Das war ja richtig. Wer wollte ihm sagen:„Jetzt ist der Hof verloren?" Wer? Gar niemand, dummes Zeug! Und was hatte der Fremde olles gesagt, und warum hatte dessen Freund den Hof vermach!? Nur darum, weil sie die Hoffnung hatten, ein rechter Mensch würde recht tun. Und wo waren die Lichter, die der Fremde im Gemüte des armseligen Knaben angesteckt hatte, und wohin fielen die Schatten dieser Lichter? Wer also könnte aussagen gegen dich, wenn du einmal nicht nach dem Rechte tätest, Findling? Hatte dies der Altenberger Herr oder der Fremde gesagt? Nein, das Gewissen hatte dieses gefragt. Und da wußte der Findling, daß er tun würde und tun mußte, was er für recht hielt, und daß er, wenn er dieses der- säumte, hintreten würde und sagen:„Nimm alles, was Du mir gabst, ich habe nicht recht getan!" Denn die Stimme sprach, die sein verstorbener Lehrer, der Fremde, in ihm ge- weckt hatte, die Stimme des Rechts, nach der das Gewissen zur Plage und Pein erwacht und ruhelos macht. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht von des Findlings Glück, und mit diesem Lauffeuer wuchsen auch des Burschen Tugenden. Und die Liebe, die jedermann zu dem reichen Findling hegte, wurde geradezu beängstigend. Darum sagte der Seppetoni in seiner tief ergründenden Sprache: „Das ist allemal so und nichts darüber zu sagen, und jeder von uns weiß, daß die Kuh auf der Weide gerade die Matte am besten mistet, von der sie am besten frißt, vor lauter Liebe natürlich." Der Findling aber wurde seit jenem Tage selten mehr geseh'n. Auch im Schlüssel fand man ihn nicht. Und früher war er doch jeden Abend dort gesessen. Die Madlen war da- für noch hochmütiger als sonst. Alles das fanden die Mädchen heraus, die ungefähr alt genug zu einer guten Partie— wie man das reiche Heiraten in Gutenburg nannte— waren. „Man hätte glauben können, dort käme jetzt nichts so rasch, wie das Heiraten der beiden, und jetzt scheint's aus zu sein." Diese mehr boshafte als wehmütig gemeinte Rechnung stellten wiederum mehr voni zarten, als vom starken Ge° schlechte. Aber daß die Madlen nachts ganz jämmerlich weinte und heulte, wußte niemand von den bösen Mäulern. Und das war ganz gut, denn die Freude wäre sonst noch viel größer gewesen. Nur die Freundin der Madlen, der Liest ihre Tochter, aß diese Suppe nicht so heiß wie die anderen Leute. Und als der armen Madlen ein Herzstößlein nach den? anderen das Leben schwer machte, nahni die Freundin sie in die Arme, und da ging dann der Platzregen los wie ein Wolkenbruch. Und als der Himmel wieder blau war, wenn's im Herzlein auch noch dunkelte, da sagte die Freundin: „Sei nur ruhig, Madlen, er kommt schon wieder!" Wie die Hoffnung da aus der Madlen Augen aufleuchtete! Aber die Liebe sieht in solchen Fällen immer trübe und düster, darum fragte die verliebte Maid ängstlich: „Ja, und wenn er aber nicht kommt?" Da machte die Freundin ein ernstes Gesicht, aber der Schalk saß ihr im Gemüte. Sie wiegte den Kopf bedächtig hin und her und sagte langsam und wichtig: „Ja dann— ja dann— ja, wenn er nicht kommt, ja weißt Du, was wir dann machen? Dann gehen halt wir zu ihm." Und sie küßte die Madien flüchtig und brachte mit ihren Neckereien zum mindesten ein kleines bißchen Sonnenschein zustande, das ungefähr soviel Licht