Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 121.
Mittwoch, den 26. Jumi.
1912
48]
Sultana.
31.
( Nachdruck verboten.)
Marcels Befürchtungen, selbst in die Untersuchung hineingezogen zu werden eine Vorstellung, die seine auf gescheuchte Phantasie ihm stets aufs neue vor Augen
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Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. führte währen wohl nicht so unbegründet gewesen, wenn die Sache einer anderen Behörde als der arabischen Uzara unterbreitet worden wäre, die mehr als zufrieden war, der Mörderin habhaft geworden zu sein, und sich nicht die Mühe gab, nuglos in Familienskandalen zu wühlen.
Den folgenden Abend wartete Marcel vergebens auf Sultana. Er vermutete, sie sei frank geworden, aber es wunderte ihn, daß sie ihm nicht durch Mabruka Nachricht gefandt hatte.
Nach einer schlaflosen Nacht schickte er Justine am frühen Morgen nach dem Hause, wo Sultana wohnte, um zu hören,
wie es stünde.
Sie kam mit dem Bescheid zurück, daß niemand geöffnet
Habe..
Von einer tiefen Unruhe erfaßt, ging Marcel selbst hin. Niemand antwortete, niemand fam und öffnete, obwohl er ein- ums anderemal den Türhammer dröhnen ließ. Er erklärte es sich so, daß Bleira nicht gewohnt sei, anderen als Nur zu öffnen. Vielleicht war Nur da, und Mabruka und Sultana mußten sich daher versteckt halten. Um sich Sicherheit zu verschaffen, ging er zu Si Hamzas Haus.
Auch hier wurde nicht geöffnet.
Er wußte, daß Hamza selbst nach Mekka gereist war, um sich von der Berührung mit den Franzosen zu reinigen- sowie auch, um sich vor Bembaron und den anderen Gläubigern ein wenig Ruhe zu verschaffen. Aber eine Magd mußte doch da sein, und Djerida war ja nicht mitgereist.
Er erkundigte sich diskret bei den Nachbarn. Sie wußfen, daß Hamza auf Bilgerfahrt sei, meinten aber, Nur und feine Mutter müßten wohl daheim sein.
Marcel kehrte nochmals im Verlauf des Tages zurück und kam den nächsten Tag wieder, aber stets mit demselben Resultat. Nur wußten die Nachbarn jezt zu erzählen, daß Nur und seine Mutter nachts fortgereist seien.
Nun fam ihm eine neue Vermutung. Abdallah war natürlich freigelassen worden und nach Tunis gekommen, und Sultana, die sich nicht in den Schuß ihres Vaters begeben konnte, war mit Nur und Dierida geflüchtet, um AbSallahs Born zu entgehen.
Er telegraphierte sogleich an die Zivilkontrolle in Gafsa und erhielt bestätigt, daß Abdallah aus Mangel an Beweisen freigelassen worden und nach Tunis abgereist sei.
Dies sprach für die Richtigkeit seiner Annahme. An die Behörden wagte er sich nicht zu wenden, um Sie Sache nicht zu stark aufzuwühlen und Sultana und ihrer Familie möglicherweise hierdurch Schwierigkeiten zu bereiten. Dagegen gelang es ihm mit Si Salems Hilfe zwei Fondukken ausfindig zu machen, in welchem Zureisende aus Gafsa zu herbergen pflegten.
In der einen traf er Baied ben Bu- Kris, den er über Abdallah befragte, ohne sich zu erkennen zu geben.
Baied war über diese Frage höchlichst überrascht. Weißt Du denn nicht, daß Abdallah gestern von einer Beduinin namens Mabruka, die Dienerin in seinem Hause war, ermordet wurde?"
Was sagst Du? Weißt Du dies bestimmt?" Es hat ja in den Zeitungen gestanden." sch habe dieser Tage feine Zeitungen gelesen." Ach darum! Sie hat ihn rüdlings überfallen und ihm die Kehle bis an die Wirbelsäule durchschnitten. Jetzt ist Sie im Gefängnis."
,, Das ist ja entseglich! Aber aus welchem Grunde hat fie ihn ermordet?"
,, Es heißt, sie sei stumm wie eine Mauer. Er hat ihr wohl etwas zu Leide getan."
Marcels Nerven ertrugen es nicht, das Gespräch fortzusetzen. Durch und durch erschüttert und frant vor Erregung verließ er die Fondukka.
In welch fürchterliche Sache war er da geraten! Hatte kaum die Kraft, alles durchzudenken.
Er
Eines schien ihm jedoch einleuchtend: daß Sultana und ihre Familie geflüchtet waren, aus Furcht, in die Sache verwickelt zu werden.
Wie die Verhältnisse tatsächlich lagen, konnte leicht ein Verdacht auf Sultana fallen, Mabruka diesen entseglichen Auftrag erteilt zu haben.
Sie war es ja und nicht Mabruka, der Abdallah im ege stand. Sie und Marcel waren die einzigen, die ein Interesse daran hatten, daß Abdallah verschwand.
Marcel selbst konnte sich eines in dieser Richtung gehenden Verdachtes nicht erwehren. Unmöglich war es ja nicht bei Sultanas Wesen, das so reich an Möglichkeiten war und wer weiß welche unheimlichen Abgründe barg, con denen er keine Ahnung hatte.
Auf alle Fälle beschloß er, sich ruhig zu verhalten, bis iemand es für gut befände, ihn aufzusuchen.-
Die Zeit verstrich und nichts geschah. Dieser Frühling war für Marcel eine Hölle. Keine noch so geringe Nachricht lüftete einen Zipfel von dem Mysterium.
Eines Morgens, als Justine ihm den Tee in das Bett brachte, und die Zeitung reichte, sagte fie:
Heute also wird Mabruka gehängt." Er starrte sie halb verständnislos an.
"
,, Es steht hier in der Zeitung. Wenn keiner den Blut. preis für sie bezahlt, wird sie gehängt."
,, Aber ich bezahle den Blutpreis," rief er und sprang aus dem Bette, ohne an Justine zu denken, die sich schleunigst zurückzog.
Die Aussicht, handeln zu können, die Möglichkeit, einen neuen Mord zu verhindern, gab ihm die volle Energie zurück.
Er warf sich in eine Droschke und fuhr, was die Pferde fonnten, hinaus nach Bardo, einem der vor der Stadt liegenden Schlösser des Bey, wo die Exekution stattfinden sollte. Schon lange, ehe sie das Stadttor erreichten, sahen sie die Araber in dichten Schwärmen, dahinwandern, um die Mörderin des Marabu ins Jenseits befördern zu sehen; denn die Todesurteile werden sofort nach ihrer Verkündung vollzogen.
Marcel sprang die von zwei Steinlöwen flankierte Marmortreppe hinan, aber drinnen im Säulenhof standen die Araber in so dichten Haufen, daß es fast unmöglich war, sich durchzudrängen.
Man erzählte ihm, der Bey habe das Todesurteil schon gefällt. Abdallahs Verwandte hatten der Mörderin ihre Milde bewiesen, indem sie ihr das Leben schenken wollten, falls sie bezahlte. Sie wußten nämlich, daß sie dies nicht fonnte. Nun lag sie gefesselt zu Füßen des Bey und flehte ihn um Gnade an. Die Araber lachten in ihren Bart: der Bey konnte ja beim besten Willen den Rechtsgang nicht aufhalten; es war also bloße Unverschämtheit von der Mörderin, ihn zu quälen. Nein die Sache war abgemacht: sie wurde gehängt.
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Ein langer schmaler Korridor mit Bänken an beiden Seiten führte zum Gerichtssaal. Die Leute standen wie eine. Mauer. Es war keine Rede, hindurchzukommen. ,, Raßt mich durch!" rief Marcel auf Arabisch. zahle den Blutpreis!"
Ich be
Es entstand große Bewegung und ein Brausen von Stimmen.
Niemand wünschte ein Weib, das einen heiligen Marabit ermordet hatte, von ihrer ehrlichen Strafe frei ausgehen zu sehen, aber Marcel stand nach seiner Bekehrung in Volksgunst, und unleugbar war es ja ein schöner Zug von ihm, fein Geld herzugeben, um einer zum Tode verurteilten Mohammedanerin das Leben zu retten. Man wich ehrerbietig vor ihm zurück, wiewohl die Aussicht, auf das Schauspiel verzichten zu müssen, um dessentwillen man sich hierher bemüht, eine arge Enttäuschung bedeutete.