Nnterhaltungsblatt des Horwärts
Nr.- 63.
Mittwoch � den 16 März.
1910
2]
6üi Hag.
(SZachdruik berEotcn.)
Von M. Arzybaschew. Deutsch von Adolf Heß. Arsenjew fuhr zusammen und beschleunigte seine Schritte. Sonderbar unklare Empfindungen erfüllten sein Inneres. Die Menschen um ihn herum wurden immer zahlreicher. Immer seltener zeigten sich in der schwarzen vorwärts drängenden Masie kalte, Weiße Zwischenräume. Aus allen Straßen und Gassen, an denen Arsenjew vorüberging, kamen Menschen. Immer wuchtiger und schwerer stampften all die Schritte dahin. Es war schon die richtige Völkerwanderung. Als Arsenjew wieder um eine Ecke bog, befand er sich plötzlich mitten im Wirbel dicht gedrängter Massen. Eine Sekunde war ihm, als wenn sich alles bewegte, als wenn der Himmel, die Häuser, Telegraphenpfähle, Bäume und Menschen die Straße entlang schwammen. Der weiße Straßenstreifen zer- floß in der schwarzen, an den Hauswänden aufsteigenden Flut wie die Wogen einer dunklen Brandung. „Herrgott! Diese Menschenmenge!" schrie eine weibliche Stimme dicht an Arsenjews Ohr. Weit vorne über dem dichten schwarzen Meer sich bewegender Köpfe sah Arsenjew eine Reihe runder roter Punkte, die sich unbeweglich in einer straffen Kette von einem Straßenrande zum andern zogen. „Da sieh, Bruder, Kosaken!" sagte jemand neben Arsen- jew, und dabei war die Stimme des Redenden so voll Haß, daß Arsenjew sich nach ihm umsah und dachte: Wieviel Haß und Wut mag hier jetzt herrschen!... Vielleicht sind Jahrzehnte nötig, um die Folgen dieses einen Tages zu beseitigen.— Plötzlich stockte das dichte, schwere Gestampf; irgendwo schrie jemand durchdringend, während das dumpfe Getöse vorne bald lauter, bald leiser weh und schwer fortdauerte. Nacheinander zogen dutzende, hunderte, taufende roter und blasser Gesichter an Arsenjew vorüber und sahen immer mit denselben weitgeöffneten Augen tief in seine Seele. Die Fenster in den Häusern waren hier nicht so blind: Hinter den dunklen Scheiben bewegten, duckten sich, der- schwanden und erschienen wieder tiiweutliche Gesichter. Arsenjew fühlte sich inmitten all der rohen, stoßenden, gleichmäßig erregten, laut schreienden und selbst in der Frost- luft nach Schweiß riechenden Menschen ungemütlich, wider- wärtig und einsam, wie in einer Wüste. Warum bin ich hierher gegangen?— machte er sich selbst Vorwürfe, schritt aber, vom Menschcnstrom fortgerissen, ohne zu wissen wohin, immer vorwärts, wandte sich bald hier, bald dahin, umging einzelne Haufen und drängte sich zwischen all den Rücken, Schultern und Armen hindurch. Die roten Punkte rückten immer näher und näher; schon sah Arsenjew an ihnen rote, runde Mützen und darunter un- bewegliche, gleichmäßige, wesenlose, unversöhnliche Soldaten- gesichter. Plötzlich hatte Arsenjew den Eindruck, als wenn Saschas Gesicht und Mütze in der Menge auftauchte. Als er aber ge- schwind dorthin vordrang, erblickte er ein unbekanntes Mäd- chen. Sie glich Sascha nur von der Rückseite. Aber schon dadurch empfand Arsenjew ein sonderbar warmes, zärtliches Gefühl; er schritt hinter ihr her und fühlte sich schon nicht mehr so einsam. Als er sie dann aus den Augen verlor, war ihm wieder weh und traurig zumute und er suchte schon nicht mehr Sascha allein, sondern auch dieses unbekannte Mädchen und jedes weibliche Gesicht erweckte warme, zärtliche Gefühle in ihm. Die Menge trieb ihn bis dicht an die Soldatenkette. Er stand in der ersten Reihe. Vor ihm, auf einem nervös hin und her tänzelnden Pferde, saß mit vorgestreckten, von blanken Steigbügeln umschlossenen Lackstiefclspitzcn ein junger hellblonder Offizier mit kleinem, hellem, aufgewirbeltem Schnurrbart. Sein großer Mantel schimmerte silbern und die Metallknöpfe glänzten, während die Rechte im weißen Hand- schuh hochmütig in der Luft fuchelte. „Die denken, hier geht's noch freier zu, als in Frank- reich!" sagte er laut und deutlich, ohne mit den kleinen, hin und her laufenden Augen jemanden anzusehen.