hatte, wie ein Kerzen- stümplein, das jeden Augenblick abschnappen will. (Fortsetzung folgt.) I�atunvillensekaftlkke Biicbcrfcbau. Die wichtigste Erjchcinung auf dem diesjährigen naturwisscn- schaftlichen Büchcrnrarkt ist zweifellos die Neuauflage von Brehms Tierleben. Bereits bei Ausgabe des ersten, die Strauße, Tauchvögel, Pinguine, Sturmvögel, Itörche, Gänse und Raubvögel behandelnden Bandes haben wir an dieser Stelle eine eingehende Würdigung des ganzen Unternehmens gegeben. Im zwischen sind nun noch zwei weitere Bände der Abteilung„Bügel" erschienen, die unsere damaligen lebendigen Ausführungen durchaus rechtfertigen. Auch diese Bände, welche die Steißhühner. Hühner- Vögel, Kraniche, Rcgenpfcifervögel und Kuckucke sowie Papageien und Raubvögel umfassen, find aus Grund der von dem leider zu früh verstorbenen William Werf ha 11 hinterlassenen Manuskripte von Friedrich Hempelmann und Otto zun Straßen neubsarbeitet. Wie schon aus der Aufzählung des In- Haltes hervorgeht, ist entsprechend den Fortschritten unserer For- schung in den letzten Dezennien, seit Herausgabe der vorigen Auf- läge der systematische Aufbau ein gänzlich anderer geworden. Auch sonst zeigen diese Bände tiefgreifende Durcharbeitung und sorg- fältige Berücksichtigung aller neuer Ergebnisse. So finden wir auch zahlreiche neue Arten ausgenommen, über die der alte Brehm nur unzulängliche oder auch gar keine Angaben enthält. Das zeigt sich z. B. gleich bei der Familie der W a l l n i st e r, die die durch ihre einzigartige Brutpflege so interessanten Grotzfußhühner, Buschhühner, Hammerhühner usw. umfaßt. Diese- Tiere haben sich nämlich von der lästigen Pflicht des Brütens emanzi- piert. Sie verscharren ihre Eier in großem selbst aufgeworfenen Komposthaufen und überlassen das Ausbrüten der sich in den Haufen bildenden Gärungswärme. In neuerer Zeit sind wir über die Lebensgewohnheiten der Wallnister, besonders durch die ein- gehenden Beobachtungen Le Souefs sehr genau unterrichtet. Doch das ist nur ein Beispiel, dem sich zahlreiche andere an die Seite stellen ließen, Die zum großen Teil ganz prächtigen Abbildungen dieses Bandes sind zur überwiegenden Zahl von Wilhelm Kuhnert auf Grund jahrelanger sorgfältiger Studien in freier Natur, zoo- logischen Gärten und eigens zu diesem Zweck Unternommeiren, Ex- peditionen gemalt. Außerdem finden wir gut beobachtete Tafeln von W. Hcubach, Kretschmer u. a. Auch die Naturphotographie hat zahlreiche schöne und instruktive Aufnahmen geliefert. Ich möchte hier nur die schönen Aufnahmen eines SchimmcrkolibriS, vom Wiedehopf, verschiedener Fasanen und Hühnerarten oder von Brut- kolonicn von Lummen und anderen Wasservögeln hervorheben. Daneben sind allerdings auch manche der alten Mützelschen, Specht - scheu usw. Holzschnitte übernommen, die aus dem Rahmen des übrigen Abbildungsmaterials etwas herausfallen. Dem einzelnen wird leider der hohe Preis— das auf 13 Bände angelegte Werk wird komplett, in Halbleder gebunden, 156 M. kosten— die Anschaffung verbieten, aber wenigstens sollte der neue Brehm in keiner Arbeitcrbibliothek fehlen, denn er ist ein Volksbuch im besten, und höchsten Sinne des Wortes. Als eine wertvolle Ergänzung zum Brehm ist 1S1Y von Richard Hesse und F r a n z D e f l e i n ein auf zwei