dringt sie durch; die feststehendsten konservativsten Anschauungen zwingt sie nieder. Sie konstruiert die Bluse mit Oberlicht, läßt durch leichte Gaze oder gar unverhüllt die weiblichen Reize zur Schau tragen. Gegen ste sind die Mucker machtlos. Mit welchen Lugen hätte man die so dekolletierte Dame vor einigen Jahren an- gesehen, wenn sie in einem solchen.Anzüge" die Kirche betreten hätte? Heute gehen die frommen Damen in solchen Kostümen in den Beichtstuhl oder an den.Tisch des Herrn", und kein Pfäfflein vettert. Da spaziert ein.kleines Madel", eben in den Entwickelungs- iahren, mit einem nicht mehr jungen Herrn, der ganz gut ihr Vater sein könnte. Er hat die Kleine sich wohl hierher bestellt. Ihr ärm- licheS Kostüm läßt erkennen, daß sie gesellschaftlich nicht zu ihm ge- hört. Das törichte Kind glaubt vielleicht ein wenig daran, daß sie mal die Frau dieses reichen Kaufmannes, des Herrn DoktorS werden könnte. Er ist ja so gut und lieb zu ihr, nimmt fie mit ins Cafü, kauft ihr Schokolade, ist in allem sehr freigebig, doch nur— vom Heiraten spricht er seltsamerweise gar nicht. Aber das wird schon kommen, wenn fie... Dort steht ein Trupp Leute, die durch ihre gleichmäßig einfache Kleidung und ihr Wesen die Zusammengehörigkeit erkennen lassen. Männer wie Frauen tragen mächtige Gebetbücher in der Hand, und aus ihren Augen stiert ein Anflug fanattscher Religiosität. ES ist ein ostpreußischer Gebetverein, Mitglied irgend einer Sekte, die im Osten so häufig sind und hier die Gebetsmühle weiter treten. Der Musiker einer Bergmanns kapelle schleppt sich mit einem Brumm- baß herum. Die übrigen Mitglieder, sämtlich' in Bergmanns- uniform, tragen ihre Jnjttumente bei sich. Auf irgend einer Fest- lichkeit sollen sie zum Tanz aufspielen.— Ein einzelner Mann mit einer Knappenvereinsmütze erweckt in mir ein Lächeln; wie ein Sonderling kommt er mir vor. Einen Augenblick geht mir die über- lebte KnavpenvereinSbcwegung durch den Sinn, da seh ich die weh- leidigen Gestalten der Heilsarmee mit ihren verregneten und ver- schosfenen Uniformen. Ein junger Bursche renommiert zum Zeichen, daß er zum.Kommiß" ausgehoben ist, mit der eigenen Soldaten- sonntagshole herum. Ein Kommando Unteroffiziere und Gemeine, die einen Transport ausgeführt haben, wartet ebenfalls aus den Zug. Der künstige Rekrut mißt die.Spinner" mit argwöhnischen Blicken. Die werden ihn Mores lehren.... Ein Kapuzinerpater im OrdenShabit, mit gesundem, frischem, sorglosem Auslehen, eine Krankenschwester, die von einer Kranken- wache gekommen, bleich und verhärmt, eine für die Welt verlorene Schönheit. Ob sie nicht zu viel auf sich geladen? Italienerinnen mit schwarzen Glutaugen und nachlässiger Eleganz schreiten gestikulierend an der Sette ihrer Männer, die den zerknitterten Hut auf ein Ohr gesetzt haben. Holländische Erdarbeiter in Arbeits- kleidung, mit ihren runden schwarzen Kappen, stets die Mütze im Munde. Es kommt neuer Zuwachs. Ein Zug ist eingelaufen, der neue Menschenmasien herangeschleppt hat, doch das Bild nicht wesentlich verändern kann. Ein Trupp Kroaten in lehmbeschmutzter Werttags- kleidung, stellt doch bunteren Zuwachs dar. An den Füßen tragen fie noch teilweise die hausbacken aussehenden Erzeugnisse heimischer FußbekleidungSkünstler. Den ganzen Haushalt, bestehend auS einem Kochkessel, einer Bratpfanne und einem Wasjernavf sowie Arbeits- gerät: Spaten, Hacken und dergleichen führen fie mit. Sie benutzen den Sonntag zum Umzug, um zu einem anderen Unternehmer überzusiedeln. Ein trauriger Anblick, der von der Rückständig« und von der»verdammten Bedürfnislosig- keit" der fremden Arbetter Zeugnis gibt. DaS ist nun