Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 17.
Mittwoch den 25. Januar.
Cachbruc verboten.)
17] Pelle der Eroberer.
Roman von Martin Andersen Nerö. Autorisierte Uebersetzung von Mathilde Mann .
Pelle hielt verwundert inne, der erwachsene Mann war ganz vornüber gesunken und saß da und schluchzte. Ja, das war schlecht," sagte er, denn da machte sie ihr Kind tot und tam ins Buchthaus." Er sprach mit einer gewissen Geringschätzung, er fonnte feine weinenden Männer leiden. Aber darüber brauchst Du doch nich zu weinen," warf er nach einer Weile hin.
" Ja, denn sie hatte doch eigentlich gar nichts getan, der Vater des Kindes hat es ja doch totgemacht. Ich habe das Schreckliche getan; ja, ich gestehe es, ich bin ein Mörder. Räume ich denn nicht ganz offen meine Schuld ein?" Er wendete sein Gesicht empor, als rede er mit Gott .
,, Ach so, Du bist es!" sagte Pelle und zog sich ein wenig bon ihm zurück. Hast Du Dein eigenes Kind totgemacht? Das hätte Vater Lasse nie tun können. Warum fißt Du denn sich im Zuchthaus? Hast Du am Ende gelogen und die Schuld auf sie abgewälzt?"
1911
Aber mach' Du nur, daß Du Deine Füße gewaschen kriegst, Jung'."
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Das Leben gab genug zu tun, da war genug, womit man sich herumschlagen mußte, genug, wovor man sich ängstigen fonnte. Aber schlimmer fast als all das, was Belle selbst über wollte, waren die Blize, die zuweilen aus der Menschentiefe zu ihm aufstiegen; denen gegenüber war sein Kindergehirn macht. los. Warum weinte Frau Bongstede so viel und warum trank sie im geheimen? Was ging dort hinter den Fensterscheiben in dem hohen Wohnhaus vor sich? Er begriff es nicht, und jedesmal, wenn er seinen kleinen Stopf darüber zerbrach, glotte ihn nur das Grauen aus allen Fensterscheiben an, und zuweilen umschloß es ihn mit dem ganzen Schrecken des Unfaßlichen.
Aber die Sonne wanderte hoch am Himmel, die Nächte waren hell, die Finsternis lag zusammengebrochen unter der Erde und hatte keine Macht. Und er besaß die glückliche Fähigkeit des Kindes, ganz auf einmal und Spurlos zu vergessen.
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6.
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Belle hatte einen schnellen Buls und viel Unternehmungsgeist; da war immer etwas, was sein rastloses Streben berfuchen mußte, einzuholen wenn es nichts weiter war, dann die Zeit selbst. Jetzt war der Roggen unter Dach, jetzt verschwand die letzte Hocke vom Felde, die Schatten wurden mit jedem Tage länger. Aber eines Abends überraschte ihn die Dunkelheit vor seiner Schlafenszeit, und er wurde bedenklich.
Diese Worte übten eine eigene Wirkung auf den Fischer aus. Pelle stand eine Weile da und beobachtete ihn, dann rief er aus:„ Du sprichst so sonderbar: blog- blog- blog. als wenn Du aus einem anderen Land wärst! Und warum Fratst Du so mit den Fingern in der Luft herum und weinst? Er trieb die Beit nicht mehr zur Eile an, sondern suchte, sie Seriegst Du am Ende Prügel, wenn Du nach Hause kommst?" zurückzuhalten durch allerlei kleine Sonnenzeichen. Bei dem Worte Weinen brach der Mann in lautes Schluchzen aus. Belle hatte niemals einen Menschen so unbeherrscht weinen sehen; das Geficht war ganz ineinander
gefloffen.
,, Willst Du ein Stück Butterbrot haben?" fragte er, um ihn zu trösten. Ich hab noch was mit Wurst auf." Der Fischer schüttelte den Kopf.
Belle fah nach dem Steinhaufen hinüber; er war eigen finnig und wollte nicht locker lassen.
Es liegt aber doch da begraben," sagte er. Ich hab' felbst die Seele des Nachts oben auf den Steinen brennen sehen. Das tut sie, weil sie nich in den Himmel kommen tann."
Eines Tages hörte die Mittagsrast der Leute auf. Sie spannten wieder vor, sobald sie das Mittagessen herunter batten, und das Häckselschneiden wurde auf den Abend verlegt.
