Anterhaltungsblatt des Dorwärts A!r. 95. Donnerstag den 19 Mai. 1910 SSZ Oie)Zrena. SiachdruS teaatea.) Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Du weiht eben nicht, was diese Frau istl Du, Sebastian. bist ein braver Kerl, der nicht weiß, was gut ist. Betrachte alle Weiber von Sevilla zusammengenommen, sie sind nichts. Betrachte die von allen anderen Städten und Orten, sie sind gar nichts. Es gibt keine andere neben Donna Soll Wenn man eine kennt, wie die da, so hat man keine Lust mehr zu anderen... Fertig, sag ich Dir. Wenn Du sie kennen würdest wie ich, mein Junge I Unsere eigenen Weiber duften nach Reinlichkeit, nach sauberer, weißer Wäsche, aber diese da. Sebastian, diese!... Stelle Dir vor, alle Rosen im Garten des Alcazar zusammen!... Nein, noch besser: Duft von Jasmin, Geisblatt, Winde, wie sie wahrscheinlich im Para- diesgarten blühten, und diese wunderbaren Wohlgerüche kommen aus ihr heraus, nicht als ob sie sich damit parfü- mierte, sondern als kämen sie von ihrem Blute. Sie ist auch nicht von denen, die nach einem einmaligen Genutz ganz ver- braucht sind. Im Gegenteil, man will immer mehr von ihr haben. Bei ihr bleibt immer noch etwas zu begehren, etwas. das man erwartet und das nicht eintrifft. Kurzum, Se­bastian, ich ttnn mich nicht deutlich erklären... Du weißt eben nicht, was eine Dame ist: somit predige mir nicht und halte den Mund." Gallardo erhielt keine Briefe mehr aus Sevilla . Donna Sol war im Ausland. Er sah sie einmal in San Sebastian . Die schöne Frau war in Biarritz und kam in Begleitung einiger französischer Damen, die den Stierfechter kennen zu lernen wünschten. Eines Nachmittags sah er sie. Dann ver» reiste sie. Während des Sommers erhielt er von ihr nur unbestimmte Nachrichten aus wenigen Briefen, die ihm zu- gingen, und aus Mitteilungen seines Verwalters, der durch den Marquis de Moraima unterrichtet war. Sie befand sich in vornehmen Badeorten, deren Namen der Stierfcchter zum ersten Male hörte und die auszusprechen ihm ein Ding der Unmöglichkeit war. Später erfuhr er, daß sie in England reiste und darauf nach Deutschland gegangen war, um in einem herrlichen Theater, das alljährlich nur während kurzer Wochen geöffnet war, einige Opern zu hören. Gallardo hatte die Hoffnung, sie wiederzusehen, beinahe auf- gegeben. Sie war ein abenteuerlustiger und unsteter Zug- Vogel, von dem nicht zu erwarten war, daß er neuerdings zu Beginn des Winters sein Nest in Sevilla wieder aufsuchen würde. Diese Möglichkeit, fiß nicht mehr anzutreffen, stimmte den Stierfechter traurig. Die Gedanken wurden ihm manch- mal zur unerträglichen Qual. Sie nicht mehr wiederzu- sehen!... Weshalb denn das Leben aufs Spiel setzen und berühmt sein? Was nützte dann aller Beifall der Menge?.. Der Verwalter beruhigte ihn. Sie werde schon zurück- kehren: er war dessen sicher. Donna Sol war, bei allen ihren Sonderlichkeiten, eine Prakttsche Frau, die das Ihrige zu- sammenzuhalten wußte. Sie war genötigt, den Beistand des Marquis in Anspruch zu nehmen, um den verwickelten Zu- stand ihres eigenen Vermögens und der Hinterlassenschaft ihres Mannes zu ordnen, die beide durch langen und glänz- vollen Aufenthalt im Auslande Einbuße erlitten hatten. Zu Ende des Sommers kehrte der Stierfechter nach Sevilla zurück. Es blieben ihm noch eine hübsche Anzahl von Stierkämpfen fiir den Herbst übrig, jedoch wünschte er wäh- rcnd einer Monatspause der Ruhe zu Pflegen. Seine Familie befand sich am Strand zu Sanlucar, um die etwas schwächliche Gesundheit seiner jungen Neffen durch die Meeresluft zu stärken. Gallardo erzitterte vor Aufregung, als ihm der Ver- Walter eines Tages anzeigte, das Donna Sol soeben zurück- gekehrt war, ohne daß jemand sie erwartet hätte. Sofort begab sich der Stierfechter zu ihr, und schon nach wenigen Worten fühlte er sich eingeschüchtert durch ihre frostige Höflichkeit und den seltsamen Ausdruck ihrer Augen. Sie sah ihn an, als