Hlnterhalllmgsblatt des Horwärls Nr. 202. Mittwoch den 18. Oktober. 1911 34] (NachdruS verboten.) Tor dem Sturm. Noman von M.©.belle Grazie- Dann braucht er sich nicht erst zu entschuldigen", lächel- ten Seine Hochwürden gnädig. So hoch er auch Chloö ein- schätzte die Schmeichelei des Försters tat ihre Wirkung. Das Spiel wurde wieder aufgenommen und da Dechant mnd Schulmeister schlechte Karten hatten, blieb der Grünrock Sieger. Darüber trat endlich das feierliche Schweigen ein, das der Förster beim Spiel so sehr liebte.G'rad' nur fluchen sollte man dürfen", dachte er,sich ein bisserl Luft machen..." Es war doch schrecklich, jeden Valat so lautloseinramschen", jeden hohen Tarok so bescheiden ausspielen zu müssen. Aber schließlich, dafür spielte man mit einem Grafen! Und schon begann ein wunderbarer Duft das ganze Haus zu durchziehen: der Geruch des köstlichen Mokka, den der Dechant seinen Gästen zu bieten pflegte. Honig und Buttersemmeln gab es dazu und einen Gugelhupf, in dem fliegengroße Zi- beben saßen. Nach dem Kasse aber wurde immer ein guter Tropfen serviert. Alte, edle Weine, die Seine Hochwürden Jahr für Jahr im Keller liegen hatte. Da verlohnte es sich schon, ein paar Flüche zu verschlucken und eine alte Geschichte immer wieder anzuhören. Nur der Schulmeister kam sich nach jeder dieser Mahlzeiten immer noch kleiner und der- ächtlicher vor. Natürlich ließ auch er sich die guten Tinge wohl munden. und wie ein Schulmeister von damals eben essen mußte, wenn er wenigstens einmal in der Woche ordentlich satt werden wollte. Aber gerode das fraß ihm tagelang an der Leber: dieses Unwürdige seiner Stellung, die ihn nicht bloß geistig, sondern auch körperlich an den Pfarrer wies. Und was mußte er nicht sonst alles hinunterwürgen inuntertäniger Submission", bloß um des lieben Friedens willen! Beim Kaffee wurde noch das und jenes besprochen. Wie jedoch der Wein erschien, trat andachtsvolle Stille ein. Fast lautlos wurden die Gläser gefüllt und geleert. Zuletzt durfte der Förster seinenTürkenkopf" anstecken. Und während der Qualm die drei Zecher in seinen lauen, grauen Dunst einhüllte, schienen sich langsam auch die heimlichsten Gegensätze auszu- gleichen. Die Verdauung begann ihr friedliches Werk und brachte jedem der drei nur jene Gedanken nahe, die seinem Innersten vertraut und angenehm waren. Und der schwüle Hauch der abblühenden Linden, der zu den offenen Fenstern hereinschlug, das eintönige Gesurr der Bienen, die in ganzen Schwämmen in den Blütenkelchen hingen, die tiefe, satte Stille der Erntezeit liehen diesem Behagen die wohlige Freiheit eines Friedens, den jeder als etwas Heimatliches einpfand und liebte. Wozu sich den Kopf zerbrechen über Dinge und Gegensätze, die der liebe Gott selbst auf halbem Wege liegen gelassen? Es lebte sich doch gut in Oesterreich , trotz alledem! So dämmerten Dechant und Förster und Schulmeister nach und nach in einen Schlummer hinüber, dessen Atemzüge allmählich fast den Rhythmus eines wohltemperierten TrioS annahmen. Der pfeifende Atem des etwas asthmatischen Dechants spielte die Flöte, der Schulmeister orgelte das Bio- lincell und der Förster schnarchte den Baß dazu. Auf ihrem hinimelblauen Pölsterchen aber lag ChloS, blinzte erst respekt- voll nach den geteerten Wasserstiefeln des Försters zuletzt beruhigt nach dem friedlich schlummernden Gebieter und wagte es endlich, selbst einzuschlafen. Wie es schien, glaubte sie für heute nichts mehr befürchten zu müssen. Als Seine Hochwürden erwachten, war Basti schon lange fort und von der Straße scholl eben ein kräftiger Fluch des Försters herüber, der vielleicht noch schlaftrunken über einen Haufen Bachkiesel gestolpert war, die die liebe Schuljugend für ihre Kämpfe zusammengetragen. Draußen dämmerte es bereits. Chloö schlummerte friedlich auf ihrem Polster. Aber ein regenfeuchter Hauch, der plötzlich kühl und erquickend zwischen den Gardinen hereinstrich, brachte Seine Hochivürden rascher zu sich, als es sonst der Fall war. Und weil er sich nach kräftiger Atzung und wohliger Ruhe doppelt gestärkt fühlte, entsann er sich plötzlich mit einer Art Ingrimm auch I wieder seiner seelsorglichen Pflichten und machte sich bereit/ s sofort nach dem Schlosse zu gehn. Es würde zwar ein saurer -Weg