AnterhattlmgsSlatt des Horwärts
Nr. 204.
Freitag den 20. Oktober.
1911
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(Nachdrua verSolen.) Vor dem Sturm.
Noman von M. E. d e l l e G r a z i e. Er aber sprach weiter...„Und Wild haben wir schon mehr als genug. So viel, gräfliche Gnaden, daß es, mit Respekt zu sagen, nicht mehr bloß den Bauer, sondern auch uns arm frißt. Es ist wahr, ich bin noch nit lang da. Aber wenn ich den Schaden anschau, den der Rentmeister in Rechnung stellen muß und der Bauer erleidet— kostet jeder Has' und jedes Reh Euer Gnaden fast sechsmal so viel als sie wert sind. Und nit nur an Geld, auch an Reputation bei den Annen." Sein Eifer hatte ihn fortgerissen— nun schrak er Plötz- lich zusammen.„Gräfliche Gnaden müssen schon ent- schuldigen." Sic lachte bloß.„Was ihm nit einfallt! Ganz gut ist's mir, daß ich auch einmal die Wahrheit zu hören krieg. Und schlimmer kann's ja bald nimmer geh'n, als es schon ist. Nur—" sie wandte sich, sah ihm plötzlich voll und fest ins Auge:„Wer, glaubt er denn, soll das alles machen?" „Das ist doch nit meine Sach'" kam es bescheiden zurück. „Gräfliche Gnaden erlauben," damit ging er in die Sattel- kammer. Wettl, die Lieblingsstnte Lolettes, hatte mit gespitzten Ohren durch die offene Stalltür dem Gespräche zugehört. Sie war gewohnt, von ihrer Herrin vor jedem Ritt ein Stück Zucker zu erhalten. Aber keins der vielen Worte, die ge- sprachen wurden, hatte ihr gegolten. Wie ungeduldig, be- gann sie mit dem Huf zu scharren. Als sie nun ihrer Herrin gesattelt vorgeführt wurde, wandte sich Lolette ihr zu:„Na, Wettl, was ist's denn mit uns?" Im selben Augenblick reichte der Bursch Lolette die Reit- gerte. Wettl, glücklich, daß zwei, die sie so liebte, zugleich bei ihr standen, warf den Kopf erst nach rechts, dann nach links mit einer Bewegung voll weicher, schmiegsamer Zärt- lichkeit, die gleichsam beide umfassen sollte. „Aber, Wettl," rief der Bursch. Er errötete. „Na ja," lächelte Lolette, mit einem jähen Blick nach ihm hinüber.„Die ist's schon so gewohnt, uns beisamnien zu seh'n...." Klamert schnallte scheinbar den Gurt fester, bückte sich tiefer und tiefer. Umsonst... das verräterische Rot stieg ihm bis an die Schläfen empor. „Er hat mich gern," dachte Lolette aufs neue.„Nur.,. warum gestern dieses Getu mit der Hannakin?" „Weiß er schon, daß ich die Maruschka fortgejagt Hab," fragte sie plötzlich ganz unvermittelt. Er sah ihr ruhig und fest ins Gesicht.„Es war auch schon Zeit, Euer Gnaden!" „Tu' er nicht so," lachte Lolette.„So ein sauberes Mädel!" Ihr Auge blitzte ihn an, er sollte fühlen, warum es geschch'n. „Die Hütt' mir noch ein Jahr und länger vor der Nas'n 'rumgeh'n können," erwiderte er kühl.„Selbst für einen Jux wär' mir d i e zu schlecht g'wesen." Lolette drehte sich mit einem Ruck auf ihren Stöckeln herum. Er sollte ihr nicht anmerken, wie froh seine Antwort sie machte. Wie glücklich und doch auch— befangen.„Schau, schau," neckte sie dabei,„wie muß denn eine ausschau'n, die ihm paßt?" Er hob den Kopf, ließ zum erstenmal, seit sie ihn kannte, voll und tief seinen Blick in dem ihren ruhen, einen seltsamen Blick, in dem sich Wohlgefallen und Ernst paarten, und lang- sam erwiderte er:„Ganz die meinige müßt' sie sein. Denn zum Spielen bin ich mir zu gut!" Lolette sagte kein Wort. Aber all ihre Leidenschaft flammte in dem Blicke auf. mit dem sie ihn streifte. Als er sie in den Sattel hob, sprach sie mit zitternder Stimme:..Bleib' er heut' zu Haus'. Ich will ein paar Stunden jetzt ganz allein sein. Will mir überlegen, was er da von der Rübenkultur gesagt hat, und noch," ihr Antlitz sank unwillkürlich tiefer—„noch etwas anderes. Ja und daß ich nit vergess'.. sie senkte die Reitgerte und tippte mit spielerischer Zärtlichkeit an seine Schulter:„Heut' abend
