Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 26. Dienstag den 7. Februar. 191l

lZtaiddru« veitotttUi 261 pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexo. Da waren Prügel, von denen man weglaufen konnte, weil der Zorn währenddes verrauchte, und andere Prügel, bei denen es darauf ankam, soviel wie möglich zu weinen. Die meisten schlugen nur bis Tränen kamen, aber der Per- Walter konnte das Flennen nicht ausstehen, da galt es denn, die Zähne zusammenzubeißen und sich fortzumachen. Die Leute redeten beständig davon, daß man die Wahrheit sagen sollte, aber um die meisten Prügel konnte man sich durch eine Notlüge herumdrücken wenn sie nur gut ausgedacht war, und man sein Gesicht gehörig in der Gewalt hatte. Sagte man die Wahrheit, so saß die Hand immer sehr lose. Die Prügel hatten auch eine Seite, die nach außen wendete. Rut konnte er hauen, wann er wollte, aber größeren Knaben gegenüber mußte man am liebsten das Recht auf seiner Seite haben, wie zum Beispiel wenn der Vater ange- griffen wurde, dann half der liebe Gott. Hier war ein Punkt, wo der Junge geradezu die Allmacht beiseite schob und sich als Beschützer des Alten fühlte. Laste und Pelle zogen Hand in Hand durch das Leben, und doch ging jeder seiner Wege Lasse fühlte das selber. ».Wir fassen jeder an seinem Ende an." pflegte er mißmutig zu sich selbst zu sagen, wenn der Unterschied zu deutlich ins Auge sprang,er ist im Aufstieg begriffen, der Junge I" Das sah man am besten an den andern. Auf die Dauer mußte man den Jungen gern haben, eS konnte nicht anders sein. Die Knechte konnten hin und wieder auf den Einfall kommen, ihm irgendetwas zu schenken, und die Mägde waren herzensgut gegen ihn. Pelle war die allerlichteste, werdende Jugend sie konnten ihn auf einmal, wenn er so da ging, auf den Schooß nehmen und ihn küssen. Me personifizierte kindliche Unschuld konnten sie tn den Arm nehmen und es einen jeden sehen lasten. Ja, er wird bei den Frauen belicht I" sagte Laste dann. Das hat er von seinem Vater l" Aber dann lachten sie. Immer wurde gelacht, wenn Laste an dem Treiben der Erwachsenen teilnehmen wollte I Das erstemal ja, da war « gut genug.Wo is Lasse?" hieß es damals stets, wenn Branntwein spendiert, oder wenn es sich um einen Scherz «der eine Demonstration handelteruft doch Lasse KarlssonI" Er brauchte sich nicht aufzudrängen, er gehörte von selbst mit dazu. Die Mädchen hatten zu allen Zeiten »in Äuge auf ihn gerichtet ein verheirateter Mann, wie er war. Und er trieb Kurzweil mit ihnen. In allen Ehren natürlich, denn mit Bergta war nicht gut Kirschen essen, wenn ßhr etwas zu Ohren kam. Aber jetzt l Ja ja ja jal Er durfte Branntwein für die anderen holen! und ihre Arbeit verrichten, wenn sie frei hatten, ohne daß sie ihrerseits etwas für ihn getan hätten. Laste wo is Laste? Kannst Du heut abend für mich futtern? Kannst Du morgen abend meinen Platz in der Hackerlingscheune einnehmen?" Es war ein Unterschied zwischen damals und jetzt, und Lasse hatte selbst die Erklärung dafür gefunden er war im Begriff, alt zu werden. Diese Entdeckung verlieh ihm ein Recht. Sie breitete den Schein der Einfälfigkeit über i�n aus, nahm seinem Sinn die Spannung und seinem Körper die letzten Spannungsüberreste. Am härtesten traf es ihn, als er entdeckte, daß er nichts mehr bei den Mädchen galt, gar nicht mehr in Betracht kam bei ihren Gedanken an Mannsleute. In Lasses Welt wog kein Wort so schwer wie das Wort Mann schließlich enfichieden die Mädchen, ob man es war oder nicht. Lasse war es nicht er war nicht gefährlich! Er war nichts als ein paar elendige Ueberbleibsel eines Mannes, ein komischer Rest von etwas Vergangenem sie lachten laut über ihn wenn er schön tun wollte. Das Gelächter zermalmte ihn, und er zog sich zurück und richtete sich niedergeschlagen in seiner Welt des alten Mannes ein. Das einzige, was ihn am Leben erhielt, war die Sorge um den Jl�gen, und er klammerte sich verzweifelt an seine

