Nnterhaltungsblatt des'Dorwärls Nr 43. Sonnabend den 1. März 1913 1 Gefdncbte einer Bombe. Von Andreas©trug. Wo war alles dahin? Weszycki wurde es kalt bei der Erinnerung. Er trat an der Ecke in eine Schenke, um sich zu erfrischen. Denn ihm war übel in der Seele. Er trank, aß etwas dazu, blieb sitzen, trank ein zweites und drittes Mal. Als er sich wieder aus der Straße befand, traf er aufs neue kleine Gruppen von Menschen— zu zwei, zu drei,— die von den Revieren nach dem Rathaus eskortiert wurden. Wieder wurde er von den Patrouillen angehalten und nach seinem Paß gefragt. Diesmal durchsuchte man ihn auch. Es assistierte dabei auch ein Kerl in Zivil. Er sah wie ein Arbeitei' aus und blickte während der ganzen Zeit Weszycki aufmerksam in die Augen.„Ach, Du Lunip!" dachte mit Schmerz Weszycki.„Wenn ich Dich so in meine fünf Finger bekäme!"— Mit schrecklicher Deutlichkeit stand in seiner Er- innerung das Gesicht des Verräters. Und er dachte:„Wie wird aus einem ein solcher?— Wie geht das wohl zu?" Und er konnte es durchaus nicht erfassen. Er dachte nach, aber alles ging nur kunterbunt in seinem Kops durcheinander. Er war von seiner stillen ländlichen Abgeschiedenheit an solche Dinge nicht gewöhnt. Hätte er nur eine Waffe bei sich gehabt! Er wäre ihm gefolgt, um mit ihm abzurechnen. Er ging durch die Krakauer Vorstadt , und als er vor dem Hotel Bristol vorbeikam, erinnerte er sich wieder an etwas aus jenen Tagen. Er ging durch ein Tor und über einen langen Hof, blieb vor der geschwärzten Offizin stehen und seufzte. Hier wurde damals die Zeitung gedruckt und ver- öfsentlicht. Hier oben saßen die Genossen, die sie schrieben, und andere, die wichtigsten Männer der Bewegung. Hierher kanien die Deputationen, die Masten Interessierter, die Streik- delcgaten, die verschiedenen Komitees, um sich Rat und Weisun- gen zu holen. Draußen trieben sich die Austrägerjungen herum, den ganzen Hof mit Lärm erfüllend. Ganze Haufen von ihnen hielten den Eingang zur Druckerei besetzt, wo alle Fenster erleuchtet waren und die sausenden Maschinen ar- beiteten. Was war das für ein Schreien und Drängen, wenn ein« Nummer herauskam! Die Menschen risten sie sich aus der Hand. Er erinnerte sich, wie er zwei Stunden auf diesem Pflaster hier gestanden hatte, und wie die Seele ihm wuchs. Unsere Zeitung? Unsere eigene Partcizeitung! In unserer eigenen Druckerei gedruckt und in die Welt hmausgeschickt, ohne daß jemand das Recht, noch die Macht hatte, es zu hindern. Alles hat der Teufel geholt! Er fühlte sich schwach und wollte nichts mehr. In der Tat— wie gern wäre er heute noch von Warschau weggefahren, nur daß ihn die Rückkehr nach Hause so gar nicht freuen wollte. Was sollte er auch mit solchen Neuigkeiten dort ankommen? Was sollte er tun? Er hatte zu nichts mehr Lust. Trüb und öde war es in ihm wie noch nie. Doch beim Onkel erwartete ihn eine angenehme Neuig- keit. Der Alte hatte einen Weg zur Partei gefunden, und zwar einen solchen, der erstens ganz sicher war„wie eine Mauer" und ihn zweitens zu dem einen oder zu dem anderen von der alten Partei führen sollte. „Ich habe erfahren, daß es gar nicht so schlimnr steht. Es bildet sich nämlich eine neue Partei— ebenfalls mit einer Kampfgruppe. Die soll wohl die Beste sein. Was vom Tüchtigsten noch zurückgeblieben ist, schließt sich da an.. „Ja, aber ich brauche die Leute von der alten.., Auf die Neuen bin ich nicht begierig..." „Die Neue soll die Einigkeit herbeiführen.» .Einigkeit ist gewiß etwas Gutes..." „Hier wirst Du auf solche hingewiesen werden, die Dir alles zwanglos ausklären werden. Du wirst nun freie Bahn haben. So wahr ich Dein Onkel bin. ich habe mir Deinet- wegen solche Mühe gegeben, damit Du nicht sagst, daß ich Angst habe, oder daß ich in Warschau etwas nicht zustande bringe. Hättest Du selbst gesucht, so wärest Dl» setzt wer weiß wo— was Gott verhüten möge! Durch mich triffst Tu über- all hin. Du hast zwar vier Tage warten müssen, aber nun hast Du es..." Weszycki bedankte sich herzlich bei dem Alten. Tags darauf begab er sich nach