Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 164.
84]
Der Entgleifte.
Mittwoch, den 24. August.
KNagbrud berboten.
1910
Stock war hell erleuchtet. Einen Augenblick zögerte er, ohne zu wissen, wozu er sich entscheiden sollte. Er könnte hinauf gehen und Guten Abend sagen.
Dann eilte er weg. Nasch, als fliehe er etwas.
10.
Der Klatsch der Stadt baute immer sicherer und fester
Dann gingen fie eine lange Strede nebeneinander her. feine unüberwindlichen Wälle um ihr Techtelmechtel. Und Und wieder den Weg zurück.
Wir werden gesehen werden," sagte Philipp. Gut, sollen uns die Leute sehen," erwiderte sie fest. Aber Philipp wurde ein unbehagliches Gefühl nicht los. Sie ließ ihn aber auch nicht. Bis er denn sagen konnte: Professor Winter erwartet mich!"
Wann sehen wir uns wieder?" Wann?"
Morgen zur selben Stunde. Ich gehe zu meiner Freundin Emma Schäfer. Widersehen!"
Sie ging und ließ ihn stehen.
Und es war, als sei nun eine leichte, feine Rosenkette über ihn geworfen, an der er willig ging. Immer williger ging er an ihr. Mit einem leichten Wehren dabei, das die Rette nur fefter anzog.
Professor Winter war seit ein paar Tagen auffallend ernst. Er sprach immer nur das Notwendigste.
Heute schien er auf Philipp gewartet zu haben. Er Suchte unbestimmt in seinen Büchern.
Wir sind nun bald zu Ende," sagte er zu Philipp,„ Sie Haben tüchtig gearbeitet. Am Ministerium hat es nun wieder einmal Schwierigkeiten gegeben; aber die Schafsköpfe bilden fich ja ein, fie hätten ihren Beruf verfehlt, wenn sie feine Schwierigkeiten machten. Die Arbeit dieser Herren Räte besteht nur darin, hinwegzuräumen, was sie selbst in den Weg gelegt haben. Einen geraden, unbehinderten Gang, das gibt's da nicht."
Philipp hörte belustigt zu. Professor Winter sparte nicht an starken Ausdrücken, wenn er auf die Leute am grünen Tisch des Ministeriums zu sprechen fam.
Dann ließ er plöglich das Thema fallen und fuhr fort: Ich werde doch durchsetzen, was ich durchsetzen till. Aber nun hören Sie, nun liegen Sie mir auf der Seele. Ich habe ein Dissertationsthema für Sie. Hätten Sie jetzt die rechte Lust, sich dahinter zu machen?" Philipp versicherte ihn, daß er die allergrößte Lust habe. Gut. Es muß jekt mit Ihnen zu Ende kommen. Sie müssen mir unter Dach und Fach gewissermaßen. Die Arbeit schließen wir in der nächsten Woche ab. Sie können sofort mit Ihrer Dissertationsarbeit beginnen. Was ich Ihnen dazu vorbereiten konnte, habe ich Ihnen vorbereitet. Nun feien Sie dahinter."
Philipp wußte nun, warum die ganze Zeit über der Professor die besorgte Miene ihm gegenüber trug. Und er nahm sich vor, tüchtig hinter seiner Arbeit her zu sein. Der Professor besprach sie nun eingehend mit ihm.
Als er gegen Abend wieder weggehen wollte, hielt er ihn im letzten Augenblick noch zurüd:
Hören Sie," sagte er, wenn man sich ins Leben stellen will, muß man es so tun, daß jeder gleich erkennen kann, wer und was man ist: ganz und ausgeprägt. So bin ich, das fann ich, das will ich. Wenn man nachher mit dem Leben und festen Verhältnissen herumexperimentieren muß, vergendet man unnötig Kraft. Ich sage das Ihnen als Freund. Allerdings, fürs Unvorhergesehene fann man nicht. Aber was man vorhersehen kann, nun ja- das soll man eben vorhersehen. Das ist's, was ich Ihnen noch sagen wollte. Zu mehr fühle ich mich nicht berechtigt."
Philipp dankte, ohne ganz klar darüber zu sein, wofür er dankte.
Er lief mit wirren Gedanken durch die Stadt kreuz und quer, dankte mechanisch, wenn man ihn grüßte, und grüßte, ohne zu wissen, wem sein Gruß galt. Die Dunkelheit fant immer mehr. In den Straßen wurde es einsam, in den Sneipen erhob sich der Lärm.