der Sonntag dieser Leute. Jetzt kommt Bewegung in die Menge. Ein Bahnbeamter schreitet den Rand des Perrons entlang. Ein V-Zug läuft ein. Einige Fahrgäste steigen aus und ein, die Masse bleibt davon unberührt. Dann fährt auf einem anderen Geleise ein Personenzug vor. Eine nervöse Unruhe bemächtigt sich der Menge. Lausen, Hasten, Kinder- geschrei, ein Raufen um die Toupss der 4. Klasse. Dann ist wieder Ruhe eingetteten, die Fahrgäste sind untergebracht. Der Zug setzt sich in Bewegung. Auf dem Bahnsteig jenseits des Stationsgebäudes ist wieder ein Zug eingelaufen. Kellner laufen mit Bier und Eß- waren, Zeitungsjungen schreien. Dann läuft auch mein Zug ein. Ein kurzer Ellbogenkampf und ich habe einen Play.... � feuere geologilcbe Literatur. Der Popularisierung der Astronomie und Entwickelungs- geschichte ist nun auch die Geologie gefolgt, die dank der schwierigen Fachausdrücke relativ lange als Domäne der Spezialgelehrten sich erhalten konnte. Das Bedürfnis der Laienwelt, auch in dieses Gebiet einen Einblick zu bekommen, hat auch da in die Mauer der Fachgelahrtheit Bresche geschlagen, und wir haben in den letzten Jahren eine ganze Menge leicht verständlicher Werke erhalten, die uns in die Probleme der Geologie einführen. Verschiedene Verlage, wie Teubner, Quelle u. Meyer, Göschen, Strecker u. Schröder, Zickfeldt, Thomas. Kosmos u. a., suchen sich in populären Dar- stellungen zu überbieten, was im Interesse der Güte und Brauch- barkcit nur zu begrüßen ist. Aus der Fülle der Neuerscheinungen feien im folgenden einige hervorgehoben. Ein sehr glücklicher Gedanke war die Herausgabe einer Vor» schule der Geologie, wie fie von Prof. Joh. Walthey im Verlag von Gust. Fischer-Jcna nun schon in dritter Auflagt erschienen ist. Das verhältnismäßig billige Buch(Preis geh. 2,bOt gebunden 3,20 M.) ist gedacht als eine gemeinverständliche Ein-> führung und Anleitung zur Beobachtungen in der Heimat undj zeigt einen glücklichen Weg, die geologische Wissenschaft allgemein». verständlich darzustellen. Ihre Grundprobleme werden behandelt! und am Schlüsse jedes Kapitels eine Reihe von Uebungsaufgabenl gestellt. Damit begnügt sich aber der Verfasser noch nicht; das! Buch enthält außerdem ein überaus reichhaltiges Literaturver» zeichnis sowohl für die Geologie im allgemeinen, als auch fürt die einzelnen Länder und Landschaften, ferner ein dem Laien sehr! dienliches Wörterbuch mit Erklärung der geologischen Fachaus» drücke und eine Anleitung zum Lesen geologischer Karten, die zuq Kenntnis des geologischen Aufbaus und der geologischen Ent» Wickelung einer Gegend unerläßlich sind. Das Buch ist in hohenH Maße geeignet, der Geologie neue Freunde zuzuführen. Von dem» selben Verfasser erschien im Verlage von Veit u. Co., Leipzig , eing „Geschichte der Erde und des Lebens"(Preis gebd. 14 M.), die neben dem bekannten Reinhardtschen Werk.Vorw Nebelfleck zum Menschen" besonders den Bibliotheken zur An» schaffung empfohlen werden mag. Es ist wohl neben der für denl Laien doch allzuschwer verständlichen.Erdgeschichte" Neumayrsl das beste Handbuch der Geologie, das wir zurzeit besitzen, und gibii dem, der sich schon etwas mit diesem Wissensgebiete beschäftigt! hat, einen ausgezeichneten Ueberblick über den heutigen Stand deiz Forschung. Wer Thüringen kennen lernen will, der sei auch aus) W a lt h e rs„Geologische H ei ma tsku n d e von Thü» ringen"(Verlag Gust. Fischer-Jena ) hingewiesen, das für den! angehenden Freund der Geologie bestimmt ist, ihn in einem! geologisch außerordentlich interessanten Gebiet zum eigenen Beob» achten anregt und ihn dabei gleichzeitig mit den wichtigsten geyltzs gischen Tatsachen