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behielt sie mich denn und nährte mich allein und hat dann selbst die haftige Beweglichkeit seines ganzen Wesens näher beobachtet, da ein Lied darauf gedichtet. Doch das brauche ich Dir nicht zu er- erfennt man allmählich die Spuren des polnisch- jüdischen Städtchens, zählen aus dem er stammt.
Doch, erzähle es nur, laß nichts aus," sagte Loris- Melifow. Chadschi- Murat begann nachzufinnen. Er gedachte seiner Mutter und sah sie im Geiste, wie sie ihn oben auf dem Dache der Hütte neben sich schlafen legte und mit dem Pelze zudeckte, und wie er sie bat, ihm die Stelle an ihrer Hüfte zu zeigen, an der die Narbe von jenem Dolchstich zu sehen war.
Er befann sich auf das Lied und sagte es her. Es lautete: " Dein stählerner Dolch hat meine weiße Brust durchbohrt, und ich legte mein holdes Sonnenkind, meinen Sohn, an die Wunde, ich musch ihn mit meinem warmen Blute, und die Wunde vernarbte ohne Kräuter und Wurzeln. Ich habe den Tod nicht gefürchtet, und auch er, mein Sohn, mein tapferer Dschigit, wird ihn nicht fürchten."
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Diese meine Mutter ist jetzt in Schamhls Händen und muß ausgelöst werden," sagte Chadschi- Murat.
In schweigendem Brüten saß er hierauf eine ganze Weile da. Er gedachte des mageren Hundes, der ihm, als er selbst noch klein war, das Gesicht beleckt hatte, und des besonderen Duftes von Rauch und faurer Milch, den er jedesmal verspürte, wenn die Mutter ihm ein Stück Fladen gab. Er erinnerte sich, wie ihn die Mutter in einem Korbe auf dem Rücken über die Berge getragen hatte, zum Großvater auf die Farm. Er erinnerte fich des graue bärtigen, runzeligen Großvaters, der mit den sehnigen Armen das Silber schmiedete und den Enkel die Gebete lehrte.
,, Sie nahm also nicht wieder als Amme Dienste," fuhr er dann, den Kopf zurüdwerfend, fort. Die Frau des Chans nahm eine andere Amme, blieb aber mit meiner Mutter befreundet. Und die Mutter führte uns Kinder nach dem Hause des Chans, und wir spielten mit den Kindern des Chans, und die Frau des Chans
war uns allen sehr gewogen."
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„ Es waren drei junge Chane: Abununzahl- Chan, der Milchbruder meines Bruders Osman, Umma- Chan, mein Blutauder, und Bulatsch- Chan, der jüngste, den Schamyl in den Abgcund gestürzt hat. Doch davon später."
In der großen, gefamadvoll eingerichteten Wohnung Chodotows herride forglose Fröhlichkeit. Einer spielte Klavier, mehrere andere fangen dazu im Chor. Wieder ein anderer topierte in der Ecke täuschend eine Engländerin, die Negerlieder vorträgt. Anderswo stritt man erbittert über die moderne Literatur. Schalom Aich lag auf dem Diwan, beobachtete alle mit seinen etwas zufammengefnissenen Augen und lächelte.
Einer der Anweienden begann ein ganz schwieriges Kunststück zum besten zu geben: er imitierte das Heulen des Sturmes in einer Winternacht in einem abgelegenen Torf, unterbrochen von fernem Hundegebell. Die Jllusion war vollständig.
Schalom Asch richtete sich auf, öffnete die Augen weit und wiederholte ganz begeistert auf deutsch : Gut, gut, ausgezeichnet!" Wir gingen mit noch einigen anderen ins Nachbarzimmer. Asch kann sich nur mit großer Anstrengung auf russisch verständlich machen.
