bssegneten die beiden Frauen sich in einem schaN- mendeN Haß gegen die) böse, heimtückische Weib und ihren Sohn, den sie als mitschuldig betrachteten. Sie schoben ihnen alle möglichen Hintergedanken un� Nebenabsichten unter— alle anderen alK die wirklichen— und Djerida schwur Rache. Snltana empfand fast Furcht vor ihrer Mutter, die die bleiche Wut des Hasses in eine zornige rachgierige Djinn per- wandelt zu haben schien. Sie weilte lange Stunden draußen in der Stadt und verhandelte niit vierlei wunderlichen Men- scheu. Als sie heimkam, sprach sie dunkle Worte über das Unglück, das sie über Zleira bringen wolle. Durch sie wolle sie ihren geschiedenen Gatten treffen. Er sollte reichlich Zeit finde», das Getane z» bereuen. Auch Suitana haßte im voraus jenes fremde Weib, das ihre Mutter verdrängt hatte und das sie vorläufig nicht ein- mal hatte sehen wollen. Aber was geschehen war, war ge- sckzehen und folglich Allahs Wille. Sie glaubte nicht an die Wirkungen von Tjeridas 'Kriegserklärung. (Forisehung folgt.> Hm Lancfewdlc» Von S. I u s ch k e>v i tz. (Schluß.) Er sprach langsam, monoton. Augenscheinlich war er schrecklich milde und hielt sich kaum aus den Beinen. Aber mit jedem Wort schien et munterer zu werden. Ernnuigt durch die freundlichen Worte des Inspektors, erzählte er mit zitternder Stimme, was bei ihm passiert war. „Wie nnbarmherzig ist doch manchmal das Schicksall" begann er in nachdenklichem Ton.„Das einzige, was mir das Leben lieb macht, sind meine Kinder, aber ich habe soviel Leid erduldet, während mein Töchterchen starb, daß ich jetzt Gott für ihren Tod danke.... Oh, Herr Inspektor, wenn Sie gesehen hätten, wie sie sich gequält hat, wie sie sich mit den Händchen an mich angeklammert hat, damit ich ihr helfe!... Aber sie ist gestorben, niid ich weiß nicht, was ich weiter tun soll, was ich weiter tun soll, oh Gott!... Meine Arbeit bei Schmerel ernährt nnS schon so nicht, jetzt soll ich das Mädchen beerdigen, aber im Hause, ich schwöre es Ihnen, ist keine Kopeke.... Die Leiche riecht so entsetzlich, daß man nicht im Zimmer bleiben kann— Wir sitzen auf dem Hof. Nichts da, sie zu beerdigen.... Die zweite ist auch schon krank geworden. Woher Medizin nehmen? Sieben Tage muh man anf der Erde fitzen— wer loird in der Zeit verdienen? Ich sage Ihnen die Wahrheit: ich bin so verzweifelt, das; ich mich eben in den Brunnen stürzen wollte." Wir hörten zu und schwiegen. Leibotschka legte die Hände aus die Hüften und blickte zur Erde, die m dein hellen Mondlicht gelb aussah. Plötzlich erhob sich der Oekonom . schlug dem Apotheker aus die Schulter, zog zehn Rubel aus der Tasche und sagte: „Hier sipd zehn Rubel, Leibotschka. Von Dir allein hängt es ab, bah sie sich verdoppeln." „Herr Oekonom!" kam es in freudigein Schreck aus der Brust des Unglücklichen. „Bon Dir allein hängt es ab." wiederholte der andere.„Du bist, wie ich weiß, keine Memme, und nm dieses Geld nach der TotenkamNicr gehen, wo Michel es hinlegen wird, ist für Dich ein Kinderspiel-.. Aa, willst Du?" „Ein famoser Einsall!� ben, eckte vergnügt der Apotheker.„Du kannst Dich begraben lassen. Michel itiik Deinen Witten ! Du aber, Labolschka, danke Gott auf den Knien für Dein Glück I Auch ich will Dir helfen, darum lege ich drei Rubel zu." Lachend begann er seine Taschen zu durchwühlen, während der Inspektor bemerkte: „Es ist zwar nicht sonderlich human, ober da der Gang nach der Totenkanimer für Dich doch nur eine Kleinigkeit ist, so schließe ich niich den Herren an und gebe, um die Summe abzurunden, meinerseits noch sieben Rubel." Osch fuhr auf. Zwanzig Rubel I Für einen Rubel hatte ich in der Totenkainmer genächtigt! Leibotschka zitterte vor Ausregung. „Zwanzig Rubel!" flüsterte er, bald die Hand gegen den Ockouom ausstreckend, bald sie wieder zurückziehend.„Ich Nu- glücklicher!" Ter bloße Gedanke, in die Totenkainmer zn gehen, ist ihm so schrecklich, daß ein kalter Schauer seinen Körper schüttelt und eine tödliche Angst seine Brust znsammenschnürt. Aber gehen, trotz semer Furcht gehen. ES ist ja ein märchenhafter Reichtum, wie er ihn in seineni ganzen langen Leben noch»ich» einmal in Händen gehabt hat. Das bedeutet ja: ein anständig.'