Anterhaltnngsblatt des'AorwSrts Nr. 151. Freitag, den 5. August. 1910 lNaqdma xerbotkZ.Z 2l] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamee. Am zweiten Osterfeiertage war's, da kam ein Brief vom kleinen Herz an denHerrn Gymnasiasten Philipp Kaiser". Lieber Philipp Kaiserl Also sollst Du mich nicht mehr wiedersehen. Ich hätte wenigstens noch gerne leben gewollt, bis wir's beide einmal mit dem Leben versucht gehabt hätten. Wir hätten doch etwas fertig bringen müssen, wär's zu keinem Fest gewesen und zu keinem Erfolg eine Wirkung wäre doch dabei herausgekommen, irgendwie. Nun ist's nichts. Ich liege seit den Osterferien krank und ich werde noch krank sein, wenn sie herum sind. Oder auch gar nicht mehr leben. Und weil Du mein Freund gewesen, und sonst gar keiner in der Schule oder hier, so will ich Abschied von Dir nehmen. Glaub nicht, es liegt an dem einen etwas. Gar nichts I Es liegt alles in der Welt nur am Gedanken. Und jeder Ge- danke, der gedacht worden, lebt. Gedanken sind nicht wie wir Menschen. Wir sterben. Gedanken sterben nicht. Ich habe keine Schmerzen. Nur das Herz geht schwach. Und die Brust geht schwer. Aber dies könnte ja auch der Frühling sein. Wenn ich noch länger lebe, so komm einmal. Wenn nicht, so glaub mir, daß ich gar nicht traurig gestorben bin. Ich glaube an das, was ich gedacht habe, und das stirbt ja nicht. Du kannst Dir ein paar von meinen Büchern heraus- suchen, die Du brauchen kannst. Sollte sie mein jüngerer Bruder einmal nötig haben, so gib sie ihm wieder und gib rhm auch von Deinen. Ich sterbe ganz gottlos, weil ich an den kommenden Gott glaube, der der Mensch ist. Lebe wohl! Dein Joseph Löb Herz." Der Philipp hielt den Brief erst für einen Scherz. Was d'öm Herzchen einfiel! Aber dann ließ es ihm doch keine Ruhe, und die Gedanken und Vorstellungen drängten ein- ander. Der Philipp sagte der Mutter, daß er das Herzchen be- suchen wolle und mit dem letzten Zuge erst heim käme. Es war nur eine Station weiter und keine große Ausgabe. Ucbrigens hatte der Philipp Geld genug es war ihm in letzter Zeit sehr gut mit den Zeitungsnotizen geglückt. Er fand den kleinen Herz im Todeskampfe. Er wehrte sich nicht sehr. Wie hätte sich sein schwacher Körper auch viel wehren können! Die Stube war voll von Leuten die kleine Stube, in der es von zu viel Menschen und geringer Sauber- keit übel roch. Machen Sie doch ein Fenster auf!" bat der Philipp den alten Herz. Aber der hörte und sah nichts und wußte nicht, was er tat. Er lief wie ein Irrer herum. Sie sind sein Freund gewesen, Herr Kaiser. Sonst gar keinen Freund hat er gehabt. Gar keinen. Wer wollte der Freund von so einem Krüppel sein! Mein armer Joseph Löb! Ich Hab mein Last mit ihm gehabt, seit er auf die Welt gekommen ist, und es hat nie aufgehört mit der Last. Nur einen guten Kopf hat er gehabt. Einen feinen Kopf! Weit und breit gibt's so einen seinen Kopf nicht mehr. Und nun muß er sterben nun muß er sterben." Der Alte brach in heftiges Weinen aus. Der Philipp wußte nichts zu sagen. 's ist über Nacht so schlimm geworden. Er hat Ihnen einen Brief geschrieben jeden Tag ein Wort zwei, drei Worte, einen Satz. Vorgestern ist er damit fertig geworden gestern haben wir ihn abgeschickt. Und hier hat er mir noch einen gegeben einen zweiten Brief. Nicht für Sie. Aber Sie sind sein Freund gewesen, Sie sollen ihn lesen." Sie gingen zusammen hinaus in den kleinen Hof, und der alte Herz nahm das Papier aus seiner Brusttasche. Es war gefaltet und zusammengeklebt. Nun ist er noch nicht tot. und ich mach schon sein Testament auf. Sein Testament ist's, ich weiß, sein Testament hat er gemacht. Wollen