Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 55 Dienstag den 19, März 1912 (NaSdruS vervoren.) 55] pelle der Gröberer. Der große Kampf. Roman von Martin AndersenNexö. Dann gilt es Ihre ganze Zukunft. Bedenken Sie das doch, Mensch! Es tut mir leid um Sie, denn Sie könnten es zu etwas bringen, aber ich kann Sie nicht vor Ihrer eigenen Halsstarrigkeit retten: und hier verlangen wir absoluten Ge- horsam." Der Ingenieur stand eine Weile da und wartete auf eine Antwort, aber Pelle hatte nichts zu sagen. Nun, ich will so weit gehen und Ihnen Bedenkzeit bis morgen lassen, obgleich das gegen die Grundsätze der Fabrik verstößt. Ueberlegen Sie sich die Sache jetzt gut und bleiben Sie nicht an dummen Sentimentalitäten hängen. In erster Linie muß man mit dem, wozu man gehört, durch dick und dünn gehen! Also morgen." Pelle ging. Er wollte nicht vor Feierabend nach Hause, um Gegenstand einer Reihe vorzeitiger Fragen zu sein: dies wurde noch früh genug gesagt. So schlenderte er denn über die Handelsplätze hin und starrte die Schiffe an. Da war also sein Glllckstraum zerplatzt, und kurz war er gewesen. Er sah Ellens enttäuschten Ausdruck, und ihm ward ganz traurig zu Sinn. Am meisten leid tat es ihm für sie, seiner selbst wegen war da eigentlich nichts zu sagen: dies war das Schicksal! Es fiel ihm auch nicht einen Augenblick ein, zwischen der Zukunft und der Kameradschaft zu schwanken; er hatte ganz vergessen, daß ihm der Ingenieur Bedenkzeit gegeben hatte. Zur gewohnten Zeit schlenderte er nach Hause. Ellen. empfing ihn leicht und ftöhlich, sie ging umher in einem Zu- stand summender Freude: es war ganz rührend, zu sehen, wie sie sich bemühte, sich in die andere Gescllschaftsschicht hinein- zufinden. Ihre Bewegungen waren ganz allerliebst, und es war ein Zug um ihren Mund gekommen, der Vornehmheit bedeuten sollte. Der kleidete sie entzückend. Pelle wandelte immer die Lust an, den Mund zu küssen und diese vornehme Haltung zu stören: aber heute setzte er sich schweigend an sein Essen. Ellen hob ihn seinen Anteil vom Mittagessen auf und wärmte ihn auf, wenn er des Abends kam: mittags er Butterbrot auf dem Kontor. Wenn wir nun erst ordentlich im' Gange sind, wollen wir alle um sechs Uhr Mittag essen, das ist viel gemütlicher." So machen es die feinen Leute, habe ich mir erzählen lassen," sagte Lasse.Das wird plaisierlich werden, daß auch mal zu probieren." Lasse saß mit Klein-Lasie auf den Knien da und erzählte spaßige Geschichten. Dann lachte Klein-Lasse, und jedesmal schrie Schwester vor Freude in der Wiege auf, als verstehe sie das Ganze:Was soll es denn nun sein die von der alten Frau? Dann müßt Ihr auch gut zuhören, sonst wachsen Eure Ohren nicht! die alte Frau!" Faul " sagte Klein-Lasse mit dem Ausdruck des Alten. Ja, die alte Frau!" wiederholte Lasse, dann lachten sie alle drei. Was soll ich zuerst tun? sagte die Frau, als sie auf Arbeit kam, essen oder schlafen? Ich glaub, ich esie erst. Was soll ich zuerst tun? fragte die Frau als sie gegessen hatte. Schlafen oder arbeiten? Ich glaub, ich schlaf erst. Und dann schlief sie bis es Abend war, und dann ging sie nach Hause und legte sich ins Bett." Ellen trat zu Pelle hin und legte den Arm um seme Schulter.Ich bin bei meiner ftiiheren Herrin gewesen, und die wird mir helfen, mein Brautkleid zu einem Gesellschaits- kleid zurecht zu machen," sagte sie.Tann brauchen wir Dir nur einen Frackanzug zu kaufen." Pelle sah langsam auf, über seine Züge huschte ein Zittern. Die Aermste! Sie dachte an Gesellschaften!Du kannst Dir Deine Sorgen sparen," sagte er leise,auf dem Kontor bin ich jetzt fertig. Sie ver- langten von mir, daß ich Streikbrecher werden sollte, und da bin ich gegangen." Ach. ach." sagte Lasse und war nahe daran, den Jungen fallen zu lassen, seine welken Hände zitterten. Ellen starrte Pelle versteinert an. sie wurde weißer und weißer, es kam kein Laut über ihre Lippen. Sie sah so aus, als sollte sie tot umfallen. 