„Pfui!... Oho!... Oho!.. erscholl ringsum, fröhlicher, fast freundlicher Lärm. Einen Augenblick schien es, als wenn alle ringsum lachten, sich lärmend über etwas unter- hielten wie bei einer gemütlichen, lustigen Auseinandersetzung. Dieses Gefühl war Arsenjew so angenehm, daß er sein heiteres, fröhliches Lachen selbst wahrnahm. Er sah sich nach allen Seiten um und erblickte keine rohen, bösen, sondern nur lach- bereite Gesichter. Er wollte etwas sagen, und als er neben sich eine blaue Studentenuniform erblickte, lächelte er dem Träger freundlich zu. „Wissen Sie, das Semjonew-Regiment soll zu den Arbeitern übergegangen sein," erwiderte der Student ganz unerwartet auf sein Lachen. „Wirklich?" fragte Arsenjew in demselben fröhlichen Ton. In dieser Sekunde veränderte sich alles. Stille trat ein; man hörte nur die gespannte Bewegung der Menge. Arsen- jew fühlte, daß hinter ihr etwas Unsichtbares auftauchte, das sich näherte, wuchs und direkt auf sie zukam. Er blickte dem Offizier in die Augen und sah in seinem Gesicht eine sonder- bare Veränderung: er wurde so blaß, daß die Umrisse schärfer erschienen und sich zusammenzogen. Wie in einem Spiegel erblickte man in ihm das Schreckliche, das hinter der Menge vorging, das Arsenjew nicht wahrnehmen konnte. Das riesige Pferd des Offiziers drehte sich mit einem Male auf den Hinterbeinen. „Nicht durchlassen!" schrie der Offizier, tödlich erschrocken. mit durchdringender, dünner Stimme und beugte sich auf dem Pferde vornüber. Das runde glänzende Hinterteil des Pferdes senkte sich einen Augenblick; die Beine wurden ein- gezogen und schnellten mit schrecklicher Kraft hoch. Nasse, feste Schneeklumpen schlugen Arsenjew gegen Brust und Gesicht; er sah etwas Riesiges durch die Luft fliegen und weißen Schneestaub aufwirbeln. „Die haben Angst!" rief der Student noch fröhlicher. Arsenjew wandte sich um. Die Menge teilte sich auf beiden Seiten und in dem sich bildenden schmalen, weißen, weithinreichenden Durchgang sah Arsenjew eine in der Ferne noch bläuliche, schon drohende kompakte Masse, die als breiter, von einer Straßenseite zur anderen reichender Strom sich langsam heranwälzte und gerade auf ihn zukam. Der weiße Zwischenraum verschwand schnell, als wenn die schwarze Mcnschenwand ihn verschlungen härte. „Was ist das?" fragte Arsenjew unwillkürlich seinen Nachbarn. Der große, bärtige Mensch wandte ihm sein Gesicht mit weit offenen Augen zu und erwiderte feierlich und leise: „Die Arbeiter kommen!" Diese kurzen, einfachen Worte erweckten ein schreckliches, eisiges Gefühl; durch den Kopf ging krampfhaftes Zittern und in die Seele legte sich unerklärlich feierliche Ruhe. Sck>on sah man deutlich die Reihen näherkommender Ge- stalten mit den in der Luft flatternden Kirchenfahnen aus Brokat und Seide. Man sah, wie mitten in der Menge, nicht vorne, sondern in die dichte schwarze Wand gleichsam hinein- gespritzt, hohe schwarze Gestalten, mit langen Haaren, in weiten Gewändern, gingen. In den erhobenen Händen dieser Menschen glänzte etwas Kräuzähnliches. Einmal und noch einmal erhielt Arsenjew einen Stoß in den Rücken. Er blickte» sich um und sah über sich eine riesige Schnauze, die ihn fragend und gleichsam bekümmert anstarrte. Ein großes, braunes Pferd, das vorsichtig die mächtigen Knie hob, stieß ihn in den Rücken. Arsenjew erhob den Kopf und sah über der Pferdeschnauze ein glattes, farbloses Gesicht. „Zurück da!" rief der pockennarbige, hellblonde Soldat, der sein Pferd auf ihn zu bewegte. Arsenjew erschrak über das große Tier, aber das Pferd schielte ihn an. tänzelte und ging nicht vorwärts. „Siehst Du, Dein Tier ist besser als Du!" meinte Arsen- jew sanft und vorwurfsvoll, ohne zu wissen warum. „Das Pferd Hab' ich zu regieren!" preßte der Soldat langsam und leise durch die Zähne.„Bedenk', was Du sagst." ' Eine Sekunde lang glänzte in seinen farblosen, stumpfen Augen ein lebendiger, vertrauter, warmer Ausdruck, der in Arsenjews Innern ein Echo fand.