Sie's nicht zulassen, Herr Herz?" Er wird sterben, ich weiß, er wird sterben, mein gutev Joseph Löb. Und was Hab ich an ihn gehängt, seit er auf der Welt ist. Und was für einen hellen Kopf hat er gehabt von klein, klein Kind an. Aber die Krankheit. Die Krämpfe und das verkrüppelte Bein und die schwache Brust. Jetzt hat ihn das Frühjahr gepackt er wird sterben. Der Doktov hat alle Hoffnung aufgegeben gleich von Anfang, wie dig Lungenentzündung angefangen hat. Er wird sterben." Dabei entfaltete der alte Herz das Papier. Wenn ich begraben werde, soll niemand vom Gymnasium dabei sein niemand von den Lehrern und niemand von den Schülern sie sollen sich die Heuchelei sparen. Sie haben mich immer alle verachtet ich habe sie doppelt verachtet die Lehrer wie die Schüler sie sollen nicht Liebe heucheln. Ich habe ihnen auch nie Liebe geheuchelt. Joseph Löb Herz." Er hat immer seine Ansichten gehabt's wär ihm schlecht ergangen in der Welt die Welt will keine Ansichten, die Welt will ihr Ruh haben. Und sie hat recht, die Welt. Die Welt ist nicht für die Menschen, die Menschen sind für die Welt. Mein armer Sohn! Ich werd ihn verlieren" Dann murmelte er ein paar hebräische Worte. Sie gingen wieder in die Stube. Die Luft war zum Schneiden. Weiber standen herum und heulten. Aber er erstickt ja," sagte der Philipp. Er schob die Leute beiseite und riß ein Fenster auf. Zetergeschrei. Aber ihm war's gleich. Ein paar flüchteten hinaus. Sie haben recht, Herr Kaiser," deklamierte der alte Herz. Und Sie sind sein Freund gewesen sein einziger Freund." Der Kranke stöhnte. Der Philipp träufelte ihm ein wenig Wein auf die Lippen. Und er blieb bei ihm, bis in die tiefe Nacht. Dann starb der Joseph Löb Herz mit einem schweren, abgesetzten Röcheln. Der Philipp drückte ihm die Augen zu. Die hebräischen Lamentationen beg./.nen. Die Weiber klagten. Der letzte Zug war weg. Der Philipp ging zu Fuße heim. Er ging in die Nacht hinaus, schwer, in unklaren Gedanken. Er konnte es so gut begreifen, daß der kleine Herz ge- starben war. Eigentlich hatte er immer' fdacht, daß er bald sterben würde. Aber dennoch was hatte er noch vor sich gehabt! Was hätte er noch vor sich haben können! Ob wirklich seine Gedanken lebten? l Und wenn sie falsch waren, ob sie dann auch lebten? OL sie zu Irrtum führten oder Wahrheit und ob auch der Irrtum nur in der Welt ist, um die Klarheit zu schassen und auf einen neuen Weg zu weisen. Was ist Wahrheit? fragte sich der Obersekundaner Philipp Kaiser. Er meinte eine Antwort zu wissen, eine große, fertige Antwort: Wahrheit ist leben. Sein ganzes Sein umgestalten zur Tat. Ganz darin sein in Irrtum oder Wirrtum, in Wahrheit oder Klarheit nur ganz darin sein. Weiter kam er nicht. Um ihn lag die Frühlingsnacht. Sie hatte merkwürdige Stimmen. Die Brunst von großen und kleinen Tieren schrie und stöhnte, forderte und ver- zweifelte. Bekannte und noch mehr unbekannte Töne. Aber man verstand sie alle. Sic wollten alle das eine und selbe: sich selbst. Jedes Geschöpf will sich selbst so wie es seine Art und Natur, seine Notwendigkeit ist. S-., wie's ihn zwingt. Der Obersckundaner Philipp Kaiser sah das Leben klar. Es hat alles Wert in uns. auch wenn es nicht Recht hat. Das Recht ist gemacht aber der Wert stammt von der Natur." So, nun war's gut. Wie schön war der arme kleine Herz gestorben! Wie schön hätte er noch»en können! Nun wob um ihn die Frühlingsnacht nun blieb das für immer bestehen von ihm: dies Wehen und Weben des April, in dem nur Ankündigungen sind, keine Erfüllung ist. Lebe wohl Joseph Löb Herz! Du warst ein armer Jude und ein Kriippel was bist Du ein schöner, reicher