Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 240.
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Freitag den 9. Dezember.
KNachdrud berboten.)
Was ist Rubm?
Roman von Mar Rrezer
1910
haftigkeit schrieb er selbst die kleinste Ausgabe an; sie aber lachte ihn gründlich aus und wies auf Lorensen hin, der schon wieder seinen Schneider ganz gehörig in Nahrung gesezt habe und sich nur noch die Hosen aufzukrempeln brauche, um wie ein Gigerl herum zu laufen. Als sie ihn dann noch darauf aufmerksam machte, daß man doch zum min desten anständig gekleidet gehen müsse, verbarg sie darunter wieder dieselben Gedanken, die sie schon damals als Kind hatte beim sinnigen Betrachten der großen äußeren und inneren Gegenfäße der beiden Unzertrennlichen.
Ja, das sieht man an Dir," sagte er kurz. Und um ihn ein wenig auf die Probe zu stellen, fam er darauf zu sprechen, daß von Walzmann noch spät am Abend vorher eine Starte eingetroffen fei, auf der er noch in dieser Woche eine gemütliche Zusammenkunft bei sich angeregt habe. Sogar sein Aber selbst diese geringen Ansprüche an Lorensen dünkten Müllkasten" sei gefegt, und für Stühle sei auch genügend Kempen noch zu hoch. Um die Kosten für seine eigne Ergesorgt; berdursten werde feiner, und der frische westfälische haltung hereinzubringen, drängte er eine Beitlang jeden Schinken warte auf den Anschnitt. Sie möchten doch kommen, Künstlerehrgeiz zurück und warf sich wieder auf die„ Töpferbevor wieder Ebbe in seiner Kasse eintrete; und Lorensen arbeit". Es war Sommer, die Rohbaue schossen in die Höhe, sollte die Lackstiefel zu Hause lassen, denn in seiner" Gegend und so bekam er von einem ihm gewogenen Architekten verfönnte das unangenehm auffallen. Auch die anderen Kunst- schiedene Fassadenfiguren zu modellieren, die über das Handgenossen habe er geladen. Sein Wimmerholz( womit er eine werksmäßige hinausragten. Dann wurde ihm aus Hamburg , Guitarre meinte) habe neue Saiten bekommen; wahrschein- mo bereits die Statue eines befreiten Sklaven von ihm stand, lich werde auch ein nettes Meechen" da sein, wenn sie nicht infolge einer Empfehlung der Auftrag eines Grabdenkmals gerade an der Normaluhr auf einen andern warten müsse. Nur zuteil. Es war zwar nur ein Relief, aber es wurde gut beLorensens wegen! Man solle aber nicht vergessen, einen zahlt, und er konnte Klara dazu verwenden, sobald einmal Regenschirm mitzunehmen, da er feinen habe, und da draußen Lorensen an der Büste des Dichters schaffte. bei ihm gebe es jetzt merkwürdigerweise jeden Tag einen Nassauer; aber man brauche nichts zu fürchten: das Dach seiner Bude sei frisch geteert worden.
Alles das hatte Walzmann in seiner Manier kreuz und quer und dann zum Ueberfluß noch schräg durch die Zeilen geschrieben, so daß man es erst mühsam enträtseln mußte.
Lorensen überlegte nicht lange. Leider könne er nicht mitgehn, denn er sei schon eine andre Verpflichtung eingegangen. Sein Beweggrund jedoch lag tiefer, worüber er sich aber nicht äußern wollte. Heilke hatte es ihm nahegelegt, den Verkehr mit Walzmann ganz aufzugeben, denn es fleide ihn jezt nicht mehr, da er aus dem Zigeunertum heraus sei; und wenn er höher streben wolle, müsse er sich andern Umgang suchen. Es würde ihn sehr unangenehm berühren, wenn er Lorensen wieder rückfällig sähe, jetzt, wo er fast zum ständigen Gast in seinem Hause geworden sei! Und der Blonde, immer sein Ziel vor Augen, hatte Besserung gelobt und sich auch fest vorgenommen, dem ganzen Zigeunertum aus dem Wege zu geben; vorausgesetzt, daß er diese Schwäche werde überwinden fönnen, wie er zu sich selbst sagte.
Kempen glaubte jetzt kein Recht mehr zu haben, gegen das kostspielige Leben Lorensens etwas einzuwenden. Er verdiente nichts, oder doch wenig, benutte das Atelier, teilte Wohnung und Tisch mit ihm und bezahlte die Modelle mit des anderen Geld. Und wenn er sich auch sagte, daß er dem Genossen stets die geschickten Hände geliehen habe, daß eigentlich jeder von ihnen in der Schuld des andern stecke, so fühlte er sich doch jetzt ersichtlich gedrückt.
