Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 5.

Sonnabend den 7. Januar.

( Nachdrud verboten.)

5] Pelle der Eroberer.

Roman von Martin Andersen Ner ö. ,, Nimm auch' n Schluck!" flüsterte Lasse und hielt ihm heimlich die Flasche hin. Aber paß auf, daß er es nich' sieht, denn er is bös. Er is' n Jude.

"

Belle wollte feinen Schnaps haben. Was is ein Jude für einer?" fragte er flüsternd.

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1911

kam der Verwalter wieder nach dem Wagen hinaus und sie verschwanden schnell in den Keller hinein. Oben vom Wohn­hause her ertönte ein ferner eintöniger Laut, der nicht wieder aufhören wollte und unwillkürlich dazu beitrug, nieder. drückend auf die beiden zu wirken.

Steht doch nicht da und stellt Euch an," sagte der Ver­walter hart macht, daß Ihr zu den anderen herunter­fommt und Euch den Bauch vollschlagt. Ihr werdet noch Beit genug haben, ihnen Affenkomödie vorzuspielen."

Unten im Kellergang klang der merkwürdig langgezogene Laut verstärkt, und es ging ihnen beiden auf einmal auf, daß es das Weinen einer Frau war.

2.

Bei diesen ermunternden Worten ergriff der Alte die Ein Jude herrjemine, Jung', weißt Du das denn Hand des Knaben und trottelte, verzweifelten Sinns, langsam nich? Die Juden haben ja doch Christus gefreuzigt, und auf den Keller zu. In seinem Innern weinte es aus allen darum müssen sie nu über die ganze Welt wandern und Woll- Quellen nach Tommelilla und Kungstorpet. Pelle drängte fram und Nadeln und sowas verkaufen; und betrügen tun sich ängstlich an ihn. Das Unerwartete war in beider Phan­sie überall, wo sie hinkommen. Weißt Du nich' noch den, tafie plötzlich zu einem bösen Unwetter geworden. der Mutter Benzta mit ihrem schönen Haar anführte? Ach ne, das war woll vor Deine Zeit das war auch' n Jüd'. Er kam einen Tag als ich nich' zu Haus war und packte all feinen feinen Kram aus. Da waren Kämme und. Nadeln mit blaue Glasfköpfe und die feinsten Kopftücher. Und die Weibsleute könn'n ja gegen solchen feinen Stram nich' an, sie werden so wie, ich will mal sagen, wie einer von uns, wenn uns einer' ne Flasche Branntwein vor die Nase hält. Mutter Benzta hatte ja nu fein Geld, aber der verfluchte Teufel wollt ihr das feinste Kopftuch geben, wenn er ihr' n End' von ihrem Zopf abschneiden dürft. Und da schneid't er ihn ihr ganz oben in'n Nacken ab. Herr du meines Lebens, war sie wie Stahl und Feuerstein, wenn sie wütend wurd'sie prügelt ihn mit' n Feuerhafen aus' n Haus raus. Aber den Zopf, den nahm er mit, und das Tuch war der reine Jur, wie das ja auch nich' anders zu erwarten war. Denn die Juden das sind verdammte Zeufel, sie haben unsern Herrn Jesus " Lasse fing wieder von vorne an.

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Belle hörte soeben noch des Vaters leises Brummen. Es handelte von Mutter Benzta, aber die war ja tot und lag jetzt in der schwarzen Erde sie knöpfte ihm sein Unter­leibchen nicht mehr im Rücken zu und wärmte seine Hände nicht mehr, wenn ihn fror. So, also Rosinen gab es hier zu Lande im Schweinebraten; die mußten ja Geld wie Heu haben. Auf den Wegen lag nun zwar fein Geld herum, und sonderlich fein sahen die Häuser und Gehöfte auch gerade nicht aus. Aber das sonderbarste war, daß der Erdboden hier die selbe Farbe hatte wie zu Hause, obwohl es ein fremdes Land war. In Lommelilla hatte er eine Landkarte gesehen, auf der jedes Land seine eigene Farbe hatte. Aber das waren dann ja Lügen!

Lasses Mundwerk war schon längst stehen geblieben, er schlief, den Kopf auf dem Rücken des Jungen. Er hatte ver­gessen, die Flasche zu verstecken.

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Belle wollte sie gerade in das Stroh hineinschieben, als der Verwalter der übrigens fein Jüte, sondern ein See­länder war sich im selben Augenblick umwendete und sie erblickte. Er hieß den Knaben, fie in den Graben werfen. Bur Mittagszeit erreichten sie ihren Bestimmungsort. Lasse erwachte als sie auf das Pflaster des großen Hofplages rollten und tastete mechanisch im Stroh herum. Aber plöß­lich besann er sich darauf, wo er war und wurde mit einem Rud nüchtern. Dies also war ihr neues Heim! Das einzige, woran sie sich zu halten hatten, wovon sie auf dieser Welt etwas zu erwarten hatten. Und als er sich auf dem großen Hof umsah, wo die Mittagsglocke gerade läutete und Senechte und Mägde und Tagelöhner aus allen Türen rief, da ber­schwand sein Selbstvertrauen. Ein verzweifeltes Gefühl von Wehrlosigkeit überwältigte ihn und machte sein Gesicht in ohnmächtiger Sorge um den Sohn erzittern.

