Mike? Scher Dich zum Teufel, wenn ich hier bin, brauche ich Dich nicht mehr." Mike erhob sich und schritt langsam nach der Tür. „Mike, schließ erst die Tür und die Fenster," rief ihm Morgner etwas milder zu.„Wir gehen gleich zum Souper, Mr. Helmbrecht," wandte er sich im freundlichen Tone an seinen neuen Gehilfen. Robert mutzte lachen. In wenigen Minuten hatte dieser Mann jäh die Stimmung gewechselt, das konnte ja gut werden. Binz der- abschiedete sich und Mike schloß die Läden. Morgner ginH mit Robert einen Block herunter und trat in ein Speisehaus. „Guten Abend, Fred," rief ihm der Wirt entgegen. Die Kellner wie auch die anwesenden Gäste begrüßten ihn; die ganze Stadt schien ihn zu kennen/ Nach dem Essen erläuterte Morgner sein Geschäft. Er hatte vor Jahren eine kleine Lithographie eingerichtet. Sein guter Freund zeichnete, Morgner hielt den Laden und ging nach Kundschaft aus. Der Freund hatte ihn aber betrogen und bestohlen, und nun mußte er sich einen Gehilfen zulegen— um die Kundschaft zu erhalten. „Haben Sie soviel zu tun, daß Sie einen Gehilsen brauchen?" fragte Robert. „Herrgott noch mal," brauste Morgner auf,„ich bin ja gar kein Lithograph, ich kann kein Wort zeichnen. Ich mache nur die Außen- geschäfte. Verstehen Sie mich?" Sein Zorn war schnell verraucht und ging in ein dröhnendes Lachen über. „Sie haben gutes Arbeiten bei mir, sind Ihr eigener Herr. Ich bin ein bißchen sonderlich aber Sie gefallen mir, ich denke, wir werden uns gut vertragen." „Wo soll ich eigentlich arbeiten," fragte Robert,„da oben in Ihrem Laden?" „Hinter dem Laden beginnt das Atelier," sagte Morgner mit wichtiger Miene.„Wie lange sind Sie denn schon in Amerika ?" fragte er plötzliH» durch die Fragen Roberts stutzig geworden. „Zwei Jahre." antwortete Robert. „Ach so. Dann kommt Ihnen noch manches komisch vor hier- zulande. Aber Sie werden sich bald an die wüsten Sachen gewöhnen. Zumal hier im Süden müssen Sie manchmal ein Auge zudrücken. Ist doch eine ganz andere Sache als im lieben Deutschland . Vor zehn Jahren war hier nichts als Wald, und jetzt haben wir eine Stadt von 4000 Einwohnern. Nach zehn Jahren haben wir vielleicht die zwanzigfache Einwohnerzahl. Unser junger Staat hat Aus- ficht, starke Einwanderung von Osten und Norden zu erhalten, die Ansiedelungen und Ortschaften wachsen wie Pilze aus der Erde." Spät trennten sie sich. Im„Hotel ", einem Holzhause, fand Robert recht bunte Gesellschaft. Das Bett war groß und breit, aber weni(J sauber. Di« Dielen wurden allem Anschein nach nie oder nur zährlich gefegt. An den Wänden hing die verrußte Tapete stellenweise herab. Er teilte sein Schlafzimmer mit zwei älteren Männern. Der eine schnarchte bald lustig darauf los, als er ein- geschlafen war. Ter andere fing an zu husten, trocken und rasselnd; olle S bis 10 Minuten ein Anfall. sZortsetzung folgt. Zur CHirtrchaftöcfcrdncbtc der Runrt Von Dr. Wilhelm Hausen st ein 'Die Wirtschaftsgeschichte der Kunst ist ein Gebiet, das einer spstematischen Bearbeitung noch harrt. Bis jetzt bestehen nur An- sätze zu einer Erforschung der wirtschaftlichen Grundlagen der bil- denden Kunst in Vergangenheit und Gegenwort. Es sollen im Folgenden einige Stichproben des Problems gegeben werden, die kurz andeuten, um was es sich in der Wirtschaftsgeschichte der bildenden Kunst etwa handelt. Bereits im Mittelalter bestehen Zeitlohn und Stücklohn— der meist in der speziellen Form des Akkordlohns erscheint— nebeneinander. Die Hauptform ist anfänglich der