MnterhaltungMatt des vorwärts Nr. 24. Freitag, den 3. Februar. 1911 t?Ia«drua MtSotCB.) 2i] pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexö . Autorisierte Uebersetzung von Mathilde Mann . 8. Herrjel Herrje! Wie das ging! Der Steengaardbauer ließ den grauen Hengst ausholen und sah so aufmerksam über die Felder hin, als ahne er nicht, daß ihm jemand auf den Fersen war aber Frau Kongsgaard genierte sich weiß Gott nicht. Sie peitschte aus allen Kräften auf den Roten los und ließ Gott und alle Welt sehen, was sie vorhatte! Und bei hellem, lichten Tage fuhren und tollten sie so auf der Landstraße herum, statt den Unfrieden innerhalb ihrer vier Mauern zu halten, wie andere, ordentliche Leute! Das mußte man sagen, feine Leute hatten kein Schamgefühl! Und dann schrie sie und stellte sich aufrecht im Wagen hin und prügelte auf das Pferd los mit dem Schaft, so arg sie nur konnte! Warum konnte sie ihn denn nicht zu seiner Liebsten fahren lassen, wer es nun auch gerade sein mochte, und ihm dann gehörig die Hölle heiß machen, wenn er nach Hause kam. Du großer Gott, daß sie es noch nicht satt hatte, nach zehn Jahren, immer dasselbe und dasselbe! Die Frauenzimmer hatten wahrhaftig Ausdauer! Und daß er das machte! In ewigem Unfrieden zu Hause leben um so einer Schenkmadam oder irgend eines andern Frauenzimmers willen, die wohl im Grunde auch nicht viel anders sein konnte als seine eigene Frau! Es gehörte, weiß Gott , ein langmütiger Sinn dazu, um auf d i e Weise Don Juan zu spielen aber bei Licht besehen war das wohl das, was man Liebe nannte! Die Dreschmaschine stand still, die Leute auf Steengaarden hingen aus allen Luken heraus und amüsierten sich königlich. Das war ein Wettlauf, ein Anblick für Götter war es, zu sehen, wie die rote Stute hinter dem Hengst her war. als habe der vergessen, die Bezahlung zu erlegen! Huh, hah! Das waren zwei Sonntage in einer Woche! Lasse war um die Ecke gekommen und verfolgte die wilde Fahrt mit der Hand über den Augen so was von Weibsbild war ihm doch noch nie vorgekommen, dagegen war Bergta ja ein reines Lamm Gottes gewesen! Der Kaasegard-Bauer. der in der Tür stand, als die wilde Jagd vorübersauste, dachte in seinem stillen Sinn dasselbe: und auf allen Feldern hielten sie mit der Arbeit inne, starrten und bekreuzigten sich. Die waren, weiß Gott , vom Triebe besessen, die Beiden! Der wahre Teufel ritt sie allebeide! Schließlich mußte er anstandshalber anhalten und um- kehren. Sie kroch zu ihm in den Wagen hinüber und die Rote ging hübsch artig hinterher mit ihrem leeren Fuhrwerk. Sie hatte den Arm um seinen Rücken geschlungen und sah glücklich siegesselig aus. genau so wie der Landespolizeidiener, wenn er einen guten Fang gemacht hatte: aber er glich einem Verbrecher schlimmster Art. So kamen sie wieder auf den Hof hinaufgefahren!-- Eines Tages kam Kalle, um zehn Kronen zu leihen und Lasse und Pelle auf nächsten Sonntag zur Kindtaufe einzu» laden. Das Geld bekam Lasse nach einigen Schwierigkeiten auf dem Kontor von dem Verwalter, aber die Einladung mußten sie dankend ablehnen, so schwer es ihnen auch wurde: es war keine Rede davon, daß sie wieder frei bekommen konnten. An einem andern Tage war der Großknecht weg. Er war in der Nacht verschwunden und hatte seine große Kiste mit- genommen, folglich mußte ihm jemand behilftich gewesen sein. Aber die andern Knechte in der Kammer schwuren hoch und heilig, daß sie nichts gemerkt hätten, und der Verwalter mußte es aufgeben, der Sache auf den Grund zu kommen, wie wütend er auch war. So geschah hin und wieder daS eine oder das andere, was das Blut für einen oder zwei Tage in Bewegung brachte, »m übrigen aber war es schw«. AmccH den Winter zu kommen. Die Finsternis hatte den größten Teil des Tages die Ober- Herrschaft, und in den Winkeln wurde es eigentlich nie so recht hell. Auch die Kälte bedrückte, wenn man sich nicht gerade in dem gemütlichen Stall befand: da war es immer