Unterhaltungsblatt des Dorwärls Nr. 97. Sonnabend, den 21 Mai. 1910 (N-chdruS vir»«!».) S5] Die Hrena. Roman von Vieente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von I u l i o B r o u t a. Hört, Sennor Juan. Ich bin gekommen, um das Der- gnügen zu haben. Euch zu sehen, und weil ich weiß, daß Ihr ein Ehrenmann und unfähig seid, mich zur Anzeige zu brin- gen.... Uebrigens werdet Ihr von Plumitas gehört haben. Es ist nicht leicht, ihn zu fangen, und der, der sich an ihm ver- greifen will, hat die Folgen zu tragen." Bevor der Maestro antworten konnte, legte sich der Picador dazwischen. Plumitas, fei kein Esel. Solange Du Dich gut auf- führst und anständig beträgst, bleibst Du hier unter guten Freunden." Der Bandit beruhigte sich schnell und sprach mit dem Picador von seinem Pferde, dessen Verdienst er hervorhob. Beide Männer redeten sich in ihre wilde Pferdeliebhaberei hinein, die sie die Pferde liebevoller als die Menschen behan- dein ließ. Gallardo ging, noch etwas unruhig, in der Küche herum, während die gebräunten, mannhaften Arbeiterfrauen das Feuer schürten und das Frühstück bereiteten, wobei sie nicht umhin konnten, den berüchtigten Plumitas von der Seite zu betrachten. Bei einem seiner Umgänge kam der Stierfechter in die Nähe des National, den er heimlich beauftragte, Donna Sol auf ihrem Zimmer zu bitten, gefälligst nicht herunterzu- kommen. Der Bandit würde sich gewiß nach eingenommenem Frühstück entfernen. Weshalb sich vor dieser traurigen Per- sönlichkeit sehen lassen? Der Banderillero verschwand, und Plumitas, da er sah, daß der Torero nicht an der Unterhaltung teilnahm, wandte sich zu diesem, indem er ihn mit Interesse über die ihm noch in diesem Jahre bevorstehenden Stiergefcchte befragte. Ich hin Gallardist, wißt Ihr? Ich habe Euch viel öfter Beifall zugeklatscht, als Ihr vermutet. Ich sah Euch in Se- Villa, in Jaen , in Cordova... an vielen Orten." Gallardo war außer sich vor Erstaunen. Wie konnte er, dem ein wahres Heer von Verfolgern auf den Fersen war, ruhig den Stiergefechten beiwohnen? Plumitas lächelte mit überlegener Gebärde. Ach was! Ich gehe, wohin es mir beliebt. Ich komme überall hin." Sodann erzählte er von den verschiedenen Malen, wo er den Stierfechter auf seinem Wege, teils allein, teils in Be- gleitung, angetroffen hatte, wobei dieser aus der Landstraße dicht an ihm vorbeigekommen sei, ohne auf seine Person zu achten, als sei er ein armer Tagelöhner zu Pferde gewesen, der in irgendeiner nahen Hütte etwas auszurichten hatte. Als Ihr von Sevilla kamt, um die beiden Mühlen dort unten zu kaufen, begegnete ich Euch auf dem Wege. Ihr trugt fünftausend Duros bei Euch Ist's nicht so? Sagt die Wahrheit. Ihr seht, daß ich wohl unterrichtet bin... Ein anderes Mal sah ich Euch auf einem jener Dinger, die man Automobile nennt, mit einem anderen Herrn aus Sevilla , der, wie ich glaube, Euer Verwalter war. Ihr gingt zum Unterzeichnen der Kaufkontrakte der Olivenpflanzung und hattet ein noch größeres Stück Geld bei Euch." Gallardo dachte einen Augenblick nach und mußte die Genauigkeit dieser Tatsachen zugeben, indem er mit leb- haftestem Erstaunen diesen so von allem unterrichteten Mann betrachtete. Und der Räuber gab, um weiter seine Großmut dem Stierfechter gegenüber zu bekunden, der Geringschätzung Ausdruck, die Hindernisse ihm einzuflößen pflegten. Ihr seht, jene Automobile... Dummheiten! Solche Dinger bringe ich mit nichts anderem, als diesem hier zum Stillstehen(er zeigte auf sein Gewehr). In Cordova hatte ich mit einem mir verfeindeten Herrn ein Hühnchen zu rupfen. Ich führte mein Pferd auf eine Seite der Landstraße, und als die Teufelsmaschine, Staubwolken aufwerfend und nach Petroleum stinkend, herankam, rief ich: Halt! Sie wollte aber nicht anhalten, und da sandte ich ihm eine Kugel ins Rad: kurzum, das Automobil kam einige Meter weiter zum Stillstehen, ich hätte sonst den