Zeitlohn. Der alt- niederländische Maler Melchior Broederlam , der am Ende d«S 14. Jahrhunderts in Fpern lebte, ist in einem Dokument aus dem Jahre 1385 mit einem Jahressold aufgeführt, den er als „Maler und Kammerdiener des Herzogs von Burgund' empfing. Neben diesem Zeitlohn, für den sich Broederlam immer bereit halten mußte, die künstlerischen Wünsche des Herzogs zu befriedi- gen, empfing er zuweilen noch einen speziellen Stücklohn für außer- ordentliche Leistungen. So erhielt er im Januar 1380 für die Be- malung des Wagens der Herzogin 00 Livres und im Februar 1380 für die Bemalung zweier seidener Standarten mit dem Wappen und dem Leibspruch des Herzogs in Gold und Oelfarben 82 Livres. Bei Stücklohn(Akkordlohn) kam es oft vor, daß ein Künstler bis zur termingerechten Fertigstellung ein wertvolles Pfand einsetzen mutzte. Ein Bertrag des burgundischen Herzogs Philipp des Kühnen mit Broederlam von 1394 besagt zum Beispiel: Broedcr- lam hatte zwei Altarschreine mit Bildern aus der heiligen Gc- schichte zu bemalen, die Farben, speziell auch das Gold für die Goldgründe, und alles Material zu liefern und dafür einen be- stimmten Stücklohn zu beanspruchen; bis zur Vollendung mußte er sein ganzes Hab und Gut als Psond lassen. Dieser Vertrag hatte einen ausbeuterischen Marakter auch für die Zeit, in der er gemacht wurde. Die Pfandforderung soweit zu treiben, war auch damals ungewöhnlich. Ungewöhnlich und aus- beuterisch war gerade für damals die Bestimmung, daß Broederlam das Gold selber zu stellen hatte; denn die teuersten Farben, nämlich Gold und Ultramarin, waren im Mittelalter in der Regel vom Besteller zu beschaffen oder wurden zum mindesten regelmäßig außerhalb des Haupthonorars eigens vom Besteller bezahlt. Eine dritte Form der Entgelte war im Mittelalter die Schenkung. Philipp der Kühne schenkte dem Maler Broederlam beispielsweise einmal 00 Livres zur Erneuerung des Hauses des Malers:„in Ansehung der guten und angenehmen Dienste", die Broederlam dem Herzog geleistet hatte. Diese Art des Entgeltes entspricht dem wirtschaftlichen Charakter des Mittelalters be- sonders gut. In der modernen Entwickelung setzte sich der Grund- satz der speziellen Bezahlung der einzelnen Leistung oder eines zeitlich verbundenen Zusammenhangs von Leistungen als alleiniges Prinzip wirtschaftlichen Entgeltes durch. Das Mittelalter kannte in großem Umfang das feudale Prinzip der Schenkung, die nicht Lohn für eine bestimmte Leistung, sondern nur ein Mittel ist, den Empfänger in der Art feudaler Ausbeutung allgemein zu pflichten. Auf dem Gebiet der Wirtschaftsgeschichte der Kunst kommt freilich diese Methode heute noch oft genug vor.' Auch eine andere, heute noch bestehende Methode feudaler Ent- lohnung wurde im Mittelalter begründet: das ist die naturalwirt» schaftliche Teilentlohnung durch Aufnahme des Künstlers in die Hausgemeinschaft des Auftraggebers. Diese Aufnahme hatte ver» schiedenc Formen. Wir finden Beispiele einer primitiv kommunisti- schen Beteiligung der Künstler an Hausgemeinde»/ Hier ist der Bericht eines mittelalterlichen Kirchenhiswrikers, des Ordericus Vitalis , über einen geistlichen Neubau zu Ponthieu in Frankreich interessant. Der Bauherr, ein Klostervorsteher Benedictus von Ponthieu, lud Künstler an den Bauort ein:„Dorthin strömte auS aller Welt eine Menge von Gläubigen, Pfaffen und Laien, und der genannte Vater(Benedictus) empfing alle mit geistlichem Kuß und schrieb den einzelnen vor, die ehrlichen Künste, die sie gelernt