Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 93.

61]

Die Arena.

Sonnabend, den 14. Mai.

KRagbrus berboten.

Roman von Vicente Blasco Ibanez . Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Gallardo sette sich an den eleganten Tisch, auf dem eine Anzahl von Bronzestatuetten stand, und fand auf seiner Platte nichts Ungewöhnliches, außer dem Staube von mehre ren Tagen. Der hohe geräumige Schreibtisch mit zwei Me­tallpferden darauf trug auch das weiße und reinliche Tinten faß. Die prächtigen, oben mit kleinen Hundeköpfen verzierten Halter waren ohne Federn. Der große Mann brauchte nicht zu schreiben. Don José, sein Verwalter, besorgte die Ron­trafte und alle anderen Dokumente seines Berufs, und er, der Maestro, unterzeichnete sie bedächtig und schwerfällig auf einem kleinen Tisch im Klub der Sierpesstraße.

1910

von denen, die über die Corridas schreiben und nicht einmal fähig find, in der Arena mit dem Mantel umzugehen.

Sein einsamer Aufenthalt im Arbeitszimmer trug nut dazu bei, seine Unruhe an jenem Morgen noch zu vergrößern. Ohne zu wissen warum, blieb er in den Anblick des Stiers topfes bersunken, und die Erinnerung an die schlimmste Be gebenheit aus seinem Berufsleben trat lebhaft vor sein geistiges Auge. Es war eine Genugtuung für den Sieger, den Kopf jener wilden Bestie zu allen Stunden sichtbar in feinem Bimmer zu haben. Wie viele Schweißtropfen hatte sie ihm im Zirkus von Saragossa verursacht! Gallardo glaubte, daß jener Stier soviel Berständnis gehabt habe wie ein Mensch. Unbeweglich und mit teuflischer Bosheit in feinen Blicken wartete er, daß der Matador herankäme, und suchte stets, diesen am Körper zu treffen, statt auf das rote Tuch loszugehen. Die Degenstöße gingen durch die Luft, ohne ihn zu verwunden, indem er sie mit seinen Kopfbewe gungen parierte. Das Publikum wurde ungeduldig, pfiff und verhöhnte den Stierfechter; diefer ging dem Stiere nach, von einer Seite des Rings zur andern, klar bewußt, daß er bei einem direkten Zusammenstoß verlieren würde, bis er Als Don José anfing, seinen Maestro als den Stier schließlich schweißtriefend und erschöpft eine Gelegenheit wahr fechter der Aristokratie herauszustreichen, fühlte auf einmal nahm, den Kampf durch einen verräterischen Seitenstoß nach Gallardo das Bedürfnis, sich dieser Auszeichnung würdig zu dem Halse zu beendigen, unter dem wütenden Gebrüll der zeigen, und er verlegte sich aufs Lernen, damit seine hochge- Buschauer, die Flaschen und Orangen nach ihm herunter­stellten Freunde nicht über seine Unwissenheit spotten konnten, warfen. Eine schmachvolle Erinnerung!... Gallardo hielt wie sie es bei anderen seiner Berufsgenossen taten. Eines schließlich seinen Aufenthalt im Zimmer und den Anblick des Tages trat er mit entschlossener Miene in eine Buchhand- unseligen Stierkopfes von so übler Vorbedeutung, wie die lung ein. Begegnung mit der Einäugigen.

Seitlich befand sich der Bücherschrank aus Eichenholz mit stets geschlossenen Glastüren, durch die hindurch mehrere Reihen stattlicher Bände von achtunggebietender Größe und prächtigem Goldschnitt sichtbar waren.

,, Schicken Sie mir für dreitausend Pesetas Bücher ins

Haus."

Und als der Buchhändler zögernd dastand, als ob er ihn nicht verstände, wiederholte der Stierfechter mit größerem Nachdruck:

Bücher, verstehen Sie mich nicht?... Bücher von der besten Sorte und, wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben, mit Goldschnitt."

Gallardo war vom Aussehen seiner Bibliothek befriedigt. Wenn im Klub über etwas gesprochen wurde, das er nicht ver­stand, lächelte er mit einem Ausdruck der Zustimmung und sagte wie zu sich selbst:

Mir scheint, das muß in irgend einem der Bücher stehen,

die ich im Schreibzimmer habe."

