km schwarzen Amazonenkleid, mit einem kurzen Rock, mit roter Halsbinde und auf dem goldenen Schmuck ihres Haares einen breiten Filzhut. Zuweilen trug sie, auer vor sich über den Sattelknopf gelegt, einen lanzenartigen Stab und begab sich in Begleitung einer Anzahl Bekannten auf die Land- guter, um Stiere zusammenzutreiben und zu Falle zu bringen, eine gewagte, an Gefahren reiche Zerstreuung, die ihr sehr gefiel. Sie war kein Kind mehr. Gallardo konnte sich noch schwach entsinnen, sie in ihren Mädchcnjahren an der Seite ihrer Mutter auf der Promenade gesehen zu haben, während er, der arme Schlucker, um die Räder des Wagens sprang und Zigarrenabfälle suchte. Sie waren unzweifelhaft von demselben Alter; sie mußte am Ende der Zwanziger sein; aber wie strahlend, wie verschieden von anderen Frauen! Sie glich einem Paradiesvogel, der in einen Hühnerhof mitten unter stattliche und wohlgenährte Hennen geraten war. Don Joss kannte ihren Lebenslaus... Ein etwas lockerer Vogel, diese Donna Sol. Ihr romantischer Vorname paßte vortrefflich zu ihrem sonderbaren Wesen und der Ungebunden- heit ihrer Lebensweise. Nach dem Tode ihrer Mutter und im Besitz eines an- sehnlichen Vermögens hatte sie sich in Madrid mit einem hochgestellten Herrn verheiratet, der ihr an Jahren ziemlich voraus war, der ihr aber als Botschafter an verschiedenen Höfen eine große gesellschaftliche Stellung bieten konnte. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verdaten.) 153 Alenn die JVatur ruft. Von Jack London . Autorisierte Uebersetzung von L. L ö n S. (Schluß.) Nun hatte er Tag und Nacht keine Ruhe; Buck ließ ihn nie zufrieden, ließ chn kein Blättchen vom Strauch pflücken, keinen Tropfen Wasier aus dem Bach schöpfen. Er durste seinen brennen- den Durst nicht stillen und hörte doch das Wasier oft unter seinen Füßen rauschen. In heller Verzweiflung flog er oft in langen Fluchten davon. Dann war es Bucks Ehrgeiz durchaus nicht, ihm hart auf den Fersen zu bleiben; er ließ sick Zeit, denn er holte ihn doch, wenn es sein mußte, in wenigen leichten Sprüngen«in. Er ließ den Elch auch ruhig lange Zeit stehen und legte sich still da- neben, und griff erst an, wenn er sich äsen oder tränken wollte. Der schwere Kopf unter den großen Schaufeln sank immer tiefer zur Erde, der Gang wurde unsicherer von Stund « zu Stunde. Der Elch verhoffte jetzt oft und lange, die Muffel berührte fast das weiche Moos, die Lauscher hingen schlaff nach vorn, und Buck fand Zeit genug, für sich selbst Nahrung zu suchen. Wenn er so still dalag und den Elch im Auge hatte, dann war es Buck manchmal, als ob etwas vorging im Lande. Als die Elche einzogen, schien auch etwas anderes gekommen zu sein, aber er wußte nicht, was es war. Er konnte es nicht sehen, nicht hören und nicht riechen, aber mit einem anderen namenlosen Sinn ver- nahm er es doch. Es gingen seltsame Dinge vor, und wenn er die Sache mit dem Elch erledigt hatte, wurde es Zeit, danach zu sehen. Endlich am Abend des vierten Tages zog er den alten Schaufler nieder. Einen Tag und eine Nacht schenkte er sich Ruhe und fraß sich satt. Dann trat er erfrischt den Rückweg an. Im kurzen gleich- mäßigen Trab ging es voran, immer geradeaus, ohne Zeitverlust, ohne auch nur eine unnötige Schleife zu machen, geradezu auf das Lager; keine Magnetnadel hätte genauer die Richtung zeigen können. Und immer sicherer wurde er, daß etwas im