Seine Hände bebten unter ihm, als er aus dem Wagen froch; er stand da unschlüssig und allen den forschenden Blicken dort vom Eingang zu dem mächtigen Keller des Wohnhauses preisgegeben. Sie schwagten über ihn und den Jungen und lachten bereits. In seiner Verwirrung griff er zu dem Ent­schluß, gleich von vornherein einen so günstigen Eindruck wie mur möglich zu machen, und fing an, die Müße tief vor jedem einzelnen abzunehmen; der Knabe stand daneben und machte es ebenso wie der Vater. Das erinnerte an die Clowns auf dem Jahrmarkt, und dort lachten sie laut und verbeugten sich nachahmend, fie fingen auch an, laut zu rufen. Aber dann

Steengaarden, das in Zukunft Lasses und Pelles Heim sein sollte, war eines der größten Güter auf der Insel. Aber alte Leute wußten sich zu erinnern, daß, als ihre Großeltern Kinder waren, nur eine Häusierstelle mit zwei Pferden dort gelegen hatte; das hatte einem Bevest Köller, einem Enkel von Jens Kofod, dem Befreier von Bornholm gehört. Unter ihm ward aus der Stelle ein Guter arbeitete sich zu Tode, gönnte weder sich noch anderen das Essen. Und die beiden Dinge vererbten sich in der Familie von einer Generation auf die andere das schlechte Essen und das Bedürfnis sich aus­zubreiten.

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Die Felder in dieser Gegend waren vor noch nicht gar zu vielen Menschenaltern Steine und Heidekraut gewesen; die kleinen Leute hatten die Erde gebrochen und einer nach dem andern hatte sich totgearbeitet, um sie in Kultur zu halten. Rings um Steengaarden herum wohnten lauter Häusler und Büdner, die nur zwei Pferde hielten, Leute, die mit Schweiß und Hunger gekauft hatten, und von denen man ebenjogut denken konnte, daß sie das Grab ihrer Eltern verkaufen würden wie ihren fleinen Besitz; sie hingen daran, bis sie davongingen, oder bis irgend ein Unglücksfall sie verschlang. Aber die Familie auf Steensgaarden wollte kaufen-be­ständig kaufen und sich ausbreiten, und dazu konnte sie nur durch Unglücksfälle gelangen. Ueberall wo Mißwachs und Krankheit und Unglück mit dem Vieh einen Mann traf, so daß er schwankte, kauften die Köllers. So wuchs Steengarden, be­fam biele Gebäude und viel Schwerkraft; es ward ein so schwerer Nachbar, wie das Meer es ist, dort wo es von der Erde des Landmannes zehrt, Feld für Feld, und wo nichts da­gegen zu machen ist. So wurde einer aufgefressen und dann der nächste; jeder wußte, daß auch an ihn die Reihe kommen würde, früher oder später. Niemand rechtet mit dem Meere; aber alles, was an Bösem und Unheimlichem über dem Leben des Armen brütete, kam von dort oben hergeschwebt. Dort hausten die Mächte der Finsternis, ängstliche Gemüter zeigten immer nach Steensgaarden hinauf. Es ist gut gedüngter Boden", pflegten die Leute in der Umgegend mit einem eigenen Tonfall zu sagen, der einen Fluch in sich schloß; weiter aber wagten sie sich nicht.

Das Geschlecht der Köllers war nicht sentimental, es ge­dieh vortrefflich in dem trüben Licht, das aus so vielen ängst­lichen Gemütern auf den Hof fielund empfand das als Macht. Die Männer waren aufgelegt zu Trunk und Karten­spiel, aber sie tranken nie mehr, als daß sie sehen und ihren Verstand gebrauchen konnten, und verspielten sie zu Anfang des Abends ein Pferd, so pflegten sie im Laufe der Nacht zwei zu gewinnen.

Als Laffe und Pelle nach Steengaarden famen, erinnerten sich ältere Häusler noch des Bauern aus ihrer Kindheit, des Janus Köller, der mehr als alle andern Schwung in die Sache gebracht hatte. In seiner Jugend kämpfte er eines Nachts um zwölf Uhr oben im Stirchturm mit dem Bösen und über­wand ihn und seither gelang ihm alles. Wie sich das nun verhalten haben mochte, jedenfalls ging zu feiner Zeit ein Nachbar nach dem andern zu Grunde, und Janus ging umher und übernahm sie. Hatte er ein Pferd nötig, so gewann er es im Dreifart- und so auf allen Gebieten; der Teufel legt