An einem regnerischen Nachmittag, an dem er im Hause herumstreifte, ohne zu wissen, was er tun sollte, öffnete er Schließlich den Schrank mit großem Respekt und nahm einen Band, den größten, heraus, als ob es ein seinem Heiligtum entriffener Gott wäre. Er verzichtete auf das Lesen der be­druckten Seiten und fing an, die Blätter herumzuwenden, in­dem er mit findlicher Freude die Bildertafeln betrachtete. Löwen , Elefanten, Pferde mit wilder Mähne und feurigen Augen, Esel mit farbigen Streifen, wie nach einem Linien­blatt gemalt Der Stierfechter ging sorglos auf dem Wege der Gelehrsamkeit weiter, bis er auf die buntgemalten Ringe einer Schlange stieß. Uh! das Wesen, das böse Wesen! Krampfhaft schloß er die Mittelfinger seiner Hand und richtete den Zeigefinger und den kleinen Finger wie Hörner auf, um das böse Geschick zu beschwören. Er wollte weiter blättern, aber alle Tafeln waren boll von schredlichen Rep­tilien, und er hörte auf, schloß das Buch mit zitternden Hän­den und stellte es in den Schrank zurück, indem er die Worte: Eidechsel Eidechsel" aussprach, um den Einfluß dieser un­liebsamen Begegnung zu beschwören.

Seitdem wanderte der Schlüssel zum Bücherschrank zwischen Drucksachen und alte Briefe, in die Schublade des Tisches, ohne daß jemand sich seiner erinnert hätte. Der Stierfechter fühlte kein Bedürfnis zum Lesen. Wenn seine Anhänger mit einer Fachzeitschrift zu ihm tamen, die Feuer und Flammen spie", das heißt, worin feine Nebenbuhler heruntergemacht wurden, gab Gallardo sie seinem Schwager oder Carmen zum Vorlesen, wobei er, an der Bigarre fauend, mit einem seligen Lächeln zuhörte:

So ist's recht. Diese Zeitungsschreiber sind doch präch tige Kerle!"

Wenn die Zeitungen gegen Gallardo losgingen, las nie­mand sie ihm vor, und der Stierfechter sprach mit Berachtung

,, Verdammte Bestie, verflucht du und dein Herr, der dich aufgog! Wenn doch das Gras, das alle deines Gelichters fressen, zu Gift würde!"

Garabato erschien, um ihm anzuzeigen, daß einige Freunde ihn im Patio erwarteten. Es waren überschwäng liche Verehrer des Schauspiels, seine aufrichtigen Anhänger, die ihn in den Tagen der Kämpfe zu besuchen pflegten. Der ging hinaus mit erhobenem Haupt und stolzer Haltung, wie Matador vergaß augenblicklich alle seine Befürchtungen und wenn alle jene Stiere, die ihn in der Arena erwarteten, seine persönlichsten Feinde wären und er feinen größeren Wunsch hätte, als ihnen so bald als möglich gegenüber zu stehen und sie mit sicherem Stoß niederzuwerfen.

Er wenig und allein, wie er es an Kampftagen ge­wohnt war. Als er sich zum Ankleiden anschickte, zogen sich die Frauen zurüd.

Der Abschied war, wie zu früheren Malen, verstörend und bedrückend für Gallardo. Die Flucht der Frauen, um seinen Weggang nicht zu sehen, das schmerzliche Sichaufraffen Carmens, die, während sie ihn zur Tür begleitete, alle An strengungen machte, um ruhig zu bleiben, die erstaunte Neu­gierde der kleinen Neffen, alles griff den Stierfechter an, der aber, als die Stunde der Gefahr herangerückt war, seinen stolzen Mut wiedergewonnen hatte.

"

,, Als ob man mich zum Galgen führte, Donnerwetter! Lebt wohl, bis nachher! Verhaltet Euch nur ruhig, es wird nichts passieren."

Und er stieg in den Wagen, nachdem er sich durch die vor seinem Hause aufgestellten Nachbarn und Neugierigen hin­durch, die dem Sennor Juan gut Glück wünschten, Bahn ge­brochen hatte.

Wenn der Stierfechter in Sevilla auftrat, war die Un­ruhe der Seinigen während des Nachmittags größer als ge­wöhnlich. Es fehlte ihnen die ruhige Ergebung, mit der sie sonst geduldig die einbrechende Nacht und das Eintreffen des Telegramms erwarteten. Hier entfaltete sich die Gefahr in unmittelbarer Nähe und erzeugte den angstvollen Wunsch, von Viertelstunde zu Viertelstunde über den Kampf unter­richtet zu werden.

Der Sattler in seinem hellfarbigen Anzug und mit seinem seidenartigen weißen Filzhut wie ein vornehmer Herr gekleidet, erbot sich, den Frauen Nachrichten zugehen zu lassen, obwohl er über die Grobheit seines berühmten Schwagers ungehalten war. Nicht einmal einen Sig im Wagen der Cuadrilla hatte er ihm angeboten, um ihn zum Birkus zu führen! Nach dem Ende eines jeden Stiers, den Juan au