haben wir den„Schnitthahn". Da muß er den ersten und letzten Tanz mit mir machen. Er w i l l doch?" Nicht nur ihr Blick, auch ihre Stimme war diesmal Volk Hingabe. Er neigte das Haupt und küßte ihre Hand. Mit einem leisen, einem kaum fühlbaren Druck hielt sie seine Finger fest. Kaum eine Sekunde währte es— aber er sollte spüren, daß sie damit etwas versprach, was eines ganzen LebenS Dauer haben sollte. „So," nickte sie, mit einem echt fraulichen Erröten.„Und jetzt lass' er die Wettl vom Zaum, sonst kommen wir über- Haupt nicht mehr fort'!" Als der Staub der Landstraße in silbernen Wolken hinter der schlanken Reiterin aufwirbelte, stand der Bursch noch immer an deni lvappengeschmückten Schloßtor und starrte ihr nach. Auf dieser selben Straße war er daher- gekommen, ein armer Kerl, der„auf der Walze" ging, und nun! Hatte er auch wirklich recht verstanden? Wie ein Märchen schien ihm, was er soeben erlebt. „Gatsch— gatfch— gatsch—" machte es hinter ihm. Es waren die Gänse der kleinen Gerspern Toni, die eben über den Hof einherwackclten, eine nach der anderen, aber keine auch nur um des Schnabels Länge ans der eingeschlagenen Richtung weichend. Denn die Gerspern Toni hielt auf Ordnung. „Jo, Toner!," lachte der Bursch in der Sprache des Kindes,„z'weg'nwe seid's denn ös heunt' so spat d'ron?" Die Kleine senkte das Haupt, blinzte erst nach rechts und links, ob auch ja niemand sonst in der Nähe wäre und erwiderte endlich leise:„Jo woaßt... weil mir holt so viel schön'tramt Hot, heunt nocht!" „Hörst nit auf!" tat der Klamert erstaunt.„Und wos Hot d'r denn tramt?" Die Kleine zupfte verlegen an ihrem blaugeblümten Kopftuch herum.„Jo dös— dös kunt' i d'r nur in der G'hoam sog'n." „So sog' mir's holt in d'r G'hoam," lachte der Bursch, und während er ganz dicht an sie herantrat, neigte er das Haupt so tief, daß sein blonder Schopf die Stirne des Kindes streifte. Die Kleine hob sich auf die Zehen, so weit es ging, sah noch einmal um sich und rief mit der ganzen, selbst- vergessenen Wichtigkeit deS Kindes:„Doß unser gnädige Frau Gräfin heunt Hozat(Hochzeit) hob'n wird, Hot m'r tramt!" „Ober Toni", lachte der Bursch,„wenn dos g'hoam blcib'n soll, derfst's jo nit so ausschrei'n!" „I hob' D'r's jo nur in's Ohrwaschl g'sogt!" „Dös schon, grod nur—." Er wollte noch etwas sagen, aber plötzlich legte sich ein tiefer Ernst über seine Züge. Eine seltsame Blässe trat für einen Augenblick in sein Antlitz, um gleich darauf einem lohenden Purpur Platz zu machen. Endlich sank seine Hand auf das Köpfchen der kleinen Gänse- Hirtin. „Den Traum merk' Dir guat, Toni! Wenn der in Er- füllung geht, soll's auch Dir amol gut geh'n do!" Sie sah ihn groß an, nickte ernst und ging. Vor ihr her Waschelten breit und schnatternd die Gänse. Noch nie tvar Lolette mit solcher Hast über Stock und Stein dahingeflogen, froh und dennoch im tiefsten Herzen beklommen. Aber so rasch sie ritt, was sie vor sich herhetzte, deni war nicht zu entkommen, das trug sie niit sich— ihre eigenen Gedanken. Nun die frische, freie Heideluft wieder wm ihr glühendes Köpfchen wehte, erschien ihr alles viel weniger plan, als sie es noch vor einer Weile empfunden, Aug' in Aug' mit dem Mann, den sie liebte, nach dem ihr Blut schrie— das Blut des erweckten Weibes. Wozu hatte sie sich hinreißen lassen? Was sie da gesagt, war ja schon so gur wie ein— Versprechen gewesen. Sie und ihr Reitknecht Mann und Weib! Eine Gräfin Hartackcr und ein Bursch, der noch vor wenigen Monaten vielleicht barfuß über die Landstraße gelaufen! Unniöglich, es auch nur zu denken! Unmöglich, es den Ihren zuzumuten, und ob sie auch Schwester und Vetter nicht zu Rate zog— ihre eigenen Bauern l Sie schloß die Augen, suchte sich diesen seltsamen � Hochzeitszug vorzustellen, dieses noch nie Dagewesene... ' erwachte mit einem tiefen Seufzer und schüttelte das Hatwt.