Nnterhallungsblatt des Horwärts Nr. 100. Donnerstag, den 23. Mai. 1911

�Nachdruck derbsten.! 851 Vas Gemcindeklnd. Erzählung v. Marie v. Ebner-EschenbaK. Wer kann mir was nachsagen?" wurde seine stehende Redensart. Ein scheeler Blick, ein rauhes Wort vermochten den sonst gegen die rohesten Aeußerungen der Mißgunst Ge- feiten zu beleidigen: der Neid, den sein Besitztum, erregte, und der ihm in früheren Tagen die Freude daran gewürzt hätte, verdarb sie ihm jetzt. Sein Feld wurde zum Räuber seiner Ruhe und seines Schlafes, seine geliebte Qual. So oft er eS nach kurzer Trennung wiedersah, war es in irgendeiner Weise geschädigt worden, und er brachte, um es zu verteidigen, die Energie nicht auf, mit der er dereinst seine Ziegel verteidigt hatte. Er wollte nicht, daß der Frau Baronin zu Ohren komme, er habe sich wieder aufs Prügeln eingelassen, und überhaupt sollte sie nie erfahren, wie sehr das Geschenk, das sie ihm gemacht hatte, ihm mißgönnt wurde. Einmal fand er einen Teil des mageren auf seinem Felde stehenden Weizens noch grün abgemäht. In der nach- sten Nacht paßte er den Uebeltätern auf, die auch wirklich in Gestalt einiger, mit Sicheln bewaffneter Weiber und Kinder wiederkamen. Pavel begnügte sich damit, ihnen die Sicheln und die Grastücher abzunehmen, und trug diese am nächsten Morgen zum Bürgermeister. Der zeigte sich erfreut über Pavels gesetzmäßiges und schonendes Vorgehen, versprach, den Schaden erheben zu lassen und das Diebsvolk zur Zahlung anzuhalten. Drei Wochen �später folgen die Sicheln und Grastücher aber noch immer beim Ortsvorsteher, weil die Mittel, sie einzulösen, fehlten. Pavel ersuchte endlich selbst, sie ihren Eigentümern zurückzugeben, unter der Bedingung, daß die Leute zu ihm kämen, um sich bei ihm zu bedanken. Es geschah nur allzugern: das war ein neuer, ein guter Spaß, so wohlfeil durchzuschlüpfen und sich dann zu bedanken beim Gemeindekind. Alle, die den Scherz mitgemacht hatten, fan- den ihn so lustig, daß sie beschlossen, sich ihn bald wieder zu gönnen. Die Diebereien hörten nicht auf, und Pavel fuhr fort, sich ihnen gegenüber erstaunlich wehrlos zu zeigen, während er andererseits eine außerordentliche Tatkraft entfaltete. Er hätte sich vervielfältigen, an zehn Orten zugleich fein und an jedem seinen Mann stellen mögen. Er rigolte einen Teil seines Feldes und bereitete es vor zur Aufnahme der .Kirschbäumchen: er half dem Schmied, wo er konnte: der Förster verließ sich beim Anlegen der Waldknlturen auf nie- inand so gern wie auf ihn und meinte, das Forstwesen wäre Pavels eigentliches Fach gewesen, wenn er sich ihm von Jugend auf hätte widmen können.Und was für ein Schmied wäre er geworden, wenn er etwas gelernt hätte!" sagte Anton. Aber ein Gemeindekind läßt man nichts lernen: die Grund- lagen fehlen, und beim Anfang anzufangen, ist es jetzt zu spät. Er wird sich mit dem schlechten Feld plagen bis an sein Ende und doch nichts Rechtes herausbringen." Diese Prophezeiung betrübte Pavel ihn im Glauben an sein Feld zu erschüttern, vermochte sie nicht. Er bestellte den alten Virgil, der sich seinem Pflegesohn, wie er ihn nannte, mit Haut und Haar geschenkt hatte und tagelang neben Lamur auf seiner Schwelle hockte, zum Hüter seines Grundbesitzes, und Virgil übernahm k>as Amt freudig, vermochte jedoch nicht mehr, es zu versehen. Vor seinen Augen vollzog sich Frevel um Frevel an Pavels Eigentum. Die Vorwürfe, die Virgil deshalb hören mußte, nahm er mit einem verschmitzt-schalk- hasten Lächeln hin und sprach: Geh, Pavlicek, was liegt Dir an dem Krempel? Du kannst ihnen bald die ganze Geschichte hinwerfen, wirst bald ganz andere Grundstücke haben." Pavel geriet in Zorn, verwies ihm solche Reden und wendete sich rasch ab, um den Eindruck zu verbergen, den sie auf ihn hervorbrachten. Der Alte wurde immer aufgeräumter: sein schwaches Lebensflämmchen schien neu aufzuflackern, indes der Sommer hinwelkte. Ein Wunder, das ihn beglückte, war im Begriff

