— 220- radikalen Abgeordneten, der Tag deS allgemeinen Stimmrechts werde kommen, erwiderte Guizot:„Für das allgemeine Stimmrecht gibt « keinen Tag T Dies Wort sollte durch die Talsachen Lügen gel straft werden, ehe noch ein Jahr verging. In der Erkenntnis, dab sie in der Kammer mit ihrer kompakten Regierungsmehrheit tauben Ohren predigte, entschloß sich die Opposition dazu, die Fenster zu öffnen, wie einer ihrer Ab- ?-ordneten eS ausdrückte, d. h. drausien eine Wahlrechts» ewegung zu entfallen. Ueberall wurden nun lluterschriflen zu Maffenpetitionen um Reform gesammelt, und weiter setzte sie so- genannte Reformbankette ein, politische Zweckesien, bei denen Tisch - reden über die Wahlrechtsfrage gehalten wurden. Das erste Re- formbankett fand am S. Juli 1847 im Pariser Chüteau- Rouge statt. Ueber tausend Gäste nahmen daran teil, die durch- weg dem befitzenden Bürgertum angehörten; das Volk sah draußen zu und bildete den Chorus, der die Marseillaise mit- sang. So trugen auch zahlreiche andere Reformbanketts im Lande einen durchaus bürgerlichen und gemäßigten Charakter und wollten Weiler nichts als ein« Herabsetzung des Zensus. Daneben aber gab eS bald radikale Reformbankette, die dem allgemeinen Stimmrecht galten nnd die gemäßigten immer mehr überwogen und verdrängten; die Stellung dieser radikalen zu der gemäßigten Reformbewegung sprach damals F l o c o n mit den Worten aus:„Jeder für feine Fahne I Jeder für seinen Glauben I Die Demokratie mit ihren 26 Millionen Proletariern will diese befteren und sie als Bürger, Brüder, Gleiche und Freie begrüßen I Die Bastardoppofition mit ihrer Geldaristokratie dagegen spricht von Reform, vom Hundert- Frank-Zensus I Wir verlange» mehr, wir verlangen die Menschen- und Bürgerrechte für ullel' Berühmt geworden ist auch «in Reformbankett in MS c o n, wo der Abgeordnete Lamartine fRr allgemeines Stimmrecht und andere radikale Reformen sprach und dem Bürgerkönigtum, wenn eS sich auch weiterhin mit einer Wählerarisiokralie umgebe und Frankreich der Korruption überliefere, den Sturz in Aussicht stellte, den Sturz durch eine Revolution, die Revolution aus Verachtung." Diese Rede fand in ganz Frankreich ungeheuren Anklang, wie denn überhaupt der Reformruf von immer größeren Massen mit immer größerem Nachdruck aufgenommen wurde. Aber die Re- gierenden mit dem König und Gmzol an der Spitze, verachteten alle Warmmgen. die an sie gerichtet wurden; ein solcher Kasiaudraruf kam in der nächsten Kammerfefsion auch von einem Abgeordneten der Regierungspartei, der auf die Ausbreitung deS Sozialismus in der Arbeiterklasie hinwies und seine Rede mit dem Wort schloß:.Wir schlafen auf einem Vulkan." Die Masse der Regierungspartei und ihreö Anhanges glaubte aber an keine Gefahr. Eine Revolution galt für unmöglich bei der großen Stärk« der bewaffneten Macht in Paris . Auch unter radikalen Politikern war diese Meinung der- breitet. Man dachte an die fehlgeschlagenen republikanischen Auf- stände der Sver Jahre, die in Strömen von Blut erstickt worden waren. Aber damals fanden Polizei und Militär eine Stütze an der Nationalgarde, dieser Bürgerwehr, deren große Mehrzahl ans dem Pariser Krämertum bestaild. Diese Klasse war jetzt auch miß- vergnügt und verlangte nach Reformen, weshalb dann, als eS hart auf hart ging, die Nationalgarde versagte. Damit rechnete die Regierung aber nicht. Sie glaubte vielmehr, die Reformbewegung mit Gewalt niederwerfen zu können, und nahm deshalb die provozierendste Haltung an. Als Ende Dezember 1847 die Kamrnern zusammentraicu, fand sich in der Thronred« ein Passus, der