Nnterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 128. Dienstage den F. Juli. 1910 l?!achdcull xerbolia.) «I vie Urem» Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Diese Bemerkung stimmte Carmen ruhiger und bewirkte, daß sie sich den Anordnungen ihres Schwagers fügte. Sie ließ sich nach einem anderen Hotel bringen und verbrachte dort den ganzen Vormittag auf einem Sofa ihres Zimmers liegend und unter Tränen, als hielte sie ihr Unglück für be- siegelt. Der Sattler, der sich freute, sich in Madrid und gut logiert zu befinden, geriet in Unwillen über diese Ver- zweiflung, die ihm lächerlich vorkam. Zum Kuckuck auch mit Euch Weibern! Man könnte glauben, Du seiest bereits eine Witwe, und dabei ist Dein Mann jetzt bei voller Kraft und bereitet sich, gesund und munter, zum Kampfe vor. Welche Narrheit!..." Carmen rührte das Mittagessen kaum an und verhielt sich taub gegenüber den Lobsprüchen, die ihr Schwager der Hotelküche spendete. Am Nachmittag schwand ihre ruhige Ergebenheit wieder. Das Hotel war in der Nähe der Puerta del Sol gelegen, und der Lärm der bewegten Menge, die sich nach dem Stier- platz begab, drang zu ihren Ohren. Nein, sie konnte nicht bleiben in dieser fremden Wohnung, während ihr Mann sein Leben riskierte. Sie mußte ihn sehen. Es fehlte ihr der Mut, den Anblick des Schauspiels zu ertragen, aber sie wollte sich in seiner Nähe fühlen und im Zirkus sein. Wo ist der Zirkus?... sie hatte ihn nie gesehen. Wenn sie nicht Ein- tritt erlangen könnte, würde sie in seiner Umgebung herum- streifen. Die Hauptsache war, in der Nähe Gallardos zu sein. da sie glaubte, dadurch Einfluß auf sein Schicksal zu haben. Der Sattler sträuhte sich dagegen! Himmel nochmal... Er hatte die Absicht, dem Stiergefecht beizuwohnen, er war aus dem Hotel gegangen, um eine Eintrittskarte zu kaufen, und nun verdarb ihm Carmen das Vergnügen mit ihrem hartnäckigen Vorsatz, nach dem Zirkus zu gehen. Was in aller Welt willst Du denn dort anfangen? Was .soll Deine Gegenwart dort nützen?.,. Bedenke, wenn Juanillo Dich dort sieht." Sie stritten lange hin und her, aber allen seinen Gründen gegenüber hatte die Frau nur die eine zähe Antwort: Du brauchst mich nicht zu begleiten... ich werde schon allein gehen." Der Schwager gab schließlich nach, und in einer Droschke fuhren sie nach dem Zirkus, in den sie durch die Tür, die zu den Pferdeställen führt, eintraten. Dem Sattler waren der Zirkus und seine Gebäude gut in der Erinnerung, da er Gallardo einmal auf der Reise nach Madrid zu den Frühlings- kämpfen begleitet hatte. Er und der Zirkusangestellte waren unentschlossen und übel gelaunt durch die Gegenwart dieser Frau mit geröteten Augen und eingefallenen Wangen, die noch im Hofe stand, ohne zu wissen, was sie anfangen sollte... Die beiden Männer fühlten sich vom Lärm der Menge und von den Tönen der Musik im Zirkus angezogen. Sollten sie den ganzen Nachmittag da stehen bleiben, ohne das Stiergefecht zu sehen? Der Angestellte kam auf einen guten Einfall. Wenn die Sennora in die Kapelle einzutreten wünschte?.." Der Aufmarsch der Cnadrilla war zu Ende. Durch die Tür, tvelche zur Arena führte, kehrten einige Pferde trabend zurück. Es waren die Picadoren, die vor der Hand noch unbeschäftigt waren und aus dem Ring heraustraten, um später, sobald die Reihe an sie kommen würde, ihre Gefährten zu ersetzen. An einige in die Mauer geschlagene Ringe gebunden, standen sechs gesattelte Pferde in einer Reihe, die ersten, die in die Arena an Stelle der untauglich gewordenen geführt werden sollten. Hinter ihnen vertrieben sich die Picadoren die Zeit damit, ihre Pferde Bewegungen ausführen zu lassen. Ein Stallknecht, der eine leicht scheuende Stute ritt, ließ sie durch den Hofraum galoppieren, um sie zu ermüden, und übergab sie dann den Picadoren. Die von den Fliegen gepeinigten Pferde klugen auS pnd zogen an den Ringen, als witterten sie die nahs Gefahr. E«*-- Die übrigen trabten umher, von den Sporen ihrer Reite? angefeuert. Carmen und ihr