Unlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 214. Sonnabend den 2. November 1912 cNachdni« vecdoieiuj 2] Die Oberwälder. Von Alfred Bock . Da gab es der Hannes auf, der Grollenden den Mund zu öffnen. Als sie aber abends in der Falle lag, steckte er em Fettlicht an und leuchtete untev das Bett. Auf einmal schmetterte es ihm entgegen: „Was suchst du dann da, du alt' Kamel? Du steckst mir, weiß Gott , das Bett noch an!" „Alleweil Hab' ich's," rief der Hannes kreuzfidel. „Was hast du?" „Dein Maul!" Sprach's und blies das Fettlicht aus. Alle lachten aus vollem Halse. Die Frau, das war im Dorf bekannt, hatte einen bitter- bösen Mund. Der Dürrhannes, der am meisten darunter zu leiden hatte, mochte ihn offenbar nicht entbehren. Es schlug acht. Der Peter Margolf und der Walkmüller brachen aus, die übrigen folgten. Als der letzte entfernte sich der Krämerskarl. Er hatte sich an der Unterhaltung nur wenig beteiligt. Ihm, dem Geschäftsmann, in dessen Laden Grundreiche und arme Schlucker verkehrten, war Zurück- Haltung auferlegt. Freilich war die Parteilosigkeit, die er zur Schau trug, nur Maske. In tiefster Seele ward er von einem glühenden Ehrgeiz verzehrt, in der Gemeinde Einfluß und Macht zu gewinnen. So bescheiden seine Verhältnisse waren, überließ er sich den seltsamsten Vorstellungen und fuhr in einer stolzen Kutsche, auf der die Hoffnung als Postillon saß. Ein bewegtes Leben lag hinter ihm. In jungen Jahren war er abgewandert, hatte in Barmen, in Hagen , zuletzt in Dortmund bei einem Kolonialwarenhändler Arbeit gefunden. Mit der Aufsicht über das Lager betraut, hatte er die ver- schiedensten Waren kennen gelernt. Er war auch mit den Herren vom Kontor in Berührung gekommen und spitzte die Öhren, wenn sie von den Spekulationen des Prinzipals er- zählten. Die Wirtshäuser mied er. Abends schloß er sich in seine Kammer ein und ergötzte sich am Anblick seiner Er- sparnisse. Sobald diese eine gewisie Summe erreicht hatten, war er entschlosien, einen Spezereiladen aufzumachen. Er hatte einen förmlichen Schlachtplan entworfen. Er gedachte billig zu verkaufen. Das zog die Kundschaft heran. Ein Kauf- mann, der nichts wagte, konnte auch nichts gewinnen. Daß er einen Pfennig für einen Taler und einen Taler für einen Pfennig ansah, sollte das A und O seiner Handelsschast sein. Nun geschah's, daß ihm ein Mädchen aus Iserlohn , das in Dortmund bei einer vornehmen Herrschaft diente, die Sinne verwirrte. Sie war von einer blühenden Schönheit' und ver- stand es, die Augen spielen zu lasten. In der Furcht, daß sie ihm weggeschnappt werde, rückte er gleich mit einem Heirats- antrag heraus und war im siebenten Himmel, als er ihr Ja- wort erhielt. Bald nach der Hoheit zeigte sich, daß die junge Frau verschwenderisch war. Er gab ihren Gelüsten nach. Sein Kapitälchen schmolz bedenklich zusammen. Endlich raffte er sich auf, las der Jselohnerin die Leviten und kam dabei tief in den Text. Sie kehrte einen wilden Trotz hervor. Eines Tages war sie verschwunden. Niemand wußte, wohin. Er setzte alle Hebel in Bewegung, ihren Aufenthalt zu erkundigen. Vergebens. Da ging er auf die Wanderschaft, immer von der Hoffnung beflügelt, daß er der Flüchtigen Spur entdecke. Nach Jahresfrist war seine Barschaft aufgezehrt. In Siegen brachte er sich als Taglöhner durch. Dort traf ihn die Nach- richt, daß seine Mutter gestorben sei. Alsbald kehrte er in die Heimat zurück, verkaufte die wenigen Aecker, die ihm als Erbteil zugefallen waren, und richtete ein Kramlädchen ein. Er führte die Artikel, wie sie die Bauern gebrauchten: Kaffee, Zucker, Reis, Soda. Petroleum Kleie, Öelkuchen und anderes mehr. Seine Einnahmen und Ausgaben trug er sauber in ein großes Buch. Hatte er am Ende des Jahres seine Schulden bezahlt, nahm er seine Vorräte auf und stellte sein Vermögen fest. Er war ein manierlicher Mensch, der sich nach seinem Stand zu halten wußte. Im Dorf erfreute er sich allgemeiner Achtung. Seine� Waren bezog er von einem Großhändler aus Lauterbach. Wenn dessen Reisender ihn besuchte, war er wie umgewandelt. Auf seinen hageren Backen brannten rote Flämmchen, und er schwätzte wie ein Advokat.