galt nicht nur dem Unterhause und der Regierung, sondern besonders dem konservativen Rückhalt, dein Oberhauie, wo ganz zweifellos eine starke reformfeindliche Mehrheit existierte. Es mußte fich nun zeigen, ob di:s« Mehrheit der englischen Granden es wagen würde, dem ausgesprochenen Willen der Gemeinen sich entgegenzustemmen. Lord Grey unterließ nicht, in der Rede, womit er die Resormbill am 3. Oktober 1831 bei den Lords befürwortete, dem Oberhause die Gefährlichkeit eines hart- tiäckigcn SträubenS vor Augen zu führen. Aber auf die Wortführer der Konservativen im Herrenhause war kein Eindruck zu machen. Sie erklärten die Bill für einen Angriff auf die alte Verfassung, der diese zerstören müsse und der Demokratie den Weg bahne. Denen, die davon sprachen, daß nur der Pöbel Reform verlange, hielt der Lordkanzler Brougham eindringlich vor, daß die Mittel- klaffen an der Spitze der Bewegung ständen. Auf deren ökonomische Macht, ihr wirtschaftliches Uebergewicht gegenüber der Aristokratie der LandlordS wies Brougham mit den Worten hin:.Ihr, die ihr so leichthin von diesen Klassen sprecht, bringt alle eure Schlöffer, Paläste, Landsitze und Güter herbei und verkauft sie; ihr werdet sehen, daß alles dies nichts ist im Vergleich zu dem Reichtum, den die Mittelklassen Englands besitzen". Aber all« Vernunstgründe prallten jbon. den hatten Schädeln der Oberhausjunker ab. Einer von ihren Heißspornen, Graf Bttstol, behauptete sogar, lieber seinen Kopf auf den Block legen zu wollen, als für ein so heilloses Machwerk zu stiminen. Das Ende vom Liede war nach wenigen Tagen, am 3. Oktober 1831 die Ablehnmtg der Rekormbill durch die Lords. Unter der Mehrheit waren auch fast alle Bischöfe; weltliche und geistliche Anstokratie standen zu» samnien. Sie waren fich offenbar über die Unwiderstehlichkeit der Macht, die Himer der UnterhauSmehrhcit stand, nicht klar. Die Aufnahme, die der Entscheidung deS Oberhauses im Lande wurde, ließ über die wahre Meinung des Landes nicht den ge- ringsten Zweifel. Lord Grey ward mit Deputationen bestürmt, die ihn aufforderten, einen Pairschub zu bewirken, daS heißt beim König die Ernennung einer Anzahl neuer LordS durchzusetzen, die hinreichte, um die konservative Mehrheit in eine Minderheit zu verwandeln. Es damit zu versuchen, hatten die aristo- kratischcn Minister wenig Neigung. Freilich wagten fie auch nicht, die Flinte inS Korn zu werfen. Gemäß einem Vertrauens- Votum der Gemeinen, der sie aufforderte, im Amt zu bleiben und an der Reformbill festzuhalten, hielten fie aus. Bon allen Seiten kamen Rachrichten, die den Ernst der Lage augenscheinlicher machten. Einige der verhaßtesten Reformgegner mußten an ihrer eigenen Person oder wenigstens an ihrem Besitz spüren, welchen Ingrimm sie durch ihre Haltung auf sich gezogen hatten. So wurden etliche Lords mit Steinen beworfen, ihre Paläste demo- l i e r t. Wellington ließ sein Wohnbaus verbarrikadieren, und mehrere Lords rüsteten demnächst ihre Landsitze sogar mit Geschütz aus. weil sie einem regelrechten Angriff entgegensahen. An mehreren Stellen kam es zu heftigen Zusammenstößen von Volksmengen mit der bewaffneten Macht, überall aber zu großen Demon» st r a t i 0 n e n, teils in Gestalt von Massenversammlungen, teils von Straßenumzügen. In zahlreichen Städten wurden auf Stangen Plakate herumgetragen mit der Inschrift:.Keine Steuern mehr l Nieder mit den Pairs I Nieder mit der Kirche l" Der Steuer » Verweigerungsbeschluß wurde vielerorts gefaßt, so von einer 30 000 Köpfe starken VersaDmlung in Glasgow , die auf die Zeiten der Bürgerkriege hinwies, wo das Land fich schon einmal ohne Lords beholfcn habe. Zum Schluß wurde eine Resolution an- genommen: Das Unterhaus habe, weil korrupt konstituiett, kein ae» tetzliches Recht mehr, die Nation zu besteuern; folglich sei auch niemand, bevor die Wahlrewrm durchgesetzt, mehr ver- pflichtet, Steuen, zu zahlen. In Manchester , wo auch eine un- geheuere Demonstratton für allgemeines Wahlrecht stattfand, las man überall öffentliche Anschläge, wonach niemand die den Mit- bürgern wegen Steuerverweigerung weggenommenen Effekten kaufen solle, weil die vom Unterhause in seiner jetzigen Gestalt be» schlossenen Steuern ungesetzlich wären. Auch m London waren an zahlreichen Stellen Aufforderungen zur Steuerverweigerung an- geschlagen. Eine Londoner Straßendemonsttation zählte über 40000 Teilnehmer, obwohl vorher ein königliches Verbot ergangen war. Gelesene Zeitungen riefen die Mitglieder der Reformvereine auf, sich zu bewaffnen, im Gebrauch der Waffen zu üben und Offiziere zu wählen. Angesehene Führer der Reformbewegung sprachen in öffentlichen Reden von der Notwendigkeit, eine Reform- armee aufzustellen. In Canterbury las man an allen Ecken: „Reform oder Revolution— die Entscheidung ist da. Wollt ihr, Mitbürger, es dulden, daß zweihundert verknöchette Aristokraten euch zu Sklaven machen?!" Daß jene Alternative kein Spaß war, zeigte sich Ende Oktober in Bristol , als einer der eifrigsten Reform- gegner, We lh erell, in amtlicher Eigenschaft dott seinen Einzug hielt. Eine ungeheure Menge begrüßte ihn mit einem Regen von Steinen und faulen Eiern. Er rettete sich mit Mühe und Not ins Rathaus. Die Volksmenge erstürmte dieses trotz verzweifelten Widerstandes der Konstabler und schlug alles kurz und klein. Wetberell flüchtete über die Dächer und verließ bei Nacht und Nebel die Stadt. Anderen Tages waren die Volksmaffcn noch zahlreicher, und eS kam zu Zusammenstößen mit der Kavallerie. Die Dragoner gaben Feuer. Aber nun stürzte fich die Menge auf sie und trieb fie auS der Stadt. wo demnächst die Gefängnisse in Flammen aufgingen, das Zollhaus und der Bischofspalast zerstört wurden. Am folgenden Tage rückten größere Truppenmengen mit schwerer Artillerie«in und stellten
Ausgabe
27 (12.2.1910) 31
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten