tn die Luft und kam dann freundlich knurrend näher. Da er» kannte Buck in ihm seinen wilden Bruder, mit dem er eine ganze Nacht und einen Tag durch die Wildnis gezogen war. Dann trat ein alter, mit Narben bedeckter Wolf herzu, der anscheinend auch freundlich gesinnt war. Buck aber fletschte die Zähne und knurrte grimmig. Da setzte sich der Wolf , richtete die Nase empor zum Mond und stieß ein jämmerliches Geheul aus. Buck horchte auf. DaS war der Ruf, jetzt erkannte er ihn genau, und eine unbestimmte Macht zwang ihn hervorzukommen, sich neben den Alten zu setzen und einzustimmen. Dann kam einer nach dem anderen heran, beschnupperte ihn und schloß sich dem Geheul an. Plötzlich sprang der Wolf auf und lief dem Walde zu, die anderen Wölfe folgten. An der Seite des wilden Bruders stürmte Buck laut bellend davon. Es dauerte nicht lange, bis die Deehats bemerkten, daß die Wölfe ihr Aussehen änderten. Einige hatten tiefbraune Flecken am Kopfe und ein weißes Mal vor der Brust. Und immer, wenn sie die Wölfe sahen, bemerkten sie an der Spitze des Rudels einen ungeheuer großen Wolf. Sie nannten ihn den Geisterwolf und fürchteten ihn mehr als alle anderen. Sie wußten wohl, daß er es war, der ihr Lager bestahl und ihre Fallen beraubte, aber er tat eS mit solcher Schlauheit, daß sie ihm nichts anhaben konnten. Sie gaben es auch auf, sich gegen ihn zu wehren, denn er zerriß alle ihre Hunde und furchtet« selbst ihre tapfersten Krieger nicht. Es waren viele, die sie schon mit aufgerissenem Halse gefunden hatten, und stets waren Spuren in der Nähe, die größer waren, als dre eines gewöhnlichen Wolfes. Jedes Jahr bei Beginn des Winters, wenn die Elche in die wärmeren Gegenden ziehen, und die Ueehats ihnen folgen, dann vermeiden sie ein gewiffes Tal. Viele Frauen verhüllten ihr Ge- sicht, wenn am Lagerfeuer davon gesprochen wurde, was einstmal geschehen ist, als der böse Geist dort zum ersten Male gesehen wurde. Dieses stille Tal hat aber einen Bewohner, und das ist ein großer Wolf mit seidenglänzendem, prächtigen Fell. Da, wo aus verrotteten Säcken von Elchhaut ein glänzender gelber Strom zwischen die langen Grashalme fließt, liegt er oft stundenlang und starrt still vor sich hin; manchmal geht er auch hinunter und sieht in das dunkle Wasser des stillen Sees, und«in Geheul, schrill und jämmerlich, erfüllt die Luft. Er ist nicht immer hier. Wenn die Wölfe vor den langen Winternächten des Norden? fliehen und ihren Beutetieren zum Süden folgen, dann läuft Buck m langen Sätzen an der Spitze des Rudels und stimmt beim bleichen Scheine der Mitternachtssonne mit ein in den uralten Sang der Wölfe. Björn ftjcnic Björn Ton, der stark und rauflustig wie das Raubtier, in seinem Namen Björe nämlich, der Bär, als Publizist, Lyriker, Dramatiker, Volksredner seit einem halben Jahrhundert den heimatlichen Norden in Atem gehalten, aber auch das übrige Europa zu erregen vermocht hat; der gleich dem Sternbild(Björnstjerne— der große Bär), das sein Rufname bezeichnet, am Himmel der Weltliteratur geblitzt:— er ist nicht mehr. Seltsam! Die Heimat verließ er wohl, mit Todesahnungen im Herzen, um am Strand der Seine zu sterben. Und wie anders hatte er doch vor fast drei Jahrzehnten gedacht und geschrieben? Als 1880 das Gerücht durch deutsche Blätter ging, daß Björnson, der heimischen Streitigkeiten satt, seinen Aufenthalt in München nehmen würde, schrieb er in einem Privatbrief:.Ich will iu Norwegen wohnen, ich will in Norwegen prügeln und ge- prügelt werden; ich will siegen und sterben in Norwegen ." Nun ist es anders gekommen. Aber wenn gleich; Björnson war ja in Paris ebenso heimisch, wie in Deutschland , Italien oder wie bei sich zu Hause zwischen Fjorden und Stranden. Jetzt, da ihn der Tod abgerufen, der bereits seit Monaten die Knochenhand mahnend auf des tatfrohen Recken breite Schulter gelegt hatte, jetzt empfin» den wir mehr denn je, was er auch uns gewesen. Ein Clan- Häuptling und zugleich Seher und Skalde schritt er durch seines Volkes Mitte. Oder noch ein anderer. Wie hatte er bei der Eni- hüllung des Wergeland-Denkmals am 17. Mai 1881 gesprochen? „Ihr habt wohl alle davon gehört, daß Henrik Wergeland eine Zeit lang mit den Taschen voller Baumsamen einherging, auf seinen Spaziergängen hie und da eine Hand voll hinauswarf und seine Kameraden veranlassen wollte, dasselbe zu tun: denn man könne nicht wissen, was daraus aufginge." Dies Gleichnis paßt auch auf Björnson. Er i st, hat einmal Georg Brandes gesagt, der große Säemann Norwegens . Das Land ist ein GebirgS- land, kahl und wild. Gar manch ein Saatkorn fällt auf felsigen Boden und wird vom Winde fortgeweht; aber wo Erde vorhanden, da ist sie auch empfänglich, die Aussaat ist reich und unermüdlich setzte Björnson seine Tätigkeit fort. Vieles von seiner Saat hat er ja selber noch aufsprießen gesehen; und manches wird noch aufgehen und diese Frucht wird späteren Geschlechtern zugute kommen. Björnson wurde am 8. Dezember 1832 in einem Tale des Dovrefjäld zu Kvikne, wo sein Vater Pfarrer war, geboren. ES war eine öde unfreundliche Gegend, wo der Knabe bis zum schul, Pflichtigen Alter heranwuchs. Als er sechs Jahre alt war, wurde der Vater nach Nässel in Romsdalen, der wegen ihrer Schönheit berühmtesten Gegend Norwegens versetzt. Hoch und mächtig steigen hier zu beiden Seiten des Tales die Felsen mit kühngeformten Zinnen empor, die nach und nach, während die Ebene sich senkt und man sich dem Fjord nähert, in immer merkwürdigeren Bil» düngen dem Auge erscheinen. Keine andere norwegische GebirgS- landschaft läßt sich mit Romsdalen vergleichen. Zudem ist hier der Boden ungemein fruchtbar; und demzufolge wohnt hier ein Volk, zahlreich an Köpfen und wohlhabend. Natürlich blieb dies Bild nicht ohne Einfluß auf des Knaben Gemüt. Die großartige Natur und das bewegte Volksleben erfüllten die empfängliche Seele des reichbegabten Jungen. Nach der kleinen Stadt Moide in die gelehrte Schule geschickt, organisierte er Vereine unter seinen Ka- meraden und wurde bald eine Art Führer der lernenden Jugend. Er selbst las alles, was ihm von Dichter- und Geschichtswerken vor Augen kam und es gab wohl nichts an heimatlicher Volks, litcratur, das er nicht kannte. Siebzehn Jahre alt, kam Björnson nach Kristiania , um sich zum Studentenexamen vorzubereiten. Hier führte er ein geistig vielfach bewegtes, stürmisches, übermütiges Jugendleben. Hier packte ihn auch das Theater mächtig an. Als der zwanzigjährige Student ins Elternhaus zurückkehrte und dort ein Jahr verbrachte, tat sich das Volksleben in neuer Beleuchtung seinen Augen auf. Er lebte mit dem Volke und dichtete ihm Lieder, die oft von den Bauern auswendig gelernt und gesungen wurden. Nach Kristtania zurückgekehrt, trat Björnson hauptsächlich als Theaterkritiker auf. schrieb mit der ganzen Gewaltsamkeit genialer Jugend, mit der ganzen Ungerechtigkeit eines angehenden alles über den Haufen werfenden Dichters und erwarb sich viele Feinde. Nebenher und unter bunten Studien literar-phllosophischer Art begann sein Talent für die Bühne zu keimen. Ein paar Aus- flüge in die Nachbarländer, zuerst