MnterhMungsblatt des"Vorwärts Nr. 150. Donnerstag, den 4. August. 1910 lNalhdrua tzervottz-Z � Oer Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer . 16. Die Affäre mit dem Doff hatte doch ihre folgen. Die beiden waren nun nicht mehr sicher— der Doff und seine Freunde waren überall hinter ihnen her. Sie mußten sich verständmcn zu wechselnden Stelldichein, bald da, bald dort. Und der Philipp trug die Briefchen. Zarte, süße Bricfchen, in einer Schrift geschrieben, die nur Sorgfalt und Schönheit, nur Liebe und Verehrung war. Jeden Tag eins. Der Philipp ging ans Hinterpförtchen von Seiberts Garten, pfiff leise einen Triller— und legte die Botschaft an einem der- steckten Plätzchen nieder. Dann ging«— langsam und suchend, wie wenn er zufällig da vorübergegangen wäre. Manchmal wurde er auch schon erwartet. Dann zog ihn die Emilie hinter den Hollerbusch und plauderte mit ihm. Draußen konnte sie niemand sehen. Sie fragte— ja, sie fragte immer nur. Und dann machte sie ihn auch manchmal zum Vertrauten der kleinen Leiden, die sie wegen des Ver- hältnisses auszustehen hatte. Der Philipp, wie ein Mann, bestärkte sie in erfahrenen, sicheren Worten— und pries den Freund— und pries die Liebe, das Schönste und Höchste auf Erden. Die Emilie-weinte auch manchmal— und der Philipp sprach von dem schönen Beruf der Frau, zu leiden für den Geliebten, und so ihre Liebe zu verklären und das Glück sich zu erringen und zu verdienen. „Um so größer und schöner ist dann das Glück, um so höher ist sein Wert. Denn alles Große und Gute muß er- kämpft werden— es würde ja nichts gelten, wenn es uns geschenkt würde." O, die Weisheit seiner siebzehn Jahre! Und die reiche, volle Erfahrung! Die Emilie trocknete ihre Tränen und gab ihm recht und reichte ihm die Hand und dankte ihm. Und er sah ihr in die Augen. Sie hatte blaue Augen mit einem tiefen dunklen, ein wenig unergründlichen Schimmer, der dahinter lag, schwarzes Haar, das in krausen Löckchen über die Stirne fiel, ein kleines zartes Kinn und eine weiche melodische Stimme. Sie konnte so hell lachen und so süß flüstern. Und ihre Augen wurden rund wie Äugeln, und der Schimmer hinter ihnen wuchs tiefer ins Dunkle und glühte über das zarte Blau der Iris, daß sie wie ein tiefer Samt wurde, weich und warm. Der Philipp sah ihr hinein— und spürte den Puls an seinen Schläfen und sein Herz am Halse schlagen. Er mußte fest an sich halten, seine Sicherheit nicht zu verlieren. Ganz förm- lich sagte er: „Leben Sie wohl für heute, Fräulein Emilie,— und ich werd alles richtig bestellen!" Sie reichte ihm die Hand, und er verbeugte sich. Er ver- beugte sich tief und schlug dabei noch einmal die Augen zu ihr auf, �aß sie unwillkürlich errötete. „Schönen Dank, Herr Kaiser!" Dann schwang er sein Hütchen. Hüpfend warm war es in ihm, obschon es Winterzcit war. Er öffnete weit seinen Ueberzieher und ließ sich vom scharfen Winde anwehen. Aber es war ihm warm— hüpfend warm— wie wenn Tropfen auf einer heißen Platte springen. Und das ging nun schon Wochen so— seit dem Ucberfall. Anfangs war's ganz bedeutungslos gewesen. Aber immer mehr gingen ihm die Samtaugen der Emilie nach— immer länger klang ihre süße Fliisterstimme hinter ihm her. Es sang und klang um ihn. Es blühte alles. Sie denkt jetzt doch:„Der Kaiscrphilipp!" Was gelt ich ihr? Nichts! Aber dennoch— sie klang in ihni— sie war wie eine Wärme in ihm. Winterlust— Schlittenfahren, Schlittschuhlaufen. Und lue frühen Abende. Sie waren immer beisammen— sie vier — die beiden Brüder, er, der Freund, und sie. „Emilie, die soll leben, soll leben, soll leben, Emilie lebe hoch!" In ihm sang das, auch wenn sie's nicht zusammen sangen. Er war in einer quälenden Unruhe. Er meinte manchmal, das Herz müßt ihm zerspringen. So ein Zittern und Bangen. Und ein