Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 190.
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Donnerstag, den 29. September.
1910
Der Entgleifte.( Machdr. verboten.) rauchen. Da sie den billigſten und schärfften Tabak rauchen
Es war kein Mensch in der Welt, der ihr jegt beistehen konnte. Nur die Arbeit. Die ganz allein. Es ging nicht mehr so wie früher, aber es ging noch. Sie schlug alle Aengste und Zweifel tot.
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Nun waren die Hügel kahl, die Trauben gefeltert, und der Wein duftete schon aus den Kellern- nun kam der Winter reißend schnell. Aber da hinten war noch ein heller Giebel, und der sah noch freundlich und sommerlich herüber - der blickte sie mit guten Augen an hatte er nicht einmal böse gehabt? und sah zu ihr mit seinen Blicken aus schönen, langen schönen Zeiten, da ihr Philipp noch jung gewesen. Da sie die kleinen, die vielen kleinen Sorgen um ihn gehabt hatte, wie jetzt die großen. Aber war das nicht auch etwas, so Sorgen um jemand gehabt zu haben und noch zu haben? Was hätte sie denn von der Welt, wenn sie das nicht hätte? Und was hätte sie von ihr gehabt? Das hatte ihr Reben getrieben, wie das Wasser das Mühlrad. Und wir find ja alle nur Mühlen alle. Nur mahlen wir nicht alle dasselbe Korn. Tut nichts. Wenn nur gemahlen wird. Sie legte seine Briefe zusammen und verschloß sie in die Kommode.
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Im Wirbel rasten Philipp die Tage hin, sie waren wie Seifenblasen, die in der Luft verwehen, und waren wie Segel, die der Sturm in die Wellen zwingt, daß sie sich nicht mehr erheben können.
Die Algérienne sang mit ihrer sammetheiseren Raubtierstimme, und er wiederholte immer:" Sing noch einmal, kleine Algérienne!" Und sie sang ein Tanzliedchen ihrer Heimat und wiegte ihren geschmeidigen Körper in verführerischen Bewegungen dazu. Und es war wie Tausend und eine Nacht- es war Wüste und Palmen es war die Sonne und das Meer und es waren die Wunder des gestirnten Himmels und die verführerischen Dasen in der Unheimlichkeit der Wüstennacht.
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Mein Geld geht zu Ende," sagte Philipp einmal. Bah- ich tanze" und sie fletschte die Zähne ich werde tanzen, und wir werden Geld haben."
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Er bat sie, das nie zu tun. Er beschwor sie, nie wieder in den„ Cyrano" zu gehen und zu tanzen. Sie begriff ihn nicht. Er werde alles tun, Geld herbeizuschaffen alles, was fie nur wolle aber sie dürfe nicht in den„ Cyrano" gehen und tanzen. Sie dürfe nur vor ihm tanzen. Oder wenn es un st sei. Wenn es wirklich für die Kunst sei. Er schlug ihr bor, sich in der Großen Oper zu bewerben. ,, Bab," sagte fie, in so einem Stall! Auf Kommando und nach Vorschriften. Niemals, niemals."
Aber er ließ nicht nach.
Ich liebe die Freiheit." Damit schnitt sie alles ab. Und Philipp begriff nur zu gut, daß dieses Raubtier die Freiheit liebbe. Sie mußte sie lieben; denn nur durch die Freiheit konnte sie bleiben, was sie war.
Philipp suchte nach einem Geldverdienst. Bei einem Apotheker fragte er um Rat, ob er nicht eine ärztliche Praris eröffnen könne. Große Aussichten machte ihm der Mann nicht. Das komme nicht billig, meinte er. Ein entsprechendes Logis entsprechend ausgestattet, dann Verbindungen und Empfehlungen, ein Kapital, um abwarten zu können. Ueber dies liebten die Franzosen die lateinischen Rezepte nicht. Der Batient wolle genau und ausführlich lesen fönnen, was ihm gegeben werde und wozu es ihm gegeben werde. Dazu fonnte sich Philipp nun gar nicht verstehen. Und dazu reichte ja auch sein Französisch nicht aus.
Er ging in die verschiedenen Spitäler und fragte nach. Alle Stellen waren besetzt, und es waren schon so viele Leute vorgemerkt! In Sainte- Anne wäre man möglicherweise bereit gewesen, ihn in der Innenabteilung als Volontär zu beschäftigen. Das half ihm aber für den Augenblick nicht. Der Vorsicht halber ließ er sich von dem leitenden Arzt die Adresse geben, damit er bei Gelegenheit darauf zurückommen könne. Die Algérienne nahm's nicht schwer. Für Kleider hatte fie zunächst noch keinen anspruchsvollen Sinn, fie liebte Rot, und wenn fie fich nur in Rot kleiden konnte, alles andere, ob kostbar oder nicht, war ihr gleich. Und Zigaretten mußte sie
konnte und die Zigaretten selber drehte, war das keine große Ausgabe.