Lexikon- bände berechnetes Werk„Tierbau und Tierleben" erschie- nen. Der erste von Hesse bearbeitete Band hat den..Tierkörper als selbständigen Organismus" zum Inhalt. Durch zahlreiche instruk- tive Zeichnungen und Abbildungen erläuiert, werden zuerst die allgemeinen Kriterien des Lebens und die Lebensbedingungen be- handelt. Dann folgt eine kurze Einführung in die Abstammungs-- lehre. Weiterhin wird die„Statistik und Mechanik des Tierkörpers"» „Der Stoffwechsel und seine Organe", die Erscheinungen der„Fort- Pflanzung und Vererbung" und„Nervensystem und Sinnesorgane" behandelt. Den Beschluß des ersten Bandes bilden sehr inter- essante Ausführungen über die Arbeitsteilung im Tierkörper, die Bindung der Teile zum Gangen und die Anpassung der Teile an- einander. Der zweite von Deflein bearbeitete Band, der hoffentlich nicht mehr zu lange auf sich warten läßt, soll das Verhalten der Tiere zueinander und ihre Stellung in der umgebenden Natur zum Thema haben. Wenn man das Buch auch nicht in dem geläufigen Sinne als populär bezeichnen kann, und wenn es auch nicht immer eine leichte Lektüre ist, so kann es doch jeder, dank seiner sehr klaren und ausführlichen Darstellungsweise, mit einiger Aufmerksamkeit verstehen. Jedenfalls lohnt sich die auf das Studium verwandte Mühe, denn der Wissensstoff, den dieser Band bewältigt, ist gerade- zu erstaunlich. Man glaubt es dem Verfasser gerne, daß i» diesen Blättern die Frucht einer siebenjährigen, intensiven Arbeit steckt. Leider steht auch hier wieder der hohe Preis von 20 M. für den Band einer weiten und allgemeinen Verbreitung entgegen. Auch von dem im Verlage von R. Voigtländer in Leipzig herauskommenden Werke„Lebensbilder aus der Tier- w e l t", herausgegeben von H. M e e r w a r t h, ist soeben wieder ein neuer Band der Abteilung„Vögel" erschienene Was diesem Werke für den Naturfreund und Forscher einen ganz eigenartigen Reiz verleiht, ist die einzigartige Jllustrierung, die ausschließlich auf Grund photographischer Naturaufnahmen hergestellt ist. Hier zeigt es sich so recht deutlich, welche gewaltigen Fortschritte die „Jagd mit der Camera" in den letzten Jahren gemacbt hat. Hier lernt man die Tiere wirklich kennen in ihrem natürlichen Gebaren in freier Landschaft. Diese Abbildungen sind Natururkunden im höchsten Sinne des Wortes, deren Wert von Jahr zu Jahr steigt, je mehr viele der aus die pbotographische Platte gebannten Arten der menschlichen Kultur weichen müssen. Wir beobachten hier auf zahlreichen Bildern, wie der Fischadler oder Goldadler sein Nest baut, für die heranwachsende Brut sorgt, sich im übermütigen Spiel mit seinen Artgenossen in der Luft tummelt. Wir belauschen das Brutgeschäst von Reihern. Tauben, Eulen und Singvögeln, sehen die jungen, eben ausgeschlüpften Tiere ihre hungrigen Hälse empor- recken. Eine andere Bildcrserie gibt uns Einblick in das Leben und Treiben der verschiedensten Mövenarten aus unmttelbarcr Nähe beobachten wir die elterliche Fürsorge des scheuen Würgers; so zieht vom Kolibri bis zum gemeinen Sperling, vom wohlbekannten Storch bis zum seltenen Schwarzhalstaucher ein gutes Stück Vogel- leben in bunten Bildern an unserem staunenden Auge vorüber
Ausgabe
28 (19.12.1911) 245
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