Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 103. Freitod den 7. Juni. 1812 MaSdru« vervolen.7 B5] Suitana. Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Das Paradies war ihr nun einmal verschlossen. W- dallah würde sie in Ewigkeit nicht dahin erheben. Ja, mit einem furchtbaren Schauer ahnte sie ihre dereinstige Per- stoßung in die Hölle um dieser unreinen Treue willen, die sie an einem Verleugner Allahs und des Propheten geübt. Gleichviel! Seinem Schicksal kann niemand trotzen! Mektub! Es stand geschrieben! Möge es denn geschehen! Durfte sie ihren Aufenthalt nur mit Marcel teilen, so mochte Allah in seiner gerechten Weisheit sie in jede Hölle stürzen, die er für gut befand. Es würde dennoch zu ertragen fein. Solche Gedanken beschäftigten sie, wenn sie stumm zu Ab- dollahs Füßen faß. während er sich in seligen Vifionen oder großen politischen Plänen verlor, die sie nicht verstand und er ihr nicht offenbarte. So dachte sie, wenn sie auf dem Fußteppich saß und mit ihrem falschen Lächeln sich vor ihm demütigte. Das gab ihrer Liebe eine eigene extatische Tiefe und Kraft, ein Gepräge von Fanatismus und Aufruhr. Aber aufwärts strebt dennoch die Kindesseele. Jedes Gemüt, das nicht krank ist, ist bemüht, das Licht zu suchen. Aus der Angst empor keimt still und langsam eine gol- dene Hoffnung. r Was ihr Unglück war, konnte ihr Glück werden. Zweifellos würde Abdallah sie verstoßen, wenn sie ihm auf die Dauer einen Sohn vorenthielt. Dann war sie frei! Dann konnte sie zurückkehren und vor Marcel hintreten und sagen: Sieh, hier bin ich! Ich war es. die Du an Dein Herz zogst! Ich war es, die Dir ihr Antlitz entschleierte und Dich küßte! Und dann oh, dies Glück war nicht auszudenken! Bekehrte er sich dann zu dem einzigen wahrep Glauben an Allah , dann waren sie ja ohne Sünde. Dann war sie nur das schwache Werkzeug, das Allah be- nutzt hatte, um einen Ungläubigen in sein Paradies zu ziehen. Und würde er dann nicht in seiner Gnade sie beide be- lohnen und ihre Liebe ewig machen zu seiner eigenen Ver- herrlichung? So kühn wurden ihre Gedanken, als sie ausgegärt hatten. 21. Abdallah hielt sich immer weniger daheim in Gafsa auf. Er unternahm lange geheimnisvolle Ausflüge, die ihn mit- unter eine ganze Woche oder noch länger fernhielten und gab als Vorwand an, daß er Abgaben für die Zäuia zu erheben habe. Aber Sultana glaubte ihm nicht. Nach den Worten, die sie belauscht hatte, schien es ihr unzweifelhast, daß er irgendeine politische Aktion, vielleicht etwas Gefährliches vorbereite. Dies bekümmerte sie jedoch nicht besonders. Selbst das Aergste, das geschehen konnte, war für sie ohne Gefahr und konnte zu ihrem Besten werden. Der junge Zaied ben Bu-Kris schöpfte Mut aus Ab- dallahs langer Abwesenheit. Er begnügte sich nicht mehr mit bloßen Serenaden. Er dichtete Arobis und blumenreiche Briefe, die er Sultana durch Mabruka übergeben ließ. In- dessen erntete er nur geringe Anerkennung. Mabruka lernte seine Gedichte auswendig, Sultana aber antwortete ihm nie. Nur seinem Gesang lauschte sie gern, wenn sie allein war: sie stellte sich dann vor, daß es Marcel sei, der singe. Eines Tages zu Beginn des neuen Jahres kam Abdallah und sagte ihr, er wolle sie auf einem Besuch bei dem Iresjisj- stamme mitnehmen. Sie begriff nicht, was sie dort sollte. und Abdallah verriet nichts. Wäre es noch sein eigener Stamm, die Hamamas gewesen: aber die Fresjisj waren ein fremdes Nomadenvolk von Bcrberblut, das ganz nördlich von der algierischen Grenze auf dem Wege nach Tebefsa wohnte, und die Reise dahin war lang. Sie ritten durch die großen selbstgewachsenen Wälder bei Feriana, die hunderttausende Tonnen Landes mit Thuya, syrischer Fohre und immergrüner Eiche bedecken, und erreichten einen Duar, dessen große schwarze flache Zelte im Schutze eines Hügelzuges lagen. Auf dem Gipfel einer der Anhöhen stand das einzige Haus, eine kleine, aber in meilen» weitem Umkreise sichtbare schneeweiße Marabu-Kapelle. Die ganze Gegend lag sehr hoch, etwa dreitausend Fuß über dem Meere. Man empfing sie mit derselben Gastfreundschaft, die ihnen überall zuteil geworden, und ein ganzes Zelt wurde ihnen zur Verfügung gestellt. Sultana imponierte es nicht weniger als Nur, zu sehen, in welch weitein Umkreise Ab- dallahs Einfluß sich geltend machte. Des Abends waren alle Männer um Abdallah ver- sammelt, während Sultana ihrerseits ihrer reichen Tracht wegen den Gegenstand der weiblichen Bewunderung und Ehrfurcht bildete. Die jüngsten der Beduinerinnen brachte schon der bloße Anblick ihrer zebrastreifig bemalten Hände außer Fassung. Das wirkte allerdings ganz anders kokett und verführerisch als ihre eigene vulgäre Hennafärbung. Sultana forschte sie geschickt aus, um dem Zwecke dieser sonderbaren Reise auf den Grund zu kommen. Sie zeigten sich sehr erbost von dem Vorgehen der Franzosen , die die großen Wälder ohne weiteres als Staats- domäne erklärt und den Beduinen verboten hatten, ihre Schafe und Ziegen darin weiden zu lassen, wie es seit Arilds Zeiten ihr Recht gewesen war, und planten nichts Geringeres, als den ganzen Wald niederzubrennen, wenn die trockene Sommerszeit käme. Denn was hatten sie wohl davon, einen Wald zum Vorteile ihrer Feinde zu hegen? War erst nieder- gebrannt, würde er sich von selbst in üppige Weiden ver- wandeln. Abdallah bläst ins Feuer! dachte Sultana. Dies ist also der Zweck unserer Reise! Den nächsten Vormittag veranstalteten die jungen Leute zu Ebren der Gäste eine Phantasia. Mit Abdallahs Bewilligung ging Sultana unvcrschleiert umher wie die Beduinerinnen, um nicht hochmütig zu er- scheinen. Sie löste ihnen mit immer neuen indirekten Fragen die Zunge und zapfte ihnen ihr bißchen rascherschöpstes Wissen ab. So kam es endlich an den Tag, daß der Stolz des Stammes Sidi Sadok sei. Sidi Sadok war wie Abdallah Marabu und wohnte oben in der weißer» Zäuia auf dem Hügel. Er übte Wunder. Im Regenwetter wurde er nicht naß wie andere Sünder. Ueberdies beschützte er die ganze Gegend vor Unheil und heilte Krankheiten bei Mensch und Vieh. Die größte Gabe aber, die Allah ihm geschenkt, war die, kinderlose Frauen fruchtbar zu machen. Sultana fragte nicht weiter. Sie verstummte plötzlich und begriff, welchem Zweck die Reise galt. Bei Sonnenuntergang sah Sultana die Viehherden zum Melken heimwärts treiben. Sie beneidete die Beduinerinnen. Wie gerne hätte sie ein wenig Ungemach und Mißhandlung ertragen wollen, wenn sie mit ihnen tauschen und ihr freies wildes Hirten- leben draußen unter dem großen guten Himmel hätte leben dürfen I Man ging ungewöhnlich früh zur Ruhe. Nur die Wachthunde kläfften. Die ganze Duar schien zu schlafen. Sultana lag wach, tat aber, als schliefe sie. Gegen Mitternacht kam ein Beduine in das Zelt und weckte Abdallah. Er hieß Sultana aufstehen. Sie wollten zur Zäuia gehen. Sie Sadok würde sie segnen und ihren Schoß öffnen. Vor dem Zelte stand der Beduine mit einem bänder- geschmückten Riesenwidder. Die Fenster der Zäuia waren erhellt. Sie nahmen den Weg dahin, stumm wie Diebe und nächtliche Wegelagerer. Alle Hunde des Duars heulten wie Schakale. Tie Nacht war schön, voll funkelnder Sterne, aber bitter kalt.