paar Monate? Mir fällt ein Stein vom Herzen. Bis dahin ist der Krieg aus, und der arme Junge kann nicht mitkommen." Fontanara eilte die Treppen hinan. Die schlecht verhehlte Freude des Wirtes über den Unglücksfall verdroh ihn. An und für steh bewies sie ja nicht das geringste, aber Fontanara konnte sich nicht eines Gefühls von Unlust und Ekel erwehren. Glück- tieherweise hatte man die Presse. Da herrschte Einigkeit, da klang der Enthusiasmus volltönig aus den verschiedenen Lagern. Bei den Telegrammen über die ersten Erfolge auf dem Kriegs- fehauplatz brach er in einen Jubelruf aus. Und alle die Tausende, die wie er unschlüssig, unsicher und ohne Halt gewesen, antworteten auf die gleiche Weise. Der Erfolg sanktionierte die zweifelhafte Handlung. Grübeln, Suchen und Mißmut hatten ein Ende. Ununterbroehen liefen die guten Nachrichten ein. Die Türken retiricrten in größter Hast, die Araber gingen massenweise zu den Angreifenden über. Der Erfolg war gesichert. Wie sollte übrigens auch etwas anderes möglich sein? Die impulsive Kraftentwicke- lung einer stolzen, kriegerischen Nation mußte unerbittlich den Widerstand der wenigen Truppen brechen, die der Feind zu seiner Verfügung hatte. In dem kleinen Zimmer klang sein schallendes „Evvival" wie eine Herausforderung. Die Fensterscheiben klirrten, und die Zeitungen mit den offiziellen Siegcsbulletins bebten in feiner Hand. tLortsetzung folgt.); franz fjcld: Husgewäblte Merke. Der Dichter-Jahrgang 18ö2 hat verdient, was ihm heuer, nach fünfzig Jahren, zuteil wurde. Man hob ihn als literarhistorisch bemerkenswert hervor und widmete seinen Sprossen besondere Be- achtung. Aber wenn die Reihe der Namen von großem und kleinem Gewicht hergezählt wurde, blieb einer ungenannt, der doch nicht fehlen darf, wenn von der jungen Dichtergeneration der achtziger und neunziger Jahre gesprochen wird. Da sorgt nun ein Buch, das Ernst Kreowski zusammengestellt und bevorwortet hat. daß der eine Vergessene in diesem Jahre, das sein fünfzigstes gewefen wäre, dennoch neben den Schnitzler, Hauptmann, Conradi zu seinem Rechte kommt. Denn der Düsseldorfer Franz Held hat historische Rechte. Zum mindesten solche. Die Auslese aus seinen lyrischen, epischen, drama- tischen Dichtungen, die Kreowski aus zehn gedruckten Bänden und viel handschriftlichem Nachlaß in 300 Seiten zusammendrängte (Eberhard Frowein Verlag, Berlin ), entsprang also einer Not- wendigkeit. Franz Held ist einer von denen, die als ein unvollendet Lied ins Grab sanken. Mehr Jahre waren ihm gegönnt als den Paul Fritsche, Hermann Conradi . JuliuS Brand, aber die Literaturgeschichte wird ihn mit diesen zusammen nennen müssen. Sein Leben brach ab, ehe noch sein Dichten über die Stufe der Gärung hinaus war, und das Schicksal traf ihn mit grausamer Härte. Vor vier Jahren erst verfiel sein Leib dem einäschernden Feuer, aber ein Toter war er schon vor einem Jahrzehnt. Erloschenen Geistes brauchte er noch einen Weg von Jahren bis zum letzten Atemzuge. ES ist schwer, die literarische Jugend der achtziger Jahre mit kurzen schlagendem Wort abzustempeln. Sie wollte loS vom Ueber- kommenen. Das trifft wohl auf alle zu, und band sie auch ein paar Jahre eng aneineinander. Sie setzten jungen lodernden Willen ein und schwelgten in den Wonnen rücksichtsloser Drauf- gängerkraft. Aber das Ueberkommene, das sie abschütteln und