29. Pelle war wieder unter seinen eigenen Leuten; er bereute nicht, daß das Glück sein Versprechen zurückgenommen hatte, im Grunde war er froh. Hierher gehörte er nun doch einmall Er hatte seinen großen Anteil an dem mächtigen Ausbruch, sollte er da von dem Kampf ausgeschlossen werden? Unter den Führern war er willkommen, niemand trug so viel wie er, wenn es darauf ankam; seine Gestalt flößte lichten Glauben ein und brachte die Leute zum Ausharren und zum unerschrockenen Drauflosgehen. Er war geschickt, im Pläneschmieden! Jeden Morgen wanderte er in aller Frühe nach dem Lockoutbureau hin, von wo aus der ganze Kampf geleitet wurde; alle die vielen Fäden liefen hier zusammen. Die Lage wurde für den Augenblick klargelegt, Männer, die genaue Kenntnis von den stärksten Stellungen des Feindes hatten, wurden zusammenberufen, um Aufschlüsse zu geben, und ein umfassender Kampfplan wurde angelegt. Auf ge- Heimen Kontrollversammlungen, zu denen zuverlässige Ge- nassen von den verschiedenen Betrieben einberufen wurden, sammelte man Angriffsmaterial jeder Art, um die Unter- nehmungen damit, zu treffen und zur Verwertung im Zei- tungskampf. Es galt die Blutdürstigen und die, die leicht im Sattel saßen, zu treffen! Da waren Betriebe, die die Arbeitgeber aus lokalen Gründen im Gange behielten; die mußten ausfindig gemacht und zum Stillstand gebracht werden, selbst wenn es die Arbeitslosigkeit vermehrte. Man rüstete sich energisch, es war nicht die Zeit, wählerisch mit den Waffen zu sein. Pelle war so recht in seinem Element. Dies war doch etwas anderes, als einen einzelnen Schuh- macher zu fällen, selbst wenn er der größte der Stadt war! Er war reich an Ideen und schwankte nie in der Ausführung. Kampf war Kampf! Dies war die Angriffsseite: aber durchdrungen vom der Gemeinschaft, wie er war, sah er klar, daß der eigentliche Kampf der Verteidigung galt. Es erforderte Voraussicht und große umfassende Verhaltungsmaßregeln, falls die Masten den Kampf aushalten sollten: schließlich würde es eine Frage der Ausdauer werden! Ausländische Streikbrecher mußten ferngehalten werden durch schnelle Mitteilung in den Partei- blättern der Länder und durch das Aufstellen von Posten an den Eisenbahnen und Dampfschiffen. Die Arbeiter nahmen den Telegraphen in ihren Dienst zum erstenmal. Die An- zahl der einheimischen Streikbrecher mußte mit allen Mitteln niedergehalten werden, und in erster Linie mußten Vorräte geschafft werden, fo daß die ledigen Massen sich die Hungers- not vom Leibe halten konnten! Pelle hatte in einer Vision die natürliche Solidarität des Arbeiters über der ganzen Erde gesehen, und das kam ihm jetzt zu Nutzen. Die Führer erließen ein mächtiges Manifest an die Arbeiter Dänemarks , zeigten auf einmal auf den Ab- grund hin. aus dem sie aufgetaucht waren, und auf die Licht- zinncn, zu denen sie emporstrebten, und ermahnten sie in ergreifenden Worten zum Zusammenhalten! Ein Bericht über die Ursache des Lockouts und die Absicht, die dahinter lag, wurde gedruckt und über das ganze Land verteilt mit der Aufforderung zur Unterstützung im Namen der Freiheit! Und durch Aufrufe an die' Arbeiterparteien des Landes erinnerte man an die große Gemeinschaft. Es war ein un- geheurer Apparat, der in Gang gehalten werden mußte; von einem kleinen Werkstattverein war der Zusammenschluß weiter gewachsen, bis er das ganze Reich umfaßte, und nun versuchte man auch, die Arbciterbevölkcrung der ganzen Welt zu um- spannen, um sie als Bundesgenossen im Kampf zu erwerben. Aber diese Männer, die aus der Masse aufgetaucht waren und noch immer die gleichen Verhältnisse mit ihnen teilten, die waren doch dazu imstande! Sie hatten Schritt mit dem starken Wachstum der Bewegung gehalten und wuchsen noch immer. Das Gefühl, gut vorbereitet zu sein, flößte Mut ein und verlieh einen lichten Ausblick auf das Ergebnis. Vom Lande liefen täglich Arbeitsanerbietungen an die Zlusgesperrten beim Bureau ein. Es wurde auch Geld geschickt und Bei-