Sehnen. Richtig ein Sehnen. Er konnt's nicht ab- warten, bis er sie traf— entweder beim Stelldichein mit der Bestellung— oder beim Schlittenfahren und Eislauf. Herr- gott— was für gefährliche Dinge er unternahm, wenn sie dabei war! Keiner wagte es, den Berg herunter über die Eisenbahnbrücke zu schlittern. Er tat's! Und wie lief er Schlittschuhe— die weitesten Bogen— alle Kunststücke. Die Leute sahen ihm oft zu. Er war stolz darauf. Und er tat's doch all vor ihr, für sie— um sie. Aber nein, das war ja kein Glück. „Der Kaiserphilipp!" Er konnte sich's mit dem vollen Klang der Verachtung sagen, wie es die Leute des Dorfes sagten. Seine geringe Herkunft, sein Armsein. Er bekam nun auch die dunkle schwere Stimme der Mutter mit ihrem barschen, rauhen Beiklang und Tonfall. Zieglerbub. Doch ---„soll leben, soll leben, soll leben!" Aber der Freund. Sollte er Betrüger an seinem Freunde werden? Nachdem er sein Liebesbote gewesen war, sein Liebesdieb? Das war das Schwerste. O, er war manchmal so todtraurig. Wenn ihn seine Herkunft bedrücken wollte, ging er zum Spengler Schlüssel. Der vertrieb das. Aber das andere mußte er ganz allein mit sich selbst ausmachen. Wehren und begehren. Es war ihm geradezu notwendig gc- worden, daß er jeden Tag die Emilie aufsuchte und ihr etwas ausrichtete, auch wenn er keinen Austrag hatte. Jedesmal aber ward's ihm ein Vorwurf und eine Qual. Er wußte sich nicht zu retten. Dem Freunde etwas zu sagen, hatte er keinen Mut. Ihr etwas zu sagen, noch weniger. Er dachte an den kleinen Herz. Aber wenn er nur ganz entfernt ein derartiges Thema bei dem berührte, so hatte der jedesmal seinen Spott. Immer kam er mit seinem großen Wort:„Wir haben nicht Zeit, uns um das Glück des einzelnen Menschen zu sorgen, wir müssen für das Glück der Menschheit arbeiten — ringen, entbehren, verzichten— niemals fordern für uns. Das Fordern für uns macht klein. Fett macht schläfrig— wir müssen mager bleiben zur Tätigkeit." Damit konnte der Philipp gar nichts anfangen. Das kam ihm mehr quer, als es ihm Trost war.— In der Silberpappel vor der Eulenmühle zitterten und flüsterten wieder die hellen Blätter, das Wasser war lauter, Frühlingswehen war in der Luft. Wärme und Duft. Wohlige Süßigkeit, die so müde machte. In der aber auch alles trieb. Ach, es war ein Dürsten und Verlangen! Der Philipp spielte mit dem Todesgedanken. Sterben, sterben. Er meinte, das Leben nicht mehr aushalten zu können. Der lange Winter, der ihn auf die Folter gespannt hatte, der heitere Frühling, der ihn nun zur Verzweiflung brachte. Es war ein Sonntagmorgen. Sie gingen zu dreien durch die Wiesen hin, schlüpften in die Hecken, krochen die Ufer hin- unter und suchten Veilchen . Alle drei für sie— einen großen ersten Strauß. Die Liebe und der Freund. Wenn er sich das Ufer hinab ins Wasser fallen ließe—. Nein, er konnte ihm die Veilchen nicht geben, die er gesucht hatte, er mußte sie ihr selbst geben. Von ihm, fiir sie. Es war ja alles Lug— alles Fluch! Untreue, Verrat. Aber vor seinen Augen gaukelte ihr Bild. Nein, er konnt's nicht sagen. Sie wollten nun alle drei ihre Sträuße zu einem machen. Die Brüder machten Scherze— der Philipp war still. „Wolltst sie Deiner Mutter bringen?— Behalt Deine!" „Nein, nein— nimm sie— auch mein Teil soll im Strauße sein. Sie soll auch mein Teil haben." Hinter der Eulenmühle war ein kleines Gehölz, ein Wäldchen von ein paar Morgen Ausdehnung. Das stand so still und heimlich da. Ein Kuckucksruf tönte heraus. Und vom Dorf her schwebte das Geläut der Sonntagsglocken her- über. Sie horchten alle drei. Es wurde so feierlich. Sie waren hier ganz allein. So schön allein. Und so treu beieinander.
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27 (4.8.1910) 150
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