Chauffeur niedergeschossen, und ich stieß im Galopp zu dem Herrn und brachte die Angelegen» heit in Ordnung. Einer, der eine Kugel schickt, wohin ex will, kann alles auf dem Wege anhalten." Gallardo hörte verblüfft zu, wie Plumitas mit berufs» mäßiger Natürlichkeit von seinen Taten auf der Landstraße erzählte. Euch anzuhalten, dazu hatte ich keinen Grund. Ihr seid von Haus arm, wie ich, habt aber mehr Glück und mehr von dem, was man in seinem Beruf haben muß, und wenn Ihr Geld gemacht habt, so ist es wohl verdient. Ich habe großen Respekt vor Euch, Sennor Juan. Ich habe Euch gern, weil Ihr ein gewissenhafter Stierfechter seid, und ich eine Vorliebe für mutige Männer habe. Wir beide sind fast Kameraden, im Grunde genommen; wir leben, indem wir unser Leben in die Schanze schlagen. Dagegen Hab' ich Euch niemals ange» griffen und nicht einmal ein wenig Tabak abgefordert; ich war da auf dem Weg, damit Euch niemand ein Haar krümmte, und um aufzupassen, daß nicht irgendein Unverschämter die Gelegenheit benützte, und Euch den Weg versperrte, unter der Angabe, er sei der Plumitas; denn noch unglaublichere Dinge sind schon vorgekommen." Eine unverhoffte Erscheinung schnitt dem Räuber das Wort ab und erzeugte auf dem Gesicht des Stierfechters eine Gebärde des Unwillens. Verdammt auch! Donna Soll Hatte denn der Nacional seinen Auitrag nicht ausgerichtet?... Der Banderillero kam hinter der Dame her und machte von der Küchentür aus mehrere Zeichen der Entmutigung, um dem Maestro anzudeuten, daß seine Bitten und Ratschläge fruchtlos geblieben waren. Donna Sol erschien im Reiseüberrock, das in der Eile gekämmte und befestigte goldene Haar unbedeckt. Plumitas im Landhause! Während eines Teiles der Nacht hatte sie mit einem wohligen Zusammenschauern an ihn gedacht und sich vorgenommen, am folgenden Morgen die an La Rinconada anstoßenden einsamen Gegenden zu Pferde zu durchstreifen, in der Hoffnung, daß ihr gutes Glück sie auf den merkwllrdi- gen Banditen stoßen lassen werde. Und als ob ihre Gedanken auf weite Entfernungen hin Einfluß hätten und die Leute heranzuziehen imstande wären, hatte der Räuber ihren Wün- schen entsprochen und sich am frühen Morgen im Landhause eingefunden. Plumitas! Dieser Mann rief in ihrer Einbildungskraft das vollständige Bild eines Räubers hervor. Sie hatte fast nicht nötig, ihn zu sehen; sie würde von seinem Anblick kaum überrascht sein. Sie sah ihn vor sich stehen, hochgewachsen. schlank, von leichtgebräunter Gesichtsfarbe, den spitzen Hut über einem roten Kopftuch, unter welchem glänzend schwarze Haarbüschel hervortraten; von gelenkigem, in schwarzen Samt gekleideten Körper, die von einem purpurfarbenen Seiden- tuche umgürteten Hüften hin und her wiegend, die Beine in dunkelbraunen Ledergamaschen steckend: ein fahrender Ritter der andalusischen Steppen, ungefähr den schmucken Tenoren gleichend, die inCarmen " die Soldatenuniform abstreifen, um als Opfer der Liebe zu Schmugglern zu werden. Ihre durch die Ausregung vergrößerten Augen schweiften durch den Küchenraum, ohne einen spitzen Hut oder eine Donnerbüchse zu erblicken. Sie sah einen Unbekannten, der sich aufrecht stellte, eine Art Feldhüter mit Gewehr, wie sie deren manchmal auf den Besitzungen ihrer Verwandten ange- troffen hatte. Guten Tag, Frau Marquise..« Und Ihr Herr Oheim, gehts ihm immer noch gut?" Die Blicke der Anwesenden, die sämtlich auf jenen Mann gerichtet waren, ließen sie den wahren Sachverhalt erraten. Ach, war das der Plumitas?... Durch die Gegenwart der Dame eingeschüchtert, hatte er mit unbeholfener Höflichkeit seinen Hut abgenommen und blieb mit dem Karabiner in einer Hand und dem alten Filz in der anderen stehen. Die Worte des Banditen setzten Gallardo immer mehr in Erstaunen. Dieser Mensch kannte jedermann; er wußte, wer Donna Sol war, in feiner übertriebenen Ehrfurcht er» streckte er den Rang ihrer Familie auch auf sie, LUt