sich zu vollziehen. Er, der gebrechliche Greis, sollte den jungen, starken Peter überleben. Ja, das war das einzige, das ihn freute, er sollte den Peter überleben. Der Arzt machte kein Geheimnis daraus, daß er ihn aufgegeben hatte. Alle Leute wußten es, nur Vinska wollte es nicht glauben, und der Kranke selbst sagte:Ich werde gesund, sobald ich mich aus- gehustet habe." Peter kämpfte tapfer mit dem Tode, je näher der jhn< kam, desto mutiger wehrte er sich. Nützt alles nichts," vertraute seine Schwiegermutter jedem, der es hören wollte, an,der erste Frost nimmt ihn doch mit, der Herr Doktor hat es mir gesagt" und Virgil konnte den ersten Frost kaum erwarten. Eines frühen Morgens, im Oktober, schallte der Klang des Zügenglöckleins durch das Dorf. An ein Fenster der Grubenhütte wurde geklopft und Lamur schlug an. Pavel fuhr aus dem Schlafe: die Tür seiner Stube war geöffnet worden. Virgil stand da, das Gesicht brennrot, die mit einem Rosenkranz umwundenen Hände auf den Stock gestützt und sprach: Was sagst dazu, Pavlicek? die Vinska ist eine Wittib." 18. Der Winter in diesem Jahre trat gleich im Anfang mit ungewöhnlicher Kälte und ungewöhnlicher Reinlichkeit auf. Der Schnee, der einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hin- durch in kleinen, dichten Flocken aus massigen Wolken nieder- gewirbelt war, blieb silberweiß liegen: auf den Fahrwegen bildeten sich glatte Schlittenbahnen, und schmale Fußpfade liefen glitzernd von Haus zu Haus und am Rande der Felder hin. An der Hütte Pavels vorbei schlängelte sich der meist benützte von allen, der Pfad, den die Holzknechte auf ihren jetzt regelmäßigen Gängen in den herrschaftlichen Wald aus- getreten hatten. Wenn sie am Morgen an ihre Arbeit gingen, trafen sie Pavel schon an der seinen, und wenn sie gegen Abend aus der Arbeit kamen, schien der unermüdliche Bursche gerade auf dem Punkt angelangt, auf dem der Fleiß zum Hochgenuß wird, zur seligen Besessenheit. Sie blieben dann meistens vor seinem Gärtlein ein wenig stehen, sahen ihm zu und wechselten ein paar Worte mit ihm. Einmal tat Hanusch, der Roheste unter den Rohen, als ob er nicht imstande wäre, zu erkennen, was für ein Ding das sei, mit dem Pavel sich plage. Ein Dachstuhl wirds," erklärte dieser. So? baust noch ein Grubenhaus?" Nein, kein Haus, einen Stall beabsichtige er im nächsten Frühjahr zu bauen. Und was wirst einstellen?" Werdet schon sehen," lautete Pavels Antwort, und Ha- nusch brach in ein Hohngelächter über seine Geheimnistuerei aus und rief, indem er den viereckigen Kopf zur Seite neigte und mit dem Pfeifenrohr nach den Ucbrigen deutete: Die Werdens sehen, ich weiß's schon. Wettst um ein Seidel, daß ichs weiß?" Das Gekicher der anderen bewies, daß sie eingeweiht waren in den versteckten Sinn der Behauptung ihres Gefähr- ten. Pavel aber kümmerten diese elenden Neckereien wenig, und er sandte ihren Urhebern, wenn sie sich endlich trollten, höchstens ein gelassenes:Hol Euch der Teufel!" nach. Der Holzknechte wegen wäre es ihm nicht eingefallen, den an seinem Wohnort vorbeiführcnden Fußsteig zu ver- wünschen: er verwünschte ihn aus einem viel triftigeren Grunde. Auf diesem Fußsteig kam jetzt ein-, auch zweimal die Woche Mägdlein Slava dahergewandert, als Botin der Frau Baronin an den Oberförster. Der alte Herr war krank gewesen, erholte sich langsam, und zur Unterstützung der Fort- schritte seiner Rekonvaleszenz sandte ihm die gnädige Frau allerlei gute Sachen: edlen Wein aus ihrem Keller, feine Rehrllcken, kräftige Hammelkeulen, und meistens war Slava die Ueberbringerin dieser Leckerbissen. Pavel bemerkte mit Verdruß, daß sie den Schritt verlangsamte, wenn sie in die Nähe seines Gärtlcins kam und seine Ansiedelung neugierig bettachtcte. Was hatte sie zu betrachten, was hatte sie sich um seine Ansiedelung zu kümmern? In guter Absicht geschah es gewiß nicht. Er gefiel sich darin, sein Vorurteil gegen sie zu nähren, er überredete sich unter anderem, daß sie die