Da begann jemand richtigen jüdischen Jargon zu sprechen. Sogleich nahm Asch das Gespräch auf und begann lebhaft seine Muttersprache zu sprechen, wobei er beständig die charakteristischen, heftigen Geiten machte. Aerzte,
" Ich basse alle diese bürgerlichen Juden," sagte er: Rechtsanwälte, Ingenieure, Finanzmänner. Sie haben nie etwas für das jüdische Volk getan und werden auch nichts tun.
Ich liebe die Juden aus dem Volke, die jüdische Masse. Sie ist gesund, einheitlich, in ihr ist nichts Mißgeartetes."
Einer stimmte ihm zu und erwähnte einige Typen, die er geschildert habe.
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Eindrücken zu sprechen, die er unter den Juden der abgelegensten Die Augen Aichs flammten freudig auf. Er begann von den Orte des Ansässigkeitsrayons" empfangen hatte, er erzählte uns von den jüdischen Volksliedern. wiegend, eine traurige Melodie zu fingen. Einer bat ihn, fie vorzutragen, und er begann, sich im Sessel
Wie schön das ist," entrang es sich ihm.
Ju diesem Augenblick sah ich ihn im wahren Licht: der begabte Sohn des jüdischen Proletariers.
Seltsam und unsinnig erschienen mir plöglich seine elegante Kleidung und seine amerikanischen Schuhe.
In diesem Augenblick war er vollendet offen und aufrichtig. Die Einfälle der Gäste im anderen Zimmer schienen un= erschöpflich. Da fanden sich vorzügliche Tänzer, meisterhafte Erzähler und die Zeit bis zum Mittag verging unmerklich.
Der eine oder der andere, der Müdigkeit zu verspüren begann, drückte sich unbemerkt, um nicht die Fröhlichkeit der übrigen Die Gardinen wurden zurückgezogen. In die Zimmer fiel der Der erloschene belle Schein der mittäglichen Frühlingssonne. Samowar auf dem Tisch, die halbgeleerten Tassen und Gläser, die Batterie von Flaschen das alles hatte plöglich seinen Reiz verloren.
Ich zählte fünfzehn Jahre, als die Muriden die Dörfer zu durchwandern begannen. Sie schlugen mit hölzernen Säbeln an die Steine und riefen:" Muselmänner, Chasawat!"( der heilige Krieg). Die Tschetschenzen gingen alle miteinander zu den Muriden über, und auch die Awaren begannen sich ihnen anzuschließen.. Ich lebte damals am Hofe der Chane. Ich war wie ein Bruder des Chans, tat, was ich wollte, und gewann Reichtümer. Ich hatte Pferde und Waffen, und auch Geld hatte ich. Ich lebte in Saus und Braus und machte mir feine Gedanken. So lebte ich bis zu der Zeit, da Kafi- Mullah getötet mard und Hamsat an seine Stelle tam. Hamsat schickte Boten an die Chane, mit der Drohung, daß er Chunsach zerstören würde, wenn sie das Chasawat nicht anzu stören. nähmen. Da hieß es wohl überlegen. Die Chane zögerten aus Furcht vor den Russen, das Chasawat anzunehmen, und die Mutter der Chane sandte mich mit ihrem zweiten Sohne Umma- Chan nach Tiflis zum Oberstkommandierenden, den wir um Hilfe gegen Hamsat bitten sollten. Oberstkommandierender war damals Rosen, der Baron. Er empfing weder mich noch Umma- Chan. Er ließ uns sagen, daß er uns Hilfe fenden werde, hat aber in Wirklichkeit nichts getan. Nur ein paar seiner Offiziere suchten uns in Tiflis auf und spielten mit Umma- Chan Karten. Sie gaben ihm Wein zu trinken und führten ihn in die Höhlen des Lasters, und er berlor alles, was er hatte, an sie im Kartenspiel. Er war so start wie ein Stier und so tapfer wie ein Löwe, an Geist aber so schwach wie das Wasser. Er hätte unser lettes Pferd und unseren legten Säbel verspielt, wenn ich ihn nicht aus Tiflis weggebracht hätte. Nach diesem Besuche in Tiflis war ich anderen Sinnes geworden und redete der Mutter der Chane und den jungen Chanen au, sie sollten das Chasawat annehmen."