der angegebenen Adreste. Er traf einen Genossen, der ihm mit viel Feuer und doku» mentarisch auseinandersetzte wü die fachen stehen: die alte Partei sei m zwei neue zerfallen. Die eine wolle dies, die andere das. Er glaube, daß eine Verständigung zustande kommen werde, denn die Hauptschreier säßen im Gefängnis— und so weiter und so weiter. Zu zweit begaben sie sich dann zu einem dritten in die Rittergaste ins vierte Stockwerk, direkt unterm Dach. Und der neue Genosse fragte Weszycki nach seinem Anliegen. Weszycki erkrindigte sich nach der Kampf- gruppe, von der Sache selbst aber wollte er noch nicht sprechen, und teilte ihm nur mit, daß er Geld, zweihundertfünfzig Rubel, mitgebracht habe. Darauf fingen sie wieder zu zweit, aber vorsichtshalber getrennt, an ernen andern Ort, nach der Rymarska. Dort fand Weszycki einen ernsten, bedächtigen Genossen, der mit ihm ettvas von oben herab und nicht sehr freundlich sprach. Diesem entdeckte er alles. Wie war der strenge Genosse darauf erfreut!„Das ist es, was wir nötig haben", rief er aus.„Was liegt am Geld — aber die Bombe! Ein neues Leben wird hier bei uns an- fangen, Genosse, darauf haben wir ja nur gewartet! In diesen Zeiten ist es schwierig, so etwas herzustellen— unsere Leute, die das konnten, sind alle dahin. Also, ich danke Ihnen im Namen der Partei. Ihr seid tüchtige Burschen! Und den Spitzel habt Ihr weggeräumt?— Glänzend!" Es war Weszycki plötzlich, als sei er ein anderer Mensch geworden. Also existierte die Partei doch? Wenn auch unter- schweren Bedingungen. Also lebt sie doch! Und alles wird noch gut werden, und er hatte dazu beigetrogen!— Sie besprachen sich noch wegen der Auslies rrung der Bombe und wem sie übergeben werden sollte. Das Geld überzählte der Genosse und nahm es an sich. Sie steckten sich Zigaretten an und sprachen von verschiedenen Dingen. Ter Genosse erkundigte sich lebhaft nach den Verhältnissen in der Zucker- fabrik und auf dem Lande, und Weszycki antwortete ihm aus- führlich und genau. Es war ihm angenehm, endlich einmal Rechenschaft von einer so langen Tätigkeit zu geben. Die Organisation von Lucien durste sich mancher Sache rühmen. Der Genosse notierte sich gewisse Einzelheiten und Namen in sein Büchlein und murmelte aufmunternd: „Gut! Sehr gut! So war's richtig!" Endlich wagte sich Weszycki schüchtern mit dem Vorschlag heraus, ob er nicht hier in Warschau bleiben könnte, um an der hiesigen Arbeit teilzunehmen. „Die Zeiten sind sehr schlecht," sagte er,„die meisten Leute verhaftet, so glaube ich. daß ich hier eher etwas nützen könnte. Die Meinigen zu Hause würden sich dann schon selber helfen." Ter Genosse dachte eine Weile nach und erklärte sich ein« verstanden. „Gut," sagte er,„bleiben Sie bei uns. Eine Tätigkeit für Sic werde ich schon finden." Und wieder kam neues Leben in Weszycki. Er war sehr froh, an diese neue Tätigkeit in Warschau Anschluß zu finden. Er traute es sich schon zu, so wie er beschaffen war. der Partei in diesen Zeiten der Not eine kräftige Stütze zu sein. „Ich niache mich erbötig, diese Bombe, wenn es nötig ist, auf jeden zu schmeißen, den die Genossen mir anzeigen.... Gerade jetzt würde das einen guten Eindruck machen, nicht wahr?" „Ganz gewiß. Aber das muß doch überlegt werden. Indessen sagen Sie uns, wo ist sie jetzt, diese Bombe? Man müßte sie unverzüglich an einen sicheren Ort bringen. „Ich will sie hinbringen, sobald eS nötig sein wird..." „Wozu. Es kann ein Mann von uns sie holen. Sie kennen die Stadt nicht. Wo sind Sie abgestiegen?" „Ich würde es vorziehen, sie selber hinzubringen. Ich wohne an einem Ort, wo ein Fremder keinen Zutritt haben kann." „Wo?" Doch Weszycki blieb dabei, daß er sie selber hinbringen wolle. Ihm lag daran, daß der Onkel keinen Verdacht hegte. Denn wenn er auch herzensgut war, so hätte er ihm das doch nie verziehen. Der Genosse wurde böse, Weszycki bat um Entschuldigung, beharrte jedoch ans seinem Willen,'
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30 (1.3.1913) 43
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