Schwager mußten sich unter die Rund«. bogen zurückziehen, und schließlich nahm die Frau des Stier« fechters die Einladung an, in die Kapelle zu treten. Es war ein sicherer, ruhiger Ort, an dem sie etwas zugunsten ihres Gemahls verrichten konnte. Als sie sich in dem heiligen Raum befand, der vom Dunst der Zuschauer, die deni Gebet der Stiersechter beigewohnt hatten, erfüllt war, fielen die Blicke Carmens auf den ärm» lichen Altar. Vor dem Bilde der Jungfrau mit der Taube brannten vier Lichter, aber es schien ihr nur ein magerer Tribut. Sie öffnete ihre Börse, um dem Angestellten ein Talerstück zu überreichen. Könnte er nicht mehr Kerzen bringen?.., Der kratzte sich den Kopf. Kerzen, Kerzen?... Unter den Gerätschaften des Zirkus glaubte er keine finden zu können. Plötzlich erinnerte er sich der Schwestern eines Matadors, die jedesmal, wenn dieser austrat, Kerzen mitbrachten. Die letzten seien kaum aufgebraucht worden und mußten in einer Ecke der Kapelle liegen. Nach langem Suchen fand er sie. Es fehlten Kerzenständer, aber der Angestellte war nicht verlegen und brachte ein paar leere Flaschen, in deren Hälse er die Kerzen steckte, um sie an die Seite der übrigen Lichter zu stellen. Carmen war niedergekniet, und die beiden Männer be« nutzten den Augenblick, um in den Zirkus zu eilen und dem Anfang des Gefechts beizuwohnen. Die Frau betrachtete neugierig das verschwommene, von den Lichtern gerötete Heiligenbild. Sie kannte diese Jung- frau nicht, diese mußte aber wohl milde und gütig sein, wie die zu Sevilla , zu der sie sonst gebetet hatte. Uebrigens war sie die Jungfrau der Stierkämpfer, deren letzte Gebete sie vernahm, wenn die nahe Gefahr die rauhen Männer an- dächtig stimmte. Auf diesem Boden hier hatte ihr Mann oftmals gekniet. Und dieser Gedanke genügte, daß sie sich von dem Bilde angezogen fühlte und es mit gläubigem Ver« trauen betrachtete, als ob sie es seit ihrer Kindheit kannte. Ihre Lippen bewegten sich und wiederholten mechanisch schnell die Gebete, aber ihre Gedanken flohen von der Andacht. und der Lärm der Menge, der bis zu ihr drang, schien sie fortzureißen. Oh, dieses zeitweise dumpfe Getöse des Vulkans, dieses Rauschen ferner Wogen, hier und da von tragischem Schweigen unterbrochen!... Es war ihr, als tvohnte sie dem unsichtbaren Stiergefecht bei. Durch die verschiedenen Schattierungen der Töne aus dem Zirkus konnte sie den Ver- lauf des Dramas in seinem Innern erraten. Bald war es der Ausbruch unwilligen Geschreis, mit Pfiffen untermischt. bald Tausende und Abertausende von Stimmen, die unverständ- liche Worte hervorbrachten. Plötzlich erscholl ein langgezogener geller Schreckensruf, der bis zum Himmel aufzusteigen schien, ein keuchender Angstschrei, der Tausende von ausgestreckten, vor Aufregung bleichen Köpfen erblicken ließ, die dem schnellen Lauf des Stieres folgten, wie er einen Menschen zu erfassen im Begriff stand... bis endlich ber Schrei augenblicklich verstummte und die Ruhe wieder eintrat. Die Gefahr war vorübergegangen. Es kamen längere Pausen des Schweigens, der Ruhe. der Leere, die das Schwirren der Fliegen aus den Pferde- ställen um so hörbarer machten, wie wenn der ungeheure Zirkus leer und die vierzehntausend Zuschauer in den Reihen seiner Bänke unbeweglich und atemlos geworden wären, und als sei Carmen als das einzige lebende Wesen in seinem Innern geblieben. Plötzlich ivurde dieses Schweigen von einem furchtbaren, anhaltenden Dröhnen unterbrochen, als wollten die Back- steine des Baues aus ihrer Lage und aufeinanderstürzen. Es war ein geschlossener Beifallssturm, der den Zirkus erzittern machte. In dem an die Kapelle anstoßenden Hof wurden Peitschenhiebe auf die Rücken der elenden, sich sträubenden Pferde, sowie Hufanschlagen und Stimmengewirr laut.Wer kommt jetzt an die Reihe?" Neue Picadoren wurden nach der Arena gerufen. Zu diesen Lauten kamen andere aus der Nähe. In den Nebenzimmern ertönten Schritte, Türen wurden polternd geöffnet: man vernahm Stunmen und das mühsame Atme»»