Lande geschehen sei, von dem er nichts wußte. Er hörte die Vögel davon reden, die Eichhörnchen darüber schelten, und der Wind flüsterte geheim- nisvoll davon. Dann und wann blieb er stehen, sog die frische Morgenluft in langen Zügen ein, aber mit ihr auch etwas, das ihn zu einem eiligeren Laufe antrieb. Erst als er in das Tal einbog, wo das Zelt stand, gebrauchte er Vorficht. Er kam auf ein« Fährte, und diese Fährte führte geradeaus in das Lager, wo John Thornten war. Di« Rückenhaare sträubten sich, seine Augen glühten, jeder Nerv an ihm bebte. Er wußte jetzt alles, nur das End- noch nicht. Seine Nase hatte es ihm gesagt. in wessen Fußspuren er trat. Er empfand«ine Stille des Waldes, die er nie empfunden; alles Vogelleben war tot; kein Eichhörnchen rührte sich. Nur eins sah er, ein kleines graues Kerlchen, das sich dicht an einen rauhen grauen Stamm drückte. Wie«in Schatten glitt Buck dahin, aber plötzlich war es ihm, als würde er mit eisernem Griff zur Seite gezogen. Er folgte J der Weisung seiner Nase und fand im Dickicht Moor. Da lag er lang auSgestrear, tot, von Pfeil«, durchbohrt, deren befederte Enden aus seinem Körper heraussahen. Hundert Schritte weiter stieß Buck auf einen der neuen Schlittenhunde. die Thornten in Dawson gekaust hatte. Er lag im letzten Todeskampf. Vom Lagerplatz kam das Geräusch vieler Stimmen und ein eintöniger Singsang. Auf dem Gesicht liegend fand er Hans, mit Pfeilen bedeckt, wie ein Stachelschwein mit Stacheln. In demselben Augenblicke konnte er den Platz vor dem Zelt übersehen, und vor seinen Augen glänzte es blutigrot. Es war die Welle der Wut, die ihn überlief. Er wußte es selbst nicht, daß er es war. der das Geheul ausstieß, das jetzt die Luft er- jckütterte. Es war das letzte Mal in seinem Leben, daß die Leiden- schaft bei ihm Herr wurde über den Verstand. Es war die Liebe zu John Thoruten, die ihn den Kopf verlieren ließ. Es waren Deehats-Jndianer, die dort auf dem freien Platze vor dem Zelt ihre Tänze aufführten und dazu sangen. Plötzlich hörten sie ein furcbtbares Geheul und sahen ein Tier, wie sie noch keins gesehen hatten. Es war Buck. der sich zwischen sie stürzte. Er sprang auf den ersten zu, es war gerade der Häuptling, warf ihn zu Boden und riß ihm die Gurgel auf, daß das Blut weit umher« spritzte. In der nächsten Minute hatte er es mit dem zweiten geradeso gemackt, und auch über den dritten fiel er schon her. Er quälte sein Opfer nicht; dazu ließ er sich nicht Zeit. Von rechts nach links, nach hinten, nach vorn sprang er, zerriß, zerbiß und zermalmte, was ihm in den Weg kam. So schnell ging alles, und so eng hatten die Indianer zusammengesesien, daß sie nicht einmal ihre Pfeile gebrauchen konnte.-,. Ein junger Krieger, der mit dem Speer nach Buck warf, traf t nen anderen Indianer mit solcher Macht durch die Brust, daß das Speerende zum Rücken wieder her- auskam. Eine Panik entstand, und Todesgeschrei durchgellte die Lust. Alle flohen in den Wald, als ob der böse Geist hinter ihnen wäre. Und wie der leibhastige Satan gebärdete sich Buck in seiner Wut. Es war ein Schicksalstag für die AeehatS. Weit über das Land wurden sie zerstreut, und erst eine Woche später sammelten sie sich in einem entlegenen Tale; es waren ihrer aber nicht mehr viele. Als Buck von ihrer Verfolgung zurückkam, fand er zunächst Peter, der schon auf seinem Lager im Schlafe erschlagen war. Thorntens