Nnterhallungsblatt des vorwärts Nr. 191. Mittwoch� den 2. Oktober. 1912 llSiaadrua vervoken.1 301 PeUe der Eroberer. Von M. SfndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann . Im Anfang gerieten Pe häufig aneinander, aber Pelle lernte bald, auszuweichen. Peter, der fönst so gut und fügsam war, schlug einen heftig-gequälten» Ton an, sobald die Rede auf die sozialen Zustände kam: es war gleichsam, als-sei feine Geduld erschöpft. Obwohl er sehr ordentlich verdiente, ging er schlecht gekleidet und sah so aus, als bekomme er nicht genug zu essen. Das Frühstück, das er in der Werkstatt in der Gesellschaft der anderen einnahm, bestand in der Regel aus Brot mit Margarine darauf, seinen Durst löschte er am Wasser- bah«. Die erste Zeit stichelten die anderen auf seine Ge- fangenenkost: aber er gewöhnte sie bald daran, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, es war nicht gut Kir- schen essen mit ihm. Einen Teil seines Verdienstes brauchte er zur Agitation. Die Kameraden erzählten auch, daß er mit einem buckeligen Frauenzimmer und ihrer Mutter zusammen- lebte. Er selbst machte keinen Menschen mit seinen Angelegen- heiten vertraut, sondern wurde immer verschlossener. Pelle wußte, daß er in einer der Hintergassen in Westerbrücke wohnte, hatte aber nicht einmal seine Adresse. Wenn er stumm über der Arbeit stand, war sein Ausdruck immer finster, zuweilen entsetzlich traurig; es war, als arbeite das Weh beständig in ihm. Die Polizei verfolgte ihn fortwährend mit ihren Schikanen. Pelle hatte wiederholt einen Wink bekommen, ihn nicht zu beschäftigen, wies aber ganz bestimmt jede Ein- Mischung in seine Angelegenheiten zurück; dann kam man ganz willkürlich auf den Eiirsall, daß sich Peter Drejer jede Woche zur Kontrolle melden solle. Das tue ich nie im Leben," sagte er,das Ganze ist un- gesetzmäßig. Ich bin nur für politische Vergehen bestraft. Nun habe ich mich ängstlich gehütet, daß sie mir nicht wegen eines Formfehlers beikommen können, und nun wollen sie diesen Triumph haben. Nie im Leben!" Er sprach gedämpft und beherrscht, aber seine Hände zitterten. Pelle versuchte, ihn bei seinem selbstlosen Herzen zu fassen: Dann tue es meinethalben," sagte er,sonst stecken sie Dich ein, und Du weißt, daß ich Dich nicht entbehren kann." Würdest Du denn zur Kontrolle gehen, wenn Du eine Vorladung bekämst?" fragte er dann. Ja, es schadet keinem Menschen', wenn er sich der bru- talen Uebermacht beugt." Dann ging er. Aber es kostete ihm eine unendliche Ueberwindung, und an diesem Tag in'der Woche mußte man ihn am liebsten in Ruhe lassen. 12. Mariens Schicksal lag nicht mehr schwer auf Pelle, die Zeit hatte das Bittere verwischt. Er konnte ohne Gewissens- bisse an sein Zusammenleben mit den drei Geschwistern in der Arche denken, und dachte oft daran, wie es den beiden Brüdern wohl ergangen fein mochte. Niemand konnte ihm Aufschlüsse darüber geben. Eines Tages während der Mittagspause radelte er zu Morien hinaus, um ihm eine Bestellung von Ellen zu machen. In Martens Wohnzimmer saß eine zusammengesunkene Ge- stalt, den Rücken dem Fenster zugewandt, und starrte zu Boden. Die Kleider schlotterten ihm um die Glieder, das dünne Haar war farblos: langsam richtete er sein schrecklich Verwüsteies Gesicht er Tür zu. Aber Pelle hatte ihn schon erkannt an der zerstümmelten rechten Hand, die nur den Daumen und «in Glied des Zeigefingers hatte. Er versteckte sie nicht mehr, sondern ließ sie auf dem dünnen Bein ruhen. Nein, guten Tag, Peter!" rief Pelle überrascht und streckte die Hand nach seiner Linken aus. Peter zog die Hand aus der Tasche und reichte sie ihm; es war ein toter, ver- stümmeltcr Klumpen mit ein paar kleinen Vorsprüngen wie Ansätzen zu Knollen, die Pelle zwischen seinen Fingern hielt. Peter sah ihm ins Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen: es blitzte nur ein wenig in seinen Augen auf, als Pelle zusammenzuckte. Zum Teufel auch, warum stallst Du Dich so