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Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 115.

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Sultana.

Dienstag, den 18. Suni.

Nachdruck verboten.)

Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Abends kochte Mabrufa einen Mohnkopf. Das Waffer mit seinem Inhalt an Opium wurde dem Kinde eingeflößt, wie es die arabische Kinderpflege erfordert, und dann hatte das Haus Frieden bis zum nächsten Morgen, wo der Kleine aus seinem Rausche erwachte und wie besessen weiterschrie. Am vierten Lage stand Sultana auf, ein wenig schwindlig und sehr müde.

Und das Kind? Nachdem es fünf Tage bei seiner Amme geschrien und fünf Nächte in einem tiefen narkotischen Schlafe gelegen hatte, wollte es der Himmel, daß es nicht mehr zu dem fechsten Schreitage erwachte, sondern seinen Rausch im Paradies der Unschuldigen weiterschlief.­

Als Abdallah fah, daß der Lebensfunke unwiderruflich erloschen war, begann er zu heulen wie ein Wolf. Nicht daß er mit dem Herzen trauerte, aber er fühlte sich von Ver­zweiflung und Wut übermannt wie einer, der auf dem Ufer steht und feine Schiffe verbrennen sieht.

Sultana war die nächste, über die fein Zorn sich ergoß, Wieder hast Du den Fluch über mein Haus herab­befchworen! Aber diesmal sollst Du wahrhaftig fort von hier! Ich verstoße Dich!"

Dieser Ausbruch fam so unvermutet über die noch schwache Sultana, daß fie faum Zeit fand zu denken. Die Worte fengten ihr Antlik wie eine Flamme und sie brauste auf:

,, Verstoße mich nur, roher Bauernknecht! In Tunis harrt meiner ein vornehmer Mann! Ich reise zu Marcel Barrière."

Abdallah stußte eine Sefunde, aber der Gedanke war zu barod, als daß er ihm Glauben schenken fonnte.

Verheirate Dich mit einem Heiden, einem Hund oder einem Gjel mit wem oder was Du willst! Du bist für mich wie ein totes Ding!"

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Aber gleich darauf bereute Sultana das Gefagte.- Die Frauen kamen, um die kleine Kindesleiche zu waschen, und die wilde Totenklage begann.

Sultana und Mabrufa stimmte mit all den Weibern ein, die zur Besichtigung der Leiche gekommen waren. Sie rissen sich ganze Haarbüschel aus und kratten ihr Gesicht blutig, so daß die Tränen blutuntermischt über die Wangen

rannen.

Nachdem man soviel geweint hatte, wie der Brauch es vorschrieb, nähte man die Leiche in ein Tuch ein und legte fie auf eine Halfamatte in den Schatten der mitten im Hofe stehenden hohen Palme. Keine Blumen milderten das Grauen des Todes.

Die vier Alten aus der Zäuia begannen feierlich das Totengebet zu lesen, die ganze lange Sure des Korans, die mit den mystischen Buchstaben. S." bezeichnet ist.

Sie fingen und singen, während der ganze Hof und die angrenzenden Gemächer fich allmählich mit teilnehmenden Freunden füllen und die Frauen sich zurückziehen.

Sollte der Baumeister der Himmel und der Erde nicht Menschen bilden fönnen gleich Euch? Er fannt es. Er ist der erleuchtete Schöpfer.

So groß ist seine Macht, daß seine Stimme Wesen er­stehen läßt aus dem Nichts.

Gepriesen sei er, der die Zügel des Alls in feinen Händen hält! Alle Sterblichen werden aufs neue vor ihm erstehen."

So schließen sie das Totengebet.

Abdallah felbst stimmte die Borda an, den Gesang für die Toten, und seine Freunde und Brüder fallen im Chor ein, Nun kommt die Bahre, auf welche die mit dem roten Trauertuch bedeckte Reiche gelegt wird.

Vier Kadrias heben die Bahre auf ihre Schultern, und ihnen schließt sich das ganze große Gefolge an, das im Hause feinen Blab gefunden und auf der Gasse gewarter hat.

Keine Glocken läuten. Kein Imam spricht, und man geht nicht zur Moschee, die von feiner Leiche verunreinigt werden darf.