niedertreten wollten, war keineswegs in allen Fällen dasselbe, und so gingen auch die Ziele auseinander. In den ersten Jahren der Literaturrevolution sind Programme der Bewegung aufgesetzt worden, aber einen Zusammenschluß nach ihren Direktiven hat's na- türlich nicht gegeben. Um so farbiger belebt stellt das Bild der Bewegung sich dar. Der Naturalismus war wohl ihr wichtigstes, aber er war keineswegs das Ganze. Franz Held gehörte durchaus zu den radikalen Stürmern, aber er war kein Naturalist. Er wars nicht, obgleich es ihn zum revolutionären Proletariat trieb. Er hielt sich in den Grenzen des dichterischen Realismus, der dem Naturalismus in langsamer Bildung voraufging und an dem die Spuren der Ablösung von romantischen Strömungen fast in der Regel deutlich genug hasteten. Franz Held gehörte zu den Dichtern, die sich mühten, die Schläuche ererbter dichterischer Formen mit dem Weine glutvollen, stark empfundenen eigenen Lebens zu füllen. Da erwies er sich als eine ungeberdige Jchperfönlichkeit, als einer vom Schlage derer, die unter dem Einfluß der französischen Romantik von 1830 zur Zeit deS jungen Deutschlands diesseits des Rheines wuchsen; auf der Grenze von Alt und Neu, in kraft- genialischem Wesen, Leute wie Grabbe, Griepenbart. Büchner. In ihrer Art, die schon an Modernes heranstreift, war auch Franz Held typischer Sturm und Drang . Und er ist nichts anderes als das gewesen. In dieser Verbindung ist eine Mitteilung Kreowskis interessant: Heids Vater, ein unverdrossener Wahrheitssucher, liebte inbrünstig das aufklärerische Schrifttum der enzyklopädistisch-philo- sophischen Wegbereiter zur großen französischen Revolution, und seine Mutter hat die idealistische Auflehnung des Jünglings gegen den platten Geldmaterialismus der Zeit tatkräftig verteidigt und dadurch gefördert. In HeldS dichterische Anfänge fällt ein stürmisches Strafgedicht wider die Heimatstadt Düsseldorf . Und in Heids ganzes Dichten. gräbt der Drang. Abrechnung zu halten mit der öden Gegenwart. tiefe Spuren ein. Eine schiver ringende Natur ist dieser Dichter. Wider eine Welt von widrigen Mächten setzt er kühn die einzelne eigene Persönlichkeit. Das braucht gigantische Kraft, und es ist kein Zufall, daß ihm das Vollbewußtsein zureichender Gegen» gewalt dort am herrlichsten aufglühte, wo die Natur sich in kolossalsten Formen offenbart: in der alpinen Welt.„Groß-Natur" schrieb er auf eins seiner Lyrikbücher. Oder auch in der gärenden unheimlich» mächtigen Großstadt, die das Sinnenleben aufpeitschend entfesselt und im Zerstören so groß ist wie im Kraftschaffen. An dieser brodelnden Neuwelt erprobten die Dichter des jüngsten Deutschlands ihre Lebenskräfte. Helds Dichtungen sind bis zum Ueberlaufen voll von den Stimmungen seiner Jahre. DaS gibt ihnen nicht geringen historischen Wert. Man muß sie neben Hermann Conradi's Werken lesen. Viel Verwandschaft des Wollens und leidenschaftlichen Auf- begehrens ist zwischen beiden. Helds Erstling von 1887.Gorgonen» Häupter" ist ein bezeichnendes Jugendbuch der Zeit. Grandios sihäumt es darin auf, unerschrocken bis zur Wildheit in Stoffwahl und Stoffügung, alles voll Trotz, Protest, Hohn in entzügeltem Ge« nießerdrang. Das Buch ist so recht eins von denen, die da» mals fehdefroh der idealistisch matten und prüden und unwahren Philisterwelt ins Angesicht geschleudert wurden. Und eS