verzweifelten Kampf laS er aus den Fußspuren im Sande und verfolgte sie bis hinunter an den fiefen dunklen See. Am Ufer, die Vorderfütze im Wasier, lag Skeet, treu bis in den Tod. Der See aber war trübe und schlammig, und was er enthielt. war nickt zu sehen. Buck aber wußte es. John ThorntenS Fuß- spuren führten hinein, aber nicht wieder heraus. Den ganzen Tag lag der Hund dort oder wanderte ruhelos um das Zelt. Der Tod war ein Aufhören jeder Bewegung, jedeS Lebens; das hatte er ost beobachtet und er wußte, daß John Thorn- ten tot war. Er fühlte eine große Leere in sich und ein Gefühl des Schmerzes, wie Hunger. Aber es war ein Hunger, der nie gestillt werden konnte. Zu Zeiten, wenn er den Spuren der Ase- hats nachjagte und wieder ein paar zu Tode brachte, dann vergaß er den Schmerz wohl auf Augenblicke, und Stolz erfüllte sein Herz. Er hatte das edelste Wild gehetzt, Menschen gejagt, Menschen ge- tötet, und zwar nach dem Gesetze des Reißzahnes, mit dem Recht des Stärkeren war es geschehen. Er beschnüffelte die Toten neu- gierig. Sie waren so leicht zu töten; mit einem Polarhund gab es einen viel bärteren Kampf. Menschen waren keine würdigen Gegner, wenn sie nickt Knüppel oder Speere hatten; er würde sie nie mehr fürchten, höchstens die Waffen in ihrer Hand. Die Nacht kam, und der Vollmond stand still am Himmel über den dunklen Bäumen. Buck lag traurig am Ufer des Sees. Da tönte ein Laut zu ihm herüber, den er kannte. Er klang so nah und klang doch fern. Es war der Ton. den er schon ost gehört hatte in einer anderen Welt, der Ton, den seine Erinnerung ihm bewahrt hatte. John Thornten war tot; jetzt wollte er dem Rufe folgen, denn das letzte Band war zerrissen, das ihn an die Menschheit band. Auf ihren Jagdzügen waren die Wölfe durch das Land der Ströme und Seen gezogen bis hier in das Tal. Im Mondschein kamen sie daher wie ein Silberstreifen, und Buck stand hoch auf» gerichtet, sie zu erwarten. Sie standen starr vor Schrecken, als sie ihn plötzlich sahen, und es dauerte lange, bis der kühnste unter ihnen zum Angriff vorsprang. Buck faßte ihn gut und brach ihm das Genick. Dann stand er wieder da, regungslos und still. Drei andere versuchten ihr Heil und zogen sich blutüberströmt zurück. Plötzlich sielen alle zusammen über ihn her, und nur seine fabelhaste Gewandtheit konnte ihn retten. Er schnappte nach rechts und nach links, war hier und dort zu gleicher Zeit, aller- wärts und nirgends. Er mußte sich nur vorsehen, daß er sich den Rücken freihielt. Langsam ging er rückwärts bis an die Bucht am See. Dort hatten sie beim Goldwaschen einen Haufen Sand und Steinchen aufgeworfen. Sich rückwärts schiebend, drängte er sich hinein, sodaß er von drei Seiten geschützt war und sich nur nach vorne zu verteidigen brauchte. Und so gut verstand er eS. daß die Wölfe sich nach einer halben Stunde mißmutig zurückzogen. Sie schnaubten vor Wut, und ihre weißen Zähne leuchteten unheimlich vor Mordlust. Sie wußten aber nicht, was sie zunächst tun sollten; einige legten sich mit gespitzten Ohren nicht weit von Buck hin, andere standen und beobachteten ihn scharf, während einige zum Wasser hinunter gingen und tranken. Endlich kam ein Wolf näher. Es war ein alter, magerer, halb lahmer Geselle; er hob die Nase schnuppernd
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27 (28.4.1910) 82
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