Auf einmal merkte Philipp, daß er vor dem Hause Kommerzienrat Ebners angelangt war. Er sah hinauf, der zweite
mit der Freude der Jugend und der Lust der ersten Liebesgefühle spielten sie ihr Spiel weiter. Sie gefielen einander und verbargen das nicht. Man gewöhnte fich daran, daß sie zusammen gehörten. In Gesellschaften und auf einsamen Gängen, und nicht wenige hatten schon gesehen, daß sie sich gefüßt hatten. Der Lenz lockte, der Mai drängte-- und der Jugend waren Herz und Sinne aufgegangen.
Hast du mich lieb?"
Ja, ich hab dich lieb!"
Und Händedrud und Kuß und dichtes Aneinanderschmiegen. Aber Philipp blieb ein Rest. Der Mut zum letten Schritte fehlte ihm. Sie hatten selbst vom Heiraten miteinander gesprochen. Er war stets unruhig dabei geworden. Und er spürte doch, wie nicht mehr zu entweichen war. Die Familien der Stadt zogen ihren festen Kreis um sie und drängten. Anfangs schlug er es in den Wind. Was gingen ihn die Leute an!
Haben Sie schon angehalten, Herr Doktor?" fragte die Wirtin. Sie müssen es doch bald tun- so zappeln läßt man ein Mädchen nicht. Und die Familie, denken Sie nur mal an."
Tropfenweise ging es ihm ein, daß die Ehre der Familie engagiert war, und plößlich überfiel es ihn, daß er zu weit gegangen war. Keine Ernüchterung, aber der Zwang war da. Es war ihm, er sei in eine Falle gegangen. Nein, nein, nicht daß er Luise beschuldigen wollte, sie habe ihm eine Falle gestellt. Nein, die Falle war von der vornehmen Gesellschaft gestellt. In allen Vergnügungen und Festlichkeiten lief's ja nur auf das eine hinaus: Verheiraten. Die Töchter an den Mann bringen. Alles Gelegenheitsmacherei. Gewiß, sie hatten sich ja lieb. Aber man müßte die Liebe nicht bewachen. Sie müßte sich von selbst vom Spiele zum Ernste, vom oberflächlicheren Gefallen zum tieferen Gefühle entwickeln können. Aber plötzlich die Hand auf sie zu legen!
Es ging ihm alles so quer im Stopfe herum. Nicht, daß er Luise hätte aufgeben mögen. Nein, das war's nicht. Aber daß er neben sie gezwungen war, ohne seinen ganzen und freien Willen.
Er hätte es ja längst schon merken können. Doch er hatte es nicht merken wollen.
Was Professor Winter ihm gesagt hatte, wie man im Leben stehen müsse und wie man sich ins Leben stellen müsse, das fiel ihm nun ein. Nun verstand er auch deutlich, daß es eine Warnung gewesen war.
Er stand aber noch gar nicht im Leben. Er war viel mehr ein Werdender als jeder andere. Wenn er auch anders erschien. Aber diese frühe Schwere und Geseztheit, die waren ia gerade seinem Werden im Wege. Bu früh gebunden und festgelegt war nun alles Suchen in ihm. Und er fühlte gerade jetzt das Suchende in sich mehr als je.
Er arbeitete an seiner Dissertation. Da er durch die Mitarbeit am Werke Professor Winters ganz in der Materie drin war, fiel sie ihm leicht. In der chirurgischen Klinik fand er ebenfalls besondere Förderung. Ueberall spürte er Professor Winters sorgenden Einfluß. Das genierte ebenfalls. Er war nach dieser und jener Seite nicht frei.
Wie, wenn er aus dem ganzen engen Kram herausspränge! Psychiatrie Psychiatrie sein ließe und doch auf eine Landpraris hinstrebte? Das Land lockte. Was er an Proben der Stadt kennen gelernt hatte, das war ihm zuwider. Diese selbstgefällige und engherzige Provinzialität, die sich so maßgebend zur Schau trug und Bildung markierte puh, die war klebrig. Das war eine Philisterei, die beständig über ihre eigene Lächerlichkeit stolperte.
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Wenn er jemand hätte, mit dem er sprechen könnte. Aber er hatte niemand. An Professor Winter wagte er sich damit nicht heran. Luise versagte hierin. Wenn er seine Meinung über die Leute hier offen qussprach, war sie verschnupft.