hatten, im Kloster auszuüben. Da kamen Zimmerlcute, Tischler.' Schmiede, Bildhauer, Goldarbeiter, Maler und Maurer, Winzer und Bauern und kunstreiche Leute genug, die in allen möglichen Berufen sehr erfahren waren. Sie verrichteten mit Fleiß, was der Befehl des Oberen von ihnen verlangte. Und alles, was sie ver- dienten, trugen sie zusammen und verzehrten es gemeinsam." Es handelt sich da offenkundig um eine kommunistische Organi- sation kunstschaffender Lohnwerker, die im Zeichen des Katholizis- mus mönchisch zusammentraten. Derartige Möglichkeiten wutzel- ten in der mittelalterlichen Wirtschafts- und Geisteskultur über- Haupt und speziell in dem Wesen mittelalterlicher Kunst. Die mittelalterlichen Künstler machten nicht wie viele moderne den feierlichen Anspruch, Kulturaristokraten zu heißen. Der mittel- alterliche Künstler war durchaus Handwerker und empfand als Handwerker. Die Bildhauer, die uns die wunderbaren Statuen der gotischen Kathedralen hinterlassen haben, waren einfache Stein- metzen. In den�Werkverträgen heißen sie(lateinisch) einfach „operarii": das bedeutet„Arbeiter". Einer der besten Kenner der mittelalterlichen Kunst. Wilhelm Böge, schreibt: „Die Bildhauer hoben sich auch als Klasse nicht aus der Reihe der Steinmetzen heraus.... Sie sind vielfach zu einfachen Stein- metzenarbeiten mitverwendet worden.... Im Jahre 1384 ar- beitete am Lettner der Kathedrale von Trohes vorübergehend ein gewisser(Bildhauer) Konrad von Straßburg: er war im Lohn vollkommen den gewöhnlichen Maurern gleichgestellt und verdiente nicht einen Heller mehr wie sie...." Die wirtschaftsgeschichtliche Natur der mittelalterlichen Kunst war also sehr demokratisch: demokratisch im Sinne des einfachen Lohnwcrkertums. DieS sind die beiden Pole der Wirtschaftsgeschichte Mittelalter» lichcr Kunst: der Künstler erscheint in einem Fall als Mitglied demokratischer Lohnwerkergruppen, im anderen als dienender Hausvcrwandter eines Fürsten. Dies entspricht vollkommen der sozialökonomischen Natur des Mittelalters: bürgerlich-demokratische Genossenschaften auf der einen Seite, fürstlicher Absolutismus auf der anderen Seite waren die am meisten hervorstechenden sozial» ökonomischen Erscheinungen des Mittelalters. Hier noch ein Beispiel fürstlicher Kunstpolitik. Im Haag lebte zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts ein fürstlicher Abenteurer. Johann von Bayern. Ihm erschien wie allen klügeren Fürsten jener Zeit die Begünstigung der Kunst als ein Machtmittel des Absolutismus. So nahm er den berühmtesten nordischen Maler jener Zeit, Jan van Eyck , als Hausverwandten in seine Dienste. Mitten unter Rittern, Kämmerlingen, Pagen, Spielleuten, Dienern erscheint in einem Dokument auch der Maler Jan van Eyck als „mhns genadichs Heeren scilder"(„meines gnädigen Herren Maler"). Zwei Jahre lang empfing er täglichen Sold und sicher auch Naturalverpflegung. Nach den Rechnungen eines gewissen Heinrich Noothaft, der Schatzmeister Johanns von Bayern war. � empfing„Jan der Maler" für sich und seinen Diener Ende 1422 | zum Anschlag von„10 Löwen" für den Tag für neun Wochen und drei Tage die Summe von„5 Livres 10 Sous de gros"(5 LivrcS und 10 große Sous). Um 1425 trat Jan in das Gefolge Philipps des„Guten", Her- zogs von Burgund . Die Bestallung berechtigte den Maler zu einem Jahresgehalt von 100 LivreS. Außerdem waren dem Mal«
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29 (22.8.1912) 162
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