„Herr Schneider, was sagen Sie dazu? Brasilien verlangt horrende Preise. Fragt sich nur, ob es sie aufrecht erhalten kann. Ich glaube aber doch, der Kaffee wird teuer. Jetzt müßte man spekulieren!" Die Weisheit kam aus seiner Zeitung, deren Handelsberichts er eifrig studierte. Der Reisende lachte: „Krämerskarl, wer spekuliert, der sucht, was fliegt, und nicht, was vor der Nase liegt... Und dann: zum Spekulieren gehört Geld und noch emal Geld. Ich mein', die paar Sack Kaffee, die Sie brauchen, kaufen Sie nach Bedarf." Der Kopf des Krämerskarl sank tief herab. Pläne hatte er so viele, sein Gärtchen dreimal zu bepflanzen. Wer aber Kohl essen wollte� brauchte auch Speck. Die bitteren Wahrheiten, die er hörte, führten ihm das zu Gemüt. War nun das Geschäft erledigt, ließ er sich's nicht nehmen, den Reisenden bis an die Grenze der Gemarkung zu begleiten. Denn er betrachtete ihn als einen Boten aus der großen Welt, deren Brausen noch immer in seinen Ohren klang. Die Schatten der Nacht senkten sich herab. Das Rauschen des Baches erfüllte die� Luft. Am Himmel trieb schweres Regengewölk. Im Halbdunkel blickten die Basalttürme auf der Kuppe wie ungeschlachte Riesen zu Tal. Der Nühlsadam, der auf Walpurgis geboren war und jetzt noch als Achtziger mit Behagen sein Kännchen Branntwein trank, hatte vor vielen Jahren einmal nächtens die Höhe erstiegen, einem fernen Feuerschein nachzuspüren. Da gewahrte er zu seinem Erstaunen, daß die zackigen Felsen verschwunden waren. Statt ihrer wandelten vier Männer mit langen weißen Bärten hin und her. Und eine kriminalgroße Höhle hatte sich aufgetan. Daraus rasselte es wie von Gold und Silber. Während der Rllhlsadam Augen und Maul aufsperrte, kam einer der Alten auf ihn zu und hob drohend die Hand. Dabei schlug ihm das rote Feuer aus dem Mund. Dem Adam fiel das Herz in die Schuhe, er rannte wie besessen heim und kroch zitternd in sein Bett. Andern Tags schwur er Stein und Bein, daß alles sich so zugetragen. Der Krämerskarl schritt die Wassergasse hinunter und bog dann in den 5ftrchweg ein, wo sein Hauschen lag, ein altertümlicher Fachwerkbau, der im Sommer, wenn die Stadt- leute kamen, manchen Blick auf sich zog. An der Tür stand die Pörtegritt, die ihm den Haushalt führte und in seiner Abwesenheit den Laden versah. „No, was hat's gegeben?" fragte er. „Gar wink," versetzte die Frau. Ihr zahnloser Mund machte sie älter, als sie in Wirklichkeit war.„Die Walk- müllern hat ein' Schoppen Rüböl geholt und der alt' Zecher ein Päckchen Deutsche(Zichorienkaffee)." Der Krämerskarl ging durch den Laden in das Hinter- stübchen. Dorthin brachte ihm die Pörtegritt die Erbsensuppe, die vom Mittag übrig geblieben war. Er nahm ein paar Löffel, setzte ein Schäfchen Kaffee darauf und zündete seine Pfeife an. Das Geschäft hatte in den letzten Tagen wenig einge- bracht. Man mußte es nehmen, wie es war. Er hatte im ver- gangcnen Jahr für nahezu zwölftausend Mark Waren ver- kaust und hoffte künftig mehr abzusetzen. Die Leute wußten, daß er ihnen nicht Mausdreck für Pfeffer aufschwätzte, und daß er sie redlich bediente. Etliche, die gewohnt waren, sich in der Stadt zu versorgen, deckten jetzt ihren Bedarf bei ihm. Freilich hatte er auch Schuldner. Das waren meistens Lohn- arbeiter, die von der Hand in den Mund lebten, bei denen, zumal im Winter, Schmalhans Küchenmeister war. Doch gaben sie sich alle Mühe, die Rückstände zu tilgen, so daß er selten etwas verlor. Letzt hatte der Lehrer Weilandt gesagt: ..Krämerskarl,'s müßt' so weit kommen, daß wir im Dorf keinen Armen mehr hätten."„Herr Lehrer," war feine Rede gewesen,„das Ei ist noch nicht ausgebrütet. Einstweilen, schätz' ich. bleibt's beim Alten: drüben die Großen, hüben die Kleinen." Wer die unter einen Hut brächte, meinte der Lehrer, hätte sein Meisterstück gemacht. Das Schlimmste wäre, das gerade die Vcrmöglichen allem Neuen mißtrauten und sich nicht entschließen könnten, den alten Schlendrian fahren zu lassen. Die Herren in Darmstadt hätten den besten
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29 (2.11.1912) 214
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