jede Aendmrng der bestehenden Verfassung rundweg ablehnte und obendrein die Reform« kämpfer grob beleidigte: eS umrde da behauptet, daß die herrschende Aufregung von feindselige» und blinden Leidenschaften angestiftet worden sei. Nach heftigen Adreßdebattcn betete die Mehrheit der Kammer in ihrer Ldreffe an den König diese Behauptung der Thronrede nach. Wo die Verblendung zu finde« war, sollte sich nun bald genug zeigen. Die Opposition der Kanuner beschloß, zum Protest gegen die auf sie geschleuderten Beleidigungen an einem großen Reform- bankett teilzunehmen, das in Paris am 22. Februar 1848 stattfinden sollte. Im Zusammenhang mit diesem Bankett kamen nun die Dinge zum Kiappen, weil die Regierung nun ihre wäbrend der Adreßbalte ausgesprochene Drohung wahrmacheu wollte, daß sie keine Reformbankette mehr dulden werde. Sie wollte gegen das für den 22. Februar geplante um so mehr einschreiten, als ihm eine große Straßen demonstratio« der Pariser Bevölkerung programmäßig vorausgehen sollte. Bankett ivie Umzug wurden vom Polizeipräfekten»erboten und sollten nach den Ankündigungen dieses Herrn mit allen Mitteln verhindert werde». Daraufhin zog sich die parlamentarische Opposition von der Sache zurück. Das Bankett wurde abgejagt. Auch radikale Blätter warnten die Be- völkerung davor, der Regierung die gewünschte Möglichkeit zum An- richten eines Blutbades zu geben. Aber die Stimmung war in Paris so, daß am 22. Februar trotz alledem ungeheure Menschen- Waffen an dem Treffpunkt zusanmtenlamen und unter Hoch-> rufen auf die Reform demonstrierend umherzogen. Bald fiel die wegen �ihrer Grausamkeit allgemein verhaßte berittene Polizei über Demottstranten aus da« brutalste ?« r, stieß aber auf heftigen Widerstand. Und änßerle sich ieser aufangs bloß in Steiitwürsen. so kam es im Lauf de» Tages- schon zu regelrechten Straßenkämpfeu zwischen der siewaff» neten Macht und Arbeitern, die sich hinter Barrikaden verschanzt und mit Gewehren von Nationalgardisten und auS den Waffenläden ausgerüstet hatten. Die Regierung hielt die Lage aber für unbedenklich im Vertrauen auf ihre 30(XX) Mann Militär. Jndeß am 23. Fe« bruar wurden die Kämpfe häufiger und heftiger, und eS zeigte sich, daß die Nationalgarde zwar nicht auf seilen deS Volke» kämpfte, aber auch nicht für die Regierung, sondern sich neutral hielt und mitunter Angriffe des Militärs aufS Volk verhinderte. Diese Haltung der Bürgergarde erregte nun an allerhöchster Stelle Besorgnis. Guizot wurde zum Opfer gebracht und durch den nicht ganz io konservativen Grafen Molö ersetzt. Es war eine bloße Scheinkonzesfion; denn gleichzeitig wurde Marschall Buoeaud, ein brutaler Haudegen, mtt dem Oberbefehl über die bewaffnete Macht betraut: er übernahm sein Amt mit dem Vorsatz, möglichst viele von der Kanaille niederknallen zu lasten. Ein gräuliches Blutbad, das am Abend von Soldaten unter Demonstranten angerichtet wurde, verhinderte, daß die.Konzesston" der Berufung Molos irgendwo ernst genommen wurde, und rief allgemeines Verlangen nach Rache hervor: der Hochruf auf die Reform wurde durch Hochrufe auf die Republik ersetzt. Ueber 1200 Barrikaden wuchsen in der Nacht zum 24. Februar aus dem Boden, und in dem entbrennenden Kampfe waren all« Anstrengungen BugeaudS vergeblich; auch versagten die erschöpften Truppen angesichts der Haltung der Nationalgarde mehr und mehr den Dienst. Nun hätte Louis Philippe gern ernstlich eingelenkt. Aber jetzt hieß eS: zu spät. Auch die Abdankung des Königs konnte nun den Thron nicht mehr retten. Das Volk von Paris verlangte gebieterisch die