Lorensen, der das merkte, und weniger schlecht als schwach war, wurde ernstlich böse und schlug den warmen Ton der alten Freundschaft an. Das wäre ja noch schöner, sich solche Gedanken zu machen und ihn einfach zu beschämen! Er habe ebensoviel aus dem gemeinsamen Topf gegessen und würde fich unglücklich fühlen, wenn Kempen jemals annehmen könnte, er habe sich etwas schenken lassen.
Kempen drückte ihm zwar warm die Hand und erklärte die Sache damit für abgetan, folgte jedoch seinem eignen Gefühl. Er wurde noch knidriger für sich, strich die Butter noch dünner aufs Brot und gönnte sich kaum den neuen Anzug, dessen er eigentlich schon längst bedurft hätte. Als ihn dann aber eines Tages Klara darauf aufmerksam machte, daß er fich endlich mal andre Kragen zulegen müsse, bat er sie, ihm ein ganzes Vierteldußend nach Probe auf ihrem Morgengang mitzubringen. Sie aber glaubte ein gutes Werk zu tun, wenn fie das Zwanzigmarkstück, das er ihr unvorsichtigerweise anvertraut hatte, gleich ganz drauf gehen ließefrei nach Friß Lorensen! Und so machte sie aus dem Vierteldugend ein halbes und legte noch ein Oberhemde und verschiedene Krabatten zu, denn auch in dieser Leziehung sah es äußerst schlimm mit ihm aus.
Kempen mudte zwar gehörig auf und tat so, als wäre ein Vermögen verloren gegangen, denn mit größter Gewissen
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Erst im nächsten Jahre konnte er seinen Löwenkämpfer, steinfarben getönt, in die große Ausstellung schicken, begleitet von der kühnen Hoffnung, daß sich vielleicht ein Liebhaber dafür fände, der das Modell faufte und es in Marmor oder Erz ausführen ließe. Zugleich mit ihm stellte Lorensen seine für Rensdahl gefertigten Gruppen aus, die mit Dampf in Marmor übertragen worden waren und sehr schöne Plätze im Skulpturensaal bekommen hatten, wo sie, von Topfgewächsen umgeben, sich wie in einer Gartenanlage abhoben. Heilke, der zur Aufnahme- und Anordnungskommission der Akademie gehörte, hatte ein mächtiges Loblied gesungen und durch seine Machtstellung auf die übrigen gründlich einzuwirken verstanden.
,, Wer ist Kempen ?" fragten die Kunstrichter vom weißen Kittel, als sie das verblüffende Werk umftanden, nun allerdings im Bürgerkleid und mit geputzten Stiefeln, nach einem guten Frühstück zu allerlei Scherzen geneigt, die, wenn sie mancher Zurückgewiesene gehört hätte, ihn in einen mordenden Tragöden verwandelt haben würde.
Heilfe schwieg sich aus, und so sannen die andern nach, ob ihnen der Name schon begegnet sei, denn die Kühnheit dieses Wurfes raubte ihnen vorerst das Wort. Das war Plastik, das saben sie; dieser Kerl stand wie ein königlicher Bezwinger, nicht hingestellt, um geformt zu werden, sondern in lebendiger Ruhe, verachtungsvoll den Blick auf die sterbende, in Ohnmacht sich windende Bestie gerichtet, die in der letzten Zuckung die Pranke erhebt.
,, Schüler von wem-?" fragte der kahlköpfige, etwas schwerhörige Runkel, Senatsmitglied der Akademie, der immer erst den Haupttrieb kennen wollte, bevor er die Ableger danach bewertete.
" Soviel ich mich jetzt erinnere, gehört zu haben, hat er gar keine Schule," meldete sich endlich Heilke, der nun sah, wie der kleine, furzsichtige Stenzel, ein zierliches, flinkes Männchen, so dicht seine Musterung vornahm, als wollte er sich die Nase an der gipsernen Wade reiben. Stets boller Widerspruch, wußte er schon im Voraus, was nun kommen würde, und so machte er seinem Aerger darüber, noch nicht wie andre im Senat zu sein, in der Anerkennung Luft:„ Sehr viel Feinheiten, scheint manche Feinheit zu haben. Durchgeführt, stark durch geführt! Wenigstens, soviel ich sehen fann."
Kaltlächelnd fuhr Runkel dazwischen:„ Also ein Wilder. Sah ich doch gleich; ei, versteht sich. Das hat jetzt weder Maß noch Ziel. Bauen immer gleich in Ueberlebensgröße auf, als wenn ein Herkules gleich ein Goliath sein müßte. Das täuscht natürlich, weil es wirkt. Ei, versteht sich... Und dieser Löwe... sehen sie sich doch nur diesen Löwen an! So wälzt sich eine Kuh, aber kein Löwe."
Stenzel quiefte wieder seine Gegenansicht heraus:„ Da faan ich Ihnen doch nicht recht geben, lieber Kollege. Das