warm, und Pelle fürchtete sich nicht, sich dort in der tiefsten Dunkelheit zu bewegen. In der Gesiindestube saßen sie die langen Abende und dösten, ohne eigentlich irgend etwas vor­zunehmen. Sie machten sich nicht viel aus den Mädchen» sondern saßen da und spielten Karten um Branntwein oder erzählten graulige Geschichten, die es zu einer hals- brechenden Expedition machten, wenn man über den Hof in den Stall hinüber mußte, um zu Bett zu gehen. Per Olsen war wegen seiner Ordentlichkeit zum Groß- knecht aufgerückt, als der andere ausgerissen war. Lasse und Pelle freuten sich darüber, denn er stand auf ihrer Seite, wenn ihnen jemand einen Streich spielen wollte. Er war ein netter Mensch nach jeder Richtung hin geworden, rührte den Brannt- wein kaum mehr an und hielt sein Zeug gut in Ordnung. Ein wenig zu still war er selbst den alten Tagelöhnern und Frauen auf dem Hofe, aber sie wußten, warum er so war und hatten ihn gern weil er auf der Seite der Schwachen stand und um des Schicksals willen, das über ihm schwebte. Er geht herum und horcht," sagten sie, und wenn er so gleich- sam nach inwendig lauschte, nach dein Unbekannten, vermieden sie es so weit wie möglich, ihn zu stören. Ihr sollt sehen, er befreit sich, der Böse kriegt keine Macht über ihn," meinten Lasse und die Häuslerfrauen, wenn sie beim Sonntagsmelken Per Olsens Aussichten erwogen. Es gibt solche, an denen selbst der liebe Gott nichts aus- zusetzen finden kann." Pelle hörte zu und sah jeden Tag nach der Narbe von Per Olsens Daumen: wenn Gott sein Strafgericht von ihm nahm, mußte die doch wohl verschwinden! Den größten Teil des Winters fuhr er die Dreschmaschine. Den ganzen Tag trabte er in dem Göpel draußen vor dem Hofe, in zertretenem Schnee und Dünger bis über die Holz- schuhe. Das war das Unleidlichste, was ihm das Dasein bis- her noch geboten hatte: er konnte nicht einmal schnitzen die Fingern waren ihm zu kalt und fühlte sich so alleini Als Hirtenjunge war er sein eigener Herr, tausend Ding« riefen ihn, aber hier mußte er rund herumgehen hinter dem Baum her, beständig rund herum. Die einzige, geringe Bo- schäftigung war, die Male zu zählen, die er herumfuhr, aber das war eine verzehrende Beschäftigung, man wurde noch stumpfsinniger davon als von dem unendlichen Herumwandern selbst, und konnte nicht wieder davon abkommen! Die Zeit bekam keinen Inhalt, der Tag wollte niemals ein Ende nehmen, wie kurz er auch war. Sonst erwachte Pelle vergnügt, aber jetzt erwachte er jeden Morgen und war des Ganzen überdrüßig. Das war dieS ewige Traben um den Baum herum. Allmählich wurde er so, daß er halb schlief, wenn er eine Stunde gegangen war. Den Zustand fand sich ganz von selbst ein, und er sehnte sich im voraus danach. Es war eine Art Stumpfsinn, in dem er nichts wünschte und sich für nichts interessierte, sondern nur mechanisch hinter dem Baum herstolperte. Die Maschine brummte unaufhörlich und half, den Zustand im Gange zu halten, der Staub stob unaufhörlich aus der Luke, die Zeit glitt unmerklich dahin. In der Regel überraschte ihn jetzt das Mittagessen oder der Abend: zuweilen hatte er ein G> fühl, als sei eben erst vorgespannt, wenn sie ihm halfen, die Pferde einzuziehen. Er hatte sich in diesen Zustand sinkenden Stumpfsinns hineingefunden, der die einzige Barmherzigkeit des Daseins gegen lebenslänglich Gefangene und Leute ist, die ihr Leben an einer Maschine zubringen. 2we? es'Qtn etwas Schläfriges über ihn, er war nicht mehr so lebhaft und erpicht. Bescheid über alles zu erhalten: Vater Lasse entbehrte die unzähligen Fragen und Einfälle. Hin und wieder wurde er für einen Augenblick dadurch aus seinem Zustand herausgerissen, daß ein schwarzes, schweiß- bedecktes Gesicht in der Luke zum Vorschein kam und fluchte. weil er nicht gleichmäßig genug fuhr: dann wußte er. daß der lange Ole Per Olsen abgelöst hatte, dem es sonst oblag. in die Maschine hineinzustecken. Es geschah auch wohl, daß