Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 47.

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Freitag, den 7. März

Gefchichte einer Bombe.

Von Andreas Strug.

1913

weiter. Kuroki" zog seine Maschine heraus und streckte den Beleidiger nieder, verwundete zwei andere, fehlte einen vierten und entfloh.

Dem Alten flog alles aus den Händen. Er starrte berichteten ihn und fällten ein ungerechtes Urteil. An wen sollte wußtlos vor sich hin, antwortete sinnlos auf Fragen. Er ver­brannte das Futteral der Bombe, den Korb des Neffen, und sogar das Heu, das drinnen war, im Ofen, ohne daß ihm dies Erleichterung gebracht hätte. Es wurde immer schlimmer. Er fühlte sich immer tiefer versinken und in schrecklichen Dingen untergehen

So kam auch dieser kluge und erfahrene Kenner des Lebens zu Fall, dieser Beobachter und Zeuge der Revolution, der von seinem Laden aus alles gesehen und alles begriffen hatte, der einem jeden einen klugen Rat zu erteilen, jedem die Augen zu öffnen" und den Wund zu stopfen" sich unter fangen hatte.

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Als Rewilak, so hieß der Bursche, den Laden verließ, drängte er sich rasch durch die Haufen der Passanten in der Piwnagasse hindurch, und nachdem er in eine Seitengasse ein­gebogen war, verfor er sich in die engen Gäßchen der Altstadt. Eine ungehemmte Freude leuchtete in seinen schwarzumrän­derten Augen, und auf seinem abgemagerten, verkommenen Gesicht glänzte ein naives und halbdummes Lächeln des Glücks, wie bei einem Kinde.

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Das war einmal ein wirkliches Glück! Man konnte davon träumen, danach seufzen doch ohne den eigentlichen Glauben, daß es jemals eintreffen fönnte

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Und jetzt war es wahr! Der Bursche fühlte seine Realität mit ganzer Seele und in aller Klarheit. Man fonnte ties Glück mit den Händen betasten, es war ziemlich schwer. Der Tragkraft seiner Tasche nicht vertrauend, hielt er die Hand unter die Bombe und drüdte sie jeden Augenblick fest, als müßte er sich versichern, daß er sie hat.

Er pfiff lustig vor sich hin und ging mit stolz zurück­getvorfenem Kopf: freudige Verwegenheit strahlte aus seinen Augen. Selbst die verwundete Hand, in welcher der Schmerz seit mehreren Monaten unaufhörlich bohrte, fühlte er kaum mehr. Alles war plöblich verändert. Die verzehrende Bos­heit und Wut, welche ihm so oft die Zähne fnirschen machte, war ganz und gar verschwunden. Auch dieser häßliche Ab­Scheu vor sich selbst, die Verzweiflung und der Haß und jene teuflische Versuchung, die ihm stets zuraunte, sich selbst und der ganzen Welt zum Troß, irgendeine ungeheuerliche Ge­meinheit zu begehen, auf ihr sich hinzustellen wie auf einen hohen Turm und von da aus die ganze Welt zu bespucken, auch sie war verschwunden.

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Endlich fühlte er sich ruhig. So wohl, wie zu jenen Beiten, als er noch ein anständiger Genosse war und mit fünf anderen seine ehrliche revolutionäre Arbeit auf Befehl der Partei verrichtete. Ihm war so wohl, als wäre seine alte Mutter aus dem Grabe gestiegen, hätte ihn bei seinem armen Stopf genommen und zu ihm gesprochen: Ach, Stasimir, Kasi­mir, mein einziges Kind!

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Und es war höchste Zeit, daß etwas Gutes fam. Rafimir Rewilat, auch der Stille" genannt und in der Partei unter dem Namen Kuroki" bekannt später unter dem Namen Zünglein" hatte trotz seiner nicht vollendeten gwanzig Jahre eine lange Geschichte mannigfacher, gün­ftiger und ungünstiger Geschicke hinter sich. Er hatte seine Beiten des Glücks und des Ruhms gehabt, und auch Zeiten der Kränkung, der Qual und der Schande. Das Unglüd hatte ein Jahr vorher begonnen und gleich begann es ihm schlimm zuzusehen und ihn immer tiefer hinabzudrängen. Es war ein Jahr her, daß er aus der Kampfgruppe hinausgeworfen worden war. Wofür? Für nichts.