werden, aber einmal mußte es geschehn! Damit nahm er Stock und Hut und ging. Auf dem Schlosse des gnädigen Fräuleins von Schön- bach rüstete man an diesem Abend gerade zum Erntefest. Es war ein gutes Jahr gewesen und der goldene Segen füllte die riesigen Scheunen bis an das Dach. Auch das Brot der Armen und Aermsten war darunter, die während der Ernte nicht nurdie schuldige Arbeit prästiert", sondern auch jede zehnte Mandel von dem eigenen Acker schweren Herzens auf den herrschaftlichen Wagen gehoben. Trotzdem war ihnen Arbeit und Abgabe heuer um vieles leichter erschienen, als sonst. Der Unterweger war nicht mehr da: der verhaßte Günstling, der im brutalen Machtgefühl seiner Stellung jede Rücksicht hintangesetzt. Keine Leistung war ihmzu Rechten prästiert" keine Mandel reich genug gewesen. Die Bauern verstanden allmählich: er selbst wollte auch sein Teil von allem! Was blieb ihnen-übrig? Um den ewigen Schikane» zu entgehen und vielleicht noch Schlimmeres abzuwenden, fand sich einer nach dein anderen langsam in das Unvermeidliche. Zuletzt merkten sie, daß das Spiel, in dieser Weise betrieben, für sie nicht einmal allzu teuer wurde. Der Verwalter, nur auf seinen Gewinn bedacht, ließ von da analle Fünf gerade sein". So büßte die Herrschaft an Arbeit und Abgaben, was dem unredlichen Beamten in die Tasche fiel. Wohl wurde es den meisten Bauern nicht recht geheuer dabei. Noch hatte jeder von ihnen seinen Gott, dem er Jahr für Jahr zur östbr- lichen Beichte Herz und Seele auftat. Wie schrecklich, vor ihm und dem hochwürdigen Herrn bekennen zu müssen, daß sie durch die unersättliche. Gewinnsucht des Unterweger so halb und halb zu Hehlern dieser verkappten Diebstähle geworden waren! Undder Hehler ist nicht besser als der Stehler!" Sie sagten sichs ja selbst. Aber wenn nicht einmal der Dechant imstande war, Ordnung zu schassen! Und sollte das gnädige Fräulein wirklich so gar nichts merken? Sie konnten sich, aus der schweren Not des eigenen Daseins heraus, eine der- artige Sorglosigkeit gar nicht vorstellen. Aber war es ihre Pflicht, sich dasMaul zu verbrennen", wo die Meistbe- troffene für all diese Vorgänge nur ein Lächeln schweigender Nachsicht hatte? Sie stopften ja ihre Taschen nicht voll! Und warum Lolette es geschehn ließ, wußte man längst. Da die Stelle des Verwalters einstweilen unbesetzt ge- blieben, hatte der Rentmeister mit dem Draben heuer zum Rechten gesehn und wo Rentmeister und Draben nicht aus- reichten, war der Reitknecht des gnädigen Fräuleins er- schienen. Anfangs stutzten die Leute endlich fingen sie an zu begreifen und manch einer inachte sich seufzend gefaßt, das alte Spiel von neuem angehn zu sehen. Aber seltsam? Der neue Günstling blieb in allem rechtlich, mutete keinem mehr zu, als ihm oblag, tat selbst nur. was ihm befohlen war, und setzte dabei so gar keine hochnäsige Laune auf. Im Gegenteil, wo er erschien, sprach er die Leute wie seines- gleichen ani sah darauf, daß die Alten geschont wurden, die verabreichte Kost gut und reichlich war. hatte für jeden ei» freundliches Wopt oder einen Scherz bereit, der ein lustiges Echo weckte. Kurz, er war aus dem Volk und sprach die Sprache des Volkes. So fühlten sie sich auch ihm näher, gehorchten lieber und taten ihre Arbeit noch einmal so gern. Die wenigen, die bereits störrisch die Nacken gehoben, grüßten zuletzt am freundlichsten, wo er sich sehn ließ. Das war doch wenigstens keiner dieser hochfahrenden Beamten, die sich immer noch einmal so stolz gehabten, wie die Herrschaft, ob- wohl sie selbst noch nicht lang irgendwo aus der Stube eines Bauernhauses hervorgekrochen. Und was man dem Klamert Karl sonst noch nachsagte... du lieber Gott ! Wie das gnädige Fräulein schon war... warum sollte nicht auch ein armer Teufel einmal zu etwas Gutem kommen? Und blieb er, wie er war, wurde es auch für sie vielleicht das Beste. Kurz, sie gönnten's ihm alle! So wurde, was sich anfangs zu einem neuen Aergernis aiiszuwachsen drohte, gar bald eine, nicht ohne Wohlwollen betrachtete Angelegenheit des ganzen Dorfes. Und schließlich... der Karl hielt sich auch! Ganz merkwürdig brav hielt er sich, wenn man bedachte, daß er nur einDahergelaufener" war. an dem eine Gräfin Ge- fallen fand. Denn hsts Schlimmste war noch immer nicht