an?" sagte er trocken.Das könnt' sich doch jeder sagen, daß es auf die Dauer nicht ging, eine Schneidemaschine mit einer Hand zu bedienen. Ich Hab' das genau so gut gewußt wie jeder andere in der Fabrik und wartete jeden Tag darauf, schließlich mußt' ich die Augen zumachen. Verdammt und verflucht, dachte ich, hat das denn nicht bald ein Ende, dachte ich oft, und dann eines schönen Tages war es da!" Pelle durchschauerte es eiskalt.Bekamst Du denn keine Unfallrente?" fragte er, um doch etwas zu sagen. Natürlich bekam ich die! Der ganze Rat war zu Ehren! meiner Wenigkeit versammelt, mir wurden 3000 Kronen zu­erkannt als Vollinvaliden. Na, der Meister hatte ja nichts und hatte versäumt, mich zu versichern, da blieb das denn auf dem Papier. Aber ein großer Fortschritt seit dem letzten» mal ist es denn'doch, nicht wahr, Kamerad! Etwas hat die Partei ja doch ausgerichtet!" Er sah Pelle spöttisch an.Du solltest ein Lebehoch auf die Papierreformen ausbringen." Peter war Bote und eine Art Sekretär in einem revo- lutionären Jugerdverein, er hatte aus eigene Faust lesen gelernt und saß mit anderen jungen Leuten zusammen und studierte die anarchistische Literatur. Die anderen sorgten kameradschaftlich für ihn; ein Wunder war es, daß er nicht zugrunde gegangen war. Er hatte nur noch Haut iiber den nackten Knochen und glich einem verbissenen Fanatiker, der so annähernd von seinem eigenen Feuer verzehrt ist. Mt seinem Verstand war es nie weit her gewesen: aber es gab auch nicht viele Nüsse zu knacken in dem ProWem, das ihm das Leben gestellt hatte. Er haßte mit einer Logik, die ganz ver- nichtend war. Die mächtige Gesellschaftsordnung hatte ein Scheingesetz angenommen: sie haftete nicht einmal für die Verpflichtungen, die sie ihm gegenüber zu haben selbst zu- gestand. Jetzt war er damit fertig und gehörte zu'den Um- stürzlern. Er war bei Morton, um ihn aufzufordern, im Klub vor- zulesen.Nicht, daß wir die Sckwiftsteller anerkennen, das mußt Du Dir nicht einbilden," sagte er mit seinem finsteren Ausdruck.Sie leben von unS anderen und genießen dafür sin sinnloses Ansehen. Nur die körperliche Arbeit verdient geehrt zu werden, all die anderen sind bloß Schmarotzer. Ich will das nur gesagt haben, damit Du nicht mit einer ver- kehrten Einbildung kommst." .Danke bestens," sagte Marten lächelnd.Es ist immer gut, wenn man weiß, wie hoch man veranschlagt wird. Ihr mcknt aber doch, daß Ihr mich gebrauchen könnt?" Ja, Du gehörst ja zu den verhältnismäßig Anständigen unter denen, die sich damit beschäftigen«, die.Kapitalisten zu unterhalten. Aber wir im Klub sind uns darüber einig ge- worden, daß Du kein richtiger Proletarierdichter bist. Du bist zu geleckt. Proletarierdichter hat es noch nie gegeben, und das kann auch einerlei sein, denn man soll keine Unterhaltung aus dem Elend machen. Es kann sein, daß Du das alles bei uns zu wissen bekommst." Ja, es ist gut, ich werde schon kommen," erwiderte Morien. Und wenn Du uns eine Kantate für unser Stiftungs - fest schreiben wolltest es ist der Tag vor dem großen russi- scheu Massaker, will ich schon sehen, daß sie angenommen wird. Aber es darf nicht das gewöhnliche Halleluja sein." Nett, daß ich Dich hier traf," sagte er zu Pelle mit seinem unveränderlich finsteren Ausdruck.Hast Du was von Karl gesehen?" Nein, wo ist er eigentlich?" fragte Pelle eifrig. Der ist jetzt Großbürger, ich glaitbe, er hat ein Geschäft in der Adelstraße. Aber daran wird er nicht lange Freude haben." Warum denn nicht? Steht es nicht gut mit ihm?" Ja, aber eines schönen Tages brennen wir Euch den ganzen Krempel iiber dem Kopf ab, wir sind jetzt bald'ne ganze Masse. Hör' mal. Du könntest mal einen Abend in unserem Verein reden und uns ein bißchen von Deinem Außenithalt im Gefängnis erzählen: ich glaube, das würde interessieren. Wir beschäftigen sonst nie Außenstehende, son- dern reden selbst. Aber Dich einzuführen, würde, glluch' ich, keine großen Schwierigkeiten machen.".