eine Studentenfahrt nach Upsala, unmittelbar danach ein längerer Aufenthalt in Kopenhagen brach, ten seine verschiedenen dichterischen Anlagen in Schuß. Hatte er zuvor in kurzen, echt volksliederartigen lyrischen Gedichten seinen Schaffensdrang, wenn auch nicht befriedigt, so doch beruhigt, so schrieb er jetzt sein dramatisches Erstlingswerk:„Zwischen den Schlachten", ein kleines ernstes Schauspiel in einem Aufzug. daS eine Episode aus den norwegischen Bürgerkriegen des frühen Mittelalters behandelt. Es war im Gegensatz zu den breitrollenden wortreichen Jamben- dramen aus der Oehlenschlägerschen Schule in knapper schroffer Prosasprache geschrieben und leitete somit überhaupt eine neue Form des nordischen Stils ein. Indessen wurde Björnson sein Beruf, Bauernnovellen zu schreiben, immer klarer. Schon hatte er anonym mehrere kleinere Erzählungen veröffentlicht. Da gab er 1857„Shnnöve Solbakken" heraus. Dies Erstlingswerk war auch sein erster Sieg und fand begeisterte Aufnahme, vornehmlich in Dänemark , kraft der Ursprünglichkeit, der Neuheit de? Stoffs und der DarstellungS- weise. In der Folge hat dann Björnson zahlreiche Schöpfungen auf diesem Gebiet gegeben. Sie sind einzeln nacheinander in deutschen Uebertragungen erschienen und schließlich vor einigen Jahren im Verlag seines Schwiegersohns Albert Langen in Mün , chen in drei starken Sammelbänden vereinigt worden. Dann folgten Dramen. Zunächst solche, die er, gleich den Novellen auf nationalem Boden und in Zeiten vor sich gehen läßt, in denen das Nordgermanen- und Heidentum von dem eindringenden Südgermanen- und Christentum in noch helleres Lichl ge- stellt wird, ohne daß man sagen könnte, ber Dichter Hütte tendenzwS Partei für das eine oder das andere genommen, oder die relative Berechtigung des einen oder des anderen geleugnet. ES waren die Dramen„Sigurd Slembe" und„Arnljot Gelline", überall der- selbe Typus: der geborene Häuptling, zum Wohltäter geschaffen, dem man aber sein Recht vorenthält, und der durch all das Un- recht, daS er erleidet, gezwungen wird, obwohl er das Beste will, auf dem Wege zu diesem Ziel eine ganze Menge Böses zu ver- üben. In die Zeit nun, wo Björnson zweimal Theaterdirektor war(1857— 1859 in Bergen, 1865— 1867 in Christiania ) fallen zwei Dramen aus seinem ersten Lebensabschnitt,„Maria Stuart " und das Lustspiel„Die Neuvermählten". deren letztgenanntes sowohl in der Heimat wie auch in Deutschland Erfolg errang. Allmählich hatten sich auch die Einflüsse der modernen Zeit in Norwegen geltend gemacht. Anfangs der siebziger Jahre entstand eine neue geistige und literarische Bewegung, die ihre Nährkrast von Frankreich erhielt. Alle Ideen dieser Epoche waren zwar in Björnsons Dichtergeist eingedrungen, ohne daß er sich ihrer cndeS sonderlich bewußt gewesen. Dann lag mit einem Male die mo- derne Welt vor seinem Blick. Er bekam, wie er es einmal in einem Privatbrief ausdrückte,„die Augen, die sahen, die Ohren, die hörten". Er erkannte die Bedeutung des 13., aber auch die un» gleich gewaltigeren Aufgaben des 19. Jahrhunderts. Ueber dieser Klärung verstrichen mehrere unproduktive Jahre. Dann sprang Björnson mit dem Schauspiel„Ein Fallisse» ment" mitten ins moderne Leben hinein. In diesem Schau- spiel behandelt er als erster in Norwegen ein kapitalistisches Pro- blem: die Tragikomödie des Geldes. Dies Drama wurde 1874 auch in Deutschland und zwar in Berlin erstmalig gegeben, ohne
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27 (28.4.1910) 82
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