IlnterhaltungsSlatt des Dorwärts Nr. 185. Donnerstag den 22. September. 1910 ssz Der Entgleiste. (Nachdr. verboten.) Von Wilhelm Holzamer . So sitzt er zu Hause und sinnt nach. Dann tritt er auf die Straße, und gleich übt sie ihre Anziehung. Sie macht ihn recht innerlich froh: an allem hat er seine Freude, alles wird ihm lieb. Die starken Schimmel der Omnibusse machen ihn staunen, die Auslagen der Magazine erfreuen ihn. Er erfreut sich an den Früchten und Gemüfen vor den Läden, an Geflügel und Wildbret, an den kleinen netten Restaurants mit ihren blanken Zinkausschänken, an den Marennes und Portugaises*) und Escargots"), an Elegants und Dirnen, an den Kutschern und Maronenröstern, an allem, was die Straße bietet, was ihr beständiges Bild und ihr lebendiger Wechsel ist. Er will das alles aufnehmen. Er will rücksichtslos und reflerionslos Auge in Auge mit allem sein, was zum Leben gehört, er will den großen Ausdrucksreichwm des Lebens in seiner ganzen Hn mittelbarkeit genießen. Und etwas meint er schon zu fühlen, wie einen Duft des Westwinds, der über Nosenfelder geweht, fernher und fein und köstlich: den Duft der Lebenskunst. Ihre Rhythmen wellen und wogen noch nicht in ihm weiter, er hat an ihr noch nicht teil, aber erspürt sie. Er spürt das Maß in der Maßlosigkeit ihres Tanzes, die Grazie, die BeHerr schung, und die prachtvollen Ueberschüsse, die zu aller Kunst gehören. Noch muß er abseits stehen und zusehen: aber ein. mal wird er daran teilnehmen können, und einmal wird ihm das volle, klare Verständnis dafür aufgehen. Und wer dann auf dem Nichterstuhl des Gut- und Bös serns sitzen wird, dem wird er lächelnd seine Entrüstung und seine Verachtung, sein Rechthaben und Besserwissen lassen. Ihm wird er das Leben als etwas Fertiges, den Menschen als etwas von vornherein Ab- und Zugeschlossenes überlassen. Er aber als echter Lebenskllnstler wird für Gärung und Klärung Verständnis haben.— Philipp schlendert die Rue Fontaine hinauf, dem Mont- martre zu. Der Abend ist weich, weich wie die schönen Herbst- abende von Paris nur sein können. Da oben, am Ende der Straße, drehen sich helle, rote Kreise im Dunkel, rote, ver- lorene Lichtpunkte stehen um sie iin Schwarzen. Die Wind- mühlflügel von Moulin rouge drehen sich da und locken seit- sam und verführerisch, frech und schwindelhast. Sie locken Philipp in das Vergnügungslokal hinein. Er findet zwar alles anders als er erwartet hatte, aber es ist ihm keine Ent- täuschung. Er hat sich schon gewöhnt, die Dinge so zu nehmen, wie sie ihm entgegentreten. Er hat sich ganz und gar un° befangen und vorurteilslos gemacht.„Die deutsche Erbsünde der besserwissenden Krähwinkclei überwinden", nennt er das. Er winkt ein paar Dirnen ab, die ihn ansprechen.„Nonl" und eine Handbewegung, das genügt. Eine kommt, die ihm nicht übel erscheint: er bestellt ihr den gewünschten„Bock" (Glas Bier), sucht seine paar französischen Brocken zusammen, um sich mit ihr zu unterhalten, fragt sie aus, läßt sich er- zählen und schickt sie wieder fort, als er meint, daß er genug von ihr erfahren habe. Eine nach der andern kommt, und bald kennt man ihn, bald kennt er sie.„b>e docteur allemand" (der deutsche Doktor)— er macht sich den Scherz und zahlt ein halbes Dutzend„Bock" und läßt sich feiern und freut sich seines raschen Bekanntwerdens. Dann hat er genug davon, er steht auf und sieht sich den Bauchtanz an, zahlt einen Grog, be- sieht sich wieder den Rundtanz und steht schließlich vor einer Gruppe von Tänzerinnen, die die Spezialität von Moulin rouge bedeuten, die über dem Spitzenunterrock das Straßen- kleid tragen und die„Quadrille naturalistique" tanzen. Phi- lipp hat's getroffen, es ist der letzte Abend des alten Moulin rouge. Und sie tanzen keck. Je kecker sie's machen, desto mehr freut er sich, obgleich ihn der Eindruck ärgert, daß der Tanz mehr zur Lockung als um seiner selbst willen getanzt wird. Aber, denkt er sich, wenn ein paar Menschen gern lasciv sind und Wenn sie's sein müssen und wenn sich ein paar Menschen auch daran erfreuen, Gott, meinetwegen! Eine Bewegung geht durch den Saal, es bilden sich leb- Haft plaudernde Gruppen, man sieht bedauernde Mienen. Ein alter, jovialer Herr wird besonders attackiert, Valentin le D6-- sosss. Händeschütteln, Wangenstreicheln— und wie eben der ,*) Billige Austerarien.