Stellung als seine Vorsehung. Wenig nur konnte er für ihri tun, um so mehr große Worte machte er; und wenn dem Jungen etwas zustieß, so warf er mit noch gewichtigeren Drohungen gegen die Welt um sich als bisher. Er fühlt» auch, daß der Junge im Begriff war, sich zu befreien, und kämpfte einen verzweifelten Kampf, um den letzten Scheinrest seiner Machtstellung zu bewahren. Aber Pelle war nicht in der Lage, seiner Einbildung unter die Arme zu greifen, er besaß auch wohl nicht Ver« stand genug dazu. Er wuchs tüchtig und hatte selber Ver« Wendung für all das Seine. Jetzt, wo der Vater nicht mehv dahinter stand, glich er einer kleinen Pflanze, die ins freie Land hinausgepflanzt ist und einen harten Kampf kämpft, um die Natur ihrer Umgebung zu erkennen und sich ihnen anzupassen. Mit jeder Wurzelfaser, die�Fühlung mit dem Erdboden erhielt, sank eins der zarten Blätter zur Erde, und zwei kräfttge sproßten dafür auf. Ein Gefühl nach dem andern, wie auch die Wehrlosigkeit des Kindes, fiel und machte harthändigeren Gefühlen denen des Ichs Platz. Der Junge war im Begriff, sich selbst aufzubauen nach unsichtbaren Gesetzen. Er nahm Stellung zu den Um- gedungen in allen Puntten, aber er ahmte sie nicht nach. Di« Leute auf dem Hofe waren zum Beispiel nicht gut gegen die Tiere. Die Knechte peitschten oft auf die Pferde los, nur um ihrer schlechten Laune Luft zu verschaffen, und die Mägde machten es ebenso mit dem Kleinvich und den Milchkühen. Und aus diesen Voraussetzungen lernte Pelle Mitleid. Er konnte keine Tierquälerei leiden, und prügelte Rud zum erstenmal, als dieser eines Tages ein Vogelnest ausge» nommen hatte. Pelle war wie ein junges Kätzchen, das alles vor sich hin trudelte. In sein Spiel nahm er, ohne es zu ahnen, viele von den ernsthaften Geschehnisten des Lebens auf und tum- melte sich in ausgelassenen Sprüngen damit. Er übte sein Stückchen Geist, wie er seinen Körper übte; drängte sich in alles hinein und wieder heraus: ahmte Arbeiten und Scherz« und das sich um die Arbestwegdrücken nach: lernte, sich zu einem höllischen Kerl aufzublasen, wo die Umgebungen ver- sagten, und sich fast unsichtbar vor Bescheidenheit zu machen, wenn sie ihn zu hart anfaßten. Er bildete sich zu dem kleinen Tausendkünstler, dem Menschen, aus Und es wurde immer schwerer, ihn unvorbereitet zu treffen. Das erstemal, wo er sich allen Ernstes mit etwas och- geben sollte, war ihm der Griff in der Regel geläufig: er war so schwer zu überrrumpeln wie eine Katze. »* Es war wieder Sommer. Die Wärme stand still und und spielte über der Erde, glitzernd, mit träger Wollust und weichen Gebärden wie die Fische im Bach. Tief drinnen im Lande schimmerte der Saum der Felsen in einem unruhigen Flimmer von Weißblau: darunter erstreckten sich die Felder unter der sengenden Sonne, es trieb über sie dahin wie Pulverrauch, wenn der Roggen blühte. Oben über den Klee- feldern standen die Kühe von Steengaorden in langen Reihen, sie ließen die Köpfe schwer hängen und hielten die Schnauze in regelmäßig schwingender Bewegung. Lasse ging da oben zwischen den Reihen und suchte nach der Spannkeule, hin und wieder sah er bekümmert nach der Wiese und den Dünen hin- über und machte sich daran, das Jungvieh und die Ochsen zu zählen. Die meisten lagen am Boden, einige standen, die Köpfe einander zugewendet und kauten mit geschlossenen Augen. Der Junge war nicht zu sehen. Laste stastd da und überlegte, ob er Pelle nicht einen warnenden Ruf zukommen lassen sollte: es gab einen Höllen- lärm, wenn der Verwalter jetzt kam. Aber da ertönten Stimmen in den jungen Tannen zwischen den Dünen, ein nackter Junge kam zum Vorschein und noch einer. Ihre Leiber hoben sich wie goldene Funken von der Luft ab, als sie über das Riedgras dahinl'efcn, jeder mit seiner fest- zugehaltenen Mütze in der Hand. Sie ließen sich am Bachabhang nieder, die Füße im Wasser, und öffneten vorsichtig die Mützen, um ihren Fang herauszulassen es waren Libellen. Sobald die Insekten durch die enge Oeffnung gekrochen kamen, rissen die Jungen ihnen die Köpfe ab und legten sie in einer Reihe in da»