Republik , und angesichts der Tatsache, daß das arbeitende Volk den Sieg erfochten hatte, mußte es die demokratische Republik sein; die Wahlresorm trat mit der Republik zugleich ins Leben in Gestalt deS allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimm- reckits. Es waren überraschende, überwältigende Nachrichten, die da- mal« der Telegraph nach Deutschland brachte, wo sie wirkten, wie der Funke aus» Pulverfaß, und die Märzrevolution im Gefolge hatten, besonders auch die Berliner Mäczrevolution, deren glorreichem Andenken der heutige Tag gehört.«t. o. Kleines Feuilleton. Astronomisches. Robert Henseling : Sternbüchlein für 1V10. Mit 12 Sternkarten und zahlreichen Abbildungen. Herausgegeben vom Kosmos sSiuttgart, Franckhsche Verlag? Handlung). Kartoniert 72 Pf. Das vorliegende Bändchen stellt im wesentlichen eine Ueber- ficht der Himmelserscheinungen dar. die während der einzelnen Monat« zu beobachten sind. Viele Tageszeitungen bringen bereits Monatsberichte, denen leider bloß die kleinen Kärtchen fehlen, die das vorliegende Buch hat. Solche Karten sind wegen de? stets der- änderten Laufes der Planeten und des Mondes erforderlich. In dieser Beziehung erfüllt da» Büchlein seinen Zweck. Die Erläute- rungen find nicht so einwandfrei. Sie wollen von allem etwas geben, geben aber viel zu wenig. Es muß daher auf die kleine Literaturzulammenstellung am Schluß verwiesen werden, die unsere Leser auch schon anS einem zusammenfassenden Referate kennen. Vielleicht verzichtet eine neue Auslage de? BättScheuL auf die meisten Erläuterungen, dann wird's billiger und werlvoller. Hoffentlich zeigen dann die Bahnen Jupiters und SoturnS auf den kleinen Sonder- kärtchen auch nicht wieder so völlig planetenbahncnwidrige Ecken. Technisches. Drahtlose Telegrapbie auf Frachtschiffen. Die drahtlose Telegraphie ist noch tnnntt eine ziemlich kostspielige Sache, und daS ist wohl der Gnind, weshalb bisher nur Kriegs« schiffe, bei denen es ja auf die Kosten einer wichsigen Neuerung gar nickt ankommt, und große überseeische Luxusdampfer mit den dazu gehörigen Apparaten ausgerüstet worden sind. Eigentlich ist eS aber dock nicht einzusehen, warum die Frachtsckiffe zurückstehen sollten, da sie doch oft Ladungen von ganz außerordent- lickem Wert mit sich führen. Da sich nun aber herausgestellt bat, daß die drahtlose Telegraphie durchaus nicht nur zum Vergnügen, wie zum Herstellen hockseeiscker Zeitungen oder zum Luxus, wie zum Absenden von Privattelegrammen der Passagiere, brauckbar ist, sondern unter Umständen auch ganzen Schiffen und ihrer Besatzung die Existenz zu retten vermag, wird man wobl mehr und mehr zu dem Schluß kommen, daß sie auch für Frachtdampfer eine Neuerung von gelegentlich höchstem Wert sein kann. Demzu- folge ist jetzt eine Anzahl großer deutscher Fracktdampser, die zum Verkehr zwischen Hamburg und England, dem Mtttelmeer und vtelleickt auch Südamerika bestimmt find, mit Apparaten kür drahtlose Telegraphie versehen tvorden. Die Kapitäne der Schiffe erhalten zuvor eine besonder« Unterweisung in der Bediemtng der Apparate. Die Drähte werden zwischen den Masten in� einer Höbe von ungefähr 30 Metern über dem Wasserspiegel ausgespannt. Die Atisnahniesähtgkeit des Empfängers ist je nach der Größe der Schiffe auf 120—300 Kilometer im Umkreis bemesien worden. Berantw. Redakteur: Richard Barth , Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Vucvirulteret u.VertigtaustaUPaut Smget&to..B«tltnSW.
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27 (18.3.1910) 55
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