und Theorien vertraut macht. Vulkanismus und Erdbeben find durch eine Reihe von Publi» kationen vertreten, was angesichts der letzten gewaltigen Kata» strophen dieser Art leicht begreiflich erscheint. Leider ist eine grotzq Anzahl darunter von sehr problematischem Wert, und der Laie! tut gut, da nicht auf jedes�urschreienden Farben gehaltene Titel» bild hereinzufallen. Sehr fesselnd geschrieben unter ausgiebigey Benutzung der Originalberichte ist das in der Sammlung„Natur, wissenschaftliche Wegweiser" im Verlag Strecker u. Schröder-Stutt» gart erschienene Bändchen: I. B. Messerschmitt,„Vulka» nismus und Erdbeben"(Preis geh. 1 M.). Eingehenden behandeln das Thema die beiden im Verlag von A. W. Zickfeldt» Osterwieck erschienenen Monographien, die von dem verstorbenen W. von Knebel früher veröffentlichte über„V u l k a n i s, m u S" und die soeben herausgekommene von Böse über„E r d» beben"(Preis kart. a 1.7S M.>. Sehr ausführlich ist die„E r d» bebenkunde" von Dr. Edwin Hennrg, dem auch in den Berliner Arbeiterschaft durch, seine Museumsführungen bekannten Assistenten am Naturkundemuseum(Sammlung„Wissen und Können", Verlag Ambr. Barth, Leipzig . Preis 4M). Das Buch wendet sich nicht an den Fachmann, sondern an weitere Kreise deg Publikums; dabei behandelt es die Probleme durchaus wissen- schaftlich und berücksichtigt vor allem die neueren Ergebnisse den Forschungen. Sehr viele Vorkenntnisse setzen die beiden neuen Bändchen der Göschensammlung über„P a l ä og e o g ra p h i e" von Dr. Koßmat und„P a l ä o k l i m a t o l o g i e" von D r. E ck a r d t voraus. Der Verlag Göschen will bekanntlich„unser heutiges Wissen in kurzen, klaren, allgemein-verständlichen Einzel- darstellungen" dem Volke vermitteln. Von Leichtverständlichkeit kann, so interessant der Gegenstand ist und so wünschenswert eins populäre Darstellung wäre, bei den beiden vorliegenden Bändchen im Vergleich etwa zu dem von Fr aas über„Geologie" kcins Rede sein. Sie sind höchstens für den Studierenden der Geologie, aber nicht für den Laien zu gebrauchen. Nicht ganz leicht zu verstehen, wenigstens nicht ohne Be» hcrrschung der geologischen Fachausdrücke, ist das soeben erschienene Buch von Dr. R. Neinisch,„Entstehung und Bau den deutschen Mittelgebirge"(Leipzig , Verlag Dieterich, Preis 3,50 M.). Aber es füllt eine Lücke aus, die bis heute bc- standen hat. Die Ursachen der Oberflächengestalt des norddeutschen Flachlandes sind von Wahnschaffe, Keilhack u. a. eingehend und klar behandelt worden; für die deutschen Mittelgebirge fehlte bislang eine entsprechende Darstellung. Wir geben zu, daß es schwer ist, ein so umfassendes Gebiet in gedrängter Form zusammenzufassen und dabei doch gemeinverständlich zu bleiben, aber wir können uns nicht verhehlen, daß Reinisch an mineralogischen Details zu» viel bringt, was nur dem Fachgelehrten bekannt ist und diesen allein interessiert, die historische Geologie aber allzusehr zurücktreten läßt, und das gerade ist es, worauf sich das Hauptinteresse kon» zentriert. Das wäre für eine Neuauflage zu berücksichtigen, ebenso wie eine Beigabe von Abbildungen der wichtigsten Leit- fossilien sehr erwünscht erscheint. Dtm geologisch Geschulten ist das Buch für das bezeichnete Gebiet von großem Nutzen, auch für die Erkenntnis d«S Zusammenhangs zwischen Siedlungsformen. Er- werbstätigkeit, Verkehrsverhältniffen usw., also der ganzen Wirt» schastlichen Struktur einer Gegend mit ihrer geologischen.> In das Gebiet der von der Geologie nicht zu trennenden Paläontologie(Versteinerungskunde) fallen y. a. zwei Puhlikge
Ausgabe
27 (6.8.1910) 152
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