( Fortsetzung folgt.)
Schalom Afch.
Die Gastfreiheit N. N. Chodotows*) wird zweifellos einmal in der Geschichte der russischen literarisch- künstlerischen Boheme vermerkt
werden.
Viele bekannte Schriftsteller werden sich noch lange an die fröhlichen Abende in der Wohnung Chodotows erinnern. Zu jeder beliebigen Tageszeit kommen Schriftsteller, Schauspieler, Künstler, effen, trinken oder ruhen sich aus. All' das völlig ungezwungen, gemütlich und luftig.
Hier lernte ich Schalom Asch fennen. Um wieviel Uhr? Jch glaube, um fünf oder sechs Uhr morgens. Asch ist ein hochgewachiener, schlanker Mann mit einem frischen, jugendlichen Gesicht, großen schwarzen Augen, einem kleinen ichwarzen Schnurrbart und roten, gefunden Backen. Auf den ersten Blick würde man in ihm nicht den Sohn des finsteren russisch- jüdischen Ghettos erkennen, man würde ihn eher für einen Bantiersjohn aus Berlin halten. Aber wenn man die ernste Nachdenklichkeit seiner Augen,
" Ein Schauspieler des faiserlichen Alexandertheaters in St. Petersburg .
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Man sehnte sich nach frischer Luft. Ein Abstecher nach der Stadt, eine Automobilfahrt wurden vorgeschlagen. Es war Sonntag, und der gastfreie Hausherr Chodotow mußte ins Theater, um dort aufzutreten.
Nach einer furzen Beratung beschlossen wir, ihn nicht zu verlassen und mit ihm ins Theater zu fahren.
In seinem kleinen Ankleidezimmer war es etwas eng, aber schließlich fanden wir doch einigermaßen Platz.
Chodotow begann sogleich sich umzufleiden. Man gab„ Armut fchändet nicht" von Ostrowski: Aich hatte das Stüd noch nie gesehen und wollte es sich ansehen. Es war eine Schülervorstellung und infolgedessen wurden keine Billetts verkauft, so daß es uns erst nach vielen Bemühungen gelang, im Orchester Plaß zu finden. Asch konnte den Blick gar nicht losreißen von dem Meer von Kinderköpfen, das den Zuschauerraum füllte. Als die Kinder anfingen zu flatschen, sprang Asch buchstäblich auf, begann selbst zu flatschen und rief immer wieder: Welche Mufit, welche Mufit, diese zarten Kinderhändchen!"
Der erste Aft machte auf ihn wenig Eindruck, dafür aber der zweite Aft, in dem der Vater der Tochter den reichen, alten Freier zuführt, einen um so größeren. Er war ganz niedergedrückt. Ich betrachtete aufmerfiam fein Geficht und fah, wie es zudte. Einige Male wandte er sich von mir weg und ich bemerkte, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen.
Nach dem Ende des Aftes stand er ganz gerührt auf, drückte mir fräftig die Hand und sagte lebhaft:" Die Welt ist noch nicht ganz verdorben."
Während der Bause sprach im Anfleidezimmer Chodotows jemand den Gedanken aus, daß diejes Stück ebenso wie alle Werke Ostrowskis echt national und typisch russisch sei. Da geriet Asch in Aufregung. Davon ist gar keine Rede,
gut
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widersprach er, es fönnte ebenso ein jüdisches Stück sein. Es ist allgemein- menschlich, weil es schön ist." Das Gespräch fam dann auf Asch's eigenes Schaffen. Jemand hielt ihm vor, daß er doch ausschließlich jüdisches Milieu schildere. " Das ist nicht wahr," emyegnete Asch hißig, ich schildere Juden, weil sie mir nahe stehen und mit teuer find, aber ich schildere fie als Menschen überhaupt und richt als Juden. Ich sehe die Welt