1912

Vor der Bahre geht eine Schar blinder Bettler. Thre leeren Augenhöhlen wenden sich dem gefegneten Himmelslicht zu, und sie singen ohne Unterlaß hunderte von Malen die einzige felbe fleine Strophe: Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet!

Tote sein Glaubensbekenntnis nicht vergesse, wenn er, was Sie fingen es bis zum letzten Augenblick, damit der binnen kurzem geschieht, den Besuch der Engel des Gerichts empfängt.

Auf dem Friedhof vor den Mauern, zwifchen unanſehn­Bahre und betet mit gen Mekka gewandtem Antlitz das letzte lichen, getünchten Gräbern, schließt man einen Streis um die Gebet für den Toten, der nun der Erde übergeben wird.

Das Gefolge beginnt sich aufzulösen. Nur die Kadrias bleiben zurück. Sie haben die großen Rosenkränze um die Handgelenke geschlungen und beten ihre Fatahat wieder und wieder, bis jede der neunundneunzig Perlen durch ihre Finger gelaufen ist.

Als letzter von allen geht Abdallah selbst.

didatt Es ist, als könnte er sich nicht von dieser Erde losreißen, in der er heute all seine stolzen Zukunftsträume begraben zu haben glaubt. 27.

27.

An demselben Abend, als die Sonne sank und der Voll­mond emporstieg, nahm Abdallah wiederum den Weg zum Grabe seines kleinen Neugeborenen.

Er warf sich neben dem kahlen Grabe auf das Antlik und betete; denn in dieser Nacht geschah es ja, daß die Engel des Gerichts herniederstiegen und den Kleinen verhörten. Er wollte dem Kinde in diesen fürchterlichen Stunden nahe fein und Allahs Gnade anrufen, damit nicht der Fluch, der über des Kindes Haupt ruhte, ihm in das kommende Leben folgte.

Die ganze Nacht lag er im Gebet zwischen den Gräbern. Seine Lippen murmelten die langen Sures, die er aus­wendig konnte, feine Gedanken aber gingen weite Wege. Was würde die Zukunft bringen?

Was sollte er mit Sultana tun?

Nun sah er ja, daß der Himmel es ihm nicht erlaubte, ein Kind von ihr zu haben.

Er mußte fich ein üppiges, unverderbtes Weib nehmen von den großen Zelten unter dem freien Himmel, am besten ein Mädchen aus seinem eigenen Hamamastamm.

Dann aber zwang fein Kontrakt ihn, Sultana zuerst zu verstoßen, wie er es ja auch schon im Borne getan hatte.

Ein Wort ist rasch ausgesprochen. Nun wirbelten die Gedanken auf und zeugten bittere Zweifel. Er war mit Knoten gebunden, die sich nicht lösen ließen. Was er auch tat, so war es verkehrt.

Er mußte fich von Sultana trennen- fonnte es aber nicht.

Es gab wohl auch praktische Gründe, die es bedenklich erscheinen ließen, fie fortzuschicken.

Sie war von allen Armen und von allen Frauen geliebt. Ja, mehr als dies. Seit jener Nacht, da das herabstürzende Dach die Kinder verschonte, die sie auf ihr Bett gelegt hatte, wurden die ältesten Turbane feierlich, wenn sie bloß ihren Namen nannten. Man formte niemals sicher sein, ob die abergläubischen Neger nicht eines schönen Tages anfangen würden, sie geradezu als Heilige anzubeten.

Er

Dennoch fürchtete er sie nicht als Nebenbuhlerin. traute es sich immerhin jederzeit zu, ihre Heiligkeit in ein solches Licht zu stellen, daß man sie bloß als Wirkung und Ausstrahlung seiner eigenen betrachtete.

Dagegen würde seine Popularität und sein Ansehen als Marabu selbstredend in ernste Gefahr geraten, wenn er Sul­tana aus Gaffa fortschickte. Namentlich die Armen würden über ihren Verlust murren.

Aber Abdallah hatte auch tiefe persönliche Gründe, seine Gattin bei- fich zu behalten.

Er dachte an ihre Aeußerung über Marcel, die an Wahr­scheinlichkeit gewann, wenn er bedachte, wie oft sie die Frech­heit gehabt, diesen gottlosen Heiden auf Kosten ihres Mannes hervorzuheben.

Das machte ihn eifersüchtig wie den Propheten, der im