—) Schnecken. Walzer ausklingt, läßt die eine Tänzerin im schwarzen Kleids den Rock fallen und stürzt auf ihn zu und umarmt ihn. „Valentin!" ruft sie. Das weitere versteht Philipp nichs. Valentin streichelt ihr über den Kopf. „Ja, Grillon," sagt er,„vorbei!" Alle sehen nach der Uhr— Mitternacht. Die Kapelle beginnt den Kehraus. Grillon springt davon und hebt die knisternden Volants. Sie fliegt nur m der Luft, ihre Füße berühren kaum mehr den Boden. Eine feine Gestalt, zart wie ein Schmetterling, die schlanken Beine in schwarzen, durchbrochenen Seidenstrllmpfen, fliegt ihr entgegen. Die beiden tanzen um die Wette, immer die Beine in der Luft, nur dann und wann ein kurzes, bestimmtes Klappern der Holzabsätze. Grille d'Egout und Jane Avril , die Meisterinnen der Quadrille naturalistique, tanzen sie zum letzten Male in dem alten Moulin, in dem sie groß geworden. Rings stehen die Zuschauer und sind entzückt. Und da steht auch der alte Valentin le D6soss6, der Meister dieses Tanzes, und klatscht in die Hände.„Bravo , Grillon!" ruft er bald einmal, und„Bravo, Jane!" wieder, und alle klatschen Bei- fall, lachen, wenn der Tanz sich dem Ordinärsten und Niedrig- sten in Dienst gibt und die groben Vorstadtinstinkte auslebt, rufen Bravo , wenn er sich zur Kunst oder zum Kunststück erhebt. Es ist furchtbar beklemmend und aufregend manchmal, und manchem wird der Atem heiß. Und die Tänzerinnen spielen damit, bewußt und absichtlich. Der Tanz ist aus. Die drei sinken sich in die Arme, Grillon und Jane küssen den alten Valentin. „Ja, meine lieben Kinder," sagt er,„zum letztenmal, zum letztenmal! Ich danke Euch, liebe Kinder! Aber es ist vorbei, vorbei!" Sie gehen Arm in Arm unter den Zurufen der Menge davon. Moulin rouge hat seinen letzten Tag gehabt, Moulin rouge ist tot. Wenn es wieder auferstehen wird, wird es seine alte Eigenart nicht mehr haben. Langsam leert sich Moulin rouge, langsam nehmen seine Getreuen von ihm Abschied. Philipp steht nun draußen auf der Straße und schaut hinauf zu den großen Flügeln, die plötzlich stille stehen. Und plötzlich verlöschen ihre Lichter, das Haus liegt im Dunkel, tot, wie vor seinen Augen gestorben. Er tritt in das Restaurant„Cyrano" nebenan ein. Er hat Hunger.„Soupers " steht mit elektrischen Lampen oben hingeschrieben. Die Fenster sind hell erleuchtet, eine Zigeuner- kapelle konzertiert. Mit Jubel wird er im ersten Stock empfangen. Docteur allemand!"— Und eine garstig-kichernde Stimme ruft:„I�e Prussien!"(„Der Preuße I") Sie kam von einer, die er vorhin abgewiesen hatte. Denn alle Bekannten von Moulin rouge sind da. Er ist im Nu von Dirnen umringt. Sein erstes war, daß er nach seiner Geldtasche griff. Da lachten sie ihn alle aus. Zarte Hände streichelten ihn, Koseworte, die er nicht verstand, aber als solche empfand, umschwirrten ihn. „Eine Zigarette, bist!" Im Nu war seine Zigarettenschachtel geleert. „IIa Bock!"—„Zahlen Sie ein Bock, mein Herr!" „Eine Tasse Kaffee!"„Ein Gläschen für mich, lieber Doktor!" Philipp sträubte sich anfangs, dann gewährte er der einett und anderen. Aber als neue Besucher kamen, fielen sie wieder von ihm ab. Schließlich war er mit dreien allein an einem Tische. Die eine war eine Schlanke, die ein gerötetes Gesicht hatte, eine spitze Nase, eckige Bewegungen und Zähne wie ein Droschkengaul, die sie beim Rauche« noch besonders zeigte, indem sie die Zigarette mit ihnen packte und die Oberlippe aufschürzte. Philipp war das zum Ekel, und er sah manchmal an ihr hinunter und wieder hinauf, um etwas an ihr zu finden, was ihm gefallen könnte, aber er fand nichts, und so knurrte er in sich hinein:„Wenn das verdammte Aas nur zum Teufel ginge!" Aber sie ging nicht und bestand darauf, ihm ihre Adresse ins Notizbuch zu schreiben. „Hab keins," sagte er barsch und im Dialekt seiner Hei- mat. Man verstand seine abwehrende Bewegung und lachte hell auf.
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27 (22.9.1910) 185
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