Er hatte einmal in einer Schenke eine Gesellschaft be­trunkener Kerle getroffen, welche Streit mit ihm begannen. Frgendeiner kannte ihn und rief ihm zu: Du Barteischinder! Warum jagst Du unsere Leute in der Stadt? Ich bringe Dich an den Galgen, Du Galgenbogel. Dem ersten besten Spitel werde ich Dich ausliefern und bei Gericht alles beschwören. Du Schlächter unschuldiger Leute!" Und so in dieser Tonart

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Daraus wurdt dann eine ganze Geschichte. Die Genossen er appellieren? Sie warfen ihn aus der Fünfergruppe und aus der Kampfgruppe hinaus, bedrohten, verwarnten ihn und befahlen ihm, in sein Viertel zu seiner gewöhnlichen Arbeit zurückzukehren, indem sie hinzufügten: Man müßte Dich in den Kopf schießen, aber es ist schade um Dich. Geh hin und mach Dich wieder um die Partei verdient nur laß nichts von Dir hören. Wir werden Dich schon im Auge behalten." Als sie ihm jedoch befahlen, die Waffe abzugeben, da war es ihm zuviel und er gehorchte nicht. Mit Tränen in den Augen bat er und rechtfertigte sich. Wie sollte er denn ohne Waffe bleiben? Es war da auch ein strenger Genosse, der dafür eintrat, daß man ihn sofort bestrafe. Rewilat hätte sich dem nicht widersetzt und wäre ganz loyal mit allem einverstanden gewesen, aber die Waffe abgeben, das konnte, wollte er nicht, und tat es auch nicht. Es gelang ihm, ungeschoren aus dieser Gerichtssigung zu entkommen. Doch wurde er in allen Vier­teln ausgerufen, die Partei wollte nichts von ihm wissen, die alten Kameraden sahen an ihm vorbei, wenn er ihnen auf der Straße begegnete; niemand wollte sich mit ihm ein­lassen. So sammelte sich Wut und Schmerz in seiner Seele. Die über dem Gelenk durchschossene Hand wollte nicht heilen, und er konnte keine Arbeit fun. So hatte das Elend be­gonnen.

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Am Anfang irrte er allein herum, nachher tat er sich mit einem Burschen zusammen, der der Mohr" genannt wurde, und zog mit diesem los, ohne einer bestimmten Banditenge­meinschaft anzugehören. Außerdem hatte er die Bekanntschaft eines geriebenen und erfahrenen Räubers namens Michalski gemacht, eines geheimnisvollen Kerls, der dem Alter nach Rewilafs Vater hätte sein können. Es war ein durchtriebener Schuft. Stets böse und schweigsam und zu allem bereit. Er schoß am besten von allen dreien, der Führer aber war der Mohr". Es gefellte sich noch ein Frauenzimmer namens Franka zu ihnen, angeblich eine Cousine Michalskis, in Wahr­heit seine Geliebte, ein Mädchen von großem Geschick, auf jede Schweinerei und Gemeinheit begierig, ein Luder von Beruf, frech, mit allen Hunden gehezt, obwohl sie nicht älter war als siebzehn Jahre. Es war schwer zu verstehen, was diese Kumpanei zusammenbielt, denn es war weder Freund­schaft unter ihnen noch irgendwelches Vertrauen zueinander. Rewilak fühlte sich auch nicht recht wohl dabei. Aber er mußte sich an iemand halten, denn allein ging es ja nicht. Im Grunde fühlte er einen heftigen Widerwillen gegen Erpressun­gen auch bei den reichsten Bourgeois, aber er mußte ja leben! Darum ertrug er auch eine Zeitlang alles und ging mit ihnen gemeinsam, doch mit dem festen Vorsab, keinen Mord zu begehen. Uebrigens tötete die Bande auch niemand. Die Arbeit wurde gemütlich erledigt, bloß daß man zuweilen einen Schreckschuß gegen die Decke abfeuerte, um den Forderungn mehr Nachdruck zu geben.

Sie wohnten alle zusammen in einer Holzbaracke in der Gorczewskygasse. Einmal hatten sie Glück und genügend er­beutet, daß sie zwei Monate lang ruhig davon leben konnten, ohne auf neue Unternehmungen auszugehen. Rewilak ging damals regelmäßig ins Spital, um seine Hand heilen zu laffen; fie schmerzte ihn immer. Man wollte den Knochen anbohren, denn es war dort etwas nicht in Ordnung. Der Arzt redete ihm zu, sich einige Wochen hinzulegen, aber der Bursche wollte nicht. Er ertrug diesen fortwährenden Schmerz wie eine verdiente Strafe, er wußte selbst nicht wofür.

Er wußte nicht wofür, aber in seiner Seele war es wüst und häßlich. Die Erinnerung an die Vergangenheit schmerzte heftig. Am liebsten hätte er vergessen, daß jene Zeiten über­haupt waren, und das geglaubt, was der Mohr" in seinen Kopf zu bringen suchte: daß es keinen Gott und keine Wahr­heit auf der Welt gebe. Es gebe nur das, was ein Mensch dem anderen mit den Zähnen entreiße. Wenn die Sozialisten das Gute wollten, würden sie den Arbeiter auf die Bürger loslassen, statt sie in der Fabrik eingesperrt zu halten. Wer flug und kühn sei, der mache Sozialismus auf eigene Fauft.