Der Göpel lag auch auf der äußeren Seite des Stall. gebäudes, und feiner von den Knechten hatte Lust, da draußen in der Finsternis herumzutraben und die Maschine zu fahren. Da mußte Pelle es denn tun. Lasse widersetzte sich und drohte, zu dem Großbauer zu gehen, aber es half nichts; jeden Abend mußte Belle ein paar Stunden da hinaus. Es waren seine besten Stunden, die man ihm nahm; die Stunden, in denen er und Vater Lasse im Stall herumzuschelten und sich sorglos durch alle Widerwärtigkeiten des Tages hindurch in eine gemeinsame lichte Zukunft hineinplauderten- und Belle Aus dem offenen Munde des Fischers drang ein un- weinte. Wenn der Mond die Wolken jagte und er alles heimlicher Laut, ein dumpfes Brüllen, das Pelles kleines deutlich um sich her sehen konnte, ließ er seinen Tränen freien Herz ihm im Leibe bubbern machte. Er tat selbst ein paar Lauf. Aber an den dunklen Abenden schwieg er und hielt den Sprünge aus lauter Angst, und als er sich befann und wieder Atem an. Wenn der Regen herabströmte konnte es so finster still stand, sah er den Fischer stark vornübergebeugt die Wiefe hinablaufen und in den Klippen verschwinden.
Belle starrte ihm verwunderlich nach und begab sich langsam nach dem Vorratsforbein Ergebnis war vor Läufig Enttäuschung. Er hatte einem wildfremden Manne etwas vorgefungen, das war zweifelsohne eine Heldentat- so schwer wie es einem doch schon wurde, nur ja oder nein zu jemand zu sagen, den man noch nie gesehen hatte. Aber er hatte die meisten Verse ausgelaffen, und die große Hauptfache war ja doch, daß er das ganze Lied auswendig wußte. Jetzt fang er es für sich von Anfang bis zu Ende, indem er fich die Zahl der Verse an den Fingern merkte. Und er schaffte fich die glänzendste Genugtuung, indem er so laut brüllte, daß man es weit und breit hören konnte.
Am Abend beredete er wie gewöhnlich die Erlebnisse des Tages mit dem Vater; und da verstand er dieses und jenes, was für eine Weile sein Gemüt mit Grauen erfüllt hatte: Vater Lasses Stimme war bisher noch die einzige menschliche Stimme, die der Knabe ganz verstand. Schon allein ein Seufzer oder ein Kopfschütteln des Alten übten eine jiberzeugende Macht auf ihn aus wie feine andere Rede. ,, Ach ja," fuhr er fort zu wiederholen.„ Böses und nichts als Böses, wohin man sieht, Kummer und Not allüberall! Er gäbe woll gern sein Leben hin, um an ihrer Stelle die Buchthausketten zu schleppen nun, wo es zu spät is!- Also er lief weg, als Du das zu ihm sagtest? Ja, ja, Gottes Wort in einem Kindermund, da kann man nich' gut gegen an, wenn das Gewissen einen Knacks gekriegt hat. Und es is' ein schlechtes Brot, mit anderer Leute ihr Glück zu handeln.
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fein, daß der Hof und alles verschwunden war, und da sah er Hunderte von Wesen, die das Licht sonst verbarg. Sie traten in der Finsternis da draußen vor, entfeßlich groß, oder kamen auf ihrem Bauch zu ihm herangefrochen. Er erstarrte im Starren und konnte den Blick nicht losreißen; unter der Mauer suchte er Schutz und trieb von dort aus die Pferde an, und eines Abends lief er hinein. Sie jagten ihn wieder hinaus, und er ließ fich jagen; er hatte, wenn es darauf anfam, mehr Angst vor denen da drinnen, als vor denen hier draußen. Aber an einem pechschwarzen Abend war ihm besonders ängstlich zu Sinn, und als er dann entdeckte, daß das Pferd, sein einziger Trost, ebenfalls bange war, da ließ er alles liegen und rannte zum zweitenmal hinein. Keine Drohung vermochte ihn wieder hinauszutreiben, ebensowenig Büffe. Da nahm ihn einer der Knechte in den Arm und trug ihn hinaus. Aber da vergaß Belle alles und schrie, so daß es im Hofe widerhallte.
Während sie mit ihm rangen, kam der Gutsbesitzer herzu. Er wurde sehr böse, als er hörte, was los fei, und schimpfte den Vogt gehörig aus. Dann nahm er Belle bei der Hand und brachte ihn nach dem Kuhstall hinüber. So ein Mann, der vor ein bißchen Dunkelheit bange ist!" sagte er scherzend Das mußt Du Dir aber abge vöhnen. Und wenn die Knechte Dir was tun, so komm' Du nur zu mir."
Ueber die Felder ging der Pflug den ganzen Tag und machte die Erde schwer von Farbe. Das Laub färbte sich bunt, und da waren viele Regentage. Die Behaarung der Kühe wuchs, sie wurden langhaarig ind veränderten sich im Rücken; Belle hatte viel auszustehen, und das ganze Dasein wacd