Anterhaltungsblatt des'Dorwärts Nr. 162. Sonnabend, den 20. August. 1910 lSachdru» pervou», 82] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamek. Er schrieb der Mutter. Gute, liebe, einfache Worte, die sie verstehen konnte. Eine Karte in die Eulenmühle, wo die Emilie schon einen Buben auf ihrem Schöße wiegte. Da stand die Silberpappel nun schon voll im Laub und flüsterte von süßen Frühlingsfreuden, und der Bach schoß brausend übers Rad und schäumte, und in den alten Luken des Ge- mäuers bauten die Spatzen und die Rotschwänzchen ihre Nester— und am Ende gar, hinten, wo der Teich war, brach der Flieder schon auf, der geschützt stand, und oben der Wacholder duftete stark und bekam seinen silbernen Glanz. Es hielt ihn nicht im Hause. Er zog ins Freie, und sein Lied klang durch den Wald. Zum ersten Male war er ein„freier Bursch", Du kärgliche Lust— du gierig genossene Lustl Im Forsthaus verzehrte er in der Laube, die noch ziem- lich kahl war, ein einfaches Mittagsbrot. So gut hatte es ihm nicht mehr geschmeckt seit seiner Jugend. So glücklich war er lange nicht mehr gewesen. Seit er in der Eulenmühle gespielt hatte, nicht mehr. 8. Professor Winter sagte:„Ich will Ihnen sagen, lieber Freund, der Mensch ist auf einen Platz gestellt, seine Pflicht zu tun. Das ist alles. Man mutz nur seine Pflicht richtig sehen und klar erkennen. Dann aber ist jedes Outsidern und Absondern vom Uebel! Und sich nicht in sich selbst vergraben! Die kleinen Dinge im Leben, die einen ablenken können, die muß man ruhig an seinem Wege mitnehmen. Nicht zu wichtig nehmen, aber mitnehmen. Sie werden sagen wollen, die gelten Ihnen nichts. Aber sagen Sie. gibt es etwas� das nichts gilt, nicht etwas in uns auslösen kann? Wir können nie vorher wissen, was in uns ausgelöst wird. Und wenn auch nicht das. Ich sehe die Jugend viel zu sehr auf Prinzipien reiten, Prinzipien überall, im künstlerischen, literarischen, wissenschaftlichen Leben, im politischen und privaten Leben." „Prinzipien sagen Sie— man könnte auch Charakter fallen." „Nun. nun, man könnte. Man könnte auch Enge sagen. Wir haben das so an uns, es ist gut Deutsch. Es wird aus allem gleich eine Devise, ein Dogma, ein Prinzip gemacht. Und dann ist's so leicht, Charakter zu haben. Gehen Sie mir. Charakter ist etwas ganz anderes, etwas viel Weiteres, etwas viel Tieferes. Wenn ich das auf jeden Schritt und Tritt mit Stacheldraht einzäunen mutz, ich bitte Sie. Mir ist das lächerlich. Mir ist das der Beweis, daß der Charakter gerade fehlt— und jedenfalls: daß er noch keine Festigkeit und Sicherheit gewonnen hat. Charakter muß Fährnisse bestehen können, muß aber nicht immer proklamieren wollen. Das ist die Charakterlosigkeit unserer Charaktere, daß sie immer proklamieren. Wir wollen jeder wir selbst sein— nicht so herdenweise uns abzeichnen lassen, die einen mit einem schwarzen Kreuz, die anderen mit einem roten Strich, die anderen schwarz-weiß-rot und so weiter. Das ist furchtbar leicht. Hüten Sie sich davor." „Ich zähle mich nicht zum einen und nicht zum andern." „Vielleicht noch nicht— es kommt Wohl noch. Sie fangen schon an, diese Schwere sich zuzulegen, die in alles ein Frage- zeichen legt: was bedeutet das mir? Gehen Siek Es de- deutet Ihnen alles etwas. Sie müssen nur Leichtigkeit dazu haben. Die Schwere will immer zur Ruhe— Sie können das physikalische Gesetz so auslegen. Das Gesetz der Schwere will sich im Trägheitsgesetz auslösen. Die Leichtigkeit will Bewegung. Das ist's. Und hören Sie: gehen Sie pihig einmal irr. Gehen Sie tüchtig irr. Lassen Sie sich ablenken. Das schadet nichts. Das erweitert und schließt auf. Sie tragen dabei ein wie die Bienen. Nur wieder zu den Waben zurückfinden. Das muß Instinkt werden. Charakterinstinkt." „Aber die Arbeit, Herr Professor I" „Die Arbeit? Diese Frage ist auch so echt deutsch . Als ob die Arbeit alles wäre. Die Arbeit ist nur ein Mittel des Lebens, ein Mittel zu uns selbst. Kein Zweck. Herrgott, diese verdammte Zweckmäßigkeitsweltanschauung, die nur Schweißtiere aus uns macht! Die Arbeit wird oft