« Begräbnis für das tote, Medizin für das kranke Kind, sieben Tage ruhig aus der Erde sitzen, sich einige Tage von warmen Speisen nähren, der Familie etwas Warme? für den Winter tarnen dürfen! „Vielleicht möchten Sie fo.. bittet er zaghaft,„Geben Sie mir fünf Rubel und lassen Sie mich gehen. Ich fürchte mich so... l Entschuldigen Sie gnädigst. Herr Oekonom , aber ich bin eine Memme. Ich fürchte mich sogar, imt dem toten Kinde tu einem Zimmer zn bleiben. Ich blicke nicht dahin, wo es liegt... Was wollen Sie mit meiner Furcht? Helfen Sie einem Menschen, damit er Sie segne I.... Nein, geben Sie lieber nichts. Ich würde mich ja später vor Gram aufhängen, daß ich die anderen fünfzehn Rubel verloren habe.. Geben Sie mir zehn Rubel und lassen Sie mich gehen. Ich habe ja ein totes Kind und nichts, wovon es begraben. Wozu mich quälen? Geben Sie zehn Rubel und jagen Sie mich zum Teufel! Nehmen Sie den Stock und schlagen Sie mich, damit ich gehe... Ich stürbe ja vor Furcht!" Er schwieg eine Minute, als ob er sich auf etwas besinne. „Nein, geben Sie nicht!" kam es mühsam aus seiner Brust. „Ich werde gehen— laß' Michel das Geld hinlegen. Ich werde mich überwinden." Er hielt inne, begann wieder zu reden, stockte von neuem und war schrecklich bedauernswert mit feinen stoßweisen Gesten. Der Oekonom hörte gar nicht zu, sondern flüsterte mir ein paar Worte ins Ohr, und die Sache war in Ordnung. Als ich aus der Toten- kammer zurückkam, wo ich den mir erteilten Befehl ausgeführt hatte, gebürdete Leibotschka sich wie ein Verrückter. Er zitterte am ganzen Körper und murmelte etwas Unznsannnenhängendes, als wenn er mit eineni unbekannten Feind stritte. „DU kannst gehen, Leibotschka", sagte ich, ihn an der Schulter rüttelnd,„Dein Geld ivartet dort auf Dich. ES liegt auf dem Fenster gleich rechts, wenn Du hineinkommst." Er starrte mich mit einem wilden, durchbohrenden Blick an, als wollte er sein Schicksal in meinen Augen lesen. .Geh', geh' I" wiederholte ich, das Gesicht abwendend. Ich fübrte ihn durch die Hintertür der Apotheke und zeigte ihm den Weg nach dem großen, stockfinsteren Krankenhausgarten. „Michel! Lieber Michel! hörte ich seine zitternde Stimme, und' z!vei kalte Hände legten sich ans Meine Schultern. „Geh', geh' I antwortete ich rauh, indem ich mich von ihm los- machte. Er seufzte und ging. Eine Minute später waren wir alle im Garten und verfolgten jeden seiner Schritte. „Eine böse Sache, die wir da angestiftet haben"... murmelte der Inspektor, der plötzlich die Luft an diesem Zeikvertteib verloren hatte.„Der arme Teufel wird verrückt werden... Das ist nicht human..." „Ach, Unsinn!" sagte der Oekonom.„Sie find bisweilen wirk- lich langweilig mit Ihren Bemerkungen. Was soll denn dabei nicht human sein?!" Von seltsamen Gefühlen beherrscht, blieben wir stehen. Was tun wir da? Warum quäleu wir diesen unglücklichen Menschen? Mer Leibotschka nahm unsere ganze Aufmerksamkeit in Nn-> sprach, so daß wir uns nicht anf solche Gedanken konzentriere» konnten. Er stand irgendwo im dunkeln imd murmelte hastig: „Höre, Israel.. „Der Aermste I" brummte der Jmpeltor von neuem.„Es ist wirklich nicht human." „Seien Sie doch endlich still!" zischte ihm der Oekonom mit heiserer Stimme ins Ohr. Die schritte LeibotfchkaS erklangen schon aus einer anderen Richtung und seltsam berührte in der Dmikelheit diese sich c>it-> fernende zitternde Stimme. „Mein Gotkl" erklang plötzlich ein Sköhnen und wieder hörte» wir seine hastigen Schritte in der Allee. In der Mitte des Gartens machte er von neuem Halt. Wir standen nicht weit von ihm hinter einein Fliederstrauch und be- ohachteten. Was machte er da? Was ging in seinem Herzen vor? Woran dachte er? Von einem sanften Winde bewegt, begannen die Bäume leise zu rauschen, als wenn in ihren Wipfeln sonderbare, fremdartige Vögel erwacht wären. Der Kies knirschte traurig unter den Füßen. Die trockenen Blätter fingen an sich im Winde zu drehen nnd wirbelten durch die Lust. „Mein Gott !... Lieber Gott !" klang wieder seine Stimme zu uns, und seine Schritte tönte» laut durch die Stille der Nacht. Wir folgten ihm eilig, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. schwiegen und gaben acht. Jetzt war der Garten zu Ende. Dahinter lag ein düsterer, un- bebaut« Play, der vom Garte» durch einen niedrige», baufällige» Zaun mit einem Pförtchcn darin getrennt war; und weiter in der Tiefe die tanrige Totenkammer. Wir konnte» kaum Kur Seite treten— so schnell kehrte Leibotschk» um. Es vergingen einige bang« Augenblicke. Was macht er? Aber da zeigte er sich schon von neuem am Ptörtchen. Da steht er m,d zupft ungewiß an seinem Bart. Plötzlich macht er eine Bewegung und tritt auf dm freien Play. Wir stehen schon am Pförtchen und beobachten ihn. Mit leisen, unhörbaren Schritten, sich nach allen Seiten umblickend. bald vor«, bald rückwärtsgehend, nähert er sich schließlich dem vir- häiignisvollen Orte. Vor der Totenkammer hält er wieder an, und plötzlich hören wir. wie er die Tür mit voller Kraft öffnet. Aber gleich darauf ertönt em wahnsinniger, nicht menschlicher Schrei. Leibotschka prallt von der Tür zurück lind bleibt, die Arme aus- breitend, wie angewurzelt stehm.... Aus der Totmkammer tritt
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29 (11.5.1912) 91
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