Ob er nicht Berichte aus Paris für deutsche Zeitungen schreiben könnte, dachte Philipp. Wenn er sich die Leute ans sah, die es taten, warum sollte er's nicht können? Sie waren ihm nur im Handwerksmäßigen überlegen. Das war aller dings so unwichtig nicht. Freilich auch an Frechheit. Das war wohl wichtiger.
Als er die Arbeit anfing, sah er, daß sie schwerer war, als er vermutet hatte. Und nun wußte er nicht, ob das Ge schriebene auch wirke. Der Algérienne konnte er's nicht vore lesen. Aber er tat's doch. Sie lachte sich halbtot. „ Das ist sehr amüsant," sagte sie.
Als er ihr sagte, daß er damit Geld verdienen wolle, lachte sie noch mehr.
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So heulen die Schakale bei uns in Algerien ," fagte sie, wie das klingt. Damit wirst Du nicht Geld verdienen. Ich werde tanzen, dann werden wir Geld haben."
Er gab ihr nun wieder die himmelsbesten Worte, daß sie nicht tanzen dürfe, unter keinen Umständen.
Die Tage bergingen, und sein Geld wurde immer knapper. Bald saß ihm das Messer an der Kehle. Daheim in Deutschland wär's ihm ein Leichtes, zu verdienen. Hier, in der Fremde, blieben ihm alle Quellen verschlossen. Aber wenn sein Artikel angenommen würde dann ginge es wohl. Das wäre dann doch wenigstens ein Anfang.
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Er hatte wieder ein paar Rezepte geschrieben, lateinisch, wie er es gewohnt war. Die Concierge des Hauses hatte ihm Kunden verschafft. Aber das war kein Verdienst, darauf war gar nicht zu rechnen. Niemand würde ihm dafür etwas zahlen.
Der Wirt zur goldnen Schnecke" borgte ihnen das Essen. Aber was half das? Einmal mußte das doch bezahlt werden. Die Algérienne war freilich anderer Meinung. Und wenn Du das nie bezahlst, was tut das?" Sie kannte den Begriff der Verpflichtung nicht.
Philipp dachte Mirim um Rat zu fragen. Der war in solchen Dingen bewandert und der rechte Mann, das Leben rücksichtslos anzupaden. Es war ja nichts weiter nötig, als alle Forderungen und Vorteile von sich zu werfen. Weiter nichts. Sich gewissermaßen nackt der Welt gegenüberzustellen, dann würde sie einen schon bekleiden. Nun wagte er ja seine erste Nadtheit: er fragte Mirim um Rat. War das nicht schon die schiefe Ebene? Ist man nicht ganz von selbst auf ihr, wenn man die Leitseile der gesellschaftlichen Ordnung abstreift ist man da nicht ganz von selbst fallen gelassen, ohne daß man etwas dagegen tun könnte? Hat man da nicht plößlich einen Boden unter den Füßen verloren und steht in Sand und Schlamm? Es war ihm immer so entsetzlich gewesen, durch den Sand zu gehen. Nun mußte er's tun, denn das Leben zwingt einen immer zu dem, was einem das Widerwärtigste ist.
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Es war ein Brief von Weit gekommen, der von den Vorgängen in der Heimat erzählte. Man hatte sich ganz auf die Seite der Frau gestellt und ihn verurteilt. Sogar Weit sollte Schuld tragen. Das regte Philipp nicht weiter auf. Weit konnte nicht nur Schuld tragen, der konnte sie auch von sich abschütteln. Darin war er, der Stranke, weit stärker als die meisten Gesunden. Denn er hatte die nötige Verachtung, eine wohlgegründete, gefestete Verachtung. Und die Sittlichkeitsbegriffe und die Philistermoral der Gesellschaft", dieses fadenscheinige Mäntelchensystem, das hatte er gründlich durch schaut. Nun schrieb er noch:„ Wenn Sie auf die schiefe Ebene geraten, lieber Doktor, behalten Sie sich noch so viel Stärke und Widerstandskraft, daß Sie bewußt auf ihr gleiten. Dann ist nichts verloren, und dann kommen Sie auch wieder in die Höhe. Nur wer so blindlings hinunterrutscht und sich auf einmal unten befindet, ohne daß er weiß, wie er hinuntergekommen ist, der ist der eigentliche Schwächling. Der ist einer vor der Welt und vor sich selber. Und was Ihnen begegnen mag, halten Sie sich das eine bewußt: es ist besser zu sinken als immer auf dem ebenen Boden glatt hinzurutschen, ohne Steigen und ohne Fallen. Das ist sogar verächtlich. Sehr verächtlich. Denn es ist mittelmäßig. Es gibt aber nichts Traurigeres, klebrigeres, Schmutigeres in der Welt