am besten gefördert, wenn wir nicht arbeiten. Dieses Sichverengern in» tägliche Pensum und die exakte Einteilung. Gehen Sie, Kaiser, Sie werden reif für den grünen Tisch. Was ich ein Gekampel mit den Eseln am grünen Tisch im Ministerium habe, nein, nicht zu sagen: da lerne ich es kennen, was da» für Geister find. Die Jugend wird mir immer seltsamer: sie pocht auf eine Konservativität, die ihr gar nicht angemessen ist, in der sie sich selbst auflöst, ohne es zu merken. Mit vierzig Jahren sind die Leute all Greise. Was sind zehn Jahre in einem Menschenleben! Ich sattle morgen um, wenn ich die innere Notwendigkeit dazu fühle, und ich bin nun schon bald am halben Hundert— und meine Psychiatrie ist noch keine zehn Jahre alt." Sie waren so zu sprechen gekommen, weil Philipp es ab« gelehnt hatte, diesen Winter an den Vergnügungen teil« zunehmen. Die Geldfrage spielte keine Rolle mehr. Er hatts durch die Vermittelung des Professors dreitausend Mark bekommen— ä fonds perdu—„aber wenn Sie es später einmal zurückzahlen wollen, sollen Sie den Geber erfahren," hatte Professor Winter gesagt. So hatte Philipp die Ärbeik vorgeschützt. „Ich will Ihnen sagen," nahm der Professor wieder die Rede auf,„Sie sind schon zu lebenseinseitig geworden durch die paar Jahre Entbehrung. Ich kann Ihnen sagen, Sie müssen dagegen ankämpfen. Es führt zu nichts. Sie laufen in eine Sackgasse hinein. Dann leben Sie sich fünfzig Jahre lang auf die gleiche Weise, wiederholen sich mit jedem Tage fünfzig Jahre lang pedantisch selber. Langweilig. Ewig im Kreise herum. Wenn Sie Ihren Ehrgeiz darein setzen, daß Ihr Leben ein schöner runder Kreis ist, bedaure ich Sie. Ihr Leben muß eine fortlaufende Linie sein. Dazu gehört mehr Kraft, als diese herausgehängte Charakterkraft der Einsamen und Harmonischen. Dumm, daß die Harmonie nur in der Einsamkeit sein soll, weil ein feiner Kopf sie darin gefunden hat. Charakter, Harmonie, Einsamkeit, das mutz etwas so Tiefes und Selbstverständliches und Sicheres in uns werden, daß wir uns nicht einen Brustschild daraus zu machen brauchen. Eine heimliche Medaille, wenn Sie wollen — Schwäche ist da noch genug darin, aber immerhin— aber sonst: nur keine Krähwinkelei. Wir wollen Weltmenschen sein, umfassend, beweglich, angeregt, und anregend." „Dazu gehört die entsprechende Herkunft und Erziehung," warf der Philipp ein. „Wie meinen Sie?" „Nun, dazu muß einem etwas von der Wiege mitgegeben sein, dazu muß man die Kinderstube gehabt haben." „So? Sie glauben an die Macht des Geburts» aristokratismus? Fein! Ich glaube gar nicht daran." „Aber sehen Sie sich doch nur die Menschen an. Sie sind alle das, wozu sie geboren sind." „Ganz richtig, wozu sie geboren sind, aber nicht als was' sie geboren sind. Rasse in diesem Sinne muß in ihnen sein. Rasse der Werdefähigkeit. Rasse des Aufstiegs. Das andere— pfui! Es kommt auf die Kristallisationskraft in uns an. Sonst bleiben wir Straßendreck. Aber daß die Kristallisationskraft fehlt, das finden Sie oben wie unten." „Nur daß es oben keinen Straßendreck gibt," triumphierte Philipp. „Der äußere Schein ist oft ein anderer. Quarz und Glimmer, die wie Edelgestein wirken- Wobl." „Und die Vererbung?" „Leiden Sie an ihr?" Philipp zögerte. „Es läßt sich nicht so rasch darüber entscheiden. Wir dürfen nur nicht die Begriffe verwechseln. Was der Mensch äußerlich ist, entscheidet nicht: was er innerlich ist, ist im Leben wirksam. Und diese Begriffsverwechselung haben Sie in der Geburtsaristokratie meist. In der Vererbung sind aber das die entscheidenden Faktoren, die sich als positive Kraft geltend machen— die die positiv-überwiegenden sind. Darin muß uns etwas mitgegeben sein. Das gebe ich zu. Wo das negative Element vorwiegt, oder wo eine kulturelle Gleich. gültigkeit vorherrschend ist, da ist nichts zu erwarten. Das ist verkomniene Rasse, Rasse ohne Werdefähigkeit. Die ver- abscheue ich. Aber woher wir erben, wer da wieder in uns
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27 (20.8.1910) 162
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