wäre er ein anderer geworden. Ihre Blick? schienen ein gewisses Befremden über das rauhe Aeußere des Stierfechters, über den Unterschied zwischen ihL und den ungeschlachteten Stiertöter zu verraten. Auch er bemerkte die Kluft, die sich zwischen ihnen zll öffnen schien. Sie kam ihm vollständig verändert vor, wis eine vornehme Dame von anderer Rasse und anderer Her« kunst. Beide sprachen mit Ruhe. Es hatte den Anschein, als ob sie das Vergangene vergessen hätte und Gallardo hatte Wederz den Mut. sie daran zu erinnern, noch wagte er den geringsten Annäherungsversuch, da er einen ihrer Zornesausbrücho fürchtete. Sevilla !" sagte Donna Sol nachlässig.Ja, sehr schön und angenehm. Aber es gibt noch anderes in der Welt! Ich muß Euch sagen, Gallardo, daß ich den ersten besten Tag für immer auf und davon fliegen werde. Ich sehe hier Zeiten der Langeweile kommen. Mir kommt es vor, als habe man mir mein Sevilla umgewandelt." Sie duzte ihn schon nicht mehr. Einige Tage verstrichen, ohne daß der Stierfechter bei seinen Besuchen es versucht hätte, auf die Vergangenheit anzuspielen. Er beschränkte sich darauf, sie schweigend mit seinen kohlschwarzen, glühenden, anbeten» den, tränenfeuchten Augen anzublicken. Ich langweile niich, bald mach ich mich auf und davon," rief die Dame bei jeder ihrer Zusammenkünste aus. Von neuem trat ihm der imposante Diener mit hoch» fahrender Geberde an der inneren Tür entgegen, um ihm mitzuteilen, daß die Sennora ausgegangen sei, während ev ganz bestimmt wußte, daß sie zu Hause war. Eines Nachmittags sprach er mit ihr von einem kurzen Ausflug, den er nach seinem Gut La Rinconada zu machen hatte, um einige Oelbaumpflanzungen zu sehen, die sein Ver- Walter während seiner Abwesenheit gekauft hatte. Auch wollte er sich über den Stand der Feldarbeiten unterrichten. Der Gedanke, den Stierfechter bei diesem Ausflug zu be- gleiten, erschien Donna Sol anfänglich widersinnig und zwang sie zu einem Lächeln. Auf jenes Gut zu gehen, wo die Fa» milie Gallardos einen Teil des Jahres zubrachte! Mit dem Lärm ihres exotischen Sündenlebens in jenen ruhigen Frieden des Landlebens eindringen! Das Unsinnige dieser Zumutung brachte sie zum Ent- schluß. Sie würde mitgehen; es interessiere sie, La Rinco- nada kennen zu lernen. Gallardo erschrak. Er dachte an das Gesinde des Guts, an die Schwätzer, die der Familie von diesem Ausflug er- zählen konnten. Jedoch ein Blick von Donna Sol drängte alle seine Bedenken zurück. Wer weiß!.... Vielleicht würde ihm dieser Ausflug ihre frühere Gunst wiedergewinnen helfen. Er wollte indessen diesem Wunsch ein letztes Hindernis entgegenstellen. Und Plumitas?... Bedenken Sie, daß er jetzt, wie es scheint, in der Nähe von La Rinconada herumstreift." Ha, so, Plumitas!" Das von Langeweile getrübte Gesicht Donna Sols erschien plötzlich wie von einer inneren Flamme verklärt. Sehr merkwürdig! Es sollte mich freuen, wenn Ihr ihn mir vorstellen könntet." Gallardo bereitete also die Reise vor. Er hätte ge- wünscht, allein zu gehen, aber die Begleitung von Donna Sol zwang ihn, Verstärkung zu suchen, da er eine unliebsame Be- gegnung auf dem Wege befürchtete. Er suchte den Picador Potage auf, einen stumpfen Ge- sellen, der sonst nichts auf der Welt fürchtete, als seine Zigeu- nerin von einer Frau, die, wenn sie seiner Schläge müde war, ihn zu beißen suchte. Dem hatte er keine Auseinander- setzungen, sondern nur Wein zur Genüge zu spenden. Der Alkohol und die furchtbaren Stürze in der Arena erhielten ihn in beständiger Betäubung, wie wenn ihm der Kopf brauste, gestattete ihm nur langsame Worte und einen undeut- lichen Anblick der Außenwelt. Er beauftragte auch den Nacional, mit ihnen zu kommen; es war dies ein Mann mehr, und obendrein ein unbedingt verschwiegener. Der Banderillero gehorchte aus Unterwürfig- keit, knurrte aber zwischen den Zähnen, als er hörte, daß Donna Sol auch dabei war. Beim Leben der blauen Toubej