gibt die Grundlinien der Heldichen Physiognomie. Der Dichter gab, was er war. Als er das Gymnasium verließ, gab ihm die Prüfungskommission den Rat, er solle sich„um Ruhe und Besonnen» heit in seinem ganzen Tun recht sorgfältig bemühen". Aber er war nicht die Natur, die ihrem individuellen Freiheitsdrang daS Recht auf Freiheit bestreiten konnte. Mit wilder Freude nannte er nach Jahren einmal in zornigem Protest seine Gedichte»wider» borstig-zügcllos". Und tiefer deutet er sein Dichten in den Versen aus einer Mondnacht: Der Glühwurm sucht, Der Mondwisch verweht— Einem großen Sterne Nachwandl' ich stät. O herrlich Wandeln In Abendverklärung, Wenn du empfindest Des Lebens Gewährung, Wenns dich durchströmt, Daß du tust, was du mußt, Daß du Wildblüten treibst. Halb unbewußt. An den äußersten Grenzen sinnlicher Erregung, physisch entrückt. find Heids Gedichte empfangen, in einer Sphäre, die himmelhoch über das Alltägliche emporreicht und die ihm gehört aus der Kraft seines heißen, begehrenden, lebenverklammerten Blutes. Oft aus träger AlltogSstarrheit Wird die Welt mir jäh ein Rauschen: Meine unterirdischen Quellen Schwellen mich von droben her. Sein Erdbewußtsein— dies Wort braucht Kreowski~ dringt ungestüm tief und weit und lebt sich dichterisch in ursprünglich neuem Schauen aus. Er hat die erfrischende, überraschende, neubildnerische Sprache, die auf intensives Erleben weist und damals als dichterische Tat galt. In dieser Hinficht überholte er mit kühner Mächtigkeit die Dichtung, von der die junge Generation loS wollte. Und so nun ließ er, alle Fesseln hassend, die Erd» gebundenheit des Raturalismus abjeitS. Seine Forderung ging aus souveräne Freiheit der Phantasie aus, die mit dem Baustoff der Wirklichkeit selbstschöpferisch schalten darf, um daS Leben bedeutungS» voller darzustellen und aufzuschließen. Um eine neue befreite Lebenöanschauung rang er. Dies Ziel wirkt auch in der siedenden Erotik, von der seine Jugend gepackt ist. »SS gibt eine Sinnlichkeit, welche von der Kunst unzertrennbar ist.... Aus der Flamme der ungezügeltsten Sinnenlust erhebt der Schmerz sein Gorgonenhaupt und schüttelt die Schlangenhaare der Reue". Da« meisterlich fteirhythmische Gedicht vom Tannhäuser ist durchwühlt von diesem Schmerz. Anbetend trat Tannhäuser dem Weibe ent- gegen, schwerste Enttäuschung heimste er ein, und nun will er Wollust in Scham lösen. Einmal schreibt Held das Wort von dem„Strom des Wehs, der durch alle Schöpfung geht und in dem flüchtigen Tand der Freude das Bleibende ist: das Große". Er zuckt in bryonistischen Qualen. Aber er kämpft sich darüber hinaus. Mit der erlösenden Kraft deS obersten Gebots: nur dem eigenen, natur- gegebenen Wunsche zu gehorchen. Durch Wundenbluten aufwärts zur Lebensgläubigkeit I Ueber alle matte Wehmut, daß die Gerechtig» keit nie kommen, Satan nie gekettet in den Abgrund versinken werde, steigt höchstes Vertrauen: Wie arm und öd unser Leben auch sei, Laß es uns unermüdlich bestreuen Mit der Saat unsreS redlichen Strebens. Mit Sonnenscheine der Lieb' eS durchwärmen, Und Wurzel fassen Wird endlich ein Korn selbst im Fels. Man muß dies sonnige Wort hören und zugleich daS Bild de« trotzstarken Kämpfers gegenwärtig halten, in dem alles auf
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29 (3.8.1912) 149
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