Wnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 1. Mittwoch den 3. Januar. 1912 (TMchdnük oetsaien.) i] pelle der Gröberer. Der grosze Kampf Roman von MartinAndersenNexö- 1. Unten auf dem feuchten Boden des Schachtes wimmelte es von spielenden Kindern. Sie hingen an dem untersten Holzwerk, gingen trällernd auf den Balken rings Kerum, ein Schmalzbrot in der Hand, oder setzten sich platt nieder und scheuerten sich auf dem klebrigen Steinpflaster vorwärts. Die Luft King rauh und naßkalt verein wie in einen alten Brunnen und Katte früh Rost über die kleinen Stimmen ge- legt imd die Gesichter mit Drüsenwunden bedeckt: aber aus dem Tonnengang, der nach der Gasse hinausführte, kam hin und wieder ein warmer Hauch von Duft und blühenden Bäumen ganz hinten vom Wall her. ..Bro-bro-brille" war ausgespielt, mit dem letzten Reiter, der in den schwarzen Kessel kam. und Hänsel und Grete! waren glücklich aus des blöden Vinzlevs Gang über den Kloakenrost in daS Vfannkuchenhaus hineingeschlüpft, das tvunderbarerweise auch Gitterstäbe vor der Tür hatte, durch die nian sowohl ein Stück Holz als auch einen Koblstock hin- durchstecken konnte, damit die Hexe da hineinschnitt. Holz- stücke und Kohlstöcke gab es reichlich in dem Kehrichtkasten rieben dem Pfannkuchenhaus, und wer die Here war, das wußte man sehr wohl! Sie kam zuweilen aus dem Keller hcrausgestürzt und jagte die ganze Schar mit einer Feuer- zange auseinander. Es war beinahe ein wenig zu natürlich: selbst der Pfannkuchengeruch kam von oben herabgeschwebt, wo die wohlhabenden Olsens wohnten, ein richtiges Märchen konnte man es nickst nennen. Aber vielleicht kam der blöde Binzlcv aus seiner Höhle heraus und erzählte die Geschickste uoch einmal wieder, wie er des Königs Gold herausgefahren und da draußen beim KönigSgrund versenkt hatte, damals, als der Deutsche im Land war. Eine ganze Schiffsladung hatten des Königs Schätze ausgemacht, kein anderer als Binzlev wußte, wo sie versenkt waren, und er wußte es auch nicht mehr. ES war ein furchtbares Geheimnis, das einen Mann wohl wunderlich im Kopfe machen konnte. Auf seiner zweireihigen Weste bewahrte er den ganzen Plan: wenn er nur von diesem Knopf bis zu dem steuerte und dann da hin- unter, dann war er bei dem Schatz. Aber nun waren einige von den Knöpfen abgefallen, und er konnte den Plan nicht wieder herausfinden. Jeden Tag halfen ihm die Kinder beim Suchen: da? war ein spannendes Stück Arbeit, denn der König war ja jetzt so ungeduldig! Es gab noch wunderbare Dinge, wie zum Beispiel wenn man sich auf das schlüpfrige Pflaster niederlegte und Hannes SpielSchönheit" spielte. Rickstete man den Blick aus der Dämmerung hier unten durch den schweren Schacht aufwärts zum Himmel empor, der lichtglitzernd vorüberflog und senkte ihn dann plötzlich wieder, so war es liier ganz einfach stock- dunkel.> Und in der Dunkelheit flogen gelbe lind. blaue Farbenringe, wo sonst die Kehrickstkasten und die Aborte lagen. Tie verschwenderische Flut der Farben vor dem Auge. das war die Reise weit hinaus in das Land des Glücks, nach alle dem, was sich nicht sagen ließ.Ich sehe selbst was, und ich weiß auch gut, was es ist, aber ich sag es bloß nicht," summten sie lind nickten geheimnisvoll in das Blaue hinein. Auch das konnte zuviel des Guten werden. Aber der runde Rost dort unter dem Holzwerk, wo Hannes Vater sich ertränkte, der wurde niemals langweilig. Die Tiefe kochte dort beständig hinaus und erfüllte die kleinen Kinder mit heimlichem Grauen: die langaufgeschossenen Backfische stellten sich mit gespreizten Beinen über den Rost und ließen sich schaudernd von dem kalten Hauch von da unten her durch- rieseln. Der Rost führte ja zur Hölle hinab, und wenn man lange genug starrte, sah man einen schwachen Schimmer von einem tintenschwarzen Strom, der da unten vorüberfloß, Jeden Augenblick sandte er seine fauligen Ausstöße ins Ge- ficht hinauf: das war. der Teufel, der da unten in einer Ecke saß und keuchte. Wandte inan die Augen von der Tiefe ab, so ward das Halbdunkel des Hofes zu dem hellsten Tag. und so konnte man nach Belieben seine Welt hell oder dunkel machen. Da lagen beständig einige Kinder auf allen Vieren und spähten mit einem ängstlichen Ausdruck hinab, und gerade über dem Rost hing den ganzen Sommer hindurch ein Wolks von Mücken, die die Tiefe durch ihren Atem schwebend hielt. Sie stiegen bis zu einer bestimmten Höhe, fielen weich und stiegen wieder, gerade so wie die Kugeln eines Taschen» spielers. Zuweilen sog daS da unten den Schwärm voll- ständig an sich, aber er zog wieder empor, schwankte hin und her in dem Luftzug aus dem Tonnengang und glich einem tanzenden Geist. Die kleinen Mädchen starrten ihn an, hoben dann ibre Röcke und machten graziöse Schritte. Olsens Elvira hatte ihre ersten Tanzschritte hier gemacht, und jetzt tanzte sie ehrbare Bürger ins Armenhaus. Und die Tochter der Trödlerin war in Petersburg und beinahe Groß- fiirstin. lieber dem ganzen engen Hof hingen Vorbaue vornüber- gebeugt und morsch und ließen gerade noch eine schmale Oeff- nung, in der die Trockenleinen mit Kinderwäsche und Scheuerlappen hin- und herglitten. Die mürben, hölzernen Treppen liefen im Zickzack draußen an den Mauern ent- langt, tauchten in die Vorbaue hinein und kamen wieder heraus, bis ganz oben zur Mansarde hinauf. Von den Vorbauen und Galerien führten Türen in die Wohnungen oder zu langen Gängen, die das Innere der Häusmasse miteinander verbanden. Nur an Piepmanns Seite war weder Vorbau noch Geländer vom zweiten Stockwerk nach oben hinauf. Die Zeit hatte es ver- zehrt, so daß die Treppe allein auf ihren Stützen ruhte. Die Balkencuden ragten noch ans der Mauer hervor, wie ver- faulte Zahnstummel, und von oben herab hing ein Strick, woran niau sich festhalten konnte. Er war blank und schwarz von den vielen Händen. An so einem beißen Junitag, wenn der Himmelsraum gleich einem knisternden Brand über den Spalt dort oben hinzog, lebte das schwere, morsche Holzwerk wieder auf und ward zum Hochwald. Schwatzende Wesen jagten zwischen den Sprossen aus und ein. Schatten kamen und verschwanden, ein unaufhaltsames Plaudern füllte die Dämmerung. Von Vorbau zu Vorbau tropfte eS von säuerlicher Lauge der Kinderwäsche, bis ganz hinab auf den Grund, wo die Kinder in dem trägen Bache spielten, der aus den Abflußrinnen floß. Das Holzwerk knarrte fortwährend wie alte Zweige, die sich gegeneinander reiben, naßkalter Geruch von erdiger und ulmiger Vegetation legte sich sättigend auf den Atem, und alles, was man anrührte, hatte eine Schicht Schleim, wie in- folge von übermäßigsr Ucppigkeit. Der Blick konnte nicht zwei Schritt wandern, ehe er vom Holzwerk gehemmt wurde, aber da hinten ahnte man Welten. Wenn die Türen zu den langen Gängen sich rniftaten und schlössen, brachen sich Laute von den unzähligen Wesen in der Tiefe der Arche Balm: das Weinen kleiner Kinder, das eigen- tümliche Pusseln von Sonderlingen und Verbuddelten, ganze LebcnSschicksale spielten sich da drinnen ungestört ab. ohne sich jemals an das Licht deS Tages zu wagen. Auf Piepmanns Seite ragten die Abflußröhren gerade ans der Mauer heraus und glichen Waldteufeln, die ans dem Dickicht heraus- greinten mit offenem Munde und langem, grauen Bart, der rosenrote Regcnwürmcr erzeugte und zuweilen mit einem schweren Klatschen in den Hof hinabfiel. Aus den Mauer- löchern heraus wuchsen grüne, hängende Büsche. Das Ab- Waschwasser sickerte durch sie hindurch und tropfte mannig» faltig, wie das nasse Haar des Waldes. Drinnen in dem grünen, tropfenden Dunkel saßen wunderbar gezeichnete Kröten, wie kleine Quellcngimpfen, eine jede in ihrer Grotte und glänzten von der giftigen Feuchtigkeit. Und oben in dem Holzwerk am dritten Stockwerk hing Hannes Kanarienvogel und saug ganz verschroben, den Schnabel zu dem Fenerfleck da oben cmporgewandt. lieber den Boden des Hofes ging ein endloses Gerenne von Wesen, von lichtscheuen